Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Opfer oder Femme Fatale?

| 22 Lesermeinungen

Die Debatte über das Prostitutionsgesetz wird ohne die Betroffenen, dafür mit einer gehörigen Portion Moral geführt. Stefanie Lohaus erklärt, warum sie als Feministin Alice Schwarzers Appell zur Abschaffung der Prostitution nicht unterschreiben kann.

Um vorab eines klarzustellen: Ich finde es schlimm, in einer Welt zu leben, in der Versicherungsangestellte auf Kosten der Firma in ein Bordell fahren, als ob es ein Freizeitpark wäre.  Ich finde es ekelhaft, wenn sich einflussreiche Männer nach einer Konferenz Prostituierte in ihre Suite holen, um sich gegenseitig ihre Männlichkeit zu beweisen. Widerlich, weil der Sexismus unserer Gesellschaft sich in diesen Situationen besonders offenbart. Und trotzdem kann ich die von Alice Schwarzer lancierte Kampagne zur „Abschaffung der Prostitution“ nicht unterschreiben. Ein Grund ist, weil diese Kampagne vehement ein geschlossenes Weltbild vertritt, das sich den vielen Realitäten der Prostitution – oder nennen wir sie Sexarbeit – verweigert.
In den Medien haben sich in den letzten Jahren zwei  Bilder von Prostitution verfestigt: Auf der einen Seite die Zwangs- oder Armutsprostituierte, die aus den armen EU-Ländern wie Rumänien oder Bulgarien mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt wurde, hier nun im Elend lebt, Gewalt erfährt und immense Summen ihres kargen Lohns an ihren Zuhälter und Schleuser bezahlt. Den Gegenpol bildet die „selbstbestimmte Sexarbeiterin“, sie ist in der Erzählung entweder Domina, Escortlady oder Stripperin und gerne eine sich prostituierende „Studentin“, also eine, die das freiwillig macht. In der aktuellen Debatte wird sie als herzlose Profiteurinnen des Prostitutionsgesetzes von 2002 diffamiert, die ohne Rücksicht auf die viel größere Gruppe der Zwangsprostituierten der Politik eingeflüstert hätte, die Sittenwidrigkeit der Prostitution abzuschaffen. Hört sich diese Zweiteilung zynisch an? Soll es auch. Denn sie liest sich wie ein steinzeitlich-patriarchal geprägtes Passepartout von Weiblichkeit zwischen Opfer und Femme Fatale. Und genau deswegen bin ich vorsichtig.
Denn wo die Wahrheit liegt, das weiß ich auch nicht. Nur wäre es endlich mal an der Zeit zuzugeben, dass kaum jemand von uns das weiß. Denn Prostituierte sind in unserer Gesellschaft die ultimative Subalterne, eine Gruppe, zu der die Mehrheitsgesellschaft keinen Zugang hat – und andersherum. Wir bekommen nur Schlaglichter – wie die oben genannten – von dem mit, was wirklich passiert, und das durch die Brille von Reportern, Polizisten und Sozialarbeitern, die uns berichten. Sie alle bringen Moralvorstellungen mit, aber niemand von ihnen hat je als Prostituierte gearbeitet oder in einem anderen Land in absoluter Armut gelebt. Vielleicht fühlt es sich aus der Perspektive einer Romafrau, die im Elend lebt und rassistisch verfolgt wird tatsächlich selbstbestimmt an, in Deutschland als Sexarbeiterin zu arbeiten? Auch das hört sich für unsere Ohren zynisch an, aber  ist es nicht auch zynisch, ein T-Shirt für 3,99 € zu kaufen, das von Frauen in sklavenähnlichen Zuständen in Bangladesch genäht wurde? An all diese Fragen können wir uns nur herantasten, wenn wir diese Frauen nicht verurteilen, sondern ihnen als mündige Menschen begegnen – und mit ihnen vorurteilsfrei sowohl über die Bedingungen ihrer Berufswahl, als auch über die Probleme derselben sprechen.
Deswegen ist es meine feministische Pflicht, eigene Moralvorstellungen hintenanzustellen, um die konkrete Lage der Frauen, die in einer viel prekäreren Situation sind als ich, zu verbessern. Da hat die Politik 2002 durchaus richtig gehandelt. Was die Politiker aber auch nicht wissen konnten, war, wie schwierig es sein würde, das Gesetz zur Anwendung zu bringen und welche Fallstricke im Hinblick auf das Thema Menschenhandel sich dahinter verbergen würden. Ein Gesetz braucht immer Strategien zu seiner nachhaltigen Anwendung, von selbst ändert sich nichts.
Auch deswegen gehen Sozial-  und Sexarbeiterinnen von Organisationen wie der Verein Hydra oder die Deutsche Aidshilfe in Bordells, um konkret die Arbeitsbedingungen der Frauen zu verbessern und Gesundheitsaufklärung zu leisten. Sie warnen vehement vor dem von Schwarzer propagierten schwedischen Modell der Illegalisierung, denn es würde ihre Aufklärungsarbeit verunmöglichen: Wer illegal lebt, hat gar keine Rechte mehr.

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22 Lesermeinungen

  1. Aber, aber:
    Wo bleiben die preußischen Tugenden? Das Ding hier heißt „10 vor 8“ & nicht „Sieben-Uhr-Fünfundfünfzig“!

  2. Schwarzers Gründe für die gesetzliche Strafbarkeit des "Kaufes" sexueller Dienstleistungen
    reduzieren sich im Kern auf zwei:
    1) Prostitution ist eine Menschenrechtsverletzung (meist über die Zwischenbehauptung hergeleitet, Prostitution= Menschenhandel) und
    2) Damit wird Prostitution verschwinden oder zumindest drastisch reduziert werden.

    Nun gibt es bereits die Strafbarkeit bestimmter Handlungen, obwohl diese dadurch nicht einmal verschwinden. Ein halbwegs rationaler (freier) Staat muss für diesen Fall nachweisen, dass es durch die Handlung an sich konkret Geschädigte gibt, um die Handlung strafbar zu machen.

    Es gelingt Schwarzer aber nicht, sobald man den Menschenhandel aus der Debatte entfernt, den konkreten Schaden für die handelnden Personen nachzuweisen, solange es sich um Erwachsene handelt, die den Job freiwillig machen – prinzipieller ökonomischer Druck ist auch sonst kein Argument gegen Freiwilligkeit. Menschenhandel selber ist aber schon lange strafbar.

    Und was das Verschwinden von Prostitution betrifft – es gibt für Schweden absolut keine belastbaren Angaben dazu, ob und wieweit die Freierbestrafung irgendeinen Einfluss auf die Anzahl tätiger Prostituierter hat. Es gibt Regierungspopaganda (ohne Belege) und Gegenbehauptungen (dito).

    Also gibt es zur Zeit weder eine rechtssaubere noch eine praktisch relevante Begründung für die Strafbarkeit der Inanspruchnahme von Prostitution. Ausser Moral. Und wenn jemand versucht, Moralvorstellungen in Gesetze zu packen, werde ich mehr als hellhörig – das ist immer der erste Versuch, eine freie Gesellschaft in Richtung Unfreiheit zu verschieben. Und aus meiner Sicht genau deshalb völlig unzulässig.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Was spricht bitte gegen moralisch begründetes Handeln?
      Sehr geehrter Herr Haupts,

      Sie schreiben, dass Sie „wenn jemand versucht, Moralvorstellungen in Gesetze zu packen“, hellhörig werden.

      Wie meinen Sie das denn?

      Was sagen Sie dann z.B. zu dem Gesetz, welches das Prügeln von Kindern strafbar machte? Da wurden ganz konkrete moralische Vorstellungen zu einem Gesetz gemacht, welches Schwächere vor Stärkeren schützen soll.

    • Leseschwierigkeiten?
      Ich sprach erkennbar davon, dass Strafgesetze dazu dienen sollen (!), Schaden von Menschen fernzuhalten.

      Und grenzte das gegen reine Moral ab. Wie mir zu verbieten, weil unmoralisch, mich über die Unwilligkeit aufzuregen, mit der Leute schreiben ohne nachgedacht zu haben.

      Unterschied klar? Fein.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  3. Was Frau Lohaus hier schreibt ist beschämend
    und dies m.E. in verschiedener Hinsicht:

    1. adressiert Sie die LeserInnen der FAZ als politisch völlig uninformierte, wenn sie das schwedische Modell als eins darstellt, welches die Frauen kriminalisiere, die sich prostitueiren müssen, denn das Gesetz dort tut etwas ganz anderes: es kriminalisiert die Sexkäufer und die Zuhälter. Diese und nicht die Frauen leben dann illegal, wenn sie die Not letzterer für ihre Zwecke nutzen wollen. Es gilt im übrigen als belegt, dass das Schwedische Modell nicht nur durch die gesellschaftliche Sensibilisierung für das Entwürdigende an Sexkauf sondern auch durch spezifische Hilfsprogramme für notleidende Frauen durchaus dazu geführt hat, deren Situation zu verbessern.

    2. ist es schwer zu verstehen, wie aus der Feststellung eines Skandals, nämlich dass es bei uns (noch) KäuferInnen von unverschämt billigen T-Shirts gibt, die unter inakzeptablen Bedingungen produziert werden, ein gutes Argument dafür werden soll „eigene Moralvorstellungen hintenanzustellen“. Es ist schwer verständlich, wie diese nicht nur kognitiv sondern auch moralisch völlig irrationale Verkettung dann auch noch stolz als „feministische Pflicht“ aufgenordet werden kann.

    3. Ist das Argument, man sei nur dann befugt, Unterdrückung und Ausbeutung zu kritisieren, wenn man selbst davon betroffen (gewesen) sei, ein Totschlagargument im schlechtesten Sinne. An folgendem Beispiel lässt sich das illustrieren: die Menschenrechtsanwälte von Amnesty-International dürften dann nichts mehr sagen, denn sie sind ja selbst nicht bedroht von Gefangenschaft oder Folter. Es gäbe bestimmt einige einflussreiche Protagonisten die sich freuen würden, wenn man der Logik folgte: ein Problem gibt es nur, wenn die unter ihm Leidenden es aus eigener Kraft schaffen, Öffentlichkeit dafür herzustellen. Diktatoren jedenfalls hätten dann kein Problem mehr.

    4. Ist es eine grobe Unverfrorenheit zu unterstellen, es gehe den UnterzeichnerInnen des Appells darum, die betroffenen Frauen zu „verurteilen“. Wie kommt Frau Lohaus zu dieser perfiden Verdrehung? Und wie kommt sie darauf, dass die FAZ-LeserInnen so unaufgeklärt sind, dass sie so etwas gouttieren?

    5. möchte ich gerne zum Schluss Frau Lohaus bitten, völlig vorurteilsfrei, wie sie das ja fordert, die empirischen Verhältnisse zu schildern, in denen die meisten der betroffenen Mädchen und Frauen ihre „Berufswahl“ zur Prostituion zu treffen haben und ob sie tatsächlich plausibel machen kann, dass man dabei (nicht nur im Sinne von wishfull thinking) von freien und im Bewusstsein der Möglichkeit von Alternativen mündigen Entscheidungen sprechen kann, ohne zu lügen.

    Dass der von Frau Lohaus so schlecht diskreditierte Appell Prostitution im Zusammenhang mit der gesamtgesellschaftlichen Herausforderung der Realisierung der elementarsten Menschenrechte zum Thema macht, sei hier noch einmal betont. Ebenso sei darauf hingewiesen, dass es gefährlich und einfach ist, sich im Gewande vordergründig liberaler Argumentation auf die Seite der Profiteure von menschlichem Unglück zu schlagen, anstelle mit allen Kräften sich zur politischen Verbesserung der Verhältnisse einzusetzen. Das war noch nie einfach, das ist aber noch lange kein Grund, es nicht einmal zu versuchen.

    • Warum sprechen Sie von Scham, Frau Hünig?
      1. Illegalisierung ist Illegalisierung, auch wenn die Frauen nicht bestraft werden, werden sie ihrer Tätigkeit im Untergrund nachgehen, damit die Freier nicht bestraft werden.

      2 . Da drehen Sie mir das Wort im Mund herum. Ich sage: Es ist meine feministische Pflicht, ALLE Frauen als mündig anzusehen. Wenn eine Frau sagt, dass sie sich freiwillig prostituiert, dann habe ich das erstmal ernstzunehmen und dieser Frau zuzuhören. Das ist für mich Feminismus.

      3. Ihr Beispiel hinkt: Frauen, die von sich sagen, sie seien freiwillig Prostitutierte oder Sexarbeiterinnen wird unterstellt, sie würden das nicht sein, weil es nicht unseren Kriterien von Selbstbestimmung entspricht, was diese Frauen unter Umständen als Selbstbestimmung empfinden. Opfer von Folter sagen nicht, sie seien freiwillig Opfer von Folter geworden.

      4. Stimmt, verurteilen ist vielleicht das falsche Wort. Vielleicht wäre auch hier so etwas wie „vorurteilsfrei begegnen“ richtiger.

      5. Ja, das kann man. Ich habe mittlerweile mit einigen Frauen und mit Frauen, die mit diesen Frauen gearbeitet haben gesprochen, die mir das plausibel gemacht haben. Man muss aber ökonomische Gründe als legitim ansehen und grundsätzlich davon ausgehen, dass das Problem an der Sexarbeit/Prostitution nicht der Handel „Sex gegen Geld“ ist, sondern der Sexismus in unserer Gesellschaft, Gewalt gegen Frauen und die Armut, die dazu führt dass es Mädchen und Frauen gibt, die gegen ihren Willen z.B. ihrer Familie in die Prostitution geschickt werden. Um diese Dinge zu bekämpfen, müssen wir aber nicht Prostitution/Sexarbeit illegalisieren, denn dieses würde die reale Situation der Frauen nicht verbessern.

      6. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde nicht das Prostitution unproblematisch oder super ist, ich wünsche mir eine differenzierte Sicht, die über Jauch-Debatte, Meinungsmache Sexarbeit ist Spaß vs. Prostitution ist das schlimmste auf der Welt hinausgeht. Und das verhindert der Emma-Appell, wenn man ihm nichts entgegen setzt.

      7. Ein Linktipp zum Schluss: http://www.lauraagustin.com/nicht-alle-empfinden-das-gleiche-uber-sex

  4. Guter Argumentetausch im Forum bis jetzt...vor allem mit "Mitdenkwert".
    Ich persönlich sehe 2 existente Räume:
    1. Prostitution, von „freiwillig“, auch mit Fragezeichen, bis Gewalt, Zwang, Drogen,
    auch inklusive Menschenhandel…sehr dynamischer Raum.
    2. Gesellschaft mit „Not-wendiger“ Grund-Pflicht, vor Gewalt, Zwang, Not zu schützen.
    „Freiheit-Zwang-„, „Schutz-Zwang-“ (Verbot)-Gesetze haben, wegen dem
    unsichtbaren „Zwanganteil“, „ewigen Wirk-Diskussionsbedarf“ und sind
    deshalb in ihrer Dynamik längst nicht vergleichbar mit der o.g. Dynamik, 1.Pkt.
    Die „ewige“ Menschenfrage, schützt „Verbot“, hier als Gesetz, vor körperlicher
    und psychischer Gewalt, die besonders im „Milieu“, aus Angst, oft als „Freiwilligkeit“ dargestellt wird.
    Prostitution-Verbot per Gesetz(-Zwang?) mit Hoffnung auf abschreckende Wirkung inkl. Strafverfolgungsmöglichkeit. Gewaltbezogen gibt es Gesetze, brauchen wir
    noch spezielle „Prostitutionsbezogene“, resultierend aus Prostitutionsverbot?
    Gewalt, körperlich oder psychisch, auch „Prostitutionsgewalt“ gehört zu Gewalt,
    ob „Prostitution“ als solche verboten ist oder nicht, es ist strafbar…oder übersehe ich was?
    Die eventuelle, sehr fragliche, aber dennoch mögliche, Freiwilligkeit ist das eigentliche
    Problem und das kann so oder so nicht gelöst werden kann.
    Verbot als „Zwangsmaßnahme-Schutz?“, mit Risiko von eventuellem „Freiwilligkeitsverbot“.
    Ich persönlich sehe die Freiwilligkeit eher gering im „Gesamtvolumen“ des „Rotlichtmilieus“.
    Das heißt, das nicht erkennbare, nicht beweisbare, psychische und das vielleicht erkennbare,
    selten oder schwer beweisbare, körperliche Gewaltvolumen wird von einem
    Verbotsgesetz sehr fragwürdig in „Schutzrichtung“ gemindert.
    Keine befriedigenden sofort Problem-Lösungsgedanken von mir.
    Aber ich habe noch einen Langzeit-Lösungsgedanken.
    Prostitution, Gewalt, Zwang, Drogen, Milieu, Menschenhandel sind schlußendlich auf
    Basis Geld zu betrachten. Geld ist der Auslöser all dieser Probleme, denn Geld
    ist unsere Lebensgrundlage und bedeutet Freiheit, Selbstbestimmung…Nahrung, Wohnen…
    Diese Bedeutungshoheit von Geld, im Angesicht des Weltkriminalitätsaußmaßes
    mit allen Folgen, ist zu hinterfragen.
    Ein gewisses Maß an Vernunft, „Geistreife“, hält trotz „Geldexistenz“ die meisten
    Frauen davon ab, sich freiwillig zu prostituieren und Männer, Zuhälter u.s.w.,
    zu werden, egal wie schlimm der soziale Status oder eben verlockend das „Milieugeld“.
    Als Gesellschaft bewußt „Vernunft-Bildung“, „Vernunftbewußtsein“, „Geistreife“ bilden,
    auch als Erwachsene, ein lebenslanger, bewußter „Reife-Bildung-Weg“
    ist die Aufgabe des Einzelnen und der Gesellschaft;
    denn nur „Geistreife“, „Vernunft“, verhindert viele „ewige“ Probleme.
    Auch „echt-„, „wirklich-„, „-freiwillige“ Prostitution für Geld und „Rotlichmileu“, u.v.m.
    Der Bildungsmangel Vernunft-Mangel ist bewußt „Langzeit“-lösbar und damit viele heute
    unlösbare Probleme. Es fehlt ein bewußt gelenkter Früh-Anfang und angebotene
    Erwachsenen-Begleit-Wege für Bedürftige und weniger Bedürftige…
    vielleicht wie Sportvereine?…“Geist-Fitness-Center“?…:-)

    Der heilsame, vom Übel befreiende, Geist im Menschen ist die Vernunft, als Ergebnis von lebenslanger Selbsterkenntnis und Einsicht.

    • Zusatz
      Denken können ist die notwendige Bildung-Basis, sein Leben souverän lenken zu können.
      Lesen, schreiben und rechnen können, reichen nur, um sich bedenkenlos lenken zu lassen.

      Vernunft bedeutet bewußte Balance von freiem, lebendigem Geist und muß jeden Tag des Lebens bewußt neu ausbalanciert, belebt werden.
      Vielleicht zum Zweck bewußt gelebter, versöhnlicher Selbst-Liebe, für ein bewußt geliebtes persönliches Leben ?!

      Wie soll der eigene Geist in Ruhe zur Vernunft reifen, wenn er sich, ständig unruhig,
      ausschließlich mit dem Leben anderer Menschen in und als Gesellschaft beschäftigt?

      Geld frißt Herz und Seele auf.

  5. Kurz und Bündig
    Ein gutes „Vernunft-Bildung-System“ schützt vor „freiwilliger (Selbst-)Prostitution“
    und Gewalt jeglicher Art.

  6. Chapeau, Frau Lohaus!
    Ein ausgezeichneter Beitrag ohne den moralisierenden Zeigefinger, den diese ganzen Debatten um Prostitution sonst gerne haben. Ich gratuliere!

  7. Prostitution ist eine Errungenschaft
    …die verarmten Frauen aus Südosteuropa eine Existenz sichern hilft, und deswegen muss sie geschützt werden? Sie schützen mit Ihrer Position leider vor allem die Position der Freier und Zuhälter.
    Deutschland bietet, im Gegensatz zu beispielsweise Frankreich, England und Skandinavien Prostitution dermaßen als Ware an, dass es zu einem regen Sextourismus kommt- die Männer können hier legal ausleben, was in ihren Herkunftsländern verboten ist.

    Auch viele Frauen aus Osteuropa haben sicher andere Lebensvorstellungen, als sich fern der Heimat und Familie als Sexarbeiterin verkaufen zu müssen. Das ist doch auch schon eine Zwangslage. Und ich finde die Vorstellung grausam, dass soviele Männer diese Notlagen ausnützen

    Ich finde es gut, dass durch Alice Schwarzer eine breite gesellschaftliche Diskussion angestossen wurde, es würde der Missy auch gut anstehen, so mutig gesellschaftliche Missstände anzugehen und sich nicht einfach herauszuhalten.
    Die deutsche Aidshilfe und Hydra mögen sich mühen, die Arbeits- und Lebensbedingungen vieler solcher Frauen zu verbessern, ich hoffe aber, dass unser Gesetzgeber Möglichkeiten findet, dass künftig weniger Frauen geholfen werden muss, weil Zwangsprostitution dann wirksam bekämpft werden kann.

    Übrigens, wer nicht weiß, was er von Prostitution halten soll, und ob es vielleicht doch auch gute Seiten daran gibt, soll die Augen aufmachen und sich die Frauen z.B. an der Kurfürstenstraße in Berlin mal anschauen, soviel Elend in den Augen. Es sollte alles getan werden, um dieses Elend zu vermindern und langfristig zu beenden.

    Wäre Prostitution verboten könnten Vereine wie Hydra trotzdem helfen- auch Drogenkonsum ist bei uns verboten- und trotzdem gibt es Hilfsangebote. In Schweden zum Beispiel ist nicht die Prostituierte illegal, sondern der Freier derjenige, der sich strafbar macht. Ich finde es jedenfalls nicht richtig, dass Männer, die sich Prostituierte nehmen, gesellschaftlich unterstützt und akzeptiert werden. Und schon gar nicht, dass Zuhälter oder Puffbesitzer sich auf Kosten von Gesundheit und Psyche von Frauen bereichern, und dass das dem nicht klar widersprochen wird, sorry. Da ist ja sogar die FAZ schon weiter, siehe den Kommentar von Herrn Zastrow heute…

    • Liebe Julia Ruano,
      jetzt passiert genau das, was ich bemängle: Sie polemisieren. Nirgendwo spreche ich davon, dass Prostitution eine Errungenschaft ist.
      Nirgendwo bietet irgendwer Prostitution als Ware an; es gibt nämlich ein Werbungsverbot für Prostitution.
      Stattdessen werden Menschenhandel und Armutsmigration in einen Topf geworfen (die meisten der Frauen sind nämlich nicht als Opfer von Menschenhandel zu definieren, sondern als Armutsmigrantinnen, was einen Unterschied macht), aber über Migration sprechen wir nicht, weil das
      von der ganzen Debatte von Selbstbestimmtheit überlagert wird.
      Jeder, alle auch Hydra und Missy und jeder der ein Herz hat will Zwangsprostitution bekämpfen. Die ist nämlich kriminell.
      Schwarzer will Prostitution abschaffen. Unterschiedslos. Das ist der Unterschied.
      Herzliche Grüße

    • nirgendwo bietet irgendwer Prostitution als Ware an...
      Dann bin ich ja beruhigt. Hallo, waren Sie schon mal auf der Reeperbahn oder in der Oranienburger Strasse? Haben Sie schnon einmal den Anzeigenteil in der örtlichen Zeitung gelesen? Auweia.

      Lassen wir Armutsmigration und Menschenhandel raus, wird das Thema leider auch nicht erfreulicher. Auch deutsche Frauen werden aus Zwangslagen oder vielleicht auch auch aus Übermut zu Prostituierten und können dadurch in schlimme gesundheitliche oder psychische Situationen geraten. Durch die zu freizügige gesetzliche Regelung sind doch auch diese Frauen betroffen, wenn sie kaum noch Geld für ihre Sexarbeit erhalten.

      Schon klar, dass Missy ein Herz hat, ich bin doch auch Missy-Fan. Aber Alice Schwarzer hat das Herz einer Löwin, wenn sie sich, um überhaupt eine Diskussion zu erreichen, immer wieder für gesellschaftliche Missstände stark macht und somit großen Anfeindungen in der Öffentlichkeit und gerade leider aus der linken Ecke aussetzt. Aber sie erreicht doch auch etwas – dass das Thema eben breit diskutiert wird und die Politik reagieren muss. Dagegen hat Missy nur ein Katzenherzchen, sorry.

    • Sie bestätigen meinen Artikel ja auf das Feinste:
      Sie waren mal auf der Reeperbahn, haben sich mal den Anzeigenteil in der Zeitung
      angesehen und vielleicht noch einen Tatort angeschaut und meinen, sich mit dem Thema auszukennen.
      Auweia.

      Entschuldigung, aber ich habe selbstredend vor längerer Zeit damit angefangen, mich
      mit den Prostitutierten zu unterhalten. Auch mit welchen aus Bulgarien oder der Ukraine.

      Abgesehen davon, dass ich drei Jahre lang auf der Reeperbahn gelebt habe.
      Ich habe gelernt, dass die Geschichten und die Arbeit – wenn man es so nennen mag – sehr unterschiedlich ist.
      Deswegen habe ich immer noch nicht den Eindruck, genug zu wissen,
      um mir anzumaßen, über DAS Leben und DIE Wünsche „der Prostituierten“ zu urteilen.

    • Ich habe doch nur Sie zitiert:
      „Nirgendwo bietet irgendwer Prostitution als Ware an; es gibt nämlich ein Werbungsverbot für Prostitution.“
      Aha, toll, aber dies entspricht doch nicht wirklich der Realität.

      Schade, dass Sie sich trotz Ihres Einblicks in den Kiez und ihrer „selbstredender“ Gespräche mit Prostituierten nur zaghaft an das Thema „heranzutasten“ wagen. Ich hätte mir einfach mehr Stellungnahme von Ihrem Blog-Artikel erwartet, es gibt doch bei fast jedem Thema ein Für und Wider, und trotzdem darf man sich eine Meinung bilden. Immerhin ist das Prostitutionsgesetz vor über 11 Jahren in Kraft getreten. Wie lange wollen wir uns noch an das Thema „herantasten“?

      Ich maße mir in keiner Weise an über das Leben oder die Wünsche von Prostituierten zu urteilen, wie käme ich denn dazu? Ich habe selbst viele Jahre lang auf einem Straßenstrich gewohnt, allerdings nicht auf der legendär hippen verruchten Reeperbahn, sondern einem eher von Junkies und Osteuropäerinnen und großer Armut geprägten Strich. Da war von Lebensfreude und einem angemessenen Einkommen nicht viel zu sehen. Dafür dauernd Polizeieinsätze wegen einer Vielzahl von Gewaltdelikten.

      Es geht doch nicht darum, Prostituierte zu verurteilen, sondern darum, sich nicht zur Lobby einer höchst fragwürdigen und gewaltbelasteten Sexindustrie machen zu lassen.

      Zurzeit setzen sich so viele für den unbedingten Erhalt der Prostitution ein, warum eigentlich? Ist Prostitution etwa unverzichtbar? Wer profitiert, wer verliert bei Prostitution?

      Lassen wir uns etwa instrumentalisieren und vertreten durch unser Zaudern die Interessen der Profiteure, weil wir in dieser sexualisierten Gesellschaft nicht altbacken oder moralisch wirken wollen?

      Ist es nicht sogar ein bisschen bequem, wenn man wirtschaftliche Not und fehlende berufliche Alternativen für Prostituierte als Argument für das eigene Sich-Heraushalten anführt?

      Sicher ist jedenfalls, dass die Freier es begrüßen werden, wenn sie in diesem so liberalen Land weiterhin ungestört und billig Sex kaufen können. Wenn ihre „Rechte“ und ihre Anonymität gewahrt bleiben. Wenn ihnen auch noch durch uns Feministinnen suggeriert wird, dass ihr Geld ja immerhin Arbeitsplätze schafft.
      So sichern wir auch wichtige Arbeitsplätze z.B. im Rocker- und Zuhältermilieu, auch deren Existenz muss man ja mitbedenken.

    • Ich habe dazu auch unter einem anderen Kommentar hier Stellung genommen.
      Für mich scheint es unglaublich logisch und feministisch richtig, einer diskriminierten und prekären gesellschaftlichen Gruppe (Prostituierte) Rechte zu geben und ihre dabei zu helfen diese Rechte auszuüben, aber natürlich auch Ausstiegsmöglichkeiten und alles weitere, damit Frauen geholfen wird. Dafür brauche ich aber nicht alle Personen, die da aus verschiedensten Gründen arbeiten, zu bevormunden und in Schubladen zu stecken. Und: die geforderte Abschaffung entzieht diesen Frauen Rechte. Es gibt viele viele Sozialarbeiterinnen verschiedenster Einrichtungen, die mit Prostituierten arbeiten, die das genauso sehen.
      Sogar der alte Tanker Frauenrat äußert sich differenzierter zum Thema, als die Emma das tun:
      Aus deren Pressemitteilung vom 11.11.

      „Der Deutsche Frauenrat begrüßt, dass die zukünftige Koalitionsregierung den Menschenhandel stärker bekämpfen, seine Opfer besser schützen und gleichzeitig die Rechte und Sicherheit von Prostituierten stärken will. Er erkennt im aktuellen Diskussionsstand der Verhandlungsführenden wesentliche seiner Forderungen wieder. Populistische Kampagnen, die auf unredliche Weise Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung mit Prostitution in eins setzten, seien hingegen nicht hilfreich, um die komplexen Probleme zu lösen, so Hannelore Buls, Vorsitzende der größten frauenpolitischen Lobby in Deutschland.“

      Ansonsten kann ich dieses ausgewogene Informationsmaterial der Bundeszentrale für politische Bildung empfehlen.
      http://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/155379/prostitution

    • Mit der Abschaffung der Prostitution
      würden die Prostituierten Rechte verlieren, das ist wohl war. Trotzdem kann die Abschaffung doch richtig und nötig sein.

      Sie schreiben doch auch, dass es sich um eine diskriminierte und prekäre gesellschaftliche Gruppe handelt. Soll das denn immer so weitergehen, von uns mitgetragen werden, und dann eben durch Sozialarbeit gemildert werden?
      Das erscheint mir keine gute langfristige Lösung.

      Es ist ja auch nicht so, dass im Schwarzer-Appell nur ein plattes „Prostitution verbieten“ gefordert wird, sondern auch dort Schutz und Ausstiegsmöglichkeiten gefordert werden.
      Aber eben mit der Forderung, dass Prostitution grundsätzlich vermindert werden muss und irgendwann Prostitution nicht mehr als selbstverständliches „Recht“ für Männer und Frauen zur Verfügung steht. Wäre das wirklich so ein Verlust?

      Obwohl wir beide hier wohl keine Übereinstimmung zustande bringen, habe ich natürlich großen Respekt vor Ihrer Arbeit und allen, die sich für eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Großen und im Kleinen einsetzen,
      herzliche Grüße
      Julia

    • Die wird dann aber ganz real auf dem Rücken der prekären Frauen getan. Nötig ist die Abschaffung von Armut, von Sexismus und Gewalt gegen Frauen, Menschenhandel … Naja. Das ist doch erstmal eine Meinung und ich freue mich die zu diskutieren. Mir ging es eigentlich erstmal nur ganz klein darum, zu fragen, wie es sein kann, dass eine Gruppe von Frauen die absolute Gewissheit darüber hat, zu wissen, was für alle Frauen richtig ist. Das erschließt sich mir nicht wirklich. Hinzu kommt das ganze gesellschaftliche Gefährliche Halbwissen über Prostitution, das hier bedient wird: Jede/r hat eine Meinung, kaum jemand hat mal mit eine/r gesprochen.
      Das was ich bisher herausgefunden habe, finde ich zum Teil auch traurig, aber ich hatte den Eindruck, ich finde das zum Teil trauriger als die Betroffenen, weil deren Leben außerhalb von Deutschland einfach unglaublich beschissen ist. Dann helfe ich den Frauen doch gar nicht, wenn ich die zurück in ihr Land schicke, oder doch?
      Ich meine, hallo, meine kleine Kritik hat schon jetzt dazu geführt, dass auf emma.de volle Munition aufgefahren wird. Was ist denn das für ein Feminismus bitte, wo ich noch nicht mal Argumente und Überlegungen ins Feld führen darf? Ich habe grundsätzlich überhaupt nichts gegen die Emmas, aber das hier … Seufz. Ich verstehs nicht. Ehrlich.

  8. Es lohnt sich, weiterhin an Utopien zu glauben
    Liebe Stefanie Lohaus,

    bei allem Respekt für Ihren Versuch, den Komplexitäten des Themas mit Bedacht und Vorsicht zu begegnen; und dabei auch Zweifel an einer allgemeingültigen Wahrheit zuzulassen: Ihr Absatz über „eine Romafrau“ hat mich doch schwer erschüttert. Sie stellen die Frage: „Vielleicht fühlt es sich aus der Perspektive einer Romafrau, die im Elend lebt und rassistisch verfolgt wird tatsächlich selbstbestimmt an, in Deutschland als Sexarbeiterin zu arbeiten?“

    Ich will nicht bestreiten, dass diese Frage eine Berechtigung haben kann, aber sie als eine zentrale Überlegung anzuführen, den Appell nicht zu unterschreiben, ist tatsächlich fürchterlich zynisch, zumal wenn eine Feministin so etwas sagt. Um nicht zu sagen: Zynismus pur! Ist das das Ergebnis, zu der die wichtige Diskussion über Intersektionalität Sie gebracht hat? Zunächst: Dass Menschen, die diesen Appell unterschrieben haben (wie ich zum Beispiel) oder die den Appell sogar formuliert haben, „diese Frauen“ nicht verurteilen, ja, ihnen „als mündige Menschen“ begegnen, ist sowieso klar!!

    Es geht aber ja gerade darum, sie, wie es sich für eine anständige Utopistin gehört, sogar noch ein bisschen ernster zu nehmen, als ihr „nur“ vorurteilsfrei zu begegnen. Sich vielleicht zu überlegen, natürlich gemeinsam mit ihr, wie sich ihre Lebensbedingungen verbessern lassen. Dabei auch die rassistische und sexistische und kapitalistische Gesellschaft in Frage stellen, die dazu führt, dass Sie, Frau Lohaus, sich fragen, ob sich eine rassistisch verfolgte Person dadurch selbstbestimmt fühlt, dass sie sexuelle Dienstleistungen anbietet.

    Ihr Argument erscheint mir doch sehr exotistisch und zynisch und führt meiner Meinung nach die wichtige feministische Beschäftigung mit Mehrfachdiskriminierung ad absurdum. Denn geht es nicht darum, Menschen aus sexistischen und rassistischen Zwangslagen zu befreien, anstatt mit Verweis auf das ohnehin existente unterdrückerische System, dieses zu bestätigen? Das ist so als würde man sagen, wenn man eh schon in einer sexistischen Struktur lebt, aus der man ja eh nicht raus kommt, vielleicht ist Unterwerfung dann gar keine Unterwerfung mehr?

    Aber wie auch immer dies in einem Einzelfall bzw in geschätzten 10 Prozent aller Fälle zu beurteilen sein mag, ob dies als Unterwerfung empfunden wird oder nicht, worüber auch ich mir kein Urteil anmaßen möchte ( für die Sexarbeiterinnen, die sagen, dass sie es „freiwillig“ tun, würde sich sicher, auch im Falle eines Verbotes von Prostitution, noch eine vernünftige Lösung finden lassen, ihrer Arbeit auch weiterhin nachgehen zu können ), geht es bei diesem Appell doch ganz eindeutig um die geschätzten 90 Prozent derer, die es nicht „freiwillig“ und nicht „selbstbestimmt“ tun!

    So viel Solidarität mit unseren Schwestern, die meistens aus südosteuropäischen Ländern kommen, muss sein!

    Es lohnt sich also, weiterhin an die Utopien des Feminismus und des Pop-Feminismus zu glauben, und nicht dem Zynismus der deutschen Verhältnisse das Wort zu reden. Oder finden Sie das schick, dass Deutschland schon wieder einen Sonderweg geht?

    Oder folgen Sie nur einem „Freund_in/Feind_in “-Schemata-Denken, demzufolge es „In“ ist, als „junge Feministin“ der Alice Schwarzer zu widersprechen ?, ohne überhaupt noch genau hinzuhören oder vielleicht auch mal das dazugehörige Buch von Alice Schwarzer zu lesen.

    Glauben Sie, Alice Schwarzer hat noch nicht „vorurteilsfrei“ mit „diesen Frauen“ über ihre „Berufswahl“ und „Probleme mit derselben“ gesprochen? Nur weil Sie es noch nicht getan haben oder jetzt gerade damit angefangen haben oder wie auch immer, und daher nicht so recht wissen, was Sie nun zum Thema sagen sollen?

    Oder haben Sie einfach noch nicht mitgedacht, dass bei einem Milliardengeschäft Ihre (verzeihung! Mit verlaub! bei aller Sympathie!) „girlie“- hafte Naivität gerade Recht kommt. Oder haben Sie, das wäre aber sehr banal und traurig, einfach nur Angst von Ihrer feministischen PeerGroup ausgeschlossen zu werden? Ach herrje, gibt Schlimmeres…-

    Vielleicht sollten Sie in aller Vorsicht mal umdenken. Denn vielleicht haben unsere Schwestern in der Zwangsprostitution, denen es jetzt im Moment elend geht, nicht mehr so viel Zeit zu warten, bis die „privilegierten Feministinnen“ hierzulande ihre Doktorarbeiten übers Thema „Sexarbeit“ abgeschlossen haben oder genügend Forschungsgelder dafür beantragt haben oder sonstwie in den Institutionen angekommen sind. Bzw sich ein wenig im „Mileu“ umgehört haben, wie Ihre Antworten nahelegen.

    Denn viele Prostituierte leben doch JETZT bereits in der Illegalität, von der Sie behaupten, dass der Appell sie erst hineintreibt. Denken Sie auch mal an diese Menschen?

    Die US-amerikanischen Mädchen aus der Riot Grrrl Bewegung gingen in den 90er Jahren mal von dem unbestimmten Gefühl aus, dass irgendetwas ziemlich schief läuft in ihrem Land. Auch auf so ein Gefühl darf man mal hören. Das ist nicht gleich rechtspopulistisch. Das wäre menschlich. Um nicht zu sagen: feministisch.

    Liebe Grüße!!

    • Liebe Sandra,

      Ich habe ein möglichst drastisches Beispiel gesucht, um zu zeigen, wie Schwarzer die Begriffe Menschenhandel und Armutsmigration komplett in einen Topf wirft. Dabei macht es doch wohl einen Unterschied, ob ich verslavt werde, um mal diesen Begriff in den Ring zu werfen, oder ob ich mich entscheide, in ein anderes Land zu reisen, um dort zu arbeiten – als was auch immer. Wir sagen: Was hier in Deutschland passiert, ist schlimmer, als das was dir in Rumänien passiert. Aber wir wissen das gar nicht.
      Warum reden wir nicht über die Bekämpfung der Armut in den Herkunftsländern und warum reden wir nicht über Migration? Weil das in der momentanen Debatte alles von dem Begriff der „Weißen Sklaverei“ verschleiert wird! Früher war das jede Prostitution, jetzt alles abzüglich der angeblichen 1-3 Prozent Freiwilliger Frauen. Und die sind wahlweise nette Berliner Mädels oder böse Prostitutionslobby.
      Schau mal. Hydra nennt 400.000 Prostituierte. Davon sollen 90 Prozent Zwangs- und Armutsprostitutierte sein.
      Der Bundeslagebericht Menschenhandel hat 640 Straftaten im Bereich Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung festgestellt.
      Das heißt die Dunkelziffer müsste 562 so hoch sein, wie die Zahl der aufgeklärten Straftaten. Wirklich? Da müssten wir die Grenzen dicht machen, nicht so Eiapopeia, Prostitionsgesetz verändern.
      Wir müssen über Migration reden!! Und: Gesetzesänderungen zum Schutz von Personen: Ja, bitte. Darum geht es nicht.

      Die Organisationen wie Hydra etc., die von Schwarzer diffamiert werden, helfen doch den „Osteuropäerinnen“ auch, in dem sie sie über ihre Rechte aufklären, Gesundheitsvorsorge betreiben, etc. Auch diese Organisationen sehen Probleme in ihrem Milieu, sind aber so in der Defensive, dass sie gerade nur „Happy Prostitute“ spielen können.

      Was die Utopie angeht: Ja, das ist nicht einfach. 1. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es die sexistische Struktur der Prostitution ist, die zu Gewalt etc. führt und demnach abzuschaffen ist, nicht die Tatsache, dass Sex hier eine Ware ist, die von zwei Erwachsenen einvernehmlich getauscht wird (da wären wir sonst bei der Kapitalismuskritik und die würde ich gerne hintenanstellen). Also Sexismus abschaffen. Andersherum: Auch wenn Prostitution abgeschafft wäre, hätten wir immer noch eine sexisitische Gesellschaft. Den Satz den Schwarzer in der Urania gesagt hat: „Prostition liegt wie ein schwerer Schatten zwischen Männern und Frauen, so lange es sie gibt, gibt es keine Gleichberechtigung.“ Das ist doch die komplette Verallgemeinerung.

      Außerdem: Wenn ich die Wahl habe zwischen Utopie und praktischer Verbesserung, dann wähle ich die Praxis. Und ich sehe eine Abschaffungs-Ideologie nicht als praktische Verbesserung.
      Ich BIN solidarisch, weil ich versuche mit ihnen zu reden, und ihre Bedürfnisse ernstzunehmen und danach zu handeln. Wir sind doch alle Frauenrechtlerinnen.
      Liebe Grüße

  9. Das Grundgesetz ist ein moralischer Text
    Und die in Artikel 1 deklarierte „Unantastbarkeit der Menschenwürde“ ist zweifellos ein hochmoralisches Prinzip, das man auch als „Ideologem“ oder als „Postulat“ oder als „utopische Spinnerei“ bezeichnen könnte.
    .
    Oder als moralinsaure Spielverderberei. Hat mal einer ausgerechnet, was der Wirtschaft dadurch an Einnahmen entgeht? Auf wieviel Spaß wir verzichten müssen, nur weil wir uns selber dazu verpflichtet haben, so ein PHantom namens „Menschenwürde“ zu beachten, das wissenschaftlich nicht nachweisbar ist und worauf die Mehrheit doch jederzeit freiwillig und selbstbestimmt verzichten würde.

    • ?
      An welcher Stelle im Text argumentiere ich Ihrer Meinung nach gegen die Menschenwürde oder das Grundgesetz?

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