Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Ein Recht auf Fairness

| 17 Lesermeinungen

Was hat Fair Trade mit Charity zu tun? Fairness kann kein Almosen sein. Handeln wir fair und entkriminalisieren wir die Migration!

Eigentlich ist zehn vor acht zu früh zum denken. Nichts denkend fällt mein Blick also auf das Schild im noch leeren Café: ChariTea. Nie gehört. Ein Lifestyle Drink? Fair Trade Tea Drink steht weiter unten auf der Tafel. Wie bitte? Vielleicht doch Cherry Tea? Nein, wirklich ChariTea, Charity, Wohltätigkeit, Almosen. Was um Himmels Willen hat Charity mit Fair Trade zu tun? Mir erscheint schon Fairness als eine recht minimalistische Konzeption von Gerechtigkeit, aber die nun auch noch in ein Almosen zu verwandeln… Ist die wohlwollende Wohltätigkeit nicht so ungefähr das Gegenteil von fairen Tauschbeziehungen?

Heute Morgen, in diesem grauen Herbst, scheint mir in dieser Vermischung von Almosen und Fairness das ganze Elend unserer Gegenwart zusammengefasst: Denn sie verschleiert die eigentlichen Prozesse der Aneignung. Sie verwandelt die Ausgebeuteten in Bittsteller und die anderen in Wohltäter. Die Tauschprozesse, die unser aller Beziehungen eigentlich konstituieren, werden mystifiziert. Indem wir Gerechtigkeit in einen Gnadenakt verwandeln, trösten wir uns darüber hinweg, dass es mit der Fairness nicht weit her ist: Auf der website von Fairphone kann man z.B. erfahren, dass es bisher noch nicht möglich ist, ein fair produziertes Handy zu kaufen: Die Produktionsketten sind zu komplex, als dass man jedes Element daraufhin untersuchen könnte, ob es fair hergestellt wurde. Unzählige Güter sind „fair“ einfach nicht zu haben. Überraschend ist das ja eigentlich nicht. Faires Öl?

So helfen wir uns, indem wir Politik in Moral verwandeln. Nichts gegen Moral, schon gar nichts gegen Barmherzigkeit, aber Wohltätigkeit verteilt die Rollen eindeutig: Hier die, die geben – und darüber ihrem persönlichen Heil etwas näher kommen; dort die, die zu passiven Empfängern reduziert werden.

Wir können diese Rollenzuschreibungen natürlich nicht durchsetzen. Aber die, die einen Anteil einfordern, ertrinken vor Lampedusa. Oder sie „missbrauchen“ das Asylrecht. Man fragt sich, welches Gesetz die Migrant_innen denn sonst missbrauchen sollten als das Asylrecht. Haben sie irgendeine Alternative?

„Politisch Verfolgte geniessen Asylrecht.“ Vier Worte. „Politisch“: Im obigen Sinne könnte man ja durchaus sagen, dass das Elend, vor dem die Menschen fliehen, politisch ist. Wikipedia sagt mir, dass Politik „sämtliche Institutionen, Prozesse, Praktiken und Inhalte, die die Einrichtung und Steuerung von Staat und GAsylrecht statt Charityesellschaft im Ganzen betreffen“, bezeichnet, also, so würde ich meinen, auch sämtliche Institutionen, Prozesse, Praktiken und Inhalte, die die Einrichtung und Steuerung des globalen Kapitalismus und uns als Weltgesellschaft betreffen. O.k., das ist zwar der einzig konsequente,  weil unsere Verflechtungen reflektierende Politikbegriff, aber auch ein sehr weiter. Insbesondere wenn man das nächste Wort hinzu nimmt, „Verfolgte“. Wenn aber nicht mal einer, der wirklich seinen so eingeschränkten, man möchte fast sagen anachronistischen Kriterien entspricht, wie Edward Snowden, es in Anspruch nehmen kann, fragt man sich, wofür dieses Asylrecht überhaupt noch taugt. „Geniessen“ – nun ja, das lass ich mal aus, möchte nur kurz betonen, dass man ein Recht geniesst. Also nun zum „Asylrecht“: Ist das Recht auf Asyl wirklich überhaupt noch als „Recht“, also einem Individuum durch das objektive Recht zuerkannten Anspruches zu bezeichnen, oder ist es jetzt auch ein Almosen? Ist hier gegenwärtig wieder die Verlagerung von verbindlichen Rechten in den Raum einer nicht mehr einklagbaren Moral zu beobachten: Asyl als soft law? Wenn man schon von Missbrauch spricht, wäre es ein Gebot der Fairness, Alternativen zu schaffen – und zwar nicht nur, indem wir uns die, die aus welchem Elend auch immer kommen, weniger brutal oder dort, wo wir es nicht mit ansehen, vom Leibe zu halten, sondern indem wir erstens die Migration entkriminalisieren. Und zweitens wirklich fair handeln. Nicht nur Tee.

Vielleicht ist es auch nur ehrlich, die Sache beim Namen zu nennen: dass wir heute Fairness nur in begrenztem Umfang und nach Gutdünken als Almosen vergeben.

 

 

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17 Lesermeinungen

  1. Gutmenschinnen Blog jetzt auch in der FAZ?
    Von sieben Milliarden Menschen fallen ca. sechs Milliarden in die Kategorie, die gern nach Deutschland bzw. Europa immigrieren würden, wenn sie könnten. Aus Gründen der „Fairness“ würden die da keine Grenze ziehen?
    Ansonsten vielen Dank für die Interpretation von Art. 16a GG aus sozialanthropologischer Sicht.

    • gegen den Schlechtmensch
      Wäre es aus Ihrer Sicht nicht konsequent, sehr geehrter Herr Gugger-Wöhrmann, den Art. 16a GG gleich ganz abzuschaffen? Fairness heißt im Verkehr unter Menschen nichts anderes, als dass man an langfristigen und vertrauensvollen Beziehungen interessiert ist. Es könnte ja sein, dass in irgendeiner Zukunft auch wir auf das Wohlwollen, nein, auf die Fairness derjenigen angewiesen sind, die gerade nicht mit uns in unserem selbstgefälligen Export-Paradies von den Verhältnissen profitieren.

    • Weit gefehlt,
      Herr Gugger-Wöhrmann. Der Artikel richtet sich doch gerade gegen das blinde Gutmenschentum mit seinem lächerlichen „Charitea“.
      Dass ca sechs Milliarden Menschen nach Deutschland kommen möchten ist einfach albern. Der großteil der weltweiten Migration findet innerhalb der Entwicklungsländer statt, am meisten in angrenzende Staaten.
      Die Menschen im „Globalen Süden“ fliehen vor den Folgen des Klimawandels und dem Islamismus. Doch diese als Ursachen für Flucht festzumachen ist politisch nicht gewollt- ökonomische Gründe lassen sich leicht den Unterdrückten unterstellen. So kann man auch, als Nutznießer aus dem „Globalen Norden“ schön die Verantwortung von sich weisen. Und weiter bei Tchibo, Aldi und co nach Schnäppchen jagen.

  2. Ein fluffiger, ungenauer, aber wohlmeinender Beitrag einer Niemals-Betroffenen
    Das fängt schon mit den Begrifflichkeiten an. Politisch verfolgt meint und meinte immer „wegen seiner aktiven politischen Tätigkeit verfolgt“. Und nicht „Betroffener einer schlechten Politik“ seines Heimatlandes. Wer hier unsauber argumentiert, dem geht es nicht um das Asylrecht!

    Weiter mit der schönen Forderung „wäre es ein Gebot der Fairness, Alternativen zu schaffen“. Ach was? Seit wann, wo und wie gibt es ein Menschenrecht auf Einwanderung? Und bekommt Deutschland mit den mehreren hunderttausend Flüchtlingen, Familiennachzügern, nicht anerkannten aber geduldeten Asylbewerbern und Osteuropaeinwanderern nicht schon genug Leute, denen man jedes Jahr Grundlagen des bei uns erreichten Zivilisationsstandes erklären muss? Weil sie aus spätmittelalterlichen Patriarchenstrukturen (Naher Osten), fast steinzeitlichen Clan- und Stammeskulturen (Afrika) oder historisch gewachsenen Alternativkulturen (Roma) stammen, die es mit Frauen- und Homosexuellenrechten, mit der Ablösung der Selbstjustiz durch den Rechtsstaat, mit Meinungsfreiheit und Religionsneutralität häufig mehr als ein Problem haben?

    Nicht dass ich glaube, Frau Professor kenne solche Leute. Wie bei vielen deutschen Wohlmeindenden der gebildeten Schichten stammt ihr Bild vom Migranten aus dem winzigkleinen Teil der kosmopolitischen, akademischen Elite der Herkunftsländer.

    Ich werde Frau Eckert auch nicht fragen, wo sie wohnt. Wäre nur bereit, die Wette einzugehen, dass sie mit den wirklichen Problemen von Einwanderervierteln in den Grosstädten Westdeutschlands wenig vertraut sein dürfte – die wohlmeinende Elite überlässt die tägliche Integrationsarbeit nämlich gerne ihrer Unterschicht. Und wundert sich dann, wenn diese sauer wird und sich braunem Pöbel anschliesst.

    Der Beitrag ist in jeder Beziehung ärgerlich. Er ist eine groteske Verzerrung von Intention und Wirkung des Asylrechtes, er fordert wieder einmal die Grenzöffnung für alle Einwanderer der Erde und beschreibt deren Verweigerung oauschal und begründungslos als unfair, er stellt Behauptungen auf, ohne sie zu belegen (Verwandlung von Fairness in Almosen) oder herzuleiten.

    „Aber die, die einen Anteil einfordern, ertrinken vor Lampedusa.“ Stimmt. Manchmal. Nur was haben „wir“, also auch ich, damit zu tun? Bei den meisten Menschen kann man ohne Begründung Schuldgefühle wecken, weswegen das bei Sozialwissenschaftlern auch so beliebt ist. Weil sie nicht fragen, woher sich die angebliche Verantwortung eigentlich ableitet. Wäre auch schwierig zu begründen, bei Menschen, für deren unföhige Eliten in ihren Heimatländern ICH nichts kann, mit denen ICH weder verwandt noch durch einen Vertrag verbunden bin und die ICH nicht hierher eingeladen habe.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Zivilisationsstand
      Genau das ist die Frage: Was haben Sie, Herr Haupts, damit zu tun, dass vor Lampedusa Menschen ertrinken? Kennen Sie auf Ihrem tollen „Zivilisationsstand“ nicht das Lied von Matthias Claudius: „’s ist Krieg! s‘ ist Krieg! O Gottes Engel wehre, Und rede du darein! ’s ist leider Krieg – und ich begehre. Nicht schuld daran zu sein!“ (1774) Nein, kennen Sie wahrscheinlich nicht. Vielleicht wäre ein bisschen Nachhilfe durch einen „Migranten“ mit mehr Herzens- und Geistesbildung willkommen?

    • Geniale Nicht-Antwort.
      Jetzt weiss ich wenigstens, dass es ein Gedicht von Matthias Claudius gibt und dass mir Herzensbildung fehlt.

      Gibt es auch irgendeine brauchbare Antwort auf meine ganz einfache Frage: Welche konkrete Verantwortung trage ich dafür, dass vor Lampedusa Menschen ertrinken?

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Italien
      Wenn ein europäisches Land zuständig ist, so ist es Italien oder eines der anderen Küstenländer. Deutschland trägt seinen Teil. Meist auch großzügig und ohne viel Murren. Ich erinnere an die Albaner aus dem Kosovo. Wer außer Schweden hat einen Teil dieser Menschen von uns aufgenommen?
      Es ist nicht recht, daß Polen uns die Tchechenen weiterreicht und wir dies still akzeptieren.
      Das Leid der Roma ist real. Aber, wie Herr Haupts schreibt, sie werden auf Kosten der „einfachen „kleinen Männer““ in einfachen Wohngegenden geduldet und können ihren „angemessenenen, fairen“ Lebensstandard bei uns nicht mal zum Teil verdienen.

  3. Der Ursprung der Fairness...
    …ist die Rechtsgleichheit. Partner dazu ist die Rechtssicherheit. Diese beiden haben dazu beigetragen, dass Europa trotz zweier Weltkriege und einem heftigen Bürgerkrieg seine Schwächsten nie in dem Mass ausgebeutet hat wie das in einzelnen ‚ausgebeuteten‘ Regionen geschieht.
    Der zweite Punkt ist die Bildung der Frauen, jetzt schalten die Hilfswerke mit dem Sammeln wieder zwei Gänge hoch. Jedes Mal wenn ich die Sammelnden darauf anspreche glotzen mich die Piktogrammträger wie Teletubbies an, also auch da wurde wenig bis nichts begriffen. Ohne Bildung der Frauen wird sich nicht viel ändern.
    Die kritische Frage ist erlaubt, wie weit Europa den selbst verschuldeten Missstand in einzelnen Regionen zum eigenen Vorteil ausnutzen darf, mehr aber auch nicht. Auf keinen Fall aber dürfen dortige Missstände den Europäern angelastet werden, denn sonst stehlen sich die Ausgebeuteten aus der Verantwortung die auch wir hier selbst wahrnehmen mussten und müssen.
    Und mit Verlaub, wie Fair ist es denn, wenn wir die Migration „entkriminalisieren“ und somit die Begüterten unter den Ärmeren aus dem Elend wegmigrieren können und der Rest dort ihrem Schicksal und den unveränderten Situationen überlassen? Und was tun anschliessend die migrierten Leute hier? Abwarten und fairen Tee trinken?
    Sorry Frau Eckert, nichts gegen Denkanstösse, ich hoffe für D, dass Sie in der Politik keine Entscheidungsträgerin sind.

  4. Im Prinzip richtig
    Wenn es auch keinen Hering vom Teller zieht – denken (und schreiben) über die moralischen Defizite unserer „Weltordnung“ ist gut, notwendig und richtig. Im Prinzip stimmt in diesem Beitrag jedes Wort, jeder Satz, der Zusammenhang und das Anliegen. Und warum sich echauffieren, Herr G-W, es ist doch überhaupt keine „Forderung“ enthalten, die Ihr Frühstück um eine Scheibe Brot schmälert. Wenn Ihnen Ihr Kaffee für 7,99 Euro/Kilo schmeckt, den auf der anderen Seite des Globus jemand für 50 Cent Tageslohhn gepflückt hat, dann herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Sonnenplatz im Leben. Bleiben Sie wie Sie sind. Anständig wäre, sich abfälliger Kommentare zu enthalten, wenn andere sich Gedanken über Themen machen, die Ihnen am Rektum vorbeigehen.

    Ich würde mir mehr solcher Beiträge wünschen.

    Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Oder mit einem ersten Wort.
    Je mehr, desto besser und weiter mag er führen.

  5. Korrigendum zu 18.11.2013, 16:25 Uhr
    Ich sehe ja, Frau Eckert arbeitet an der Uni Bern, liegt also nicht dem Steuerzahler in D auf der Tasche. Nun gut. Damit ist Frau Eckert dem Fairness Problem näher als sie denkt, erhält doch der Kanton Bern pro Einwohner und Jahr CHF 1000 aus dem Finanzausgleich, und die Uni ist eine Staatsinstitution, also profitiert auch sie. Ich hoffe für die Studierenden, dass Frau Eckert in den Vorträgen etwas mehr vernetztes Denken walten lässt, als ihr Blog hier enthält. Bereits ein wenig mehr wäre gut.

  6. Nette Idee, aber
    Ja, wäre schön, wenn die Konsumenten es richten würden. Tun sie aber nicht.

    1) sie sind zu schwach. Selbst wenn der Konsument nicht nur für Nahrung und Shampoo bio bzw. fair kauft: Geld wird auch für anderes ausgegeben, zB für Erleichterungen beim Emissionshandel. Da kann man noch so viel fairen Kaffee kaufen – für wirkliche „Fairness“ braucht es deutlich mehr „Umbau“, da muss zB auch die Industrie bluten. Macht die aber nicht, weil sie die Macht hat, das zu verhindern.
    2) sie sind zu faul. Mein Bauch gehört mir, auch beim Konsum. Ich verwies ja drauf, dass die Leute hauptsächlich das fair kaufen, was an ihren Körper kommt. Vielleicht hilft diese Beobachtung ja beim Nachdenken, wie weit man mit „fairem“ „Kapitalismus“ kommt.

  7. Recht auf Fairness?...HUMAN...human...Vernunft(begabt)!
    Mensch: ein vernunftbegabtes Wesen, das immer dann die Ruhe verliert, wenn von ihm verlangt wird, dass es nach Vernunftgesetzen handeln soll.
    Oscar Wilde

    …“Gesellschaft-Vernunft-Mangel-Bildung-System“ ist Ursache der „Welt-Schieflage“…

    Geist-Reife-Mangel.

    Gruß
    W.H.

  8. Albern ist die schlichte, nichtbegründete und jeder Lebenserfahrung widersprechende Annahme,
    bei Öffnung der europäischen Grenzen würden NICHT jedes Jahr Millionen Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika nach Europa fliehen. Bei einem Blick auf die demographischen und Wirtschaftsdaten dieser Länder ist der Anlass nur allzu offensichtlich – ein mit dem europäischen, selbst dem südeuropäischen, vergleichbaren Sozialhilfe-Lebensstandard kann kein junger Mensch in diesen Ländern in seinem Leben noch erwarten.

    Sehen kann er ihn aber, über das Internet und das Fernsehen. Inklusive korruptionsarmer Behörden, funktionierender Infrastruktur, kriminalitätsarmer Umgebung. Die in bestimmten Medien gerne kolportierte Beruhigungsfloskel – „Ach, die kommen doch nicht alle, nicht mal die meisten, nicht mal viele“ – ist reines, unverfälschtes Wunschdenken.

    Von den zunehmend zusammenbrechenden staatlichen Strukturen des grossen mörderischen Kindergartens im Nahen Osten und in Nordafrika haben wir dabei noch nicht einmal gesprochen.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  9. Den Finger in die Wunde
    Dass und wie einige Kommentatoren hier persönlich werden und Spekulationen über die Lebensumstände der Autorin anstellen, macht deutlich, dass sie offenbar keine inhaltlichen Argumente vorzubringen haben, deutet außerdem auf tiefsitzende Minderwertigkeitsgefühle hin (würden Sie auch so argumentieren, wenn der Beitrag von einem Mann verfasst worden wäre, die Herren?) und zeigt letztlich vor allem, das dem Text genau das gelingt, worum es geht: Den Finger in die Wunde zu legen.

    Dahin, wo es offenbar auch denjenigen ein klein bisschen wehtut, die glauben, ihren ach so hart (und natürlich eigenhändig) erarbeiteten Lebensstandard mit allen Mitteln gegen diejenigen verteidigen zu dürfen, die „aus spätmittelalterlichen Patriarchenstrukturen (Naher Osten), fast steinzeitlichen Clan- und Stammeskulturen (Afrika) oder historisch gewachsenen Alternativkulturen (Roma) stammen“, und überzeugt sind, dass es nichts mit ihnen zu tun hat, wenn Menschen vor Lampedusa ersaufen oder irgendwo im Stacheldraht hängenbleiben, sondern einfach nur daran liegt, dass diese Menschen keine Lust hatten, bei sich zuhause den „mörderischen Kindergarten“ aufzuräumen.

    Wir haben es uns nicht verdient, hier geboren worden zu sein und nicht irgendwo im Kongo, in Afghanistan oder in Tschetschenien. Wir haben einfach nur Glück gehabt, meine Herren, dass wir an einem Ort geboren wurden, an dem man sich nicht vorstellen kann, dass man keinen anderen Weg mehr sieht, als den Versuch, nachts mit seinen Kindern in einem löchrigen Schlauchboot das Mittelmeer zu überqueeren!

    Und übrigens: Was ist das für eine Gesellschaft, in der „Gutmensch“ ein Schimpfwort ist? – Herzlichen Glückwunsch zum „bei uns erreichten Zivilisationsstand“.

    Danke, liebe Julia, für Deinen Text!

    • Wunderbarer Watschenversuch, ich bin jetzt tief getroffen.
      Die einzige Frage Ihres Textes ist leicht beantwortet: ich hätte die Frage nach den persönlichen Lebensumstönden auch dem lieben Gott gestellt. Es ist nämlich eine Alltagserfahrung, dass die Liebe zu Flüchtlingen mit dem Abstand zu ihnen wächst, genauso wie die zur Gesamtschule mit dem Abstand der eigenen Kinder von derselben.

      Und jetzt meine ganz persönliche Gretchenfrage an den Herren mit dem bewundernswert hohen Zivilisationsstand:
      Welche Zahl von Flüchtlingen und Migranten aus der Nicht-EU (+Familiennachzug) halten Sie denn jährlich für zumutbar? 1 Milion? 10 Millionen? Unbegrenzt? Kommen Sie, wird eine ganz leichte Antwort für einen wirklich netten Menschen.

      Und damit wir auch die aktuellen Zahlen kennen – im Moment nehmen wir jährlich (Stand 2012, Quelle Bundesamt für Migration) 305.595 Menschen hier auf, also in etwa eine Grosstadt wie Bochum. Nein,,ich habe die Abwanderung dabei nicht berücksichtigt, weil mich nicht interessiert, wieviele bei uns Geborene oder Sozialisierte wegziehen. Sondern nur, wieviele mit Zivilisations- Schwierigkeiten zuziehen.

      Wir haben einfach nur Glück gehabt – ja, mit der Geburt. Nein mit dem Land, unser Stand ist uns mitnichten in den Schoss gefallen, er wurde von unseren Vorfahren hart erarbeitet.

      Gruss,
      Thorsten Haupts,
      seine Minderwertigkeitsgefühle gegenüber Gutmenschen pflegen gehend

    • Den Finger in die Wunde
      Die Wunde(n) sind Ergebnis geschichtlicher, generationsübergreifender,
      Geist-Reifeprozesse und entsprechender Handlungen aller Beteiligten.
      Wir erleben heute die „Reiferesultierenden“ aller Handlungen,
      auch in Form von „Wundenschmerz“, Elend, Kriege, techn. Fortschritt, Ausbeutung,
      Ungerechtigkeiten noch und „nöcher“. Allein das Erkennen jedes Einzelnen und
      Bewußtsein entwickeln bedeutet weitere „Reife-Prozesse“, auch bei den Opfern.
      Die Wechselwirkungen des menschlichen Geistes sind sehr komplex.
      Entsprechend auch die „Wunden“ und ebenso „Wundenheilung“, Handlungen.
      Wir können nicht „mal eben so“ Migration entkriminalisieren…z.B.
      Das Problem ist viel komplexer als der Satz den Anschein hat.
      Euphorie-Handlungen können das Gegenteil von dem bewirken, was eigentlich
      „NOT-WENDIG“ ist und die kann ich nicht gut heißen.
      Auf Grund der „Not-wendigen“ komplexen Problemlösungsgedanken,
      muß ich mir die Frage stellen ob dieses Forum der rechte Ort ist.
      Ihr Beitrag ist nachdenkenswert und vielem kann ich zustimmen, aber er bringt mich,
      bezogen auf den Artikel und dessen Motivation, hier im Forum, nicht weiter.

      Die schlimmsten Fehler werden gemacht in der Absicht, einen begangenen Fehler wieder gut zu machen.
      Jean Paul

      Mit freundlichem Gruß
      Wolfgang Hennig

  10. Fair diskutieren
    Sehr geehrte Frau Eckert, im Blog von Don Alphonso wurde über die faire Resonanz der Leser auf Kolumnen, insbesondere Kolumnen weiblicher Autoren diskutiert.
    Ich möchte Ihnen daher sensibilisiert und anständig widersprechen.

    Der Migrant hat kein Recht auf Zuwanderung in unsere Sozialsysteme. Und ich möchte ihm diese Zuwanderung auch nicht als Almosen gewähren.

    Gewiß kann Deutschland auch Zwanzig Millionen weiteren Menschen Raum bieten. Wenn sie in der Lage sind, persönlich und rechtlich, für ihren Lebensunterhalt aufzukommen.
    Viele weitere Fragen werden dann auftauchen, ich nenne zwei:
    Was wird aus „unseren eigenen“ Geringqualifizierten?
    Ist es richtig, „den Rahm“ aus Afrika abzuschöpfen?
    mit freundlichen Grüßen
    der Lippenbär

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