Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Ein Leipziger Männermärchen

Wolfgang Joop, Mel Ramos, Richard Müller: Drei Sexisten wie aus dem Bilderbuch. Das Museum der bildenden Künste Leipzig inszeniert eine Ausstellung mit sehr zweifelhaftem Gesamtkonzept.

Wem die Disney-Version von „Die Schöne und das Biest“ zu beschaulich ist, sollte dieser Tage das Museum der bildenden Künste in Leipzig besuchen. Ich war da und kann sagen: Es ist zum Fürchten! „Die Schöne und das Biest“ ist der Titel der Ausstellung mit Werken von Richard Müller, Mel Ramos und Wolfgang Joop.

Wolfgang Joop? Ach stimmt, der macht ja auch in Kunst. Gleich am Eingang der Ausstellung stehen ein paar seiner Affenskulpturen, Büsten mit menschlichem Busen. Natürlich haben die keine Hängebrüste, sondern richtig pralle. Auf mich wirken seine Affenfrauen, als wollte er die Frau dem Tier einverleiben. Reicht es nicht, dass er dem Museum für die Ausstellung seine private Müller-Sammlung zur Verfügung stellt? Nein, tatsächlich nicht, denn seine Werke reihen sich perfekt ein, in die Tier-plus-Frau-Darstellungen von Müller und Ramos.

Ramos, man erinnert sich an seine sich auf überdimensionierten Werbeartikeln räkelnden Pin-Ups aus den Sechzigern, malt die nackten, schlanken, großbusigen Frauen nun an felligen großen Tieren. Mein Grusel-Highlight ist ein Bild, auf dem er sich und seine Tochter gemalt hat. Sie ganz natürlich und nackt und er natürlich ganz angezogen. Es reicht das kleine Sexismus-Einmaleins, um das Objekt der Begierde und einen männlich dominanten Blick zuzuordnen.

Die Bilder von Richard Müller setzen noch eins drauf. Zusammenfassend sehe ich: Frauenakte neben Tieren. Sehr zentral hängt Müllers Bild „Circe“ von 1933, eine Zauberin der griechischen Mythologie, die Odysseus und seine Gefährten verführt, um sie dann in Schweine zu verwandeln. Bei Müller: Eine nackte Frau von hinten, die mit Obst Wildschwein und Känguru anlockt. Ah, die Verführerin. Dass Müller NSDAP-Mitglied und ab 1933 Rektor der Dresdner Akademie war, als solcher den „Verfall deutscher Kunst“ beklagte und Otto Dix wegen seines „vergiftenden Einflusses“ von der Hochschule werfen ließ, wird in der Ausstellung nicht nur nicht oder bloß am Rande erwähnt. Schlimmer noch: Im Ankündigungstext wird bedauert, dass die „Kunst- und Kulturpolitik der DDR (…) den als „Nazi-Künstler“ Stigmatisierten in Vergessenheit geraten“ ließ. Ein Nazi, der als Nazi stigmatisiert wird – beeindruckend, wie das Museum Geschichte schreibt.

Nun sind alle beisammen: Müller, Ramos und Joop, drei Sexisten wie aus dem Bilderbuch. Wer in die Ausstellung geht, dem erzählen Kurator Jan Nicolaisen und Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt mit eindrücklichen Bildern das Männermärchen von der Schönen und dem Biest. Der ewigen Mär von der schönen Jungfrau, die im Mann die Begierde weckt und ihm Muse ist. Und weil die Frau dem Tier so nahe und deshalb ein bisschen triebhaft ist, bezirzt sie die Männer und muss also gebändigt werden. Eine generationsübergreifende Männerphantasie auf Bildern gebannt: Die Frau als passives Objekt, auf ihren Körper reduziert, deren animalische Triebhaftigkeit die männliche Angst schürt, von der Frau kontrolliert zu werden.

Das Museum prognostiziert auf seiner Homepage, dass das Gesamtkonzept dieser Ausstellung „vielleicht auch provozierende Gegenüberstellungen“ bietet. „Beleidigende, unterdrückende und diskriminierende Gegenüberstellungen“ hätte es besser getroffen.

Bei der Eröffnungsrede zur Vernissage von Museumsdirektor Schmidt gab es Protest. Eine Gruppe Männer und Frauen versuchte ein Transparent auszurollen – mit der Aufschrift: „Do women still have do be naked to get into the MdbK“. Sie kamen aber nicht dazu, sondern wurden von Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes aus dem Saal geschleppt und geschubst. Eine Frau wurde von einem Sicherheitsmann sexistisch beleidigt und mit der Folge eines Schädel-Hirn-Traumas auf den Kopf geschlagen. Das Museum hüllt sich in Schweigen. Der Mitteldeutsche Rundfunk liefert bei seiner Berichterstattung eine ganz eigene Interpretation des Protests: Es sei eine Aktion gegen Tiermissbrauch, weil die Gruppe Anstoß an den sodomitischen Darstellungen auf den Bildern nehme. Absurder geht es wirklich nicht.

Offenbar gehört Sexismus so zum Mainstream, auch in Institutionen mit Bildungsauftrag wie dem Museum, dass sich niemand darüber aufregt, weder über diese unsägliche Ausstellung noch über den gewalttätigen Umgang mit dem Protest. Diese Ausstellung in ihrer Gesamtheit zeigt wieder einmal, dass das vermeintlich Ungewöhnliche am Zusammentreffen dieser Künstler leider immer noch völlig gewöhnlich ist: Sexismus und Frauenfeindlichkeit.

Die Zeitschrift  „outside the box“, die auch die Autorin dieses Beitrags mitbetreibt, forderte bereits am 11. Oktober auf ihrem Blog http://outside.blogsport.de die Schließung der Ausstellung.

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