Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Semiotics of the Kitchen

| 20 Lesermeinungen

Im Moment machen die meisten Frauen mehr als einen Job, nämlich Hausarbeit und Lohnarbeit. Wie können wir ökonomisierte Arbeit mit unsichtbarer Fürsorgearbeit vereinbaren? Was wir brauchen, ist eine radikale Umverteilung von Arbeit und eine Erwerbsarbeitszeitverkürzung.

Eines der schlimmsten Schimpfwörter, das derzeit gegen Frauen ins Feld geführt werden kann – und wir leben, vor allem wenn es um Mütter geht, nicht in einem an Diffamierungen armen Land – ist „Soccer Mom“. Ich selbst habe es letzte Woche noch gezischt, um meiner größtmöglichen Verachtung einen vermeintlich irgendwie lustigen Dreh zu geben. Weiß, verheiratet, privilegiert, gut ausgebildet und „manchmal als viel beschäftigt und einen Minivan fahrend dargestellt“, definiert Wikipedia. (Ja, es gibt einen Eintrag zu dieser Zuschreibung.) Ein gemurmeltes „Hausfrau“ wäre vielleicht noch fieser, bewegt sich zwar ungefähr auf dem Niveau von „Du Erbsenkopf“, aber lässt sich weniger gut weg schmunzeln.

Arbeit ist mittlerweile so wichtig geworden, dass wir stets darauf bedacht sind, bloß Anti-Mütter zu sein (auch wenn wir unsere Kinder sehr lieben), die „Hausmütterchenseele“ in uns zu töten (Virginia Woolf sah das als Pflicht jeder Schriftstellerin an) – viel beschäftigt sind wir sowieso. Hausarbeit und Sorgearbeit machen wir neben der Lohnarbeit und mit links – wenngleich die unbezahlte Reproduktionsarbeit laut Statistischem Bundesamt quantitativ die Lohnarbeit bei Weitem übersteigt. Hausarbeit, die Zahlen sind erschreckend deutlich, ist „Frauenarbeit“. Das gilt ebenso für Care-Arbeit im Großen und Ganzen, auch wenn einige Männer mithelfen und sich mehr und mehr und gern in die Kindererziehung einbringen. Viel stärker als von dieser Minderheit werden die Mittelschichts-Frauen des globalen Nordens heute allerdings von Migrantinnen unterstützt, die ausgebeutet werden und sich auf keinerlei Arbeitsrechte berufen können.

Man sieht spätestens hier: Haus- und Fürsorgearbeit ist kein „Frauenthema“. Sie ist eine gesellschaftliche Frage. Es geht darum, wie wir leben wollen. Gesellschaftspolitisch wird aktuell ein “Erwerbsbürgermodell” als Norm gesetzt, das eine zeitliche Flexibilität jeder Arbeitnehmerin voraussetzt und ohne 35-jährige Vollzeitarbeit in die Altersarmut führt. Statt diesem Imperativ der Arbeit hinterher zu hecheln und die Spannungen und strukturellen Widersprüche zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit weiter stillschweigend auszuhalten – und dabei „das bisschen Haushalt“ zu trällern – wäre eine „Care Revolution“ (Gabriele Winker) und eine radikale Infragestellung unserer Vorstellungen von Arbeit an der Zeit.

Wenn wir uns beispielsweise alle ganz flamboyant als Hausfrauen bezeichneten, statt uns von dieser Rolle möglichst zu distanzieren, aber die Arbeit letztlich doch zu tun, wäre das wahrscheinlich eine bessere Strategie, die Ungleichheit, die Frauen in der kapitalistischen Arbeitsteilung erfahren, zu kritisieren. Statt darauf zu warten, dass die Bedingungen von bezahlter und unbezahlter Arbeit und das Spannungsverhältnis und die Widersprüche zwischen beiden Ansprüchen kosmetisch korrigiert werden, sollten wir uns lieber an die queer-feministischen Ökononomiekritiken der 1970er Jahre erinnern, die bezahlte und unbezahlte Arbeit radikal umverteilt dachten, beispielsweise Silvia Federicis „Counter-Planning from the Kitchen“ oder Martha Roslers Arbeit „Semiotics of the Kitchen“, die vormacht, mit welchem Gestus dies geschehen müsste. Damit würden wir vielleicht weiter kommen als mit den bloßen Lippenbekenntnissen zur „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, die heute in aller Munde sind.

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20 Lesermeinungen

  1. was willst du?
    frauen werden beschimpft, zum beispiel von dir, frauen machen umsonst hausarbeit, frauen arbeiten zuviel und verdienen zuwenig – okay, soweit verstanden.
    um das zu beheben sollen wir uns hausfrauen nennen und an den gestus der siebziger erinnern?
    aus meiner sicht beschreibt genau das ein akutes weibliches dilemma – diffuse rundumkritik üben und fehlenden gestaltungswille ausstellen.
    die soccer mom ist gar kein deutsches schimpfwort für mütter. „mutti“ ist ein deutsches schimpfwort und zwar im rahmen einer enteierung der mächtigsten frau. „flamboyant“ , so man dies unbedingt sein will,wäre mithin der diss „du kanzlerin“.
    oder man lässt das dissen ganz bleiben und geht – zum beispiel – mal „seine“ migrantin besuchen, anstatt sie zu bemitleiden und ihr ansonsten zettel auf dem küchentisch zu hinterlassen. oder wäre das im rahmen deiner logik auch zu bezahlende“fürsorgearbeit“?

    • Titel eingeben
      Liebe Heike,

      es geht zunächst, im Einstieg, um genau die Differenzen, die wir alle immer wieder aufmachen (damit meine ich „Beschimpfungen“, Abgrenzung und besonders harte Bewertung anderer Frauen und bestimmt nicht einen Differenzfeminismus und die „Frau“), selbst wenn wir ein Bewusstsein dafür haben.

      Mir geht es um Gestaltungswille und der darf und sollte sich auch an dem orientieren dürfen, was schon mal (sehr kontrovers) diskutiert wurde. Gegen die internalisierte Anforderung der Alleskönnerin. Gegen die Lohnarbeit (und gegen die Hausarbeit), wie sie derzeit organisiert ist.

      Und Mitleid und ein schlechtes Gewissen haben ja viele gegenüber „Hausangestellten“. Das wird vielleicht in manchen Wohnungen mit einem guten Gehalt „abgegolten“. Aber um die Arbeitsbedingungen jener Frauen kümmern wir uns nicht. Klar, ein Satz zu diesem Thema reicht nicht. Beim nächsten Mal mehr …

  2. Endlich
    räumt mal jemand mit Quatsch „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ auf. Denn hier geht es um die Vereinbarkeit ZWEIER, meistens völlig unterschiedlicher Berufe, von denen der eine meistens ungelernt ist. (Vergleichbar wären gleichzeitige Erwerbstätigkeiten z. B. als Mikrochirurg und Presslufthandbohrer bedienender Straßenbauarbeiter.)

  3. Ich will Sie um Gottes Willen nicht an einer engagierten Debatte hindern.
    Allerdings sollte Ihnen dabei bewusst sein, dass Sie diese Debatte in einem sehr, sehr kleinen Zirkel ausschliesslich unter sich führen. Für „bezahlte und unbezahlte Arbeit radikal umverteilt“ gibt es ganz sicher zur Zeit keinen gesellschaftlichen Bedarf. Unabhängig davon, wie Sie das in einem kleinen esoterischen Zirkel sehen oder was Sie da diskutieren.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  4. Natürlich ist "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" ...
    … eine scheinheilige Floskel der Politik.
    Auf diesen Powersatz ähm Brainwash eine kluge Frau eigentlich nicht reinfallen dürfte.

    Ist sie jedoch darauf reingefallen, ist sie nicht klug; und hilft auch eine mimimi-geforderte „Radikale Umverteilung“ nicht. Wie ein Herr Haupts auf seine unnahchahmlich technokratisch-barsche Art sagt: Es gibt keinen Bedarf, basta.

    Natürlich nicht. Läuft doch alles bestens für die meisten.
    Diejenigen aber, die sich idealistischerweise einen abhobeln und sich ausgenutzt fühlen:
    Macht es dann halt einfach nicht.

    Seid dann halt einfach nicht stolz darauf, dass ihr das alles „wuppen“ könnt, aber dann zuhause im stillen Kämmerlein dennoch wütend seid. Hört mit dieser Schizophrenie auf, gleichzeitig darauf stolz zu sein und sich gleichzeitig deswegen zu ärgern.

    Wischt halt mal den Boden nicht auf, macht den Dreck halt mal nicht weg. Entspannt euch, euer Mann oder eure Kinder sind keine Idioten. Macht halt einmal nicht gleichzeitig die Unersetzliche im Büro. Und schaut, was dann passiert. Taten, nicht Worte! Dann werden wir sehen, ob es Bedarf gibt. Nicht wahr, Herr Haupts.

    Mit Reden – und dennoch weiterwursteln wie bisher – sieht man jedoch: gar nichts.
    Mit darüber Bloggen auch nicht. Ist nur Reden mit bezahlten Mitteln. (Zumindest auf der FAZ)

    • Dann werden wir sehen, ob es Bedarf gibt. Nicht wahr, Herr Haupts.
      Yes Madam. Sehr vernünftige Empfehlung. Und ob Sie es glauben oder nicht – ich kann meinen Dreck auch alleine wegmachen und habe das auch für zwei Jahrzehnte einwandfrei bewältigt.

      Ansonsten kann ich Ihre Emfehlung nur vorbehaltlos unterstützen. An alle veränderungswütigen Frauen: Nicht labern, machen. Und den unvermeidlichen Preis dann auch freudig bezahlen. Es gibt keinen schmerzfreien Weg ins Paradies auf Erden, es gibt nicht einmal das Paradies und es wird es auch nie geben.

      Schenkt Euch die gesellschaftliche Debatte bzw. das irreale Verlangen danach. Das wird (zur Zeit) eine reine Inzuchtveranstaltung.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Ich fürchte, an einer gesamtgesellschaftlichen Debatte ...
      … kommt man trotzdem nicht vorbei.

      Grund und Hintergrund:
      Es ist immer noch die gönnerhafte Einstellung verbreitet: Sie darf sich schon gerne draußen emanzipieren, aber zuhause darf es dennoch an nichts fehlen.

      Genau das ist das scheinheilige Bekenntnis vieler Herren und Herren Politiker (auch Dame von der Leyen tickt so) zur Emanzipation. Sie haben ihren guten Willen gezeigt und damit bewiesen, dass sie nicht von gestern sind, faktisch aber stellen sie den Frauen mit ihrer Bequemlichkeitsforderung: ‚Alles soll so bleiben, wie es ist Abendbrot wie immer um 17 Uhr und ganz doll Hausaufgaben machen mit den Kindern‘ aber ein übles Bein. Viele Frauen nehmen diese Blutgrätsche auch noch an und hinterfragen solche scheinheiligen Blödsinnsforderungen immer noch nicht genug.

      Es GIBT den allgegenwärtigen Sexismus im Alltag. Den muss man beschreiben und thematisieren. Man darf nicht aufhören damit. Nur weiß ich nicht, ob dies so gut im Netz gelingen wird. Im Netz der puristischen Liberalen, der Ultras, der Maskulinos und sonstiger extremer oder hochunzufriedener Gestalten wird ein übler, unsympathischer Hickhack draus.

      Empfehle engagierten Damen, den Weg ins echte Leben zu suchen und da, wo normalere, weniger extreme Leute sich austauschen, ihren Punkt zu machen. Den Punkt selbst, den gibt es ja. Aber hier gibt es nichts zu sehen, gehen Sie bitte weiter.

    • Dreck wegmachen
      Glückwunsch zu Ihrer haushälterischen Selbstversorgung. Von Care-Arbeit ist das aber noch sehr weit weg. Das ließe sich beheben. Nehmen Sich sich doch einfach einen Nachmittag in der Woche und widmen ihn einer Familie, die mit Arbeit, Kinderversorgung und Alltag nicht mehr klar kommt. Machen Sie zum Beispiel mit den Kindern Hausaufgaben, denn in der Tat: einen guten Teil der Bildungsarbeit delegieren die Schulen inzwischen an die Eltern. Oder kochen Sie doch mal für die Familie – das macht Spaß, und man wird es Ihnen danken. Oder fahren Sie eine alte Lady zur Krankengymnastik. Irgendwas Nützliches, anstatt hier immer in esoterischen Foren zu kommentieren.

    • gesamtgesellschaftliche Debatte
      Im echten Leben könnte man/frau zum Beispiel folgendes machen: Zum Arbeitgeber gehen und sagen, so, von jetzt an werde ich einen Nachmittag in der Woche – meinetwegen ab 16 Uhr – nicht für Sie zur Verfügung stehen, und auch sonst in den frühen Abendstunden nicht. Im echten Leben könnte frau zum hart arbeitenden Mann gehen und sagen, so, von jetzt an bist Du einen Nachmittag in der Woche – meinetwegen ab 16 Uhr – zuhause, egal was Chefs und Kollegen sagen, und Du nimmst für unser Baby Elternzeit, auch wenn das der Karriere schadet und Deine Kumpels Dich für ein Weichei halten.
      Allerdings wäre es für solche riskanten Aktionen ganz hilfreich, wenn eine gesamtgesellschaftliche Debatte darüber im Gang wäre, dass das Sinn macht und am Ende des Tages für alle gut ist. Vielleicht könnte sogar eine Bewegung entstehen, die bisher unbehelligte und nicht unter Überlastung leidende Menschen wie unseren lieben Herrn Haupts dazu motiviert, einen wöchentlichen Nachmittag ihrer egoistischen Existenz der Care-Arbeit für andere zu widmen.

      Ich finde das Forum hier übrigens gerade gut für solche Debatten. Die Maskolinos und Extremisten rennen ja auch im echten Leben überall herum. Hier im Netz kann man kontrollierter damit umgehen als in face-to-face Interaktionen.

    • Na dann diskutieren Sie schön mit den Maskolinos und Extremisten.
      Es wird Ihnen Freude machen und schadet niemandem, ist nur sinnlos. Wer das Gespräch mit dem eigenen Mann für eine riskante Aktion hält, die glaubt auch, dass Blogkommentatoren kleine Kinder fressen.

      Einen schönen Tag wünscht,
      Thorsten Haupts

    • Netzdiskussionen. Schöne Idee ...
      … und was davon übrig ist:

      Kleines Studiendesign:
      In zwei anderen Blogs diskutiere ich bereits mit einem männlichen Nickname. Ging nicht anders, der Ton war sowas von rau oder gönnerhaft (gönnerhaft war manchmal noch schlimmer). Unerträglich. Jetzt sag ich das Gleiche als Mann und: alles wunderbar. Das zu Netzdiskussionen.

      Daher glaub ich nicht an sie. Sondern glaube an das echte Leben, in dem es noch soziale Regeln des Miteinander gibt und die heißen Respekt (und nicht anonymes Netz-Gehetze).

      Witzigerweise bin ich mit Herrn Haupts jetzt mal einer Meinung:
      Wer im echten Leben Angst hat, seinem eigenen Mann und seinen Kindern mal etwas abzuverlangen, aber im Netz diesen irrwitzigen Hazardeur-Mut hat, sich Twitterschlachten mit erwiesenen Saukerlen zu liefern, das ist schon mehr als merkwürdig.

    • Liebe Frau Gräbel,

      Sie haben ja in Ihrem zweiten Beitrag nun doch eine Lanze für eine Debatte gebrochen, um Sexismus im Alltag zu entlarven. Mir ist bei Ihrer ersten Antwort aber noch ein anderer Grund klar geworden, warum wir eher mehr als weniger debattieren sollten; denn diese erste Antwort gestern lässt sich als Plädoyer zur Selbstoptimierung lesen, auch wenn es hier vor allem darum geht, Dinge _nicht_ zu tun: den Boden doch mal nicht wischen, sich nicht aufzuregen, nicht die Unersetzliche machen. Dann geht das schon.

      Schon ist jede Basis für Kritik weggeredet; denn es gibt ja gar keine problematischen Erwartungen von anderen. Das Problem besteht doch nur darin, dass sich ein paar Unverbesserliche Idealistinnen nicht an die Bedingungen anpassen können oder wollen. Und sich dabei auf Ideale berufen. Das ist nicht klug – und wer will schon gerne dumm erscheinen?

      Dieser „Trick“ funktioniert auch in anderen Fällen: Jemand kritisiert Projektarbeit in einer Firma, weil das in Kombination mit hohem Konkurrenzdruck dazu führt, dass zahllose Überstunden geleistet werden? Soll er es doch als Chance sehen, Prioritäten setzen zu lernen! Jemand kritisiert die Arbeitsmoral in einer Firma, in der etliche MitarbeiterInnen innerlich gekündigt haben? Soll er es doch als Chance sehen, sich für höhere Aufgaben zu empfehlen. Jemand kritisiert, dass in Zeiten des Handys Verabredungen erst fünf Minuten vorher festgezurrt werden? Soll er doch innerlich flexibler werden, das ist ohnehin eine gute Übung.

      Der Verweis auf das echte Leben überzeugt mich genauso wenig wie das Selbstoptimierungsargument – niemand hier weiß, wie mutig das Gegenüber im echten Leben ist, aber auch hier gilt, dass der individuelle Mut helfen mag, es für Einzelne besser zu machen, aber seine An- oder Abwesenheit ändert nichts am eigentlichen Problem. Und das besteht nicht nur darin, dass es diese Erwartungshaltung, um 5 müsse trotzdem das Essen auf dem Tisch stehen, unabhängig von der eigenen Selbstoptimierung gibt. Ähnliches gilt auch für die Erwartungshaltungen an „gute“ Eltern. Es gibt ganz viele dieser Erwartungen und überkommenen Bilder, deren gleichzeitige Erfüllung nicht in ein einzelnes Leben zu packen ist.

      Bevor wir uns durch Entspannung im liegenden Kaktus in das Gegebene hineinoptimieren, könnte man ja – so man eine Debatte will – durchaus darüber streiten, welche Lösungen es denn auch in der außerhäuslichen Sphäre jenseits des Etablierten noch so gibt. Wem die Rede von radikalem Umdenken des Verhältnisses von unbezahlter und bezahlter Arbeit zu radikal ist: Man kann ja auch ganz vorsichtig mit der Bemerkung anfangen, dass es Länder gibt, in denen es völlig selbstverständlich ist, dass beide Elternteile in den ersten Jahren 80% arbeiten. Und sich fragen, ob das nur daran liegt, dass die Individuen sich dort besser von überzogenen Idealen frei machen können, oder mutiger sind, oder ob es nicht auch strukturelle Gründe gibt, warum das dort (meiner Meinung nach: besser) funktioniert.

      Zur Internetdebatte: Vielleicht gibt es Situationen, in denen wir wirklich sagen müssen, wir seien Hausfrauen, egal, ob wir welche sind oder nicht. Einfach um durch beständige kleine Irritationen etwas zu verändern. Ganz bestimmt aber gibt es Situationen, in denen wir nicht versuchen sollten, von allen für klug gehalten zu werden; denn wenn das bedeutet, gar kein Problem haben zu dürfen, dann wäre das höchst unklug.

    • Debatte ja, aber im Netz nicht zu machen, sondern muss auf Print-Füße
      Warum:
      Der und die Normalo geht im Netz … shoppen.
      Ab und an liest er auf seiner App … die Headlines. (Überspitzt, aber kommt hin)

      Wer undifferenziert glaubt, dass im Netz doch inzwischen „alle“ seine:
      Ab und zu in der AGOF stöbern schadet nicht, damit man endlich checkt, wer warum im Netz unterwegs ist.

      Diese Gender-Netzdebatten liest von den Normalos ein Mini-Bruchteil, fast gar niemand
      Aber diese Nischenextremos, die lesen das. Und glauben mit Gebashe ihr Ding zu machen. Und sowas nennen dann Gender-Feministinnen Netzdebatte? Und werfen sich in die Schlacht? Unklug, wenig erfolgreich, zudem führt es zu Radikalisierungen auch im eigenen Kopf. Es macht was mit einem.

      Auch die oft recht scharfen und nach allen linken und rechten Extremecken offenen Online-FAZ-Kommentatoren darf man nicht mit konservativ-seriösen Print-FAZ-Lesern verwechseln.

    • @ Hella Dietz
      Da ist ein Denkfehler drin:
      Man verändert nichts durch Irritationen. You made my day.

      Zu sanft, zu vieldeutig,
      Man verändert durch Tun. Reden und Debattieren ist nicht Tun.

      Und die anderen Sachen:
      Der Verweis auf das echte Leben mag Sie als Idealistin nicht überzeugen.
      Doch darin muss man sich halt zurechtfinden.
      Man muss begreifen, dass wer nur mimimi debattiert wenn der Christbaum brennt, man sich nur lächerlich macht. Wer einen Kübel Wasser drüber gießt, hat es schon besser begriffen.

      Kritik üben im Beruf:
      Immer nur dann, wenn man die Alternative weiß. Es hilft nicht viel, an irgendwelchen Zuständen herumzulabern. Man muss aufzeigen, wie denn die bessere/geschicktere Lösung aussehen soll. Sonst haben das Chefs, auch weibliche Chefs nicht so gerne.

      Und von Selbstoptimierung halte ich: gar nichts.
      Selbstoptimierer haben immer so was Anstrengendes am Leib. Nie zufrieden, nie mit wachen Augen nach außen gerichtet, sondern nach innen. Habe nichts gegen ein wenig Introspektion ab und an.

    • Verehrte Frau Dietz, sich auf Ideale berufen ist das eine, etwas ohne Begründung fordern
      das andere. Der Blogeintrag gab den Ton vor: „die Ungleichheit, die Frauen in der kapitalistischen Arbeitsteilung erfahren, zu kritisieren“ und „die bezahlte und unbezahlte Arbeit radikal umverteilt dachten“.

      Ich mach das jetzt mal ganz vorsichtig: Wer steile Thesen aufstellt, dessen Grundlagen an Fakten sollten wenigstens stimmen. Hier stimmen sie vorne und hinten nicht. Erstens ist diue noch bestehende Ungleichheit von Frauen absolut keine Frage der kapitalistischen Arbeitsteilung, jedes bessere historische Buch über das Mittelalter oder das alte Ägypten würde die These konterkarieren. Zweitens ist die „unbezahlte“ Arbeit, soweit sie Kinder betrifft, eben genau keine Arbeit – andernfalls gäbe es eine (gesetzliche oder faktische) Frauenpflicht zum Kinderkriegen oder einer äquivalenten Tätigkeit. Drittens ist die Ungleichheit keineswegs einseitig – bisher zumindest leisten Männer auch in westlichen Industriestaaten immer noch 90% der richtig schmutzigen (Müllmänner, Kanalreiniger, Ölplattformarbeiter) oder per se lebensgefährlichen Jobs (Soldat, Polizist, Feuerwehrmann) – und das auch aufgrund völlig freier Berufs(nicht)wahl von Frauen.

      Idealismus sollte ebenfalls ein wenig Bodenhaftung haben: „Statt diesem Imperativ der Arbeit hinterher zu hecheln …“ Sorry, aber bisher können wir nicht automatisch Energie in Materie umwandeln bzw. anfallende lebensnotwendige Arbeit (Erzeugung von Gütern) Robotern überlassen. Und solange gibt es keinen Imperativ der Arbeit, sondern einen Imperativ des Überlebens, der zum Arbeiten zwingt.
      Um es radikal zu vereinfachen: Wir hätten noch immer eine überlebensfähige Gesellschaft (wenn auch keine schöne), gäbe es keine Fürsorge. Wir würden nicht mehr existieren, gäbe es nur noch Fürsorge.

      Last but not least – und das ist natürlich eine Einschätzungsfrage – ärgert mich an bisher fast allen Beiträgen dieses Blogs (Ihren ausgenommen) deren Gedanken- und Arbeitsarmut. Die Beiträge sind aus bekannten Versatzstücken einschlägiger Diskurse ohne Hinzufügen eigenen Denkens zusammengeklebt. Bei Themen, die mich interessieren, bräuchte ich dafür maximal eine halbe Stunde. Und das ist – neben der nachfolgenden Nichtbeteiligung – Missachtung des/der Leser/in und Kommentators/in.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Und so dolle finde ich das auch nicht, dass ...
      „… dass beide Elternteile in den ersten Jahren 80% arbeiten.“

      Wem soll das nützen außer der Industrie, die damit über einen Arbeitsmarkt von vielen vielen jungen Manderln und jetzt auch Weiberln („industrielle Reservearmee“ hieß das früher) verfügen kann. Dann wenn sie für die Arbeitgeber am attraktivsten sind, nämlich jung, ehrgeizig, dauer-selbstoptimierend und dadurch die Löhne sensationell niedrig halten kann.

      Schon mal darüber nachgedacht, dass das eine Falle ist?

    • Vom Reden und Tun
      Dass Reden nicht Tun ist, das kann man zumindest in dieser Allgemeinheit bezweifeln. Es gibt so etwas wie performative Handlungen. Zum Beispiel ist man verheiratet, wenn es der Standesbeamte _sagt_, die Urkunde ist nur die Bestätigung dieser Sprechhandlung.

      Sich Hausfrau nennen ist nicht dieselbe Art von Tun; denn man wird dadurch ja nicht allerhöchstens für einen kleinen Moment in den Augen der anderen zur Hausfrau. Aber wenn es in einem Umfeld geäußert wird, wo das jemanden irritiert, kann das durchaus dazu führen, dass jemand beginnt, nachzudenken. Ist ihnen das zu wenig?

      Als Ziel wäre mir das auch zu wenig. Und ich halte es persönlich – wie an dem 80%-Verweis deutlich geworden sein dürfte – auch eher mit ganz pragmatischen Forderungen. Aber aus meinem echten Leben weiß ich, dass es schon recht viel ist, wenn man es schafft, Leute zum Nachdenken zu bewegen.

      Zum echten Leben: Den Christbaum erst löschen, zugestanden. Aber manchmal bringt es etwas, sich zu fragen, warum der dauernd in Flammen aufgeht ;-), statt nur darüber nachzudenken, wie ich ihn besser und schneller löschen kann.

    • Vom Überleben und vom Überdenken
      Sehr geehrter Herr Haupts,

      zur Geschichte der Arbeitsverhältnisse gäbe es viel zu sagen, das ist für meine Antwort ein zu weites Feld, aber vielleicht ein gutes Thema für einen Blogbeitrag.

      Zur Forderung nach radikalem Umdenken, nun ja, dazu schreiben Sie doch selbst: Wir müssen arbeiten. Wir könnten auch anders leben (ohne Fürsorge). Zwischen „arbeiten müssen“ und „so wie bisher weiter machen“ gibt es aber viele Möglichkeiten, Dinge anders zu machen (sic!). Wem der Vorschlag von Mascha zu fundamental war, den wird vermutlich auch die Replik, es müsse nun einmal so sein wie es ist, nicht recht überzeugen.

      Ich jedenfalls halte es lieber mit Musils Möglichkeitssinn.

      Gruss
      Hella Dietz

    • Arbeit
      Auch die unbezahlte Arbeit mit Kindern ist selbstverständlich Arbeit (= Kraft mal Weg), sie ist allerdings keine Erwerbstätigkeit – es wird höchste Zeit, dass diese beiden Begriffe endlich separat und nicht weiter als Synonyme verwendet werden!

  5. weiter !
    mascha jacobs! vielen dank für diesen text. eine fantastische vorlage: die diskussion darüber, was heute arbeit ist und gesellschaftlich als arbeit akzeptiert werden sollte, muss unbedingt geführt werden. um jedoch nicht an den dichotomien der 1970er kleben zu bleiben, schlagen wir vor, fürsorgearbeit weiter zu denken, nicht allein die mutter-kind oder vater-mutter-kind beziehung, also die kleinfamilie, sondern auch fürsorge, die in ehrenamtlichen tätigkeiten oder in miserabel bezahlten crowd-sourcing jobs am bildschirm ausgeübt wird, zu berücksichtigen, wenn es darum geht, die gesellschaftliche vorstellung von arbeit zu erweitern. nicht nur erwerbsarbeit ist arbeit. dann gibt es diejenigen, die mehr als einer lohnarbeit nachgehen, die in der u-bahn am mobiltelefon mit anderen darüber sprechen wie es ist, mehr als einen minijob zu haben. diese frauen gibt es auch. sobald in der polarität berufstätiger mann versus hausarbeit verrichtende frau argumentiert wird, geht die argumentation mehr auf abgrenzung ein als auf produktive schnittmengen. der blick sollte von allen seiten auf die zu erledigende fürsorgearbeit gelenkt werden. und noch ein aspekt könnte bei der diskussion über arbeit heute in der westlichen wohlstandsgesellschaft mit mehr aufmerksamkeit beachtet werden – wie viele CVs haben lücken, wie oft folgt auf eine mehrjährige festanstellung mit haut und haaren ein (ungewolltes) sabbatical. die anschlüsse und übergänge verlaufen nicht automatisch nahtlos und intensive vollbeschäftigung fordert ihr ruhepäuschen.
    zunächst scheint es ganz eingängig im sinne popkultureller praxis, sich etwas anzueignen, wie hier das hausfrau sein. aber erzeugt die aktive und öffentliche selbstbezeichnung als hausfrau nicht mehr exklusion als eigentlich beabsichtigt ist? wird der hausmann, der hausarbeit macht, dann nicht zum exoten? was passiert mit den paaren, die sich längst um geteilte arbeit bemühen und damit auch ziemlich weit gekommen sind?
    an welchen diskurs will man sich anschließen. nicht an die us-amerikaner mit ihren vielen mom-spezifizierungen. soccer mom, stage mom, architecture mom. fran lebowitz hatte schon recht, wenn sie zuspitzt, was von überambitionierten, kompetitiven müttern zu halten ist. doch das ist eine andere diskussion, die von erfolg erzählt, der auf eine disziplinierende erziehung folgen mag. zuletzt schrieb die tiger mom ihr rezept auf. warum richtet sich das elterngeld nach dem einkommen, das eine person mit der lohnarbeit verdient hat? warum bekommen nicht alle für die gleiche arbeit einen vergleichbaren lohn?
    vielen dank auch für das alarmzeichen, mascha jacobs. es ist so: wenn jetzt nicht umgedacht wird, wie wir leben wollen und wie wir vergemeinschaften wollen, dann wird es in dreißig jahren für viele richtig prekär. das werden nicht nur frauen sein.

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