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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Rettet das Frankfurter Archiv Frau und Musik!

| 8 Lesermeinungen

Warum die wichtigste deutsche Bibliothek zum Musikschaffen von Frauen nicht aus dem Musikleben verschwinden darf.

Worum es geht? Sehr einfach: Es geht um die Frage, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Wenn wir wollen, dass sich die Gesellschaft verändert, dann müssen wir (Sie und ich, hier und jetzt) etwas tun, um sie zu verändern, und zwar mit den Mitteln der Aufklärung. Bibliotheken gehören zu diesen Mitteln. Sie sind ein unverzichtbarer Teil des Rechts auf Bildung und Partizipation. Sie sind ein Ausweis, an dem sich der Zustand einer jeden Gesellschaft unmittelbar ablesen lässt. Wer Bibliotheken schließt, schließt Hirne.

Was also ist Fakt? Es waren couragierte Kulturschaffende im Umfeld von Elke Mascha Blankenburg, die 1979 das derweil in Frankfurt beheimatete, hoch angesehene Archiv Frau und Musik gegründet haben. Es zählt heute zu den wichtigsten Dokumentationsstätten der internationalen Gender-Forschung. Die Absicht dieser Gründung bestand bereits damals darin, sich nicht nur auf ein äußerliches Pari-Pari in der Aufmessung der Geschlechterverhältnisse einzulassen, sondern aufzuklären, wie unsere Gesellschaft funktioniert und wo Reibungsverluste entstehen. Es sollte herausgefunden werden, wie Systeme funktionieren, die zu den Ergebnissen führen, die wir heute haben, und was wir tun müssen, um anderen Formen der Partizipation Geltung zu verschaffen.

Begabung, so hat die Hirnforschung längst gezeigt, ist eine erste, unersetzliche Voraussetzung für eine musikalische Karriere. Ein lebenslanges Lern- und Wachstumsumfeld aber ist eine zweite, und öffentliche Wahrnehmung die dritte. Anders formuliert: Wir haben, wenn wir uns bei Wettbewerben wie „Jugend komponiert“ oder zahlreichen anderen Förderprojekten umschauen, erheblich mehr Begabungen unter Mädchen und jungen Frauen, als sich vollendende Karrieren. Die Verlustzone zwischen beiden Kurven so gering wie möglich zu halten, das muss unsere Aufgabe sein.

Die Gründung des Archivs Frau und Musik im Jahr 1979 sah sich selbst also in einer weitaus umfassenderen Aufgabenstellung als der des bloß statuarischen Sammelns und Bewahrens. Sie  leistete Aufklärungsarbeit darüber, wie wir diesen Reibungsverlusten so entgegen wirken können, dass sich Begabungspotenz und Karrierearrivanz für Frauen in der Musik in erheblich stärkerem Maße zur Überschneidung bringen lassen.

Bibliotheken gehören zu jenen unschätzbaren Orten, an denen sich Bewusstsein entzünden lässt. Wo Bücher sind, da entsteht kritisches Denken, wo der Gedanke ist, da formt sich Sprache, wo Menschen sich artikulieren, da wird ein zielgerichtetes Handeln möglich, und wo Taten sind, da eröffnet sich auch politische Gestaltungsmacht. Noten und Bücher waren schon immer Anwälte von Autonomie und Freiheit, und sie haben Eingriffe eingefordert, wie sie eben nur aus einer wirklichen Grundierung von Aufklärung kommen können. Dazu müssen Bibliotheken aber erst einmal vorhanden sein. Wer sie schließt, entmündigt seine Bürger.

Unter unschätzbarer Lebensleistung zahlreicher Engagierter, wie etwa Sigrid Ernst, Renate Matthei, Barbara Heller, Vivienne Olive, Renate Brosch oder Mary-Ellen Kitchens ist in der nun über 30-jährigen Geschichte des Frankfurter Archivs ein beispielloser Fundus an Dokumenten zum Musikschaffen von Frauen zusammen gekommen. Diesen einmalige Ort, an dem Bewusstsein geschaffen und neu verortet wird, möchte die Stadt Frankfurt nun komplett aus ihrer Förderung entlassen.

 

Aktuelle Informationen zum Archiv und zur drohenden Schließung: http://www.archiv-frau-musik.de/cms/

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8 Lesermeinungen

  1. Schaun mer mal,
    wie es lange es dieses Mal dauert, bis der Großsubventionator Haupts hier wieder seine flächendeckenden Bekanntheitsgradförderstreicheleinheiten an die armen Schneckchen verteilt…

    Zum Thema: Wie ist’s denn um den schnöden Mammon bestellt? Wie also wurde diese Einrichtung anfangs, im Laufe der Zeit & wie wird sie jetzt finanziert? Wie hoch war/ist der städtische Anteil? Was passiert nach einer Schließung: Da wir Bücherverbrennungen ausschließen können, muss irgendjemand den Bestand/die Bestände übernehmen. Welche bereits vorhandenen Institutionen kommen/kämen in Betracht? Handelt es sich dabei um Örtliches oder ist ein Umzug (z. B. nach Leipzig) nötig?

    • Ich wurde gerufen? Mann soll ja heutzutage sensibel sein,
      also werfe ich erst mal die höfliche Frage ab: War das eine Aufforderung zum Spielen?

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  2. wiebitte?
    Das „…hoch angesehene Archiv Frau und Musik“.
    Hm. Ich bin seit 1960 aktiv mit Musik verbunden, ich lebe davon, interessiere mich auch privat dafür und kenn‘ mich auch ein wenig aus, von der Renaissance-Musik bis Charles Mingus.
    Vom „Archiv Frau und Musik“ hab‘ ich noch nie gehört …und solch Genderzeugs auch noch nie vermisst.

    • Sie haben da was nicht verstanden, ich erklär´s Ihnen mal:
      §1 Wo Frauen erfolgreich sind, verdanken sie das übermenschlicher eigener Leistung
      §2 Wo Frauen nicht erfolgreich sind, verdanken sie das frauenfeindlichen, patriarchalen und sexistischen Strukturen
      §3 Es muss es ausschliesslich Frauenförderung gewidmete Institutionen in allen Lebensbereichen geben, solange, bis Frauen ihre natürliche Erfolgsrate erreicht haben. Worin diese besteht, wird von frauenbewegten Frauen definiert
      §4 Welche Institutionen das sind und womit diese sich befassen, wird ausschliesslich von frauenbewegten Frauen entschieden
      §5 Bevor Frauen in jedweder Tätigkeit nicht die 50% Marke in Managementfunktionen jeder Art erreicht haben, gelten §2 ff. Ausgenommen davon sind alle gefährlichen oder besonders körperlich anstrengenden Tätigkeiten. Anmerkung: Paragraph ist dringend zu überprüfen, da Frauen nachweislich prinzipiell fähiger als Männer sind, müssen die 50% perspektivisch gegen >75% ausgetauscht werden, natürlich bleibt bis dahin §2 gültig

      Deshalb ist es vollkommen glichgültig, ob SIE das Archiv kennen. Es dient ausschliesslich der irgendwie definierten Frauenförderung (im Blogbeitrag explizit genannt: des Frauendenkens) und muss deshalb öffentlich gefördert werden. Jetzt klar?

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Na also: Geht doch!
      Zwar mit erheblicher Zeitverzögerung, aber immerhin:“…muss deshalb öffentlich gefördert werden.“ – was Sie damit in bewährter Weise wiederum getan haben.

  3. Öffnungszeiten
    War gerade mal auf der Webseite von dem genannten Archiv:

    Öffnungszeiten
    Mo – Do: 10 – 15 Uhr
    Fr: 10 – 13 Uhr

    (oder nach Vereinbarung)

    Bitte melden Sie Ihren Besuch vorher telefonisch an!

    Über dem ganzen steht groß: Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

    Bei solchen Öffnungszeiten glaube ich so einem Satz nicht. Läuft das ganze ehrenamtlich oder wie kommt man auf solche Zeiten?

  4. Nischen-Archive
    Wenn wir etwas an der unglaublichen Verschleuderung der Talente von Frauen ändern wollen, sollten wir in der Tat möglichst genau und präzise analysieren, wie im kulturellen Feld Begabungen zum Scheitern gebracht wurden und immer noch werden und wie Innovation verhindert wird. Das betrifft vor allem, aber nicht nur Frauen; es betrifft alle, die nicht ins System passen, nicht die Netzwerke und den Stallgeruch haben, die nicht die gängigen Mechanismen bedienen etc. pp.
    Vielleicht ist ein Frauen-Archiv für solche Analysen wirklich nicht der richtige Ort, bzw. ein Anachronismus angesichts einer Geschlechterforschung, die sich längst weiterentwickelt hat und Geschlechterverhältnisse intersektional betrachtet? Vielleicht wäre es gar nicht ein Nachteil, die Bestände dieses Archivs in einen breiteren Kontext zu stellen?
    Und was die Lebensleistung dieser Frauen angeht, die ich keinesfalls kleinreden will: Solange das von ihnen gesammelte Material weiter lebt und nicht einfach kaputt gemacht wird, gibt es keinen Grund, eine Institution einfach nur um ihrer selbst willen, als Tempel für die Sammlerinnen, zu erhalten. Da müssen schon bessere Argumente gefunden werden.

    Die Leute, die allerdings meinen, ohne „Genderzeugs“ Musikgeschichte betreiben zu können, sollten wir getrost ignorieren. Schließlich gehört es seit jeher zu den Strategien der Unbegabten, die Innovation verhindern wollen, die Begabten und Innovativen dadurch zu schwächen, dass ihnen fruchtlose Diskussionen um veraltete Standpunkte aufgezwungen werden.

    • " ... die Begabten und Innovativen ... " Seufz. Beweis durch Behauptung?
      Ich wirklich gerne mit Begabten. Also nicht mit Ihnen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

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