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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Neu im Kino: Frauen, die mit Frauen nicht über Männer reden

| 9 Lesermeinungen

Frauen, die mit Frauen, aber nicht über Männer reden – ein seltenes Phänomen. Zumindest im Kino. Der Bechdel-Test ist ein lustiges und deprimierendes Instrument, um Geschlechterpolitik auf der Leinwand zu analysieren. Die Schweden nehmen das jetzt ernst.

Die spinnen, die Schweden. Bekanntermaßen. Sie haben ein geschlechtsneutrales Personalpronomen eingeführt, die Prostitution verboten, sie bezahlen ihren Künstlern Ausstellungshonorare. Und jetzt wollen sie auch noch Filme nach feministischen Kriterien bewerten.

Was ein paar schwedische Kinos kürzlich eingeführt haben, ist ein Film-Qualitäts-Rating, das die Partizipation von Frauen als Kriterium vorschlägt: wer ein „A-Prädikat“ bekommen will, muss den sogenannten „Bechdel-Test“ bestehen, benannt nach der amerikanischen Comic-Zeichnerin Alison Bechdel. Die Anforderungen dafür sind recht minimal: in einem Film müssen 1. mindestens zwei Frauen vorkommen, die 2. mindestens einmal miteinander reden und zwar 3. nicht über einen Mann.

Klingt unspektakulär? Zwei Frauen in einem Cast von normalerweise mehreren Dutzend Figuren? Die miteinander reden, wie es echte Menschen so zu tun pflegen? Ist es auch. Und war natürlich auch irgendwie ironisch gemeint – die „Regel“ taucht erstmals 1985 in Bechdels Kult-Comic „Dykes to watch out for“ auf, in einer Szene, in der sich zwei Lesben über ihre Filmpräferenzen und über „Alien“ unterhalten – eine lustige kleine Randnotiz aus dem Abseits, über Frauen, die Frauen mögen und auch ab und an gerne im Kino sehen würden. Alles eher witzig. Ein nettes Gesellschaftsspiel für Kino-Abende mit Freunden. Bloß: fängt man an, dieses Spiel zu spielen, wird unheimlich schnell klar, wie viele Filme den Test nicht bestehen: Die Bourne Identität, Fluch der Karibik 1-3, Slumdog Millionaire, Shrek, When Harry met Sally, so gut wie alle Harry-Potter-Filme und fast alles mit Tom Cruise… Und es sind nicht nur die Mehrzahl der Blockbuster eines jeden Jahrgangs, sondern mit schöner Regelmäßigkeit auch die Mehrheit der Oscar-nominierten Filme.

Nicht, dass der Bechdel-Test ein Ausweis für gute oder auch nur besonders frauenfreundliche Filme wäre. Es gibt jede Menge doofer und stereotyper Filme, die ihn bestehen. Etwa Cheerleader Filme: da sprechen die Mädels zwar ausdauernd miteinander, ob aber Maniküren, Pompons und Zickenkrieg als Themen wirklich erfreulicher sind als Diskussionen über Sex und Männer lässt sich bezweifeln. Oder das ganze Horrorfilm-Genre, das den Test mit auffälliger Regelmäßigkeit besteht. Aber weisen Frauen, die miteinander über Fluchtpläne und den Erhalt ihrer Gliedmaßen debattieren, bevor sie von (männlichen) Sadisten entleibt werden, wirklich den richtigen Weg in eine geschlechtergerechtere Zukunft?

Wahrscheinlich nicht. Für die Tatsache, dass Frauen im Film mit erdrückender Häufigkeit nur spezifisch auf Männer ausgerichtete Nebenrollen (die Geliebte, die Ehefrau, die Mutter) bekommen, ist der Bechdel-Test trotzdem ein ganz guter Augenöffner. Und zwar vom Hollywood Mainstream mit seinen Actionhelden, die kurzzeitig in die (nackten) Arme ihrer Geliebten zurückkehren, seinen pubertierenden männlichen Teenagern und seinen romantischen Komödien, in denen weibliche Hauptfiguren sich mit ihren Freundinnen ausgiebig und ausschließlich über ihn unterhalten, bis hin zum ambitionierten europäischen Arthouse-Film mit seinen gequälten Künstler-Typen und ihren schönen Geliebten. Selbst die in letzten Jahren vermehrt erfolgte Aufnahme von Actionheldinnen ins filmische Repertoire, die man durchaus positiv vermelden könnte – klar, Angelina Jolie trägt meistens hautenge Kostüme, absolviert Verfolgungsjagden auch mal in Absätzen und setzt sich mit viel Sex-Appeal gegen Bösewichte durch, aber immerhin: sie verprügelt die Typen auf Augenhöhe – führt nicht zu einem Bestehen des Bechdel-Tests, dem ja eine einzelne Frau in einer weiterhin männlichen Welt nicht genügt.

Warum das alles überhaupt ein Problem ist? Abgesehen davon, dass es mehr männliche als weibliche Schauspieler in Lohn und Brot hält (aber das tut jedes Provinztheater mit klassischem Repertoire auch)? Nun, sagen wir mal: weil uns jeden Tag mehr real handelnde Frauen in der U-Bahn begegnen als in einem durchschnittlichen Kinofilm. Und weil die routinemäßige Herabstufung von Frauen zum Sidekick für  männliche Helden selbst gemessen an unserer Realität, die von Gleichberechtigung auch schon ein ganzes Weilchen erfolglos träumt, archaisch anmutet.

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9 Lesermeinungen

  1. Hey!
    Meine Lieblingsfilme sind: „About a Boy“ und „Schokolade zum Frühstück“.

    Kisses!

  2. Ernsthafter
    Im Drama gibt es meist die besseren Frauenfiguren. Ich höre das von Schauspielern immer wieder, dass männliche Protagonisten sehr oft weniger komplex und interessant gezeichnet sind als Frauen. Das deckt sich auch mit meiner Wahrnehmung.
    Schiller, Ibsen, Tschechow, Hauptmann, Strindberg, Anouilh usw. Bei antiken griechischen Stücken aber auch neuerer Theaterliteratur ist das ebenso zu konstatieren.
    Davon unabhängig werden Männer – ebenso wie Frauen – auch sehr häufig klischeehaft und schlicht dargestellt. Letztlich ist es vermutlich eine Sache der Qualität.
    Der Feminismus bietet BEIDEN Geschlechtern die Möglichkeit, sich von Nonsense zu lösen.
    Ich gehöre nicht zu denen, die ein drittes Geschlecht wünschen und bevorzuge Gegensätzlichkeit auf hohem Niveau.

    „Der gequälte Arthouse-Typ mit der schönen Geliebten“, da ist was dran.
    Mann und Frau ein ewig Reigen.

    (PS: Fassen Sie bitte die „Anschubfinanzierung“ eines anderen Blogs nicht entmutigend auf.
    Vieles da ist Muppet Show oder böse Satire mit einer Prise Wahrheit.)

    • Titel eingeben
      Interessanter Punkt, leuchtet mir ein – qualitativ sind natürlich viele der klassischen Frauenfiguren im Theater sehr gut. Aber quantitativ gibt es doch immer viel weniger weibliche Rollen als männliche, auch im Theater, oder nicht?
      Und völlig d’accord: es gibt auch ein sehr großes Repertoire an stumpfen, uninteressanten Männerrollen, das kann glaube ich niemand bestreiten, der schon mal im Kino war…

    • ...
      Das weiß ich nicht. Ich vermute auch eine kleinere Quantität; beim Theater jedoch weniger als beim Film.
      „Sue. Eine Frau in New York“ von A. Kollek oder „Eine Frau unter Einfluß“ von J. Cassavettes – solange der Nachschub an solchen Meisterwerken nicht nachlässt, bin ich guter Dinge.
      Es hat sich sehr viel getan in den letzten Jahren und Jahrzehnten und das sollte und darf auch nicht nachlassen.

  3. Heulen kann jede
    Vielleicht gibt es im Drama die komplexeren Frauenfiguren, aber dafür müssen sie auf der Bühne überproportial viel heulen. Ich habe neulich eine urkomische Performance von der Komikerin Vanessa Stern zu dem Thema gesehen. Sie hat in Berlin ein Krisenzentrum für weibliche Komik gegründet, untersucht dort unter anderem die zum Heulen gezwungenen dramatischen Frauenrollen und bringt ihre Ergebnisse mit so viel Witz auf die Bühne, dass man Tränen lacht. Interessanterweise hat sich das Spektrum an Frauenrollen (jedenfalls was die Heulerei anbelangt) im Laufe der Zeit kaum verändert.

    http://www.heulenkannjede.de/index.php?/ongoing/krisenzentrum/

    • ...
      Kleinkunst. Und die sich die Haare raufende Diva, die auf dem Boden kniet, ihr Schicksal beklagend. Ich bitte Sie.
      Ja, von da nach dort ist es ein Katzensprung.

    • Kleinkunst - Großkunst
      ach, auf die Kleinkunst lass ich jetzt nichts kommen, wo wir gerade festgestellt haben, dass die Großkunst auch nicht immer so doll ist…

    • ...
      Schöne Antwort. Sie hat auch ein Erinnerung geweckt an mein feministisches Erweckungserlebnis.
      „Groß und Klein“ mit Edith Clever in Berlin. Das ist sehr lange her. Ich war so beeindruckt, dass ich beschloss „irgendwas mit Kunst“ zu machen.
      Eine wahre Geschichte.

    • Schöne Geschichte!

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