Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Asylanten des Tierreichs

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Streunende Hunde leben an Orten der kippenden Ordnung. Sie bilden eine Parallelgesellschaft. Wo ihre und unsere Welt aufeinandertreffen, regieren das Vorurteil und der Hass.

Einen Müllsack im Maul schleicht ein abgemagerter Hund aus einer Seitengasse hinaus und läuft auf die Hauptstraße der Altstadt von Sarajevo. Ein unwiderstehlicher Duft muss dem Müllsack entströmen, denn das Tier macht sich, ungeachtet der zahlreichen Passanten, sofort daran, die Tüte zu zerreißen.

Die knochigen, falbenfarbigen, gelben und verschmutzten Kreaturen, die meistens im Rudel auftreten und an Stätten des Verfalls zu finden sind, prägen inzwischen das Sarajevoer Stadtbild. In Sarajevo leben 25.000 streunende Hunde. Woher sie kommen, ist unklar. Die Mehrzahl wurde von ihren Besitzern verstoßen, die sich ein Haustier einfach nicht mehr leisten konnten. Inzwischen werden Hunde aus allen Teilen Bosnien Herzegowinas nach Sarajevo gekarrt und dort ausgesetzt. Gerüchten zufolge handelt es sich dabei um eine Racheaktion der Republika Srpska-Separatisten.

Die wilden Hunde haben etwas Demütiges an sich. Den Schwanz oft eingezogen, sieht man ihnen an, dass sie hier höchstens geduldet werden. Es scheint, als versuchten sie alles daran zu setzen, nicht aufzufallen und nichts Unrechtes zu tun. Innerhalb einer Bevölkerung, die unter Armut, Arbeitslosigkeit, Korruption und wirtschaftlicher Rezession leidet, bilden sie eine Parallelgesellschaft mit eigenen Regeln und Gesetzen – einen eigenen kleinen Staat, der jedoch ausschließlich aus Asylanten besteht.

Das Problem der streunenden Hunde ist unlösbar. Tierrechtsorganisationen haben inzwischen Heime für die erkrankten Hunde eröffnet und führen Kastrationen durch. Doch von mancherlei Seite werden Forderungen nach einer „Eliminierung“ laut, und immer wieder finden von der Regierung geduldete Erschießungen auf offener Straße statt. Boris Dezulović, einer der bekanntesten kroatischen Kolumnisten schlägt jedoch einen anderen Weg vor: „Ich weiß jetzt, wie das Problem der streunenden Hunde zu lösen ist. Statt die ganzen Araber nach Sarajevo zu bringen, sollte man Vietnamesen und Chinesen herholen. Bis zum Frühling wären alle Hunde aufgegessen. Oder habt ihr etwa schon einmal ein streunendes Lamm in Sarajevo gesehen?“

Der stille Kampf der Hunde ums tägliche Überleben schreit nach Bewunderung, wären da nicht die Schauergeschichten, die von den Medien eifrig verbreitet werden: „Streunende Hunde töten vier Kängurus im Sarajevoer Zoo“, „Mann verbringt Nacht auf einem Baum auf der Flucht vor streunenden Hunden“, „Streunende Hunde zerlegen Teile eines Fahrzeugs, der Fahrer kann fliehen“, „Junges Mädchen, verfolgt von streunenden Hunden, wird in letzter Sekunde von Blumenverkäufer gerettet“.

Die Einwohner Sarajevos haben Angst. So kommt es zu grausamen Szenen. Vor kurzem machte sich eine Gruppe Jugendlicher auf, einem streunenden Hund einen Neujahrsböller ins Maul zu stecken. Blutüberströmt und mit zertrümmertem Oberkiefer ließen sie ihn danach einfach liegen. Auch keiner der vorbeigehenden Parkbesucher kümmerte sich um den sterbenden Hund, der noch tagelang vor sich hin vegetierte.

Obwohl der Fall noch nicht eingetreten ist, dass ein Hund in eine Wohnung einbricht, dass er Geldbörsen klaut, ein Haus niederbrennt, eine Bombe legt, in dunklen Gassen mit einem Messer auf Leute losgeht oder 20 Millionen aus der Staatskasse veruntreut, fürchten die Einwohner Sarajevos trotzdem nichts so sehr wie die Machenschaften streunender Hunde.

 

 

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5 Lesermeinungen

  1. Ich. Heute. 5 nach halb 3.
    Dieses 10 vor 8 entwickelt sich immer mehr zu meinem Lieblingsblog. Endgeil vielschichtige Texte gibt es hier zu lesen.

  2. ja
    und sie bellen, nein sie heulen, wenn die muezzins verstummen, aber sie beißen nicht. ach, wie wenig wir von sarajevo hören und wie schön, dass wir es hier und auf diese weise tun.

  3. Traurig
    hat es mich auch gemacht. „Neujahrsböller ins Maul stecken“, was sind das für innerlich verwahrloste Bestien, die so etwas machen.

  4. Titel eingeben
    danke für diesen Text. Berührend bedrückend.

  5. In Osteuropa nicht ungewöhnlich
    In Moskau z.B. haben Sie auch zahllose herrenlose Hunde, die in Rudeln von oft 30 Köpfen die Stadt durchstreifen. Mich hat das extrem beunruhigt, als einmal so ein Rudel vor dem Gebäude übernachtet hat, in dem ich gewohnt habe. Man weiß ja nicht, ob die nicht mal einen besoffenen Obdachlosen verspeist haben und auf den Geschmack gekommen sind…

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