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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Weihnachten in Athen

In Griechenland wird am 25. Dezember Weihnachten gefeiert. Aber die Geschenke fallen bescheiden aus. Die Krise wird zu einem Dauerzustand, während die Banken längst wieder Gewinne einfahren.

Seit Tagen ist es für griechische Verhältnisse kalt in Athen. Weil vielen das Geld für Heizöl fehlt und Hunderttausende ihre Stromrechnungen nicht mehr bezahlen können, haben nicht wenige Menschen Holzöfen in ihren Wohnungen installiert. Aus Mangel an trockenem Holz wird zu allem gegriffen, was brennbar ist. Mit dem Ergebnis, dass dichter Rauch über der Stadt liegt.

Anfang Dezember starb in Thessaloniki ein Mädchen aufgrund einer unsachgemäß angeschlossenen Heizung an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung, nachdem der Familie von der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft der Strom abgestellt worden war. Der Fall hat großes Aufsehen erregt und die Regierung veranlasst, ein paar tausend vom Netz gekappten Haushalten bis Weihnachten den Strom wieder anzustellen. Während die Krise in Griechenland in den internationalen Medien nur noch selten auftaucht, greift sie immer tiefer in die gesellschaftlichen Strukturen ein. Viele Familien leben von der Rente der ältesten Generation, für die Bildung der Kinder – traditionell ein wichtiger Posten im Familienbudget – ist immer weniger Geld da. Schulen werden geschlossen, Klassen zusammengelegt und Lehrer gezwungen, in mehreren, oft weit voneinander entfernten Schulen zu unterrichten. Seit 2009 sind in Griechenland die Sozialleistungen um 26%, die Löhne und Gehälter um 40% gesunken, die Arbeitslosigkeit liegt bei 27%.

Besonders stark wirkt sich die Krise auf das Gesundheitssystem des Landes aus. Offiziell haben ein Drittel der Griechen keine Krankenversicherung mehr. Weil die Selbständigen aber in der Statistik nicht mitgezählt werden und der Verlust der Krankenversicherung oft mehrere Familienmitglieder mitbetrifft, wird die Dunkelziffer auf 60% geschätzt. In den Krankenhäusern werden Nichtversicherte nur noch behandelt, wenn sie bar bezahlen, die Kosten für Medikamente übersteigen oft das Budget. Ein System, an dem über die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr partizipieren kann, gefährdet die Gesellschaft „Wir sind um 50 Jahre zurückgeworfen“, sagt Alexandra Pavlou, Aktivistin in Exarchia, einem Innenstadtbezirk von Athen. Eigentlich ist sie Übersetzerin. Schriftsteller wie Uwe Timm, Elias Canetti, Ingo Schulze, Martin Walser und Martin Suter hat sie ins Griechische übersetzt. Weil die Umsätze des Buchhandels seit Beginn der Krise um 70% eingebrochen sind und viele Verlage Pleite gingen, hat sie seit zwei Jahren kein einziges Buch mehr übersetzen können. Seit Anfang des Jahres organisiert sie mit anderen die Soziale Arztpraxis in der Nähe des Politechnikums. Die Arbeit ist ehrenamtlich, ein Großteil der Miete, medizinische Geräte und Medikamente werden mit Spenden aus dem In- und Ausland finanziert. Vom Erlös aus dem Verkauf einer Plastik eines Künstlers konnte ein Ultraschallgerät gekauft werden. Mehr als 40 Ärzte aller Fachrichtungen kommen für jeweils zwei Stunden in der Woche und behandeln die Patienten unentgeltlich. Fünf Tage die Woche ist die Praxis ganztägig geöffnet, von Woche zu Woche wird es voller. Ab und an findet sich auch ein Arzt in einem Krankenhaus, der unentgeltlich operiert oder kostenlose Computertomographien anbietet, die in der Sozialen Praxis nicht gemacht werden können. „Wir befinden uns in einer humanitären Krise, mitten in Europa.“ Alexandra Pavlou ist erstaunt und zornig, dass so etwas überhaupt möglich ist.

Eine ehrenamtliche Praxis kann nur Symptome bekämpfen, keinen Wohlfahrtsstaat ersetzen. Das wissen alle, die daran beteiligt sind. Das ist ähnlich wie mit den Tafeln in Deutschland, die inzwischen struktureller Bestandteil des Hartz-IV-Systems sind, und ohne die ein Großteil der ALG-II-Empfänger nicht mehr genug zu essen hätte. Der Staat entzieht sich seinen Pflichtaufgaben. Aber deshalb nicht zu helfen, ginge auf Kosten derer, die von staatlicher Seite keine Hilfe mehr bekommen.

Die Krise in Griechenland ist längst zum Dauerzustand geworden, der die Menschen erschöpft und sie wütend macht, ein Ende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Eine Regelung, die Zwangsräumungen von verschuldeten Wohnimmobilien verbot, ist gerade gekippt worden. Die staatliche Elektrizitätsgesellschaft soll privatisiert werden. Im Dezember hat das griechische Parlament den Sparhaushalt für das kommende Jahr knapp gebilligt. Er sieht weitere Einschnitte im Gesundheitswesen und bei den Sozialversicherungen vor. Das war die Voraussetzung für die nächste Überweisung aus dem Rettungspaket der EU. Die Banken als Hauptverursacher der europäischen Finanz- und Währungskrise sind dagegen schon wieder auf der Gewinnerseite. Ihr Geschäftsmodell, Gewinne zu privatisieren und durch Druck auf die Regierungen Verluste zu sozialisieren, bei gleichzeitiger Beschuldigung der Verlierer dieses Modells als faul, korrupt und über den eigenen Verhältnissen lebend, ist aufgegangen. Aber es sollte nicht das letzte Wort sein.

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