Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Einem nackten Mann kann man nicht an die Glatze fassen

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Wenn die Natur den Verstand verliert, tun wir es auch: Vom Gleichgewicht des kosmetischen Schreckens.

Wie ist es sich wohl anfühlen mag, wenn es beginnt. Wenn erst zwei drei Haare zu viel im Kamm stecken bleiben, kleine  Büschel nach dem Duschen sich im Abfluss sammeln. Wenn dann allmählich die Stirn höher wird, später weitere Stellen freiwerden, sich mit feinem Glanz überziehen?

Trägt die Hoffnung, der Ausfall möge aufhören, bevor die kleinen Tricks prüfenden Blicken nicht länger standhalten. Folgen Erschrecken, Traurigkeit, eine Ahnung von Schutzlosigkeit, wenn die Hoffnung trügt, wenn die Geheimratsecke lügt, weil sie sich ja längst Glatze nennen müsste. Wird  die abschließende Ganzkopfrasur zum  Akt der finalen Selbstversehrung: Ich mach weg, was sich davonmacht?

Ich habe diese Fragen keinem Mann je gestellt, denn ich habe jenen so durchschaubaren wie effektiven Trotz der Männer gegenüber den Launen ihrer Natur stets respektiert. Mir hat gefallen, wie sie ihre körperlichen Defizite mit Erfolg gekontert haben, mit Reichwerden, Schlausein, Steigerung ihrer Potenz, welcher auch immer. Oder, wenn das zu mühsam war, mit dem unbeirrten Ausweichen in das vom Zeitgeist bereits arg gefledderte Mantra „Ein Mann muss nicht schön sein“.

Ich habe ihre Verdrängungsleistung insgeheim bewundert und den Emokram mit den Mädels, mit den Schwulen und den Schauspielern geteilt, die die Verletzbarkeit ihres Körpers genau so persönlich nehmen und diesen ebenso beleidigt der äußerst profitablen Lösungsindustrie übereignen. Weil wir schön sein müssen oder das ganz fest zu glauben bereit sind. Weil Schönheit Liebe ist oder Liebe verheißt, und ihre Abwesenheit Verwerfung bedeutet.

Der so offensichtliche wie schicksalhafte Verlust des Haupthaares – der ausgerechnet uns mit schlechterem Bindegewebe, dünnerer Haut und  geringerer Muskelmasse gestraften weiblichen Wesen weitgehend erspart bleibt – hätte uns also zunächst um den Verstand und dann um den letzten Cent gebracht.  Echte Kerle hingegen haben diesen Makel die längste Zeit schlichtweg ignoriert. Diese Unerschütterlichkeit markierte die Verweigerung eines Gleichgewichts des kosmetischen Schreckens. Ein Akt des Pazifismus im Krieg gegen den eigenen Körper, in dem die Schönheitsindustrie ihr Waffenarsenal stetig nachrüstet.

Und dann das: Jürgen Klopp hatte just zwei Meisterschaften am Stück, Christian Lindner eine tolle Frau für sich und eine schwierige Wahl für die F.D.P. gewonnen, als sie sich auf den Mädchenweg gemacht haben. Der führt durch Schmerzen Erdulden, sich versteckt Halten und optimiert Zurückkehren direkt in die Offenbarung. Ihre Eitelkeit wurde zum Elfmeter vor das Tor unserer Häme: Sie haben „was machen lassen“ und  – notgedrungen – „stehen sie dazu“. Sie haben sich entblößt, indem sie ihre Blöße vernichteten. Volles Haar, nackter Mann.

Nun seid ihr am Ende unseres Schweigens angekommen. Ihr seid wie wir. Erfolg, Anerkennung, gelingende Partnerschaften – es reicht nicht. Nichts reicht, wenn die Natur ihre Kränkung zum Beispiel am Haarwuchs abarbeitet. Ihr habt euch unsere Angst, nicht zu genügen, so dauerhaft von uns geborgt, wie unsere Bereitschaft, einen hohen Preis für den Verlust der Selbstachtung zu bezahlen.

Ihr braucht unsere Diskretion nicht mehr, denn ihr, und alle, denen ihr fortan als Vorbild dient, müsst euch nunmehr von jedem Trottel in jedem Gespräch fragen lassen Warum und Was und Wie. Auch unseren Respekt habt ihr verspielt, denn uns operieren lassen, das können wir selbst. Wir haben euch an unsere Schwäche verraten, liebe Samsons, deswegen geht es seit euren Eingriffen auch bergab mit BVB und F.D.P.

Ach wärt ihr doch in der Verdrängung geblieben, hättet euch in eure Geheimratsecken verkrochen. Würdet ihr euch im „Botox To Go“ doch nicht neben uns auf die Liege, sondern lieber den Laden selbst in Schutt und Asche legen. – Wir wollen von Euch doch bloß dasselbe wie ihr von uns: Ihr sollt uns retten, nicht imitieren.

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6 Lesermeinungen

  1. Spiel mit Klischees
    Ein provozierendes Spiel mit sexualisierten Klischees und Geschlechterrollen, man weiß gar nicht, wer damit mehr beleidigt wird: Frauen oder Männer. Am Ende wohl doch die Frauen. Denn sie sind diejenigen, die die Männer dazu verführt haben, sich den Versuchungen der Schönheitsindustrie zu unterwerfen: „Wir (!) haben euch an unsere (!) Schwäche verraten, liebe Samsons“. Ganz wie bei Adam und Eva im Paradies. Es sind eben doch immer die Frauen an allem schuld – einerseits schwach, ohne Selbstachtung, ängstlich, verletzlich, impotent, und andererseits magisch befähigt, auf die Männer Einfluss zu nehmen, sie stark oder schwach zu machen.

    Bei oberflächlicher Lektüre ist der Text natürlich ein Schlag ins Gesicht all derjenigen Männer und „Mädels“ (inkl. Schwule, Schauspieler und andere Weiber), die, wie Margot von Renesse mal gesagt hat, stolz auf ihre Plattfüße sind und ihre Falten als Zeugnisse ihrer Arbeit und ihres Lebens lieben. Und ist auch nicht ganz gerecht gegenüber denen, die nicht, weil sie schwach und fremdgesteuert wären, sondern selbstbewusst an ihrer Identitätskonstruktion arbeitend sich für irgendwelche kosmetischen Maßnahmen entscheiden. Aber wenn man genau liest, wird die Provokation auch für nicht durch und durch sexualisierte und den Schönheitswahn als albernen Unsinn empfindende Leute wie mich produktiv, denn das Gefühl, an allem irgendwie schuld zu sein und nicht zu genügen, das ist ja nun wirklich weit verbreitet.

  2. force majeure
    niemand hat schuld. außer dem kapitalismus vielleicht. aber der fällt ja zwischenzeitlich unter höhere gewalt.

    • force majeure
      Den Patriarchismus nicht zu vergessen – ebenfalls force majeure.

    • Emanzipationsspiele
      Gerne würde ich mich schlicht am Sprachwitz und der brillanten Stilsicherheit des Textes erfreuen können. Geht aber nicht, weil – ach so stimmt – hier geht es ja um Geschlechterklischees und das ist eine ernsthafte Sache. Denn leider flammen da in der öffentlichen Diskussion allzu oft die Fragen auf: Frauen oder Männer – wer ist besser oder ärmer dran? Wer ist schuld an der vermeintlichen Geschlechterrollen-Misere des 3. Jahrtausends? Wer darf sich als Opfer sehen, wer muss sich als Täter verantworten? Mal abgesehen davon, dass die institutionelle Chancengleichheit für Frauen sich in unserem doch so demokratischen Land als ein äußerst schwerfälliger Prozess erweist, und das genauso ernsthaft wie skandalös ist – müssen wir diese Fragen wirklich beantworten? Es nervt.
      Die eigentliche Tragik und somit Treffsicherheit, die im Text steckt, besteht m.E. darin, aufzuzeigen, dass wir als Menschen nicht in der Lage sind, uns auf der Augenhöhe unserer Unzulänglichkeit, fehlenden Trittsicherheit, Ängstlichkeit und eben auch der Unsicherheit unserer „Rollen“ (was immer das heißt) zu begegnen. Die Sehnsucht danach ist groß, das zeigt sich nicht nur im „erschöpften Selbst“ des Soziologen Ehrenberg. Wir wollen das gar nicht so, aber warum können wir nicht anders? Denn statt uns im Zweifel gegenseitig anzunehmen übereignen wir uns einem Schönheits- und Selbstmarketingkult, der sich (ähnlich einer fanatischen Religion) zu einer selbst gemachten Handlungsrigide entwickelt hat, die mehr Freiheit nimmt als schafft.
      Eigentlich müssten wir inzwischen kulturhistorisch erfahren genug sein, um zu verstehen, dass wir unvollendete, unfertige Wesen sind und ein erst etwa 60 Jahre währender Prozess der Emanzipation heute noch nicht vollendet sein kann. Das anzuerkennen ist weitaus wesentlicher, als die Frage zu stellen, wer als Gewinner und wer als Verlierer des Emanzipationsspiels vom Platz geht. Wir sollten schätzen, dass kluge, mutige Frauen und Männer im letzten Jahrhundert bis aufs Blut dafür gekämpft haben, dass wir heute in Selbstverantwortung und relativer Freiheit miteinander leben können – anstatt uns mit Geheimratsecken- und Nasolabialfaltenauffüllung zu beschäftigen. Warum kämpfen wir weiter gegeneinander bzw. gegen uns selbst und nicht endlich miteinander, mit einem aufgeklärten, kühnen, emphatischen Verstand, um den Prozess einer freiheitlichen Gesellschaft, die ihre Kraft und ihre Entwicklung aus Diversitäten speist, weiter voran zu treiben? Das ist die Frage, die ich gerne stellen würde. Und ich bin Frau Fendel dankbar, dass sie mich mit ihrem Text daran erinnert.

    • force majeure
      Warum soll man sich nicht auch an ernsthaften Dingen erfreuen können, wenn stilsicher und brilliant darüber geschrieben wird? Aber ich finde den Text gar nicht ernsthaft, sondern sehr ironisch. Das Täter-Opfer-Schema und wer schuld hat, ist in dem Text ja nicht eindeutig, sondern wird in ein Vexierspiel hineingetrieben. Dass und wie das hier in einem feministischen Blog geschieht, ist wirklich sehr interessant.
      Den gemeinsamen Kampf um die freiheitliche Gesellschaft kämpfe ich gerne mit. Aber mit Ihrer tragischen Auffassung von den Geschlechterverhältnissen und der jahrtausendealten Kulturerfahrung, die diese zementieren, kann ich mich trotzdem nicht anfreunden. Warum nicht auch an dieser Front ein bisschen kämpfen?

  3. Hier wird vereint, was nie zusammen gehörte,
    ziegelt sich eine Frau auf, will sie sich begehrlich machen. Einerseits den greifbaren Mann holen und die Konkurrentin beeindrucken und wegekeln. Kann funktionieren. Das macht sie im Leben solange, wie sie die Umgebung animiert. Sie kann nicht anders, sie will noch im Sarg adrett geschmückt sein. Männer wollen kein Parfüm, die nehmen Alkohol ins Gesicht, weils nach dem Rasieren brennt. Kratzen macht Pickel und juckt. So vergeht die Jugend und alles bleibt kosmetisch eng im Rahmen. Es muss sehr gute Gründe geben, teure Klamotten zu kaufen, geschweige damit zu stolzieren. Meist sind es Festlichkeiten, seltener Personalge-spräche. Während Damen immer durchs Büro wehen und eine Schleppe guten Dufts nachsich ziehen, sind Männer gerade mal geduscht. Das nicht mal täglich. Es wird erst allmählich zum dresscode kommen. Präsentationen für Kunden ohne Dreiteiler und ordentliche Acessoires (Breitling) : No go! Das geschieht widerwillig. Außer Breitling, der Fliegeruhr. Mein Dunkel-blauer bleibt sonst im Spind. Man kann einen Kunden nicht übelriechend, übellaunig und übel präpariert bewerben. Will sagen, ein Kerl will sein Geschäft und nicht primär angeben. Das ist bei Damen zumeist umgekehrt. Das Motiv ist bei uns kaum sexualisiert, bei Damen regelmä- ßig. Sie machen den Braten, in den wir beissen sollen. So, dass ist der Kern der Rede. Frau Heike-Melba, Sie kennen unsere Motive nicht wirklich. Dass wir richtig schlimm sein können, weiss Jede. Sie erwartet bei jedem Anlass, dass Sie zum Tanz aufgefordert wird und kein Mauerblümlein bleibt. Dort liegt eure wahre Schwäche. Mein Großvater musste mir diese ewigen Wahrheiten sagen, die erziehenden Frauen brachten es nicht hervor. Ihre hübscher Beitrag ist theoretischer Natur. Die Männer interessiert Botox nicht. Die das mögen, sind keine. Sie haben mgl. die falschen Freunde. Sie werden sie verraten, weil sie generell untreu
    sind. Deswegen mag sie kein Normalo.

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