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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Berliner Freiheit GmbH? Der Ausverkauf des öffentlichen Raums am Tempelhofer Feld

| 24 Lesermeinungen

In Berlin läuft gerade etwas gründlich schief. Aber ein Volksbegehren leistet Widerstand.

Berlin ist gerade ein Magnet für Millionen von Menschen aus der ganzen Welt. Warum eigentlich? Was hat diese Stadt, was andere nicht haben? Sie hat vor allem gewisse Dinge nicht: Hier gibt es kaum Industrie und noch weniger Finanzwirtschaft, was die Mieten bis vor kurzem moderat und die wirtschaftlichen Gegensätze gering hielt. Hier gibt es keine alt eingesessene Haute Bourgeoisie, deren Lebensstil und Wohlstand das kulturelle Zentrum der Stadt markiert. Hier kann man einfach herziehen, ohne sich etwas Vorgefundenem anpassen zu müssen. Wer nach Berlin kommt, ist sofort Berliner*in. Hier ist jede fremd, hier sind alle daheim. Hier kann man eine Nischenexistenz führen und doch – oder gerade deshalb? – in der Geschichte stehen, politisiert sein. Gibt es eine zweite Metropole auf der Welt, die das bietet?

Andreas Huyssen, Literaturwissenschaftler an der Columbia University in New York, spricht von den „Voids of Berlin“, den Lücken, Leerstellen und Brachen des Raumes, die durch die Brüche und Sprünge in den historischen Ablagerungen entstanden sind und immer neu entstehen: an der Mauer, in den Bombenlücken, auf den von den Nazis, den Kommunisten, den Alliierten erst besetzten und dann aufgegebenen Plätzen, in den zahllosen Zwischennutzungen und Provisorien. Diese „Voids“ waren bisher stärker als alle noch so gut oder schlecht gemeinten städtebaulichen und erinnerungspolitischen Konzepte. In ihnen wohnt, könnte man pathetisch sagen, die Berliner Freiheit: Anarchisch sperren sie sich gegen Deutungsfestlegungen und geben uns den Platz und die Unbeobachtetheit, um uns eigene Gedanken über uns und unsere Geschichte zu machen und mit ihnen zu experimentieren. Es sind historisch aufgeladene, aber herrschaftsfreie Räume: Nichts zu kaufen, nichts zu gewinnen, niemand zu beherrschen – da kommt man auf Ideen!

Seit allerdings auch die Immobilienanleger dieser Welt Berlin für sich entdeckt haben, beschleicht uns die Angst, dass die Tage der Freiheit gezählt sein könnten. Die Leerstellen und Lücken werden nun ohne langes Fackeln gestopft, die Plätze auf ihre billigsten Bedeutungen festgelegt.

Kennen Sie das Tempelhofer Feld? Das riesige Gelände des ehemaligen Flughafens, auf dem schon bevor der Flughafen dort stand die Menschen flanierten und den Horizont betrachteten, in den Pausen zwischen den militärischen Aufmärschen, für die das Feld eigentlich bestimmt war. Eine Fläche größer als der Central Park in New York, größer als Hampsted Heath in London, viel viel größer als der Tiergarten und so flach und weit wie das Meer. Die Leere par excellence. Am Ostrand lagern sich abends die Leute, um vom Hang in die untergehende Sonne und in den Horizont zu schauen. Irgendwo steht verloren eine „Allmende“, ein kunterbuntes Sammelsurium von Blumen- und Gemüseanbauten, erinnert an altmodische Bauerngärten und gibt eine Vision für die Zukunft. Hier darf jeder sein, es kostet nichts, kein Müll liegt herum (was von der „freien Natur“ oft nicht mehr zu erwarten ist). Die größte öffentliche Freiheits-Nische dieser Stadt und ein weltweit einmaliger Platz.

Und nun hat der Berliner Senat, unter dem enormen Druck des Immobilienmarktes und der Eitelkeit seines Regierenden Bürgermeisters, eine Agentur eingerichtet, deren Zweck darin besteht, diesen Ort symbolisch und materiell zu zerstören. Unter der an Niedertracht kaum zu überbietenden Handelsmarke „Tempelhofer Freiheit“ wird das Feld „erschlossen“, angeblich behutsam und im Interesse des Gemeinwohls: Auf dem Hang mit dem einmaligen Blick werden „Wohnquartiere“ entstehen, im Süden ein „Businesscenter“, und am Tempelhofer Damm ein „Bildungsquartier“ mit einer höchst umstrittenen Bibliothek als „Ankerinvestition“. Die Sprache, mit der die „Erschließung“ von den GmbH’s des Senats betrieben wird, ist nicht die Sprache der Verwaltung oder der Politik, sondern der Immobilien- und der Werbebranche. „Wenn Sie an Flächen auf der Tempelhofer Freiheit interessiert sind, kontaktieren Sie uns“, heißt es auf der Website. Die Bürger werden herzlich eingeladen, sich an dem angeblichen „Modellort der partizipativen Stadtentwicklung“ einzubringen, in einen „formalen Planungsprozess“, dessen Ergebnis längst beschlossene Sache ist. Dabei weiß man: „Die spontane, ungeplante Nutzung freier Flächen ist charakteristisch für Berlin“, und will daraus noch Marktwert schlagen, bevor man es kaputt macht. Wer auf dem um ein Drittel geschrumpften Rest-Feld etwas unternehmen will, darf sich als „Pionier“ registrieren lassen, ein „Pionierverfahren“ durchlaufen und sein „Pionierprojekt“ an ein „Pionierfeld“ anpassen. Klingt irgendwie nach DDR? Ist es aber nicht: nur ein bisschen Pionier-Yoga, zwischen Stadtquartier, Businesscenter und Eventlocation in urbaner Parklandschaft.

Bis zum 13. Januar läuft ein Volksbegehren, das zeigen will, was an „partizipativer Stadtentwicklung“ tatsächlich möglich ist: die Nutzung eines demokratischen Verfahrens, um ein Schutzgesetz durchzusetzen, damit Berlin inne hält und Luft gewinnt gegen den Ansturm auf seine Lücken und Leerstellen und auf seinen öffentlichen Raum: http://www.thf100.de.

Ist es wirklich nur ein lokalpolitisches Thema, dass der Senat nicht offen legt, was die „Erschließung“ des Tempelhofer Feldes die Berliner – und über den Länderfinanzausgleich ganz Deutschland– kosten soll? Hat es nicht eine Bedeutung weit über Berlin hinaus, wie die Politik auf einen völlig aus den Fugen geratenen Wohnungsmarkt reagiert, der mit der Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum keinesfalls zu erklären ist? Werden wirklich nur die Berliner hinters Licht geführt, mit einer plumpen und trügerischen Rechnung, die ihnen einen „langfristigen volkswirtschaftlichen Schaden von 298 Mio €“ weismacht, wenn das Feld nicht dem Masterplan entsprechend bebaut wird? Haben die Anwohner-Interessen, die auf die gewaltigen infrastrukturellen Probleme hinweisen, die die „Erschließung“ mit sich bringen wird, nicht im Interesse aller recht? Sollten wir uns nicht alle Sorgen machen über diese Regierung und diese Stadt, und vielleicht auch über den Zustand der vierten Gewalt, die es nicht nötig findet, all dies zu recherchieren? Und wie stehen wir dazu, dass ein Volksbegehren, Instrument unserer Demokratie, von vielen immer noch nicht ernst genommen wird, während die Prestige-Projekte eines Bürgermeisters, der das Debakel des Flughafens Schönefeld mitzuverantworten hat, immer noch behaupten, sie dienten dem Gemeinwohl?

Wenn wir nicht aufpassen, wird eines Tages die Berliner Freiheit verspielt sein und die Magnetwirkung dieser Stadt sich verflüchtigen. Hässlich und arm ist es auch anderswo.

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24 Lesermeinungen

  1. Ein Hoch auf die Demokratie und die Presse-Freiheit!
    Nur werden diese Instrumente im Zusammenhang mit dem Ausverkauf Berlins erschreckend selten genutzt. Diese geniale Analyse sollte auf die Titel-Seiten sämtlicher Berliner Zeitungen. Übrigens sollten auch Gegner des freien Feldes das Volksbegehren unterschreiben. Das fördert nämlich die Demokratie. Entschieden wird dann beim Volksentscheid. Wie das genau funktioniert, steht auf der Seite tempelhoferfeld.info in diesem Beitrag: http://wp.me/p3QzZJ-9d

    • Instrument der Demokratie
      Es ist tatsächlich erstaunlich, mit welcher Unwissenheit die Medien diese Instrumente behandeln. Das ganze Ausmaß unserer Entpolitisierung wird im Umgang der Medien mit dem Tempelhofer Feld deutlich. Alle sollten wissen: Es tut gut, von Haus zu Haus zu gehen und Stimmen zu sammeln für etwas, von dessen Richtigkeit man überzeugt ist. Jede Stimme einzeln, jede Stimme zählt, ob dafür oder dagegen.

  2. Titel eingeben
    endlich mal klare worte zu diesem thema.

    es ist erschreckend und traurig, wie plump die berliner politik/baumafia die bürger zu täuschen in der lage ist.

  3. Apropos Städte planen
    Vielleicht weiß die Autorin nicht, dass im Planungs- und Baurecht so schöne Vokabeln des Marketing-Sprechs nicht soviel zählen als eben vielmehr Aspekte, die wie bei der Bebauung des Tempelhofer Feld-Randes (der große Rest bleibt frei, oder weiß sie es besser?) nicht Partikularinteressen (Volksbegehren) als vielmehr städtisches Gemeinwohl im Auge haben. Stichwort – Neubau einer Zentral- und Landesbibliothek. Vielleicht brauchen oder wünschen sich viele diese sogar, nur dass sich das noch nicht rumgesprochen hat? Sicher, ein Haus der Bücher als Ankerinvestitionen zu preisen, wird der kulturellen Bedeutung der ZLB nicht gerecht. Also die Autorin gibt sich nicht einmal die Mühe, die Fakten ausführlich darzustellen und flicht stattdessen mit ein paar Plastikwörtern die Fiktion von bösen Investoren herbei, die eine Idylle zerstören wollen. Wenn dann wird nur ein Bruchteil der Fläche des Flugfeldes bebaut. Warum auch nicht dort, denn andernorts wartet schon an der nächsten Brache die nächste Bürgerinitiative um ebenfalls für viel Grün zu kämpfen statt Wohnungsbau zuzulassen. Sollen die, für die dann Wohnungen fehlen, doch sehen, wo sie bleiben? Das Volksbegehren verfolgt partikulare Interessen des Alles oder Nichts, ohne sich ernsthaft offen für Kompromisse wie eine geringe Randbebauung zu zeigen oder den Bau für die ZLB, für deren Standort am Tempelhofer Feld vieles spricht. Dahinter steht eine antiurbane Haltung (ich empfehle einen Umzug in die Weiten von Brandenburg) und letztlich die Ignoranz der Interessen vieler anderer Menschen, die auch gerne dort in der Nähe wohnen würden. Und noch ein Tipp: Man sollte sich einmal in Berlin-Mitte am Nordbahnhof umschauen, wie auf Brachen Stadt entstehen kann. Urbanität statt ein weiteres Freizeitressort.

    • Städte planen
      Sehr geehrter Herr Brause, herzlichen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen, die ich folgendermaßen beantworten möchte:
      1) Die Vokabel von der „Randbebauung“ ist, denke ich, insofern irreführend, als doch über ein Drittel der Fläche bebaut oder versiegelt werden wird. Von 350 ha sollen 230 ha übrig bleiben. „Mantelbebauung“ trifft es besser; wir werden einen nicht sehr attraktiven, mediokren Park haben, der eingeklemmt ist zwischen mediokren Architekturen.
      2) Ich bin ein Büchermensch und arbeite fast nur in Bibliotheken. Wir haben vier (!) wunderbare, international bedeutende Bibliotheken in Berlin: die beiden Staatsbibliotheken, das Grimm-Zentrum und das sogenannte Brain an der FU. Kennen Sie irgendjemanden, der diese fünfte – wenn man die TU-Bibliothek noch mitzählt, sogar sechste – Bibliothek braucht und wünscht? Warum werden stattdessen nicht die Stadtteilbibliotheken besser ausgestattet? Und wenn es denn unbedingt noch eine Bibliothek sein muss: Warum dann ein Neubau? Warum nicht eine innovative Lösung im Flughafengebäude dafür finden?
      3) Die pauschale Darstellung der Bürgerinitiative als eine 100%-Verhinderer-Initiative ist falsch. Das Gesetz soll nur ein Schutzgesetz sein, um die gegenwärtige, fatale Entwicklung zu stoppen. Ich persönlich bin durchaus für ein Wasserbecken, für Schlittschuhfahren, für ein Café, meinetwegen auch für eine Bebauung an den Rändern, wo es wirklich nicht stört.
      4) Die Wohnungen: Es will mir nicht einleuchten, dass die grundsätzlichen Probleme, die wir wegen der Immobilienpreise haben, durch die Bebauung am Tempelhofer Feld erleichtert werden soll. Heute leben in Berlin auch nicht mehr Menschen als Anfang der 90er Jahre. Es gibt nicht zuwenig Wohnraum, sondern zuwenig bezahlbaren Wohnraum.
      5) Sie haben recht, nicht jede Brache und nicht jede schlecht besuchte Grünfläche muss erhalten werden; Verdichtungen kann Berlin durchaus vertragen. In Richtung Spandau zum Beispiel gibt es, immer noch innenstadtnah, viel Platz, der erheblich aufgewertet werden könnte durch attraktive Neubauten.
      6) Auf Bezirksebene werden Bürgerinteressen in Berlin in der Regel ganz gut berücksichtigt. Aber der Senat will die Bürger mit Pseudo-Partizipationsmöglichkeiten wie den „Pionier-Verfahren“ an der Nase herum führen. Das Volksbegehren hat auch zum Ziel, uns alle ein bisschen mehr zu politisieren und echte Partizipation zu schaffen. Wie eine andere Kommentatorin hier schon sagte: Auch wenn man die Senatspläne gutheißt, sollte man sich an dem Volksbegehren beteiligen, um unsere Demokratie zu stärken.
      Ich hoffe, Sie mit dieser Antwort einigermaßen befriedigt zu haben; mit freundlichen Grüßen.

    • Interessen?
      Hallo Herr Brause,
      wenn Sie der selbe Jörg Brause sind, der PR für den Berliner Architekten und Ingenieursverein macht, dann sollten Sie ihre Stellungnahme vielleicht entsprechend kennzeichnen. Ansonsten laufen Sie Gefahr, dass man Ihrem Beitrag für Bebauung ein gewisses Geschmäckle zusprechen wird. Insbesondere da sie als Lobbyist ein Bürgerbegehren „Partikularinteresse“ nennen.

    • Die Frage lautet: In welche Art Urbanität wollen wir leben?
      Das alte Klischee von der Urbanität überwinden: Einer der renommiertesten, modernen Architekten für Stadtplanung in Deutschland, welcher auch international eine bedeutende Rolle einnimmt, Albert Speer Junor im Zeit-Interview: „Deshalb halte ich viel von einer Landwirtschaft in der Stadt. Nicht nur ein paar Gärten auf Dächern, nein, es geht darum, Ackerbau in den Metropolen zu erhalten oder wieder zu ermöglichen.“
      Wußten Sie, das es ausgerechnet der Ansiedlungsverein Groß-Berlin war, der 1912 -18 gegen eine geplante Bebauung des damaligen Tempelhofer Feldes (Fliegerviertel) votierte, welches damals noch viel größer war. Dass es der Verband Groß-Berlin (Zentralverwaltung) war, der 1911 ein Zweckverbandsgesetz beschloss um der größten infrastrukturellen Probleme der Metropole Berlin Herr zu werden, worin formuliert wurde: ‚Erwerbung und Erhaltung größerer von der Bebauung freizuhaltender Flächen (Wälder, Parks, Wiesen, Seen, Schmuck-, Spiel-, Sportplätze usw.).‘ Kommen Sie mir also nicht mit ihrem schon lange überholten Ruf nach Urbanität als Allgemeinplatz, denn die Probleme einer lebensfeindlichen Stadtentwicklung lagen schon damals offen zu Tage. Berlin hatte z.B. noch in den 80iger Jahren große urbane Probleme mit Smog und der Name Christiane F. steht heute immer noch für eine verfehlte Art Urbanität und einen Wohnquatiersbau, wie er schon wieder auf dem Tempelhofer Feld geplant wird. Da hat auch die SPD mit ihrer Betonbaupolitik seit 50 Jahren nichts dazugelernt. Selbst das Beispiel des Berliner Tempodroms, welches für 32 Mill. Euro gebaut und für 2 Mill. verkauft werden mußte, war ihr da, trotz Rücktritt des Bausenators Strieder, keine Lehre. Geschweige denn das BER-Debakel …

    • Die ZLB heute und in Zukunft
      Sehr geehrte Frau Detjen,
      zu Punkt 2) Ihrer Äußerung von uns noch folgende Informationen: die Zentral- und Landesbibliothek Berlin ist die größte öffentliche Bibliothek Deutschlands und bereits heute – trotz widriger Umstände durch die Unterbringung in drei auf die Stadt verteilte Gebäude (AGB, BStB, Außenmagazin am Westhafen) – die meist besuchte Bildungs- und Kultureinrichtung Berlins mit 4.000 bis 5.000 Benutzern am Tag . Den Eindruck, dass es keinen Bedarf für diese Institution gibt, können wir nicht stehen lassen. Sie zählen als bedeutende Bibliotheken Berlins reine Forschungs- und Universitätsbibliotheken auf, die in ihrer Ausrichtung und ihren Zugangsbeschränkungen auf eine wissenschaftliche Nutzung ihrer Räume und Bestände abzielen. Die ZLB hingegen ist öffentliche Bibliothek, niedrigschwellig und frei zugänglich und mit Angeboten für alle Berlinerinnen und Berliner. Zusätzlich sammelt sie als Landesbibliothek und Pflichtexemplarstelle sämtliche in Berlin erscheinende Publikationen und beherbergt das Zentrum für Berlin-Studien und historische Sammlungen mit Berlin-Bezug. Sie stellt damit keine zusätzliche fünfte oder sechste große Bibliothek für Berlin dar, sondern sie schließt eine Lücke zwischen den öffentlichen (Bezirks-)Bibliotheken und den u. a. von Ihnen genannten wissenschaftlichen Bibliotheken. Die funktionalen Mängel der aktuellen Gebäude, der Berliner Stadtbibliothek an der Breiten Straße sowie der Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Ufer, sind seit langem bekannt und die Unterbringung der Fachbereiche und Dienstleistungen der Bibliothek unter einem Dach erklärtes Ziel aller politischen Fraktionen. Die ZLB freut sich sehr und arbeitet intensiv daraufhin, in einem Neubau am Tempelhofer Feld im Zusammenspiel mit dieser einzigartigen Freizeitfläche eine zeitgemäße, moderne Metropolenbibliothek zu schaffen, in der dem Informationsbedarf aller Berlinerinnen und Berliner und der stetig steigenden Nachfrage nach Arbeitsplätzen in Bibliotheken Genüge getan wird.
      Ausführlichere Informationen zur ZLB heute und zur Neubauplanung auf unserer Website unter http://www.zlb.de/ueber-uns/ueber-uns/geschaeftsbericht-2012.html sowie http://www.zlb.de/ueber-uns/bauprojekte/neubauprojekt/die-zentral-und-landesbibliothek-berlin-zlb-entsteht-neu-an-einem-ort.html
      Mit freundlichen Grüßen
      Enne Schmidt und Anna Jacobi, ZLB

    • ZLB
      Sehr geehrte Frau Schmidt, sehr geehrte Frau Jacobi,
      eigentlich ist es überhaupt nicht mein Anliegen, hier gegen eine Bibliothek anzuargumentieren, denn wenn es nach meinen persönlichen Interessen ginge, könnte Berlin gern 100 Bibliotheken haben. Aber ich meine, dass mit dem Neubau weniger Bildung und Kultur gestärkt werden sollen, als dass er tatsächlich als eine „Ankerinvestition“ für ganz andere Dinge, als „Eventlocation“ und als Feigenblatt dienen wird. Um kulturelle Breitenwirkung zu entfalten, wäre es so viel dringender, die Stadtteilbibliotheken, die Schulbibliotheken und auch die Staats- und Unibibliotheken besser auszustatten, zumal ja die Staatsbibliothek nicht nur für Wissenschaftler*innen da ist, sondern durchaus für jede Bürgerin und jeden Bürger. Aber das Alte gut zu erhalten und auszustatten, ist Wowereit nicht schick genug, für ihn ist der Neubau ein Prestige-Projekt.
      Und falls es tatsächlich stimmt, dass ein Umzug der ZLB unumgänglich ist, dann wäre immer noch zu fragen, warum nicht das Gebäude des Tempelhofer Flughafens dafür genutzt wird. Von dem Neubau erwarte ich, durch 20 Jahre schlechte Erfahrungen mit der Berliner Stadtentwicklung misstrauisch gemacht, nur architektonisches Mittelmass.

    • ZLB Neubau
      Sehr geehrte Frau Detjen,
      das sehen wir naturgemäß etwas anders. Die Zentral- und Landesbibliothek bildet in Angebot und Zielgruppe die Verbindung zwischen bezirklichen Bibliotheken und Wissenschaftlichen Bibliotheken. Gut ausgestattete und funktionsfähige Bezirksbibliotheken gehören zu einer Metropole genauso wie die Zentralbibliothek, diese müssen Hand in Hand arbeiten. Angebot und Benutzerinnen und Benutzer der Zentralbibliothek gehen weit über die der Bezirksbibliotheken hinaus. Wissenschaftliche Bibliotheken bieten einen Medienbestand für Menschen, die eben wissenschaftlich arbeiten. Öffentliche Bibliotheken sind anders organisiert und richten sich an eine andere Zielgruppe. Daneben sind sie ein gesellschaftlicher und politischer Ort.

      Und ja, es stimmt tatsächlich, dass die ZLB unter sehr misslichen Bedingungen arbeitet – aufgeteilt, schwieriger baulicher Zustand. Und wir stehen dafür, dass ein Neubau keine Eventlocation wird, sondern eben eine zeitgemäße Bibliothek wie sie andere europäische Großstädte haben, zum Beispiel Amsterdam oder jetzt ganz neu Birmingham. Wenn Sie mögen, gucken Sie doch mal hier http://www.zlb.de/ueber-uns/bauprojekte/neubauprojekt/die-zentral-und-landesbibliothek-berlin-zlb-entsteht-neu-an-einem-ort.html?no_cache=1&cid=8716&did=3192&sechash=0d9dfca5
      da stellen wir vor, was wir für die neue Bibliothek planen.
      Das Flughafengebäude Tempelhof eignet sich nicht für den Bibliotheksbetrieb. Das langgestreckte Terminalgebäude, eben für den Flugbetrieb gebaut, entspricht in keiner Weise den heutigen logistischen Anforderungen an einen Bibliotheksbau.
      Mit freundlichen Grüßen
      Enne Schmidt und Anna Jacobi, ZLB

    • "Eignet sich nicht" ist ein bisschen mager.
      Was spricht denn gegen eine AGB IM Flughafengebäude? „Eignet sich nicht“ ist als Argumentation ein bisschen mager. Ein bisschen konkreter hätten wir es da schon gerne! Ich bin gespannt auf Ihre Argumente.

    • Schon tragisch
      Schon tragisch, wie hier Bibliotheksmitarbeiter – man sollte also annehmen, belesene und gebildete Menschen – ihr eigenes (Lobbyisten-)Wohl über das Gemeinwohl stellen und das große Ganze nicht erkennen wollen. Man mag sich gar nicht ausmalen, was den Mitarbeitern und der Leitung der Berliner LZB in Aussicht gestellt wurde, damit sie bloß keine kritische Meinung gegenüber einem pompösen Neubau auf dem Tempelhofer Feld vertreten.

      Niemand hat etwas gegen gute, moderne Bibliotheken.
      Dennoch ist der Neubau auf dem südlichen Tempelhofer Feld – wahrhaftig kein „Innenstadtgebiet per se mehr“ vollkommen absurd. Allein für Fahhrad- und Autoparkplätze müssten große Flächen betoniert werden. Die bisher veröffentlichten Architekturentwürfe für das Gebäude sind unteriridisch langweilig (Stelzen…Glas…gähn).
      Es spricht nichts gegen eine Renovierung und Aufstockung der Amerika-Gedenk-Bibliothek am Halleschen Tor – wäre halt nicht so prestigeträchtig; realisierbare Pläne dafür gibt es, besser angebunden und zentraler gelegen ist dieser Standort ohnehin.

      Davon ab, ist es Unfug, zu behaupten, nur ein Neubau könne den modernen Anforderungen an eine Bibliothek gerecht werden. Das Grimm-Zentrum, also die neue HU-Bibliothek in Mitte, ist ein vermeintlich hochmoderner Bau, leider in Wirklichkeit aber eher ein „Sehen-und-Gesehen-Werden-Hotspot“, echte Ruhe und Leseatmosphäre herrschen dort nicht (halt ein weiterer Yuppie-Glaskasten).

      Und überhaupt, wer definiert „moderne Ansprüche an ein Bibliothek“? Und was war vor 20 Jahren? Und was wird in 20 Jahren sein?

      Warum, bitteschön, kann das Flughafengebäude in Tempelhof dafür nicht genutzt werden?

      Zuguterletzt: Die Amerika-Gedenk-Bibliothek wird natürlich zu mindestens 70 Prozent von Studenten frequentiert. Die sind nämlich froh, dass sie da die Bücher ausleihen können, die in den FU-, HU- und TU-Bibliothkene zwar ebenso vorrätig, aber Präsenzbestand sind, also nur vor Ort in den Lesesälen benutzt werden können.

      Schlimm, ich wiederhole mich, schlimm, dass die Mitarbeiter ihren eigenen Arbeitsplatz und ihren angeblichen Leuchtturm hier so unreflektiert über die Sachlage stellen.

  4. Apropos Stadtplanung von unten!
    Mit der Öffnung des Tempelhofer Flugfeldes für die Berliner besteht jetzt die außergewöhnliche Chance, mitten in der Metropole Berlin diese riesige Fläche einer neuen dauerhaften Bestimmung zuzuführen. Und das zum Wohle der Gesamtstadt, seiner Bürgerinnen und Bürger sowie in Verantwortung uns nachfolgender Generationen. Nicht verwunderlich, dass mit der Schließung des Flughafen Tempelhof eine Vielzahl von – teils sich gegenseitig ausschließenden – Nutzungs- und damit Flächenansprüchen unterschiedlichster Art entstanden und noch entstehen. Der Planungs- und Realisierungsprozess setzt daher umsichtiges Handeln und große Verantwortungsbereitschaft auf allen Seiten voraus, um bei der Abwägung öffentlicher und privater Belange gegen- und untereinander zu einem überzeugenden Ergebnis zu gelangen. Das gelingen bei diesem Schlüsselprojekt der Berliner Stadtentwicklung zweifelsfrei am besten, wenn bei allem Denken und Handeln die drei Prinzipien der ökologischen Stadtentwicklung sorgsam beachtet werden: basisdemokratisch mitentscheiden, sozial handeln und ökologisch wirtschaften!
    Mit den Füßen haben die Berlinerinnen und Berliner bereits über das Feld abgestimmt: Fast 2 Mio. Besucher registrierte die GrünBerlin GmbH in 2013. Soll das Feld also mit diesem Charakter, als Bühne einer bunten Stadtgesellschaft erhalten bleiben oder soll es doch mehr oder weniger bebaut werden? Diese Frage richtet sich an alle Berliner. In einem breit angelegten Bürgerbeteiligungsverfahren – Volksbegehren genannt – sind diese nun aufgerufen, sich zu den vorliegenden grundsätzlichen Planungsalternativen eine eigene Meinung zu bilden. Und die Berliner beteiligen sich engagiert daran und denken zu den „alternativlosen“ Senatsplanungen eine auf der Hand liegende Alternative: Einfach mal nichts zu machen. Weil die Zerstörung des Tempelhofer Wiesenmeers städtebaulich nicht erforderlich ist. Weil selbst die vom Wunschdenken geprägte Bevölkerungsprognose 2030 nicht zwingend zu weiterem zusätzlichem Wohnungsneubau führen muss würde sich die Politik mehr auf die Wohnungsbestandspolitik konzentrieren. Weil die Berliner der Politik nicht abnehmen, dass auf dem Tempelhofer Feld langfristig gesicherte Sozialwohnungen entstehen. Weil dieses Kaltluftentstehungsgebiet auch künftig zu gesunden Lebens- und Arbeitsbedingungen in den angrenzenden quartieren Bezirken beitragen kann. Weil mit den eingesparten 530 Mio. € (!) Steuergelder die dringend notwenige Sanierung des Flughafengebäudes erfolgen könnte. Und es macht sich die Erkenntnis breit: Der Politik und den Technokraten darf das Tempelhofer Feld nicht überlassen werden. Deshalb das Volksbegehren. Wenn das Volksbegehren mit 174.000 Stimmen erfolgreich ist, dann erfolgt im Frühjahr der –Volksentscheid. Der Volksentscheid ist dann erfolgreich und für Politik und Senatsverwaltung verbindlich, wenn sich 640.000 Berliner für den Erhalt des Tempelhofer Wiesenmeers aussprechen. Wo, Herr Brause, sehen Sie da Partikularinteressen? Und wieso ist das Szenario so unrealistisch, dass in 20 – 30 Jahren das gesamte Feld bebaut ist? Wieso sollten nicht auch künftig soziale Probleme und vor allem finanzielle Engpässe im Landeshaushalt zu Lasten der Umwelt, hier Tempelhofer Feld, gelöst werden, wenn das heute bereits unumgänglich erscheit? Wer würde dann mit welchen neuen Argumenten die weitere Bebauung des Tempelhofer Feldes in Richtung „mondäner Stadtteil im Herzen Berlins“ stoppen? Eines jedenfalls ist gewiss: Grün in der Stadt wird im Zuge des Klimawandels noch bedeutsamer für die Lebensqualität der nächsten Generationen werden. Die Verantwortung dafür tragen wir heute! Erhalten wir das Tempelhofer Wiesenmeer – in seiner vollen Größe.

  5. Das Tempelhofer Feld ein verlockendes Finanzprodukt
    Danke sehr geehrte Frau Detjen für Ihr zutreffendes Plädoyer Berlins legendären Ort der Erinnerung vor Zerstörung und finanziellem Abenteurertum zu bewahren!Im Auftrag der Berliner hat der Senat für 10 Euro pro Kopf diesen legendären Ort wieder in den Besitz von uns Berlinern gebracht.Wir Berliner nutzen und bewirtschaften diesen grandiosen Freiraum mit nur 50 cent Aufwand je Einwohner im Jahr.
    Das Tempelhofer Feld:
    – ist der Nabel von Berlin
    – das Fenster in die Welt
    – der friedvolle und von Kommerz freie Ort, an dem sich verblüffende Ideen im Miteinander von Berlinern und ihren Gästen bei Schutz von Tieren und Pflanzen entfalten.

    Wir wissen was wir haben. Der Senat und die Medien verraten uns aber nicht was auf uns Berliner und auch die deutschen Steuerzahler zukommt, sollten wir scheitern.
    Hier die vor der Öffentlichkeit versteckten Zahlen:
    Öffentliches Defizit der Erschließungskosten = 529 Mio€
    Wohnungsbauförderung anteilig bis 320 Mio€
    Bibliotheksneubau aktuell 300 Mio€
    ————————————————-
    Zwischensumme 1,139Mrd€
    Kampfmittelbeseitigung ????? Mio€
    Bodensanierung ????? Mrd€
    Berlin Faktor 3 = 3,5 Mrd€
    also Kosten für einen neuen Flughafen

    und das alles für 4.700 Wohnungen WE?
    Das würde bedeuten, umgerechnet müsste jede WE mit 120.000€ Erschließungskosten subventioniert werden! Das ergibt doch keinen Sinn für uns Berliner. Berlin hat genügend erschlossenes Bauland um sofort genügend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und nicht erst ab 2018 bis 2025, wie es auf dem Tempelhofer Feld geplant ist.
    Wer 100 Jahre zurückblicken kann, der findet, das die Muster vom Verkauf des westlichen Feldteiles 1910 an die extra für die Transaktion 1909 gebildete Gemeindekörperschaft Tempelhof sich gar nicht so sehr von den heutigen unterscheidet: ein Finanzprodukt, um das sich die Geier kloppen und denen jedes Mittel Recht und entsprechende Propagandaschlachten wert ist.

  6. Giving up "Berliner Freiheit"
    Living in the modernizing, undemocratic, tearing-down and building-up city of Beijing, it’s clear to me that Berlin is giving up what made it special. The Ernst & Young building next to Friedrichstrasse station is one unhappy example; another (there are many) is the changes around the wonderful Invalidenfriedhof. When I lived in Berlin I cycled past/through often and it was a location suffused with beauty and a certain loneliness. Now large property developments crowd all around, all selling the same vision. And I don’t understand the logic of placing the BND on Schwartzkopffstr. How can that be right? isn’t it a potential terrorist target, a security risk? Why is it downtown?

    When I lived there, from 1999 to 2003, Berlin was beautiful because it was full of secrets. Those secrets were hidden in the open air, in the asymmetric spaces, in the odd Höfe, in the way the city didn’t connect up but was open to people on foot, or on bicycle, both the modes of the Flaneur. Destroy the secrets and you destroy imaginative space. I think actually this is something very precious — a human, social and political answer to the financialization of life. The world is increasingly financialized down to the very last atom, the very last mind, and we are all feeling choked. Berlin was different.

    Along with financialization has come political apathy and a certain social laziness. It’s hard to push back. Democracies and non-democracies are very different but in some crucial aspects, it seems to me people in the West are not as well educated, certainly not as engaged, as they think. Living in China, I see that clearly. And — importantly — I see that what happens in the democracies really matters for the world. Without that democratic engagement, perhaps those societies run the risk of one day being truly irrelevant. Not economically, as people fear (will we be taken over by China? Etc.) But morally.

    • Titel eingeben
      Thanks you very much for that brilliant point of view.

      “ And — importantly — I see that what happens in the democracies really matters for the world. Without that democratic engagement, perhaps those societies run the risk of one day being truly irrelevant. Not economically, as people fear (will we be taken over by China? Etc.) But morally.“

      So sad, but so true. They don’T know what they are about to loose and give up. But they are still acting as if they are the undisputed masters of freedom and knowledge.

      As we would say in german: I cannot eat that much as I would like to puke / throw up.

  7. Pingback: Diskussion um das Tempelhofer Feld | Stylewalker

  8. Berlin ist doch schon längst zerstört!
    Wir hätten schon die ganzen letzten 20 Jahre aufpassen sollen, die Krise hat sich schon abgezeichnet, als die neoliberale Wende begann! Dann wäre es nie soweit gekommen! Jetzt ist Berlin zerstört und die Finanzinvestoren werden auch nichts mehr von ihren Spekulationsblasen haben!

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