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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.


Das Kopftuch, ein westlicher Fetisch

| 4 Lesermeinungen

Alle reden über die Bürden des Kopftuchs. Dabei bekommt man in arabischen Ländern einen Kredit für Schönheits-OPs leichter als einen Kredit für ein Haus.

Wenn ich in Berlin erzähle, dass ich im Libanon lebe, taucht schnell die Frage auf, ob ich dort ein Kopftuch trage (das heiklere Pendant zu der Frage, ob alle Deutschen Lederhosen tragen).
Ich antworte, dass ich nie ein Kopftuch trage, außer als Touristin, wenn mir am Eingang der Hagia Sofia in Istanbul oder der Ummayaden-Moschee in Damaskus ein Schleier gereicht wird. Das scheint die Fragenden zu verwirren. „Was trägst du dann?“, wollen sie wissen. Dieselben Kleider wie in Berlin oder New York – nur meistens weniger, weil es wärmer ist.
Das verwirrt sie noch mehr. Also erkläre ich: In der arabischen Welt ist nur in Saudi-Arabien der Schleier vorgeschrieben (wo neben den unzähligen Verstößen gegen Menschen- und Bürgerrechte die Schleierpflicht das geringste Problem darstellt). In der Levante sind viele Frauen unverschleiert.

Doch der Obsession des Westens, das Kopftuch als elementaren Ausdruck der Kontrolle über Frauen und ihren Körper zu sehen, ist nicht beizukommen: Oft wird es sogar im selben Atemzug mit Ehrenmorden und Zwangsehen genannt (subtile Bildunterschrift bei SpiegelOnline: „Frau mit Kopftuch: Die meisten Zwangsehen-Opfer stammen aus muslimischen Familien“).

Dabei spielt für arabische Feministinnen das Kopftuch so gut wie keine Rolle. Im Libanon wie in vielen anderen arabischen Ländern werden die wichtigeren, erbitterteren – und deutlich unsexyeren – Kämpfe gegen einen Querschnitt öder Gesetzesfragen ausgetragen, bei denen es um Themen geht wie das Recht der Frauen, ihre Staatsangehörigkeit an ihre Kinder weiterzugeben, die Rechtslage bei häuslicher Gewalt und eine ganze Reihe anderer Bereiche, die uns im Westen unangenehm bekannt vorkommen.

Als ich mit 23 nach Beirut zog, um mich als investigative Journalistin zu versuchen, bestand meine bevorzugte Garderobe aus Jeans, Turnschuhen und T-Shirts, denen ich mit Hilfe einer Schere einen schmeichelnden U-Boot-Ausschnitt verpasst hatte. Auf dem Weg zu meinem ersten Interview wurde ich von meiner neuen Vermieterin angehalten, die mich in ihre Wohnung zog und darauf bestand, mir einen ihrer Blazer und die Riemchenpumps ihrer 16-jährigen Tochter auszuleihen. Ich habe mich jahrelang gewehrt, doch irgendwann habe ich mich angepasst und ein paar der Landessitten übernommen: professionelle Maniküre und Pediküre und die Föhnfrisur für besondere Anlässe.

In der arabischen Levante, wie überall sonst, sind die Normen der weiblichen Schönheit viel größere Bürden als der Schleier.
Was nicht heißen soll, das Leben dort sei leicht als Frau.
Während meines ersten Interviews mit einem deutschen Staatsanwalt in Beirut, schien dieser den professionellen Anlass unseres Gesprächs schlicht zu ignorieren. Ich war da, um eine Story zu schreiben – er war bei einem Rendezvous. Eine Stunde lange tischte er mir inoffiziell Anekdoten seiner Heldentaten auf, während er mich mit einer Flasche Wein bearbeitete, bis er mir irgendwann die Hand ins Kreuz legte und ein weiteres Treffen vorschlug, wenn er es geschafft hätte, seine Leibwächter abzuhängen (zwinker). Hatte er mich am Telefon missverstanden? Hatte ich die falschen Signale gesendet?
Aber dann passierte es wieder: bei einem Interview mit dem obersten libanesischen Drogenfahnder, erklärte mir ein amerikanischer Reporter, er wolle in Zukunft bei Treffen mit wichtigen Leuten immer eine Frau dabei haben, weil „Männer mehr reden, wenn ein Paar Titten im Raum sind“.

Die libanesischen Kollegen bei der Tageszeitung, für die ich später arbeitete, hielten mich wenigstens für eine Spionin – immerhin trauten sie mir Fähigkeiten und Raffinesse zu.

Im Libanon erhält man für eine Schönheitsoperation leichter einen Kredit als für ein Haus oder ein Kleinunternehmen. Wie Maher Mezher von der First National Bank erläutert, die Sofortkredite von $ 5.000 für solche OPs gewährt: „Wer nicht gut aussieht, findet im Libanon keinen Job und wird sozial geächtet.“

Whiskey-Reklametafel in Beirut

Natürlich gibt es Eltern, die ihren Töchtern das Kopftuch aufzwingen, und in diesem Kontext sind wir instruiert, uns über die Praxis zu entrüsten. Doch wenn man sich in den sozialen Medien umsieht, gibt es im Libanon heute mehr Mädchen unter dreizehn, die mit Schmollmund und schmachtendem Blick für die Kamera posieren. Beirut rühmt sich sogar seiner Schönheitssalons für Kinder. Eine neuere Umfrage unter 21- bis 38-Jährigen Libanesinnen ergab, dass etwa 46 Prozent der Befragten sich bereits irgendeiner Form von plastischer Chirurgie unterzogen hatten, um „sexy auszusehen“.

Sehr zum Verdruss libanesischer Feministinnen hat das Tourismus-Ministerium des Libanon die Schönheit der Frauen wiederholt zur nationalen Attraktion erklärt.

Seit 2011 prangert der libanesische Medienbeobachter Kherrberr die Erniedrigung und Stereotypisierung der Frau in der Werbung an. Kherrberr hat es sich zum Ziel gesetzt, „die libanesische Regierung dazu zu bringen, Gesetze zu erlassen, die Werbeagenturen zu einem zeitgemäßeren Gender-Diskurs anspornen“.
Allerdings scheint die Botschaft an dem libanesischen Model und TV-Starlet Myriam Klink vorbeigegangen zu sein, die kürzlich ihren Einzug in die Politik ankündigte: „Ich werde im Minirock ins Parlament ziehen.“
All das gilt nicht für den Libanon spezifisch. Musikvideos, die über den äußerst populären saudischen Satellitensender Rotana und das ägyptische Melody TV in der Region ausgestrahlt werden, zeigen den ganzen Tag lang spärlich bekleidete arabische Popstars, die sich auf diversen Untergründen räkeln.
Ist Laszivität der Maßstab für den Aufstieg der Frau?

Auf einer Konferenz zur Repräsentation der Frau in den Medien kam Nadine Moawad von der feministischen Kollektive Nasawiya zu dem Schluss: „Frauen im Libanon werden als befreit angesehen, weil sie abends ausgehen können [und ähnliches]. Doch das sind eindeutig Scheinfreiheiten.“
Mit dem Fokus auf dem Kopftuch einerseits und der de-facto-Wahrnehmung von nackter Haut als Fortschrittlichkeit andererseits, wie es von den westlichen Medien praktiziert wird, wenn sie ihre Journalisten über dem Libanon abwerfen und die wohlhabende Oberschicht auf den Beiruter Dächern ablichten, erweisen wir den arabischen Frauen einen Bärendienst. Wir verwechseln unsere sozialen Gepflogenheiten mit Prinzipien.

(Übersetzung von Sophie Zeitz)

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4 Lesermeinungen

  1. Interessant
    Das sind so Sachen, die man selten über den Nahen Osten liest…Nuancen, halt.

  2. Kopftuch, Minirock, Hagia Sofia
    Vielen Dank für die schlüssige Beweisführung, dass die Fixierung des Westens auf die Kopftuch-Frage etwas lächerlich Zwanghaftes hat. Dass stattdessen nun der Libanon (oder auch eine andere Gesellschaft) staatlicher Gesetze bedarf, „die Werbeagenturen zu einem zeitgemäßeren Gender-Diskurs anspornen“, hat mich nicht so ganz überzeugt. Welcher wirklich fruchtbare Diskurs wäre jemals durch die Gesetzgebung angestoßen worden. Ich habe auch nicht verstanden, warum eine Politikerin NICHT den Wunsch äußern soll, im Minirock ins Parlament einzuziehen.
    Und schließlich: War die Autorin mal in der Hagia Sofia? Diese ist seit 1931 keine Moschee mehr, sondern ein staatliches Museum. Als ich das letzte Mal dort war, bekamen die Frauen dort keine Kopftücher gereicht. Ich vermute, ich hätte es mitbekommen, wenn die explizit laizistische Türkei für das Betreten ihrer Museen plötzlich das Tragen von Kopftüchern zur Pflicht gemacht hätte.

    • Titel eingeben
      Sie haben schon Recht dass einem in der Hagia Sofia kein Schal oder Schleier gereicht wird. Vor 1931 wars auch nicht, sondern vor 10 Jahren. Da hab ich mich vertan, und wahrscheinlich war’s dann doch in einer Moschee (wo man auch selber einen Schal zum unhängen mitnehmen kann und nicht in der HS.) In der Ummayyad Moschee in Damaskus, unter der säkularen Herrschaft der Assads, kriegt man eigentlich auch keinen Schleier sonder so ein abdeckendes Kapuzengewand (im original Englischen hiess das dann einfach „shroud“). Das ist bei verschiedenen Moscheen und religiösen Einrichtungen anders.

      Bei Klink geht’s nicht darum ob sie im Parliament ein Minirock tragen soll oder nicht, sondern dass das als politisches Platform nicht viel taugt. Kherrberr beunruhigt nicht nur glaube ich das Packaging der Frauen als nationale Attraktion (und die implizite Einladung zum Sex-Tourismus) sondern auch, dass Werbung oft „Rape culture“ in die Hände spielt. Das habe ich aber auch nicht als Advokat für Gesetzesgebung geschrieben, sondern als Beispiel für die Themengebiete die libanesische Feministinnen beschäftigen.

    • Sultan-Ahmed-Moschee und noch einmal Minirock
      Herzlichen Dank, für Ihre Antwort!
      Vermutlich haben Sie die Sultan-Ahmed-Moschee (in Deutschland meist „Blaue Moschee“ genannt) besucht. Die liegt in Sichtweite der Hagia Sofia und ist ähnlich groß.

      Ich gebe vermutlich eine typisch westliche Sicht wieder, wenn ich sage: Bei einer Politikerin eines muslimisch geprägten Landes würde ich die Aussage „Ich werde im Minirock ins Parlament ziehen.“ tatsächlich erst einmal politisch interpretieren im Sinne von: „Ich werde für eine westlich-liberal-säkulare Gesellschaft eintreten und mich allen islamistischen Strömungen mit Wort und auch Tat widersetzen.“ Bei einer deutschen Politikerin würde ich aus ihrem Thematisieren (nicht: dem Tragen) eines Minirocks auf einen Mangel an politischen Inhalten schließen.

      Die staatliche(?) Werbung für (Sex-)Tourismus im Libanon liegt wirklich komplett in meinem blinden Fleck. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Und ehrlich gesagt: Ich weiß auch nicht, ob ich auf mich gestellt den Spot so verstanden hätte. Würde mich mal interessieren, aus welchen Nationen die Sex-Touristen kommen.

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