Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Achtung! Kinderkriegen!

| 13 Lesermeinungen

Mütter! Hört auf zu heulen. Kinderkriegen ist keine Krankheit! Es sind nicht die Kinder, die uns an den Kragen wollen.

© privatDas Monster unserer Zeit? Ein Kind um ca. 1991

Ich habe so langsam Angst davor, Zeitung zu lesen oder das Internet aufzumachen. Überall Warnungen für alle! Achtung: Orkan – könnte Ihre zwei Gartenstühle wegfegen. Achtung: So werden sie täglich überwacht. Achtung: Kinderkriegen – so ist ihr Leben am schnellsten vorbei.

Es ist beunruhigend. Überall lauern die Gefahren. Am heftigsten lauert aber die Gefahr seit neuestem im Kinderkriegen bzw. Kinderhaben. In der „FAZ“ schrieb vor kurzem, um nur ein Beispiel von vielen solcher Texte zu nennen, die Autorin Antonia Baum „man muss ja total wahnsinnig sein, auf die Idee zu kommen, wirklich ein Kind zu kriegen“.

Es geistert eine Debatte durch die Medien, die der normalsten Sache der Welt die Normalität nimmt. Ich habe keine Kinder. Ich muss mir aber, weil die Frage immer mal im Raum schwebt, selbst die Frage stellen: Soll ich, soll ich nicht. Das Gerät ist ja nun vorhanden. Die Hysterie macht es mir nur ein bisschen schwer, darüber nachzudenken.

Das Kind ist plötzlich nichts Normales. Ein Kind ist jetzt politisch. Ein Kind ist ein Fetisch. Kinder sind jetzt Robbenbabys.

Aus einem relativ individuellem Vorgang und unterschiedlichen Lebensmodellen ist jetzt eine insgsamt esoterisch überhöhte Berufung geworden: DIE MUTTER oder DER VATER bzw. DIE ELTERN. Könnten wir bitte den Ball wieder ein bisschen flacher spielen und den Gedanken zulassen, dass es irrsinnig viele unterschiedliche Mutterrollen gibt. So wie es sehr viele unterschiedliche Charakterzüge an Menschen gibt? Dass es stärkere und schwächere Menschen, besser und schlechter organisierte Eltern gibt. Woher das große Bedürfnis mancher Mütter, ihre Überforderung, als wären hier höhere Mächte im Spiel, auf alle zu übertragen? Das Leben ist alles, was der Einzelfall ist. Und Kinderkriegen ist keine Krankheit.

Woher kommen diese öffentlichen Beschwerden, die Selbstgerechtigkeit und Sentimentalität von Müttern, die in den meisten Fällen gut ausgebildet sind und ausreichend Geld verdienen? Vielleicht, weil sie das Kind anfassen wie eines ihrer Projekte? Mit maximaler Investition werde man schon ein bisschen Mehrwert schaffen können. Jedenfalls bis zur Pubertät. Bis das Kind sagt: Du bist gefeuert, Mutter. Bis dahin aber wird das Kind Teil des sozialen Kapitalismus, Teil der Freizeit- und Privatsphärenoptimierung. Und alles, was so kapitalisiert wird, ist nicht mehr normal. Es reicht das Selbstverständliche nicht mehr. Identitätsmarke Kind.

Und diese Identitätsmarke ist relativ allgemein gültig gefasst, so dass auch die Beschwerden darüber immer wieder verallgemeinert werden. Diese Kanonisierung von Kindheit und Elterndasein ist politisch und auch wirtschaftlich gewollt. Wer nicht mehr auf die Idee kommt, das Kind der Nachbarin anzuvertrauen, der Oma, sonst wem, muss sich höhere Mächte, in dem Fall, Institutionen suchen.

In einer egozentrischen Gesellschaft, die – wenn Sie auch wie ich in diesen Tagen ins Dschungelcamp schauen – aus ewig pubertierenden (natürlich auch sehr lustigen) Menschen besteht, ist die Idee, irgendeine Party wegen des Kindes ausfallen lassen zu müssen, natürlich schrecklich. Unter diesen Umständen ist das Kind nur noch die Waffe, das eigene Unglück zu verteidigen. Sie können mir jetzt vorwerfen, dass ich keine Kinder habe und das Problem deshalb auch nicht verstehen kann. Und Sie haben auch Recht. Ich verstehe es nicht: Vielleicht fällt ein bisschen Spaß weg, aber dafür hat man dann Kinder, die doch angeblich auch Spaß machen sollen?

Es gibt zu viele Probleme, um die wir uns kümmern müssen, als dass wir ständig den Ausnahmezustand Mutter ausrufen sollten. Denn, ja, manche Mütter haben keine Nachbarin, der sie ein Kind anvertrauen können, ja, manche Frauen verdienen so wenig Geld, dass sie kaum ein Kind durchbringen können und ja, wenn es sein kann, dass ich plötzlich in einer anderen Stadt arbeiten muss, gestaltet sich das Familienleben schwer – und ja, die Zeiten sind unruhig und für viele unsicher. Aber liebe Mütter: Es sind nicht die Kinder, die uns an den Kragen wollen!

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13 Lesermeinungen

  1. Nicht nachdenken - machen
    Sehr geehrte Frau Hünniger,

    ich weiß nicht, wie alt sie sind. Aber ich weiß, dass Sie sich viel zu viele Gedanken um Ihren (eventuellen) Nachwuchs machen. Was Sie (und ihresgleichen) allerdings vergessen: Der biologische sinn des Menschen ist es, seine Population zu erhalten. Damit kann natürlich der völlig der Natur entrückte Stadtmensch heute nix mehr anfangen. Und das ist ein Ausdruck der „spätrömischen Dekadenz“.

    Deutschland ist ein reiches Land und kein Kind muß in diesem Lande hungern oder frieren. Werden Sie eine Mutter und entwickeln Sie sich weiter in Ihrer Menschwerdung.
    Ich habe in meinem Kollegen- und Bekanntenkreis mehrere kinderlose Damen (so alle zwischen 50 und 65), deren mentalen Probleme (“ alte Jungfer“) sind unübersehbar.

  2. Guter Artikel - mal wieder
    Die Familie ist die Keimzelle unserer Gesellschaft. Liebe, Verantwortung und Glück erwachsen aus ihr. Und manchmal eben auch Stress und Unglück. Aber das wiegt die Familie – nach meiner Erfahrung mit drei Kindern – mehr als wieder auf. Allen Kindergegnern sei gesagt: Ihr könnt nach eurer Fasson glücklich werden. Ehrlich. Aber lasst die Familien in Ruhe und denkt mal darüber nach, was gewesen wäre, wenn eure Eltern genauso gedacht hätten, wie ihr…

  3. Eutanasie auf gut hamburgische Art
    Beeindruckend ist, mit welcher Beharrlichkeit und Ignoranz sich unsere Medien und Organisationen an dem Thema: Euthanasie vorbei drücken, obwohl doch die ganze Freitod- und Sterbehilfedebatte so rasante Fahrt aufgenommen hat.

    Dass Kinder heute in der Freien und Hansestadt Hamburg der Tötung durch das laufende Kostenmanagementsystem zugeführt werden, können wir immer wieder in den Einzelbeispielberichten hören, lesen und sehen.

    Nur will niemand diese Fälle auf den gemeinsamen Nenner untersuchen, weil das dem heute in diesem Lande marodierenden und brandschatzenden Kannibalkapitalismus, also der fundamentalistisch-dogmatischen Geldwirtschaftsdiktatur und ihrem wichtigsten Instrument, den Konstenmanagementsystemen zuwider liefe.

    Längst ist der ethisch-sittliche und zivilisatorisch-kulturelle Styx überschritten und wir leben bereits in dem Neuen Nazistaat, in dem das neue lebensunwerte Leben als Charakteristikum jener Bildungsfernen, Wende-, Reform- und Modernisierungsverlierer sowie Sozialrentner definiert ist, die sich nicht mehr als Humankapital hinreichend rentabel verwerten und ausschlachten lassen.

    Die Brutalität, mit der heute in diesem Neuen Deutschland mit seiner Neuen Sozialen Marktwirtschaft Menschen wieder zu Dingen, Objekten und Kennziffern herab gewürdigt werden, mag ja erschreckend sein. Aber das entpflichtet uns all nicht davon, diese Wirklichkeit zu Kenntnis zu nehmen. Der Trost, der in den virtuellen Wahn- und Traumwelten unsere TV-, Karriere- und Konsumsüchtigen zu finden ist, wird sich als mörderische und tödliche Wirklichkeitsflucht heraus stellen.

    Immerhin darf heute schon der gültige Sloagan mit den Worten: „Du bist nichts, Dein Investor ist alles.“ zitiert werden, wenn wir die Praxis in der Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Justiz zusammenfassen und den gemeinsamen Nenner, also das absolute Primat der alternativlosen, systemisch unvermeidbaren und ansonsten eben auch total unverzichtbaren Geldwirtschaftsdiktatur geflissentlich einmal zu Kenntnis nähmen.

    • Die Nazis haben ja bekanntermaßen auch nichts schlimmeres getan...
      …als den Juden Wohnung, Krankenversicherung und knapp 400 Euro im Monat zu bezahlen. In Auschwitz mussten nur Bewerbungen geschrieben werden. Herzlichen Glückwunsch zu Ihren ausgezeichneten historischen Kenntnissen und dem brillanten Vergleich.

  4. Wer beschwert sich eigentlich?
    Es mag an meiner Wahrnehmung liegen, aber wo sind denn all die „öffentlichen Beschwerden, die Selbstgerechtigkeit und Sentimentalität von Müttern“? Wo sind die Beispiele für „das große Bedürfnis mancher Mütter, ihre Überforderung (…) auf alle zu übertragen?

    Der einzige Artikel, den Sie verlinken, ist der einer kinderlosen Journalistin und thematisiert die Schwierigkeit der Entscheidung für ein Kind.

  5. Kopfrechnen
    Jahrgang 1984 – einfach einmal nachrechnen!

  6. Gratulation!
    Grossartiger Artikel mit fantastischer Botschaft! Eigentlich bloed, dass man diesen Reflektionen gratulieren muss……..Gratulation und Hochachtung und Freude!
    Eine Mutter mit Schwaechen

  7. Schade
    Die Autorin erkennt durchaus, dass die Situationen des Kinderkriegens und -habens sehr vielfältig und höchst verschieden sind. Sie übersieht dabei jedoch völlig, dass nicht zuletzt politisch das Bestreben dahin geht, diese Vielfalt zu eliminieren und das überwiegende Outsourcing der Erziehung und des Habens zu postulieren. Mütter werden tagtäglich mit Hiobsbotschaften wie „Mütter arbeiten zu lange Teilzeit“, „Kaiserschnittkinder anfälliger für Atemwegserkrankungen“, „Frühkindliche Förderung in Kitas führt zu besseren schulischen Leistungen“ etc… regelrecht bombardiert. Die Politik fordert die schnellstmögliche Rückkehr in den Beruf, Politikerinnen leben der Öffentlichkeit die problemlose Vereinbarkeit von Kind und Vollzeit-Job vor (Kindermädchen, Babysitter etc… bleiben im Hintergrund) Ungestört Mutter sein zu können, ist heutzutage zum Luxusgut geworden. Waren zu meiner Zeit berufstätige Mütter sozial geächtete Rabenmütter, sind Vollzeit-Mütter heutzutage soziale Total-Versagerinnen. Das eine stimmt so wenig wie das andere. Dass sich Frauen diesem Druck lieber entziehen und keine Kinder in die Welt setzen, finde ich völlig nachvollziehbar. Dass sich Mütter, egal welchen Lebensentwurf sie leben, dadurch zusätzlich unter Druck gesetzt fühlen, ist ebenfalls klar. Aber die Verfasserin dieses Artikels sollte einfach mal eine Woche lang – und sei es auch nur als Zuschauerin – eine voll berufstätige Frau mit vierjährigem Kind begleiten, das müde und quengelige Kind nach einem harten Arbeitstag abholen, noch schnell einkaufen gehen, dem Kind die sog. „Quality-Time“ überhelfen, das Kind ins Bett stecken, noch schnell den Haushalt machen um irgendwann ins Bett zu sinken. Ob sie dann auch noch so muntere Artikel über das Mütter-Dasein schreibt … ?!

  8. Lieber Herr Kerner
    Eine kleine Auswahl: Es liefen in den letzten Wochen einige Texte dazu, unter anderem von Julia Franck in der Welt mit dem Titel „Schreiben und Kinder sind unvereinbar“. Die Titelgeschichte von The Germans lautete „Ich liebe mein Kind, ich hasse mein Leben“.

    • Liebe Frau Hünniger,
      herzlichen Dank für die Hinweise, sie waren mir in der Tat nicht bekannt. Den Beitrag von Julia Franck habe ich – da online verfügbar – sofort gelesen.

      Ich erhebe für meine Lesart keinen Wahrheitsanspruch, aber ich würde in ihm eigentlich keine Beschwerde einer überforderten MUTTER sehen, sondern eher die Schilderung des Leidens einer Schriftstellerin am eigenen KÜNSTLERISCHEN Absolutheitsanspruch. Wenn Julia Franck ihren Schreib-Prozess als etwas „bedingungslos Absorbierendes“ erlebt, wenn sie im Schreiben eine zyklisch auftretende Krankheit sieht und ihre Kinder beim Anblick der arbeitenden Mutter fast zu weinen beginnen, kann man das natürlich für übertrieben halten. Aber die 99,5 Prozent der Leser, die einem weniger absorbiernden Beruf nachgehen, müssten doch eigentlich den Schluss ziehen: „Mit anderen Berufen mögen Kinder gut vereinbar sein, mit Schreiben aber nicht. Die armen Schriftstellerinnen!“ und nicht „… die armen Mütter!

  9. Bravo!
    Ein sehr guter Artikel!
    Sie differenzieren und hinterfragen die so oft ideologisch überspitzten, dogmatischen Anti-Kind-Positionen, der meist kinderlosen Autorinnen ohne jedoch vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Es gelingt Ihnen das Plädoyer für eine natürlichere Einstellung zum Thema Kind. Wer grundsätzlich Kinder möchte, sollte sich nicht Bange machen lassen, wer unsicher ist, sich vielleicht doch darauf einlassen. Stimmt, es gibt keinen Grund, sich vor Kindern zu fürchten. Das sage ich als berufstätige Mutter ,von zwei mittlerweile erwachsenen Kindern, die auch mal im Zweifel war. Das Leben ist durch Kinder zwar nicht einfacher aber schöner und reicher geworden.

  10. Carl Gustav Jung fand dazu die richtigen Worte
    In einem Artikel der FAZ über ausgewählte Schriften von Carl Gustav Jung

    (www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/c-g-jung-ausgewaehlte-schriften-warum-probleme-fuer-uns-menschen-wichtig-sind-1613055.html)

    findet sich ein schönes Zitat, das man heute nicht mehr auf einer Party von Thirtysomethings bringen könnte, ohne in Deckung zu gehen oder zumindest anschließend die Luft anzuhalten und sich klein zu machen:

    „Ein Mann von dreißig, der noch infantil ist, ist wohl bedauernswert, aber ein jugendlicher Siebzigjähriger, ist das nicht entzückend?“, fragt Jung ironisch. „Und doch sind beide pervers, stillos, psychologische Naturwidrigkeiten. Ein Junger, der nicht kämpft und siegt, hat das Beste seiner Jugend verpasst, und ein Alter, welcher auf das Geheimnis der Bäche, die von Gipfeln in Täler rauschen, nicht zu lauschen versteht, ist sinnlos, eine geistige Mumie, welche nichts ist als erstarrte Vergangenheit. Er steht abseits von seinem Leben, maschinengleich sich wiederholend bis zur äußersten Abgedroschenheit. Was für eine Kultur, die solcher Schattengestalten bedarf!“

    Ich denke, weil die im Zitat genannten Aspekte nicht mehr als gültig angenommen werden, wird auch über das Für und Wider von Kindern so unerbittlich gestritten.

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