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Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Vergeudete Leben? Ein Rettungsversuch

| 13 Lesermeinungen

Legefarmen, auch Bio-Freiland, sind schreckliche Orte, die niemand gern aufsucht. Hier arbeiten Ausgebeutete anderer Länder und eben Tiere.

Auf dem Boden mehrere Zentimeter getrockneter Vogelkot. Um mich herum auf mehreren Ebenen vollgeschissene Gitter und alle paar Meter eine eingetrocknete, schwarzgraue Vogelleiche. Durch die Gänge schieben polnische Arbeiterinnen und Arbeiter schwere Schubkarren. In der Halle selbst tragen sie Masken gegen Staub und Keime, aber im direkt angrenzenden Vorraum, durch den der Mist gefahren wird, müssen sie ihr Frühstück verzehren.  Dies ist ein schrecklicher Ort, den niemand gerne aufsucht; hier arbeiten Ausgebeutete anderer Länder und eben Tiere.

Ich befinde mich in einer Legefarm, Bio-Freiland. Bis gestern haben hier 10 000 Hühner ihre Eier gelegt wie kleine Maschinen. Sie werden so gezüchtet, dass sie ein Jahr lang möglichst effizient funktionieren; ihre Skelette schmerzen, ihre Legeorgane entzünden sich, sie bekommen Tumoren. Nach Ablauf eines Jahrs sind sie nicht mehr rentabel, dann geht es zum Schlachter. In der Nacht werden sie eingefangen, dabei werden noch mal zehn Prozent von ihnen Flügel oder Beine gebrochen. Nur ein paar Tiere können sich jedes Mal in Ritzen verstecken.

Und das ist auch der Grund, warum ich hier herumkrieche – um sie zu suchen. Ich habe einst durch Zufall erfahren, dass solche Hühner oft übrig bleiben und dann beim Putzen getötet werden. Dem einen Tod knapp entronnen, um den nächsten zu sterben? Seither komme ich mit Erlaubnis des Besitzers jedes Jahr hierher, sammele die „Resthühner“ ein und versuche, sie auf meinem kleinen Lebenshof wieder aufzupäppeln. Zum ersten Mal bekommen sie dann echte Körner und eine grüne Wiese. Bio-Freiland, das sind ja angeblich die glücklichen Hühner. Schade nur, dass sie selbst es nicht wissen. In ihrem Auslauf wächst längst kein Halm mehr, und die meisten von ihnen haben blasse Kämme und kaum noch Federn.

© privatMerles erster Apfel

Ich muss daran denken, wie kürzlich wieder debattiert wurde über die männlichen Küken der Legehuhnrassen. Am Tag der Geburt werden sie bereits getötet, durch Gas oder mechanisch mithilfe eines „Musers“. Eierlegen können die Männchen nicht, zur Mast sind sie auch nicht geeignet; also weg damit. Viele Leute regen sich auf, dass 40 Millionen männliche Küken „sterben müssen, weil sie keine Eier legen können“. Aber genau so viele weibliche Legehennen machen ihr ganzes Elend doch deshalb durch, gerade weil sie Eier legen.

Oder die Schweinezucht: Im Dezember zeigte das Fernsehen versteckte Aufnahmen, wie Stallarbeiter untergewichtige Ferkel mit dem Kopf an irgendwelche Wände schlugen, um sie zu töten. Brutale Szenen, man möchte das nicht sehen, Tiere sind doch keine Gegenstände, Tiere empfinden doch auch Schmerzen! Mein Gott, rufen viele, diese Ferkel sind so „sinnlos gestorben“.

Aber die anderen Schweine, also ihre Schwestern und Brüder, die ein halbes Jahr älter werden, die sterben ja auch sinnlos. Kein Mensch muss ein Tier essen, jedenfalls nicht in Deutschland. Das Tierschutzgesetz verbietet, Tiere „ohne vernünftigen Grund“ zu töten – bloß gibt es in diesem Land keinen vernünftigen Grund, Schweine zu töten. Sie greifen uns nicht an, also brauchen wir sie auch nicht zu töten. Welche Vernunft würde behaupten, nur weil jemand schmeckt, darf man ihn töten? Überhaupt nicht zu Ende gedacht, immer nur zu unseren menschlichen Gunsten, diese ideologischen Ausflüchte der angeblichen Vernunft und des vermeintlichen Tierschutz.

Nein, ich weine nicht nur um die Brüder der Hühner, nicht nur um die totgeschlagenen Ferkel, ich weine um sie alle, 800 Millionen erbärmliche, leidvolle, vergeudete Leben, jährlich in Deutschland gewaltsam genommen.

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13 Lesermeinungen

  1. Massentierhaltung
    Seit „Tiere essen“ gibt es eine immer stärker werdende Öffentlichkeit für ethische Fragen in der Tierhaltung oder, wie in Ihrem Fall, die vollständige Ablehnung des Essens von Fleisch aus ethischen Gründen.

    Ich finde die Massentierhaltung mit ihren Effizienzzwängen ebenfalls schrecklich, bin aber nicht der Meinung, Fleischessen wäre unethisch.

    In der ganzen Diskussion, die so hin und her wogt, fragte ich mich vor Kurzem, wie jemand, der die Empfindungsfähigkeit von Tieren so präzise wahrnimmt, zu der Empfindungsfähigkeit seiner eigenen Spezies steht. Ich bin froh diese Frage heute stellen zu können: Bis zu welcher Schwangerschaftswoche würden Sie einer Abtreibung zustimmen und warum? Ich bitte um eine ehrliche Antwort.

    • Unsere derzeitige Abtreibungsregelung (Fristenregelung) orientiert sich m.W. ebenfalls ungefähr den der Frage der Empfindungsfähigkeit, ich sehe da jetzt keine grundsätzlichen Probleme. Ich finde die Frage der Abtreibung allerdings daher noch auf besondere Weise interessant, als wir hier gewissermaßen an die Grenzen unserer üblichen Moral gestoßen werden, die sich ja auf klar voneinander abgrenzbaren Individuen bezieht. Eigentlich haben wir es aber bei Frau und Fötus nicht mit zwei vollständig getrennten Entitäten zu tun, sondern interessanterweise mit zweien die auch auf besondere Weise ein Körper sind. (Manche philosophischen Beispiele konstruieren das m.E. etwas irrtümlich nach.) Siehe in meinem Buch S. 265/266 Anm. 16 und S. 267 Anm 23

  2. Vernünftige Gründe
    Ich finde es durchaus vernünftig, Schweine zu töten, damit ich sie essen kann. Auch Vernunft ist relativ.

    Bei welcher Methode zur Nahrungsmittelerzeugung für den Menschen wird nicht getötet? Mir ist keine bekannt.
    Die einzige Möglichkeit, die ich da sehe, ist das Leben im Dschungel mit ausschließlicher Ernährung durch Früchte. Ist die Autorin dazu bereit?

    • Jedenfalls werden für eine pflanzliche Ernährung deutlich weniger Tiere getötet, da ja bekanntlich ungefähr 7 bis 15 pflanzliche Kalorie aufgewendet werden müssen, um eine tierische zu erzeugen. Außerdem ist es ein Unterschied, ob wir unvermeidbar auch Leben töten – da stimme ich völlig zu: Jedes Leben kostet anderes Leben/Ressourcen – oder ob wir absichtlich unfreie Tiere heranzüchten, einsperren, eines vollständigen Lebens berauben, ihnen die Kinder wegnehmen, die durch die Gegend karren und dann gewaltsam töten. Man kann nicht jeden Schaden vermeiden – das aber schon

  3. Hühnersoziologie
    Wie viele andere Hühner kann sich ein Huhn merken und sich seinen sozialen Platz in dieser Zahl Hühner erkämpfen?
    Das waren ungefähr 7. Sitzt es mit 150 anderen Hühnern in einem Freilaufgehege, dann entdeckt es Huhn 1 und macht kurz den Rang aus. Dann trifft es Huhn 2 und macht kurz……….dann trifft es schon etwas erschöpft Huhn 35 und unterliegt, versucht sich neu einzusortieren, aber trifft auf Huhn 36. Ei was für ein Streß. Was passiert eigentlich mit den Hühnern die als erstes anfangen zu schwächeln und immer unterliegen? Die werden gehackt…von allen anderen und sehen dann ungefähr so aus, wie das auf dem Bild.
    Eine romantische Übertragung der eigenen menschlichen sozialen Eigenschaften auf Tiere aller Art kann furchtbar schief gehen. So auch hier, in der edel ethisch motivierten Diskussion sorgt die Bio befähigte Megahackordnungsparty für grausige Ergebnisse. So ein paar Meter Darm die gehacktes Huhn einen Tag hinter sich herzieht….Wow! Dann doch lieber keine Eier essen oder…..so ein Hühnerstall für 7 Hühner…..hmmmmm…..etwas Rasenfläche…..ja….ich muss los….Baumarkt!

    • Man geht davon aus, dass Hühner bis zu einer Gruppengröße von ca 50 Hühnern eine stabile Rangordnung aufbauen können; dabei wird ab einer Gruppengröße von ca 10 Tieren nicht mehr jeder Konflikt einzeln ausgetragen, sondern die Hierarchien, die andere untereinander schon „ausgemacht“ haben, werden übernommen. Es kämpft dann nicht jedes mit jedem.
      An der Kritik des Federpickens, wie das Phänomen heißt, das man bei Merle sieht, ist nichts „romantisch“, es ist ein weithin bekanntes Problem innerhalb der Landwirtschaft und Agrar- und vbeterinärwissenschaft; leider konnte diesem Problem bisher auch nicht durch „Freilandhaltung“ o.ä. abgeholfen werden. (Übrigens wird eine kleine Rasenfläche nicht helfen, mit ihrem Scharrverhalten zerstören Hühner recht rasch große Flächen, die Wiese wird, wie man sagt, „hühnermüde“ – je nach Fläche und Besatz natürlich.) Zur weiteren Vertiefung in das Phänomens des Federpickens, auch bei Freilandhühnern, empfehle ich die entsprechenden Teile in Steffen Hoy (Hrsg): Nutztierethologie, Eugen Ulmer Verlag, 2009.

  4. Der Knackpunkt
    „Welche Vernunft würde behaupten, nur weil jemand schmeckt, darf man ihn töten?“

    Vernunft, ein großes Wort. Nein, natürlich darf man eine Person nicht töten, nur weil sie schmeckt. Nur ist, wenn man schon die Moralkeule schwingt, ein Schwein kein moralisches Wesen, nicht einmal im Ansatz oder im theoretisch Möglichen. Dem entsprechend gilt hier z.B. explizit nicht Vernunft nach Kants Definition zur Erkennung des moralisch Richtigen, wenn man sich auf den „moralischen Gegenstand“ Tier bezieht.

    Dies sieht anders aus sobald man auch nur Indizien findet dass Schweine vernünftig oder gar moralisch handeln. Bis dahin sind jedwede Zuschreibungen von moralischen Persönlichkeitsrechten unangebracht bzw. polemisch. Gleiches gilt natürlich für Hühner.

    • Ich habe hier keineswegs das „große“ Konzept der Vernunft wie bei Kant übernommen, sondern schlicht unser Tierschutzgesetz zitiert, da steht das so drin.
      Zur moralischen Berücksichtigung muss das Gegenüber auch keine Person (im Vollsinne eines rationalen, selbst-bewussten Akteurs) sein, sondern schlicht ein empfindungsfähiges Wesen mit einem Wohl. Deswegen haben wir das Tierschutzgesetz ja: Tiere sind nicht einfach unbelebte Sachen, die man kaputt machen oder beschädigen darf, wie man will.
      Die Inkonsistenz liegt darin, dass wir Tieren zwar einerseits zubilligen, eben auch empfindungsfähig zu sein und moralische Rücksicht zu verdienen, dass wir sie dennoch ganz schnell unseren Eigeninteressen unterordnen, wenn es um so etwas wie Geschmack, Konvention, Tradition geht. Das verträgt sich m.E. weder mit Moral noch mit Vernunft.

  5. Verehrte Frau Sezgin,
    per Zufall bin ich auf Ihren Blog gestossen (nachdem ich Ihren Beitrag auf Zeit Online gelesen hatte).

    Ich möchte es kurz machen (und reposte aus einem anderen Kommentar an anderer Stelle):

    Wenn wir über unser Verhältnis zu Tieren sprechen, denn wurde dieses unser Verhältnis zu ihnen vor 10000den von Jahren durch unsere Vorfahren entschieden(!), die als Jäger und Viehzüchter, Tiere für ihre Zwecke nutzten.

    Die hierbei (emotional) justierte Ethik (und hier finden wir dieselben evolutionären Prozesse von Versuch/Mutation und Selektion wieder) wurde codiert in unseren religiösen Mythen:

    „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

    Die industrielle Fleischproduktion ist nur die Fortsetzung dieses Gebots mit effizienteren Mitteln.

    P.S.
    Wir leben in einer Zeit, in der kopfgesteuerte Ethiken wuchern, in denen sich – bohrt man nach – im Kern nur persönliche Befindlichkeiten äußern. Diese sind für einen selbst so überzeugend, dass man nicht mehr die Phantasie aufbringt, sich vorzustellen, dass die eigenen Überzeugungen für andere überhaupt nicht überzeugend sein könnten.

    Könnte es sein, dass sie ein Opfer dieses Tunnelblicks sind? 😉

    • Sehr geehrter Herr Steffens, da der Acoount von Frau Sezgin gerade nicht funktioniert, bat sie mich, ihre Antwort über meinen Account zu posten. Annika Reich.

      Hier kommt die Antwort von Frau Sezgin:

      Was für 10 000 Jahren geschah, kann wohl kaum über unsere heutigen moralischen und politischen Handlungen entscheiden. Die Menschen damals haben auch Kannibalismus getrieben, ungestraft vergewaltigt und andere Stämme versklavt; das ist kein Maßstab.
      Was nun das AT angeht, das Sie ja auch ansprechen: Interessanterweise wird dem Menschen im Schöpfungsbericht der Genesis nur pflanzliche Nahrung freigegeben; erst nach der Sintflut bzw. im Noachidischen Bund erlaubt (der gleichsam schon resignierte) Gott den Menschen auch, anderen Tiere zu essen. Siehe zum Beispiel (außer in der Bibel natürlich) Karl-Josef Kuschel: „Juden. Christen. Muslime“. Patmos 2009, S. 242f. – Aber auch hier würde ich sagen, dass das biblisch überlieferte Geschehen von damals nicht automatisch eine gute Grundlage für heutige Normen wäre; auch hier mag man an Themen wie Sklaverei, Vergewaltigung und Kriegsführung denken.

    • Zur Evolution der Moral
      Sehr geehrte Frau Sezgin,

      zwei Drittel Ihrer Antwort beziehen sich auf die heilige Schrift. Dies tut man vorzugsweise dann, wenn man die Moral als vom Himmel gefallen ansieht. Ich denke, dass Sie als Anhänger der Lehre Mohammeds in diese Richtung denken. Auch Ihr Bild vom „gleichsam schon resignierten Gott“ (ein theologisch prickelnder Gedanke, beim Barte des Propheten :-)) passt gut hierein.

      Sollte ich mich hierin täuschen, dann können wir diese zwei Drittel außen vor lassen.

      Aber auch wenn ich Sie hier korrekt eingeschätzt habe (wenn Sie unsere Moral also im wahrsten Sinne des Wortes als gottgegeben ansehen), sollten wir die Aussagen dieses letzten Abschnitts ignorieren. Die Bibel (oder andere Schriften) als Ausgangspunkt für die weitere Disputation zu nehmen, bedeutet einen Glaubensakt zur Basis für alles weitere zu machen. Glaubensakte sind durchs Grundgesetzt geschützt, aber Sie dürfen im säkularen Staat nicht zur Grundlage der weiteren Gesetzgebung gemacht werden. (Dass dies dennoch laufend geschieht, ist ein Thema, das hier nicht weiter verfolgt werden kann.)

      Im Kern haben wir es damit noch mit drei Zeilen zu tun, über die zu reden sich lohnt:

      „Was für 10 000 Jahren geschah, kann wohl kaum über unsere heutigen moralischen und politischen Handlungen entscheiden. Die Menschen damals haben auch Kannibalismus getrieben, ungestraft vergewaltigt und andere Stämme versklavt; das ist kein Maßstab.“

      Bezeichnender Weise beginnen Sie mit einer Suggestivaussage „…,kann wohl kaum…“

      Man darf sich hiervon nicht beeindrucken lassen. Lehnt man sich nämlich entspannt im Sessel zurück und reflektiert diese Aussageform, dann wird man sich fragen, warum sollten unsere Emotionen, die der Gestaltung des Zusammenlebens und aller operationellen Ethik zugrundeliegen (ihnen zumindest nicht zuwiderlaufen dürfen) nicht ebenfalls das Ergebnis eines evolutionären Optimierungsprozesses ist.

      Wenn ich sage “ ihnen zumindest nicht zuwiderlaufen dürfen“, dann ist das ein wichtiger Punkt. Die von Ihnen angesprochenen Verhaltensweisen, insbes. die Versklavung, liegen „überkreuz“ mit jenem Optimierungsprozess.

      Hier lohnt sich ein kleiner Exkurs: Es ist ja nicht so, dass man das „ethische“ Programm der Versklavung nicht schon einmal mit allen techn. und milit. Mitteln versucht hätte. (Und ich übertreibe nicht, dass die Träger dieser „Ethik“ in Teilen von derselben subjektiven Überzeugung getragen waren, wie die Aktivisten von PETA.)

      Warum wurde dieser Versuch „falsifiziert“?

      Einen faszinierenden Aspekt hierzu finden wir in Richard Overy „Die Wurzeln des Sieges. Warum die Alliierten den Krieg gewannen.“ Er bemerkt hier u.a. „Wenn wir verstehen wollen, warum die Allierten siegten, müssen wir anerkennen, dass materielle Faktoren wie Ressourcen, Technologie oder Truppenstärke als Begründung allein nicht ausreichen. Ohne die Berücksichtigung der moralischen(!) Dimension der Kriegführung ist der Kriegsausgang nicht zu erklären. Die Bevölkerung in den alliierten Staaten berief sich auf die einfache Moral der Notwehr gegen einen unprovozierten Angriff; die (Bevölkerung) der Achsenmächte wußte im Grunde, dass sie in eine Kampagne der Gewalt geführt worden war, die der Rest der Welt missbilligte… Die moralische Ambivalenz, die dieser Gewalt zugrunde lag, vermag zumindest teilweise zu erklären, warum die Achsenmächte nicht gewannen.“

      Können wir uns i.d. Zusammenhang darauf einigen, dass es sich bei der „einfachen Moral der Notwehr“ um einen angeborenen(!) Reflex handelt?

      Schauen wir kurz, wie Biologen solche Sachverhalte sehen. Ich greife pars pro toto Edward O.Wilson, Wolfgang Wickler und Manfred Eigen heraus.

      Bei O.E.Wilson (Biologie als Schicksal) lesen wir im letzten Kapitel („Hoffnung“): „Als dritter primärer Wert können durchaus die allgemeinen Menschenrechte gelten. Die Idee der Menschenrechte ist kein Allgemeinbesitz, sie ist weitgehend die Erfindung der modernen europäisch-amerikansichen Zivilisation. Wenn ich glaube, dass wir ihr eine Vorrangstellung werden einräumen müssen, so nicht, weil sie ein göttlicher Befehl wäre (…) oder weil wir einem abstrakten Prinzip von unbekanntem äußeren Ursprung gehorchten, sondern weil wir Säugetiere sind. Unsere Gesellschaften beruhen auf dem Säugertier Schema …Eine rational denkende Ameise … würde eine solche Ordnung als biologisch unvernünftig und schon den Begriff der individuellen Freiheit als ein Grundübel empfinden.“

      Wolfgang Wickler kommt in seiner „Biologie der 10 Gebote“ zum Schluss „Ethische Forderungen, die nicht von konkret biologischen Gegebenheiten ausgehen, sind unsinnig.“ und befindet sich damit auf einer Linie mit Manfred Eigen („Das Spiel. Naturgesetz steuern den Zufall.“), der bemerkt: „Eine Ethik … sollte sich eher an den Bedürfnissen der Menschheit als am Verhalten der Materie orientieren.“ (letzters bezog sich aiuf den Existenzialismus von Jaques Monod).

      Wenn sie bis hierher durchgehalten haben, liebe Frau Sezgin, dann sollte klargeworden sein.

      Während der Entwicklung des Menschen wurden evolutionäre Entscheidungen getroffen, die zum Cro Magnon Menschen führten, und ihn mit einem ethischen Grundgerüst ausstattete, dessen Erbe wir übernommen haben. Ihr „kann wohl kaum“ hat einen schweren Stand.

      Das erwähnte ethische Grundgerüst hat auch unsere Beziehung zu den Tieren festgelegt. Wir leben in der Tradition von Raubtieren. Heißt dies, dass wir uns ihnen gegenüber alles erlauben können? Nein. Tun wir auch nicht. Als Kind (auf dem Bauernhof mit Viehzucht) lernten wir: „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es spürt wie du den Schmerz.“

      (Bei letzterem bin ich mir nicht ganz so sicher: Wenn ich unserem Kater eine Zecke entferne, muss ich dabei manchmal so zu Werke gehen, wie ich es mir bei meinen Familienangehörigen nie erlauben dürfte. Und der Kater bleibt ungerührt…)

      Kommen wir zum Ende. 5000 Zeichen zeigen, es war

    • Sehr geehrter Herr Steffens, hier nochmal eine Replik von Frau Sezgin:

      Sorry, das ist ein Missverständnis. Ich hatte das AT und die Religion nur erwähnt, weil SIE mit dem Bibel-Zitat kamen. Ich selbst vertrete eine säkulare Ethik.

      Was Sie mit „Entscheidungen“ der Evolution seit dem Cro-Magnon-Menschen meinen, ist mir schlicht unbegreiflich. Die Evolution gab uns Füße. Dennoch fahren wir Auto. Ich sehe nicht, was Sie mit diesem abenteuerlichen naturalistischen Fehlschluss, wir seien „durch die Evolution gebunden“, bezwecken wollen. Doch egal was, naturalistische Fehlschlüsse funktionieren ohnehin nicht.

      Darf ich Sie für weitere Argumenten in dieser Diskussion dies Mal nicht auf die Bibel, sondern mein (wie gesagt durch und durch säkulares) neues Buch verweisen? Insbesondere S. 94 bis 99.

    • Ich habe auf diesen Einwand gewartet: "naturalistischer Fehlschluss"
      (Darf meine schwarze Seele hier lachen?)

      Vorweg: Das Bibelzitat wurde von mir als „rechtsgewendeter“ Schuh benutzt: Der Mensch hat seine Erfahrungen/Erkenntnisse/Intuitionen dem lieben Gott in den Mund gelegt. Ich hatte gehofft, das wäre deutlich geworden.

      Beginnen wir mit den „Entscheidungen“ der Evolution. Ihre statistischen Prozesse führen unter definierten Randbedingungen zu
      i) indifferentem Driftren,
      ii) stabilem Geliechgewicht,
      iii)instabilem Wachstum oder katastrophenartigem Untergang.

      „Katastrophen“ enden in „Alles oder Nichts“-Entscheidungen. Ihre Entscheidungen können nicht rückgängig gemacht werden.

      Ein Beispiel einer solchen Entscheidung aus der Biologie ist die Händigkeit (Drehrichtung) der Proteine. Ein anderes Beispiel aus der Soziologie ist das Festlegen des Uhrzeigersinnes. In einer Übergangszeit waren Uhren mit beiden Drehsinnen benutzt worden. (In Bayern hat die Uhr mit gegenläufigem Drehsinn in Nischen überlebt. ;-))

      Es würde vermutlich etwas langweilen, die einzelnen Stufen in der Evolution mit stets weiteren Festlegungen zu betrachten. Wir machen deshalb einen Sprung und konstatieren, dass es in der Hirnentwicklung Programme unseres Verhaltens gibt, die unser Neocortex zwar modulieren aber über die er sich ohne Risiko für die weitere Fitness nicht hinwegsetzen kann. Dass wir es also im limbischen System mit Festlegungen zu tun haben, die uns in unserem Verhalten und insbesondere in unserer Moral Randbedingungen auferlegen, Grenzen setzen.

      Die durch den Neocortex ins Spiel gekommene Flexibilität verführt allerdings zur Abkopplung von den alten Programmen. Dies führt zu „Kopfgesteuerten Ethiken“ und der Illusion, diese Ethiken vor dem Hinweis auf unverrückbare Randbedingungen (zusammengefasst im Begriff „menschliche Bedürfnisse“) zu immunisieren. An diesem Punkt kommt dann der Begriff „naturalistischer Fehlschluss“ ins Spiel. Der Neocortex kann „ethisch“ frei programmiert werden, wie ein Rechner.

      Glaubt man.

      Tut man auch.

      Zumindest versucht man es: In Sekten, aber auch in Grossgruppen.

      Und geht dabei über Leichen. „Falsches Bewusstsein? – Ab in den Gulag!“

      Die Keule „naturalistischer Fehlschluss“ (sie wird zu häufig eingesetzt wie ein Zweihandschwert vom Ungeübten) möchte sich also in der Quintessenz über „menschliche Bedürfnisse“ hinwegsetzen.

      Mit dem Hinweis auf „Festlegungen“ wird also nichts „bezweckt“, es wird auf potenzielle Gefahren hingewiesen.

      Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: Sie wollen eine Bergtour unternehmen. Der Ethiker, wie ich ihn gerne hätte, wird Ihnen nicht vorschreiben, welchen Berg Sie zu besteigen haben. Aber er wird Ihnen sagen, welche Ausrüstung und welche Erfahrung Sie für die jeweilige Besteigung benötigen.

      Sie können sich darüber hinwegsetzen….

      Es ist demnach kein naturalistischer „Fehlschluss“ festzustellen, dass der Versuch einer ethischen Diktatur a la Pol Pot aufgrund der in uns festverdrahteten biologischen Randbedingungen nur im Desaster enden kann.

      Wenn(!) wir unseren Disput fortsetzen sollen, dann würde ich Sie bitten, das, was Sie säkulare Ethik nennen, zu präzisieren. Dabei bin ich nicht an den äußeren Ausprägungen Ihrer Ethik interessiert (denn diese sind zur Genüge bekannt). Vielmehr, wie Sie Ihre Ethik „verankern“, will heißen, wie kommen Sie zu den Ausprägungen – und zwar jenseits Ihrer ganz persönlichen, subjektiven Be- und Empfindlichkeiten.

      Tun Sie es möglichst mit eigenen Worten, ein Verweis auf Seitenzahlen ist weniger hilfreich.

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