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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Feindbild Migration. Von türkischen Seifenopern und deutscher Angstmacherei

| 6 Lesermeinungen

Salih und Hans sind Nachbarn. Sie könnten Freunde sein, hätten sie sich nicht entschieden, Feinde zu sein. Hans regt sich über Salihs mangelnde Bereitschaft auf, sich in Deutschland anzupassen. Und Salih findet Hans einfach nur spießig. Daraus bezieht die türkische Seifenoper "Liebe in der Fremde" ihren Humor. Derweil wird in Deutschland gerade wieder die Angst vor den unintegrierten Migranten geschürt.

© privatHans und seine Frau

Die Türkoğlus leben in der Kölner Blumenstraße, in einem kleinen bunten Haus, neben einer Schiller-Apotheke und einem türkischen Beauty-Salon. Salih, das Oberhaupt der Familie, betreibt nach jahrelanger Schufterei als Gastarbeiter inzwischen eine eigene Dönerbude. Doch sein Nachbar Hans Müller, der das Café gegenüber besitzt, kommt ihm immer wieder in die Quere. Stellt Salih seine Tische außerhalb des vom Ordnungsamt festgelegten Bereichs auf, ruft Hans die Polizei. Zieht der Geruch von Dönerfleisch in sein Café, fängt er an zu grillen, obwohl er eigentlich nur Kuchen anbietet. Hans sieht seine Stadt durch Salihs Gegenwart gefährdet. Salih hingegen sieht in Hans den Inbegriff des deutschen Ordnungszwangs.

© privatSalih und seine Familie

Seit einigen Wochen strahlt der türkische Staatssender TRT „Gurbette Aşk – Liebe in der Fremde“ aus. Salih und Hans sind die Hauptcharaktere dieser auf den ersten Blick gewöhnlich erscheinenden Seifenoper, in der es um Liebeskummer, Nachbarschaftsstreit und Geldsorgen geht – würde sie nicht ihr gesamtes humoristisches und dramatisches Potential aus der Gegenüberstellung von Klischees ziehen. Und während man diesen beiden sturen Männern zusieht, überkommt einen unweigerlich das Gefühl, dass sie einen sinnlosen Kampf führen. Salih und Hans sehen ihre kleinen Welten gefährdet und fahren alle Geschütze auf, um diese zu verteidigen. Mehr noch, sie geben sich genau dort überlegen, wo sie am stärksten von Unsicherheit und Angst getrieben sind.

Letzte Woche erschien in der Welt am Sonntag unter dem Titel „Politiker müssen Muslimen die Grenzen aufzeigen“ ein Artikel von Monika Maron (Der Spiegel hatte den gleichen Artikel kurzfristig aus dem Heft genommen). Darin kritisiert sie die Bevorzugung der Muslime unter den verschiedenen Einwanderungsgruppen: „Warum nur eine Islamkonferenz, warum nicht auch eine Hindu-, griechisch-orthodoxe, russisch-orthodoxe Konferenz, warum nicht eine Polen-, Vietnamesen-, Afrikanerkonferenz?“ Die Schriftstellerin beruft sich auf basisdemokratische Werte, um eine Minderheit zu diskreditieren – und zwar durch den Verweis auf noch kleinere Minderheiten. Unabhängig von der Gruppengröße jedoch verlangt Maron von jeder wie auch immer gearteten Minderheit absolute Integration. Aus ihrem Text spricht die blanke Angst.

„Ich frage mich schon lange, wie die muslimischen Verbände es anstellen, dass ihre absurdesten Forderungen die ganze Republik regelmäßig in Aufruhr versetzen, sodass man den Eindruck haben könnte, wir lebten tatsächlich schon in einem halbislamischen Staat“, schreibt Maron voller staatsbürgerlicher Sorge, der Islam könne Deutschland infiltrieren, bis nichts davon übrig ist. Sie benennt weiterhin einige konkrete Schreckensbilder: verschleierte Lehrerinnen, Gebetsräume in Schulen, Burkinis in Schwimmhallen. Der Schleier gehöre natürlich abgeschafft, immerhin stehe er nicht nur für religiösen Fanatismus, sondern auch für die Unterdrückung der Frau. Und doch werde ich den Eindruck nicht los, dass es hier um etwas anderes geht. Der Schleier wird zur Projektionsfläche einer irrationalen Furcht vor dem Fremden, das sich auszubreiten droht in der vertrauten Umgebung. Dass wir hingegen längst in einer Welt leben, in der eindeutige Nationalitätszuschreibungen außer Kraft gesetzt sind, verdrängt Maron aus ihrem Wahrnehmungshorizont. Auch Neukölln kommt in ihrer Polemik vor, das Paradebeispiel einer muslimischen Vorherrschaft schlechthin.

Marons Text vermittelt den Eindruck, der Islam sei eine homogene Einheit und mit dem Grundgesetz nicht kompatibel. Dies ist nach wie vor ein vertrautes Gedankengebäude in Post-Sarrazin-Deutschland. Und es ist toxisch: Die fortschrittlichen, aufgeklärten Deutschen auf der einen Seite, die rückständigen, sich in Parallelgesellschaften einigelnden Muslime auf der anderen. Stumpf wird eine Mauer hochgezogen, eine Art endzeitliche Gegnerschaft im Kampf um die Überreste des Abendlandes konstruiert: Döner gegen Apfelstrudel.

Und während Salih und Hans im Verlauf der Serie erkennen, dass sie sich viel ähnlicher sind, als sie es sich hätten träumen lassen, wird von weiten Teilen der deutschen Bevölkerung versucht, ein Feindbild aufrechtzuerhalten. Und das mit Erfolg.

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6 Lesermeinungen

  1. Feindbilder aus Zucker
    Danke Frau Muzur, für den reinigenden Wörterregen. Es wird Zeit, der diffusen Angst etwas von ihrem vergifteten Nährboden zu nehmen und neu zu bepflanzen. Sehr Empfehlenswert zu dem Thema auch die arte – Reihe „Juden und Muslime. So nah und doch so fern.“ Oder das Buch „Der Ego Tunnel“, vorgestern in der FAZ empfohlen, bringt schon allein die Einleitung Klarheit in mein verzerrtes PSB. ;
    Ach ist das schön, 10v8trauen schaffen, statt Zynismus und Besserwisserei. Frauen an die Macht.

  2. ...
    Das war absolut Ironiefrei und ehrlich gemeint.

  3. Ist der Islam in seiner heutigen Verfassung denn mit dem Grundgesetz kompatibel?
    Nach seinen Siren mit absoluter Sicherheit nicht. Nach seiner vorherrschenden Interpretation in der pakistanischen, arabischen, indonesischen, malayischen oder türkischen Variante ebensowenig. In seiner iranischen Form auch nicht. In der Auslegung durch Wahhabiten oder selbst in der Auslegung der als gemässigt sunnitisch geltenden al Azhar Universität auch nicht.

    Also bitte ich um einen beleg für die sehr steile Behauptung, der Islam sei mit dem Grundgesetz kompatibel. Sollte dich ganz einfach sein – eine entsprechende Auslegung durch einen Imam oder Rechtsgelehrten der islamischem Welt, der in dieser Einfluss hat? Ich höre …

    Bis zu diesem Beleg ist die Vermutung, der Islam sei NICHT kompatibel mit dem Grundgesetz, nicht toxisch, sondern eine mit zigtausenden von Belegen begründete Faktenbehauptung. Vielleicht kann er kompatibel gemacht werden, aber anders als im Christentum stehen dieser Kompatibilität sehr hohe Hürden im Wege. Neben einer ganzen Reihe von mörderischen, gewaltfordernden und frauenfeindlichen Suren im Koran selbst unter anderem auch die muslimische Grundüberzeugung, der Koran sei durch keine menschliche Interoretation getrübtes, direktes Wort Allahs.

    Das viertelgenildete, sich deshalb als multikulturell verstehende, deutsche linksliberale Bildungsbürgertum kann man mit dem Verweis auf Sarrazin ganz sicher schwer beeindrucken. Ich bin so unverschämt, auf Beweisen und Belegen zu bestehen. Und werde ziemlich sicher nur heisse Luft ernten.

    Gruss,
    Thorszen Haupts

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      Verehrter Herr Haupts,

      Lina Muzur hat ja nicht geschrieben, dass „der Islam“ mit dem Grundgesetz kompatibel ist, sondern nur, dass er nicht als homogene Einheit angesehen werden kann, die es nicht ist. Um dies zu belegen genügt ein Beispiel für eine islamische Gruppierung oder Strömung, die eindeutig mit dem Grundgesetz kompatibel ist – und das wiederum dürfte nicht allzu schwer sein. Die Sufis zum Beispiel. Oder die Rechtsprechung von Rechtsgelehrten in Großbritannien für muslimisches Leben in christlichen Mehrheitsgesellschaften.

      Dass der Koran nach landläufiger Meinung nicht interpretiert werden darf ist sicherlich ein Problem, aber es gibt durchaus Islamkennerinnen wie beispielsweise Gudrun Krämer vom Institut für Islamwissenschaft der FU Berlin, die zeigen, dass es auch innerhalb des Koran Ansätze für positiv konnotierten Zweifel und damit auch Interpretationsspielraum gibt.

      An dem Satz, auf dem wir uns nun beide beziehen, scheint mir allerdings wichtiger, dass man eben nicht über „den Islam“ sprechen sollte – genauso wenig wie über „die Frauen“ oder „die Männer“; denn das ist dann eben genau keine Debatte mit Belegen und Beweisen.

      Mit herzlichen Grüßen
      Hella Dietz

    • Geehrte Frau Diez, würden Sie die Zeugen Jehovas als Beispiel für irgendetwas im Christentum
      akzeptieren, angesichts seiner 7 Millionen Mitglieder, gegenüber den 1,5 plus Milliarden, die in der katholischen und den evangelischen Kirchen organisiert sind?

      Vom philosophischen Gesichtspunkt aus selbstverständlich, da genügt ein Beispiel, um zu demonstrieren, dass (eine Variante von) x zu y passt. Aber Frau Muzur redet hier über praktische Gesellschaftspolitik und angeblich völlig unbegründete Ängste. Und da wirken der Verweis auf eine isolierte muslimische Sekte und ein paar Professoren an westlichen Hochschulen als Beleg für das „unbegründet“ ein wenig hilflos, finden sie nicht? Weder die Sufis noch ein paar lineral-muslimische Professoren sind in irgendwiner Weise für den islamischen Mainstream repräsentativ, auch in Deutschland nicht.

      Um den Islam mit dem Grundgesetz kompatibel zu machen, muss man ihn erheblich verbiegen und einige seiner im Koran niedergelegten Inhalte schlicht für faktisch ungültig erklären. Das kriegt man in Wissenschaftskreisen ganz sicher hin, ob man das für Otto Normalverbraucher Muslim hinkriegt, der im koran das Gegenteil von dem lesen kann, was ihm liberale Muslims erzählen, wird aber die entscheidende Frage, solange der Glaube für Menschen eine überragende Rolle spielt.

      Auf Dauer und solange wenigstens westliche Gesellschaften halbwegs frei bleiben, mache ich mir über den Islam wenig Sorgen. Er wird nicht grundgesetzkompatibel werden, sondern für das Leben der Menschen nach und nach eine immer geringer Rolle spielen. Bis dahin aber halte ich es für völlig legitim, dass Menschen fragen, warum sie sich den Zuzug (mit Verlaub) zu domestizierender religiöser Irrer antun sollen, nachdem Europa selbst einige Jahrhunderte brauchte, um sich aus dem Griff des mit dem Grundgesetz erheblich einfacher vereinbaren Christentums zu lösen.

      Frau Muzur erklärt diese Frage für unzulässig, indem sie seine Faktenbasis für nichtexistent erklärt. Und das ist zur Zeit entweder Wunschdenken oder Propaganda.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  4. Weinerlichkeit und mangelnde Bereitschaft zur Selbstkritik
    Es stimmt ja, daß manche Panik schüren, sektieren, die Zustände weit schlimmer zeichnen, als sie sind oder gar hetzen. In dem Fall nehme ich hierzulande lebende Muslime gerne in Schutz. Aber richtig gut und Freude bereitend sind diese Zustände, nennen wir sie gerne „Deutsche Zustände“ anlehnend an eine bestimmte Publikation, auch nicht. Warum geht bspw. die türkische Gemeinde nicht mal zur Bundesregierung und sagt, wir müssen uns mal einen Plan überlegen, wie man es schafft, mehr türkischstämmige Menschen den Bildungsaufstieg schaffen zu lassen und auch ein bißchen mehr ein Klima der Leistung und Meritokratie zu etablieren. Derartiges sehe ich nicht, hingegen die Forderung nach muslimischen Feiertagen schon – da stimmt doch was nicht! Und so bleibt Autoren wie Frau Maron die unschöne Aufgabe, den Miesepeter oder die Mieseliese zu spielen und auf diese Schieflage aufmerksam zu machen.

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