Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Warum ich die deutsche Einheit im Zirkus feierte – ein Geständnis

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Als die Mauer fiel, war ich sechzehn und lebte in Bayern. Später zog ich nach Berlin, um dort Philosophie und Ethnologie zu studieren und eigene und fremde Denkmuster verstehen zu lernen. Mit dem, was sich in Deutschland nach der Revolution von 1989 abspielte, brachte ich das nicht zusammen. Mein Blick auf die ehemalige DDR war ahnungslos und der auf die ehemalige BRD ein vollkommen blinder Fleck.

© privatBettina Khano:Befogged

Als die Berliner Mauer fiel, war ich sechzehn, lebte in Bayern, verbrachte meine Zeit mit Knutschen und Lesen und wollte nur deswegen nach Berlin, weil ich im Fernsehen sah, dass dort eine riesen Party stieg. Meine Eltern wollten mich weder alleine mit dem Zug fahren lassen noch selbst im Stau stehen – und so blieben wir euphorisch vor dem Fernseher hocken. In der Schule kursierten eine Zeit lang Witze über Ossis, die keiner je über Ausländer erzählt hätte, alle lachten über Zonen-Gabi mit ihrer geschälten Gurke – dann war alles wieder wie früher. Den 3. Oktober 1990 wollten meine Eltern dann doch richtig feiern, sie meinten, an diesen Tag würde ich mich mein Leben lang erinnern, und gingen mit mir in den Zirkus Roncalli.

Ich ahnte schon damals, dass es reichlich schräg war, ein solch historisches Ereignis im Zirkus zu feiern, beklatschte dann aber doch die poetische Gans in der Manege. Heute vermute ich, dass meine Eltern die Ereignisse 1989/90 und Roncalli über die Attribute „märchenhaft“ und „friedlich“ assoziativ zusammenschalteten, aber weniger schräg wird’s dadurch auch nicht.

Und: Viel interessanter als der Konfetti-Umgang meiner Eltern mit der ostdeutschen Revolution war mein eigener Blick darauf. 1993 zog ich nach Berlin, um Philosophie und Ethnologie zu studieren. Ich würde jetzt gerne etwas anderes behaupten, aber Ostberlin war für mich vor allem eins: ein Abenteuerspielplatz. Die unterirdischen Clubs, die heruntergekommenen Häuser, die Plattenbauten – alles aufregende Orte, um jenem Westgefühl zu entkommen, dass Jakob Hein einmal als „übersatte Studienrätin mitten in der Midlife-Crisis“ beschrieb.

© privatBettina Khano: Lichtung

Ich lernte schnell Leute kennen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen waren, aber auf die Idee, dass ich in der ehemaligen BRD groß geworden war, kam ich nicht. Wahrscheinlich dachte ich damals so etwas wie: Freunde, haltet kurz die Luft an, bald habt auch ihr’s geschafft! Und natürlich war das, was es da zu schaffen galt: So zu leben wie wir.

In dem Proseminar „Russische Philosophie“ wurde ich gefragt, was ich an unserem demokratischen System zu kritisieren hätte, und da war ich blank, vollkommen blank. Die Ost-Kommilitonen staunten, ich staunte zurück. Mich faszinierten Postkolonialismus, Differenzphilosophie und die Frage nach Widerstand gegen hegemoniale Diskurse und dachte das nicht ein einziges Mal mit der Situation vor meiner Nase zusammen. Ich las alles über den ethnologischen Blick und darüber, dass man seine eigenen Denkmuster entdeckt, wenn man andere Denkmuster verstehen lernt, und fuhr auf Feldforschung nach Japan, um mein Wissen endlich anzuwenden. Blinder Fleck nennt man so etwas, glaube ich.

© privatBettina Khano: Befogged

Nach meiner Rückkehr aus einem Land, in dem ich mich erstmals diskriminiert gefühlt hatte, dämmerte mir einiges, aber Fragen stellte ich immer noch keine. Jetzt wollte ich bloß keinen Unterschied zwischen Ossis und Wessis machen, nicht mitleidig, neugierig oder besserwisserisch klingen, fragte mich ständig, was sie wohl über uns dachten, und schämte mich dafür, wie wenig ich über das Leben in der DDR nachgedacht hatte. Der Gedanke, dass ich noch weniger über das Leben in der BRD nachgedacht hatte, begann langsam zu reifen.

Eine ostdeutsche Freundin sagte neulich zu mir: „Ich habe Jahre lang in eine Welt geschaut, die nicht zurückgeblickt hat.“ Da nicht nur ich, sondern fast alle meiner westdeutschen Freunde wissen, wovon hier die Rede ist, stellt sich die Frage, warum diese Perspektive bisher so wenig verarbeitet wurde. Romane, die das westdeutsche Selbstverständnis von 1989 bis heute spiegeln, gibt es zum Beispiel nur vereinzelt. Doch in dieser fehlenden Reflektion liegt noch immer eine große, vertane Chance. Das Roncalli-Geständnis ist also gleichermaßen zu spät und aktuell. Es ist höchste Zeit zurückzublicken.

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5 Lesermeinungen

  1. Na endlich: Farbe auf die Linse
    Wunderbare Betrachtungen Frau Reich und richtig: Höchste Zeit, dass wir uns auf diesem Niveau mit der eigenen Befindlichkeit befassen. Vielleicht können wir uns den Blick auf diese blinden Flecken mittlerweile auch erlauben, mit dem Rückenwind des allgemeinen Ansehenszuwachses in der Welt.

    Darf ich Ihre Perspektive um weitere Details ergänzen?
    Ich glaube nicht, dass Ihr Standpunkt ohne diese Ergänzung Zustimmung erhalten kann. Die Differenzierung zwischen Ossi+Wessi greift m.E. nämlich zu kurz und selbst unter den Bedingungen der Globalisierung und Anpassung, der Verflachung landsmannschaftlicher Unterschiede und allumfassender Kommunikation gibt es unter der Schale mehr als diese beiden Sichten.

    Beispiel: Flucht&Vertreibung gehörten in der Bundesrepublik zu den nicht diskussionsfähigen Themen, zumindest in der Öffentlichkeit. Ich kann mich nicht daran erinnern, in der Schule jemals darüber gesprochen zu haben, geschweige denn an entsprechende Unterrichtsstunden. Dennoch wurden diese Themen in den Familien diskutiert und wachgehalten, die zumindest auf Seiten eines Eltern- oder auch Großelternteils über Erfahrungen bezüglich der Folgen verfügten. Diese Folgen waren für den „Westen“ wenig schmeichelhaft, denn schon damals ging es darum zu teilen: Habe und auch unterschiedliche Einsichten, wenn auch auf allgemein kümmerlicher Grundlage und Verständnis füreinander zu entwickeln, das von den Ostflüchtlingen bei den empfangenden Westdeutschen vermisst wurde. Geht man von mehr als 10 Mio Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten aus, ist die Anzahl der Nachkommen in dern Bevölkerung von 1989 groß. Diese saßen selbstverständlich mit völlig anderen Gefühlen der Anteilnahme vor der abendlichen Glotze, lauschten Herrn Genscher und waren im Zweifel in den Jahren vor der Wende auch schon mal in der DDR oder auch im früheren Osten gewesen, um dort Erfahrungen zu sammeln, die Sie in Ihrer Familie eben nicht gemacht haben.

    Mein in Breslau 1897 geborener Großvater, freute sich 1989 jedenfalls mit kaum zu verhehlender Skepsis über die Wiedervereinigung und mahnte seine Enkel, doch nur mal abzuwarten, wenn es dann im Westen ans Verteilen und konkrete Veränderungen für das Leben gehen werde. Er ließ uns das im Rahmen des 90. Geburtstags meiner Großmutter am Tag des Mauerfalls wissen, den wir mit allen Vettern und Cousinen feierten und dessen zweitwichtigstes Ereignis der Fall der Mauer war.

    Kaum wunderlich, dass die Sozialisation seiner Enkel völlig anders ausgefallen ist als die Ihre, wenn ich mir diese Ergänzung zu Ihrem Artikel erlauben darf und mich für Ihre Anregung heute um 10vor8 bedanke.

    • Farbe auf die Linse – schön! Vielen Dank für Ihren Kommentar. Und, ja, natürlich müsste dieses Thema viel weiter differenziert werden, als ich dies hier getan habe. Wäre ein Thema für einen langen Artikel und für einen Roman. Jetzt lese ich mich aber erst einmal durch die Romane, die sich bisher mit der westdeutschen Perspektive beschäftigt haben. Jürgen Becker, Jochen Schimmang, Hanns-Josef Ortheil, Norbert Niemann. Und dann schaue ich mal weiter…

  2. Wann reflektiert man am häufigsten?
    Wann reflektiert man am häufigsten? Wenn man etwas falsch gemacht hat. Da mit dem Anschluss der DDR an die BRD der Gedanke, es könne sich lohnen über eigene Fehler nachzudenken für diejenigen, die angeschlossen hatten, so fern war, wie der endgültige Sieg des Sozialismus, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass hier ein blinder Fleck entstand.

    Für den durchschnittlichen Ostbürger war das ganz anders. Die DDR war gescheitert, alles war schief gelaufen und die neue Welt mit ihren neuen Verlockungen war fremd und nach der zehnten Packung Haribo irgendwie auch kalt. Da macht man sich so seine Gedanken. Das heißt aber nicht unbedingt auch Erkenntnisgewinn. Aber die Wahrscheinlichkeit ist höher, als wenn man nicht nachdenkt.

    Mir hat einmal ein älterer Herr im Zug von Kassel nach Göttingen erklärt, warum die Wirtschaft in der DDR kaputt gegangen ist. Die Erzählung war nicht besonders orginell: „Keiner hat gearbeitet.“ – „Sozialisten verstehen nichts vom wirtschaften“ – etc. Was ich aber erstaunlich fand, war, wie mir dieser Mann seine Wahrheiten mit dem Brustton der Überzeugung verkündete, ohne jemals auch nur einen Fuss über die deutsche Grenze gesetzt zu haben. Er kannte nichts, wusste aber alles.

    Es lohnt sich vermutlich immer, über die eigene Vergangenheit und die Mechanismen, die daran mitgewirkt haben, nachzudenken. Deshalb wünsche ich Ihnen viel Erfolg und Produktivität in Ihrem Vorhaben.

    • Sehr geehrter Herr Werlauer, die Geschichte aus dem Zug gefällt mir sehr. Was mich aber stutzen ließ, war, dass Sie das Wort „Anschluss“ verwenden, als läge in einem solchen Ausdruck nicht schon eine sehr einseitige Interpretation der Geschichte, die ich hier doch gerade hinterfragen wollte. Würde mich interessieren, wie Sie das sehen.

    • Anschluss vs. Wiedervereinigung
      Meine Erfahrungen gleichen denen vieler Ostdeutschen im Westen und Sie haben das auch sehr schön eingefangen.

      Was den Begriff „Anschluss“ angeht: Ich habe irgendwann in den Neunzigern während des Studiums (im Westen) gehört, die Menschen in Bayern würden nicht von „Wiedervereinigung“ sondern von „Anschluss“ reden. Ich wischte das beiseite, aber mit der Zeit ist in mir klar geworden, dieses Wort trifft den Sachverhalt tatsächlich viel besser, denn die Lebensweise des Westens ist einfach über den Osten drübergestülpt worden. Das war auch für mich erstmal ein Kulturschock – aber mittlerweile geht es. Seit dem verwende ich „Anschluss“ häufiger als „Wiedervereinigung“.

      Wo wir gerade bei Kulturschock waren: Ich habe noch eine schöne Geschichte für Sie: Während des Studiums hatte ich einen Kommilitonen mit einen Faible für Markenklamotten. Er sagte einmal mit einem an leichten Dünkel grenzendem Stolz zu mir „Ich kaufe n u r bei Benetton!“* Und alles was mir dazu einfiel, war die ernstgemeinte Frage „Ist das nicht sehr eintönig?“ Ich konnte gar nicht verstehen, was mein Gegenüber meinte. Heute weiß ich es, absurd kommt es mir immer noch vor.

      *Es waren die Neunziger und das Blut von Soldaten noch nicht auf einem Werbefoto erschienen.

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