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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

So wird das nichts mit der EU!

| 10 Lesermeinungen

Warum mich der deutsche Blick auf die Türkei ärgert. Warum Gezi eine Art türkisches 1968 war. Und warum wir diese innere Revolution nach außen tragen müssen.

„Was passiert denn in deinem Land?“ – „Sind die Türken  verrückt geworden?!“ – „Also, bei euch geht es ja drunter und drüber!“ – das sind so die Fragen und Bemerkungen, die ich  höre, wo immer ich hinkomme. Manche lesen die Zeitungen auch genauer und fragen: „Wie entwickelt sich die Türkei nach Gezi?“ – „Wird es eine neue Party geben?“  – „Oder sind die Menschen in der Türkei zu dumm für die Demokratie?“

Um ehrlich zu sein: Ich rege mich über diese Fragen auf. Einerseits fühle ich mich vermutlich als Türkin angesprochen, ja, als stolze Türkin, die ihr Land, ihre Menschen verteidigen will; denn meine Freunde, meine persönliche Türkei, das ist ja eine ganz andere Türkei. Wir sind ja nicht alle verrückt oder gar zu dumm. Andererseits weiß ich, dass es für Deutsche von außen betrachtet völlig verrückt erscheinen muss, was unsere Regierung veranstaltet: offene Korruption; Millionen von Dollars versteckt in Schuh-Kartons; die Abschaffung der Justiz; absurdeste Zensur-Gesetze, die durchzusetzen sich nicht mal Putin trauen würde; die ganze Lebensfeindlichkeit: das Alkoholverbot (unser geliebter Raki!); sogar das Küssen ist in der Türkei teilweise verboten.

Ja, das ist verrückt, das ist dumm, aber es schmerzt, es tut mir weh, wenn deutsche Freunde bei dem Thema Türkei die Augen verdrehen; wenn mir sogar mein eigener Mann Vorträge hält: „Also, deine Türkei ist doch eine demokratisch gewählte Diktatur! So wird das nichts mit der EU!“

Weiß ich selbst. Meine Freunde in Istanbul sind zwar toleranter, demokratischer als so mancher Deutsche, aber natürlich ist die politische Situation nach elf Jahren AKP-Regierung schlimm und ich schaue manchmal etwas wehmütig auf Deutschland, wenn hier ein Bundespräsident zurücktreten muss, nur weil er sich auf das Oktoberfest hat einladen lassen. Erdoğan, unser Ministerpräsident, hat sich darüber bestimmt kaputt gelacht.

Als ich im letzten Sommer von Berlin nach Istanbul fuhr, um im Gezi-Park zu sein, rief ich meine Eltern in Antalya an, um zu berichten. Mein Vater weinte. 1978, als ich geboren wurde, war er Aktivist. Er war bei Protesten auf der Straße, aber sie konnten nichts erreichen, bald kam der Militärputsch. Er gab mir den Namen „Eylem“, das bedeutet: „Aktion, in Bewegung.“ Ich sagte ihm am Telefon: „Hier im Gezi-Park sind Hunderttausende!“ Er sagte: „Das Fernsehen zeigt nur Pinguine und Quizshows!“ Dann kaufte er sich einen Computer. Mein Vater folgte mir auf Facebook. Hat es in der Türkei schon so etwas gegeben, dass sich Eltern bei Facebook anmelden, um zu erleben, wie sich die Türkei verändert?

Was war unsere Gezi-Bewegung? War sie eine Revolution?
Nein.
Revolutionen verändern die Verhältnisse, der arabische Frühling veränderte Systeme, das ist bei uns nicht geschehen.

War die Gezi-Bewegung eine Manifestation einer neuen türkischen Generation, so eine Art türkisches 68?
Ja.
Ich sage: Die Türkei ist nun eine andere. Wir, die wir Nacht für Nacht im Gezi-Park waren, sagen: Wir sind jetzt wirklich eine andere Türkei. Wir haben endlich Hoffnung, auch wenn unser Ministerpräsident um sich beißt und kläfft wie ein einfältiger Hund. Aber er hat uns gehört. Er hat nun Angst, große ANGST. Und bald fallen ihm vor lauter Herumgebeiße die Zähne aus.

Wir wollten immer eine friedliche Bewegung. Kein Blut. Keine Toten. Und haben doch sechs Aktivisten (Eylemci) verloren. Wir haben immer gesagt: Wir kämpfen mit Fantasie, mit Ironie, mit spielerischem Bewusstsein.

Vielleicht war die Gezi-Bewegung eine innere Revolution. Wir haben alle in uns Lichter angezündet, uns gegenseitig die neuen Lichter gezeigt. Und wir haben der Welt gezeigt, wer dieser Recep Tayyip Erdoğan ist.

Und das war erst der Anfang. Jetzt müssen wir die innere Revolution nach außen tragen. Mit unseren Mitteln. Das braucht Zeit. Aber wir haben die neuen Lichter, die neue Hoffnung – und die anderen, die haben nur die Angst.

(Übersetzung: Moritz Rinke)

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10 Lesermeinungen

  1. Viel Glück, Geschlossenheit in Kernfragen und einen langen Atem.
    Sie werden all das dringend brauchen, wenn Sie die Türkei wirklich verändern wollen. Das ist ein Generationenprojekt.

    Ich bin nicht sicher, dass es Ihnen gefällt – aber Ihr Beitrag ist auch eine eindeutige Rechtfertigung für alle, die seit Jahrzehnten begründen, warum die Türkei nicht in die EU gehört.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Sehr geehrter Herr Haupts,

      helfen Sie mir doch bitte auf die Sprünge – warum ist der Beitrag eine eindeutige Rechtfertigung dafür, dass die Türkei nicht in die EU gehört? Wegen der Liste der dummen und absurden Phänomene? Oder weil man die innere Revolution erst nach außen tragen muss?

      Ich persönlich finde ja, dass die Aussage, die Türkei gehöre nicht in die EU, mindestens in zwei Hinsichten problematisch ist, nämlich erstens, weil sie so tut als gehöre man („ein für alle Mal“) entweder da oder dorthin, qua – ja, was: Kultur? Mentalität? Und zweitens, weil sie so schön darüber hinwegzutäuschen scheint, dass auch unsere Haltung zur Türkei einen Einfluss auf die Türkei haben wird.

      Gruß
      Hella Dietz

    • Einfache Fragen, einfache Antworten:
      Auf Ihre erste Frage ein Zitat:
      „Andererseits weiß ich, dass es für Deutsche von außen betrachtet völlig verrückt erscheinen muss, was unsere Regierung veranstaltet: offene Korruption; Millionen von Dollars versteckt in Schuh-Kartons; die Abschaffung der Justiz; absurdeste Zensur-Gesetze, die durchzusetzen sich nicht mal Putin trauen würde; die ganze Lebensfeindlichkeit: das Alkoholverbot (unser geliebter Raki!); sogar das Küssen ist in der Türkei teilweise verboten.“

      Muss ich jetzt noch erklären, warum eine Bananenrepublik nicht in die EU gehört?

      Ihre zweite Frage habe ich nicht wirklich verstanden. Deshalb beantworte ich das, was ich verstanden habe.

      Auch europäische Staaten (für die Türkei schon ziemlich zweifelhaft) gehören dann nicht in die EU, wenn ihre Verfassung, ihre Regierung und ihre Bevölkerungsmehrheiten allgemeine Menschenrechte generell missachten, bei Gewaltenteilung und -kontrolle und in der Anwendung von Recht gegen Otto Normalverbraucher da stehen, wo wir 1950 – halt, keine Beleidigung unserer Grosseltern – wo wir 1905 einmal waren. Religionsfreiheit nicht einmal kennen (da waren wir 1750, in Preussen). Die Behörden ebenso korrupt wie unfähig sind (da waren wir nie, wenn ich Preussen als Keimzelle des deutschen Staates nehme). Wie lange muss ich die Aufzählung fortsetzen?

      Ein Jahrhundert Abstand oder mehr ist zuviel, um es innerhalb der EU auszugleichen.

      Schlimm genug, dass wir mit schwulenfeindlichen und judenhassenden Einwanderern die Debatten der fünfziger erneut führen müssen. Und Polizeischutz brauchen, wenn wir Mohammedkarikaturen zeichnen. Ich möchte diese Debatten nicht auch noch mit den Parlamenten und Regierungen von EU Partnerstaaten führen müssen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Danke für die ausführliche Antwort.

      Mein zweiter Punkt war eigentlich gar keine Frage, sondern eher die Anmerkung, dass mich irritiert, dass der Satz danach klingt, als sei „die Türkei“ eben so und könne sich auch nicht oder mindestens nicht schnell genug wandeln. Da ich jetzt erst verstanden habe, dass auch Ihre Position ist, dass die Türkei nicht in die EU gehöre, kann ich explizit nachfragen: Warum sollte das so sein?

      Sie scheinen in ihrem Beitrag so eine Art Modernisierungserzählung zu vertreten – die Türkei muss erst einmal nachholen, was wir schon seit längerem erreicht haben. Diese (schöne) Erzählung ist aber bei näherem Hinsehen ein bisschen schwierig, oder? Denn ja, es gab alles Mögliche Schöne bei den alten Preußen, aber es gab in der Zwischenkriegszeit in Deutschland und anderswo Antisemitismus, Rassismus, aggressiven Nationalismus, von allgemeiner Akzeptanz der Menschenrechte war lange Zeit keine Rede. Und zur Religionsfreiheit: So alt ist die Religionsfreiheit auch innerhalb der jetzigen EU nicht. Es gab in den modernen staatssozialistischen Gesellschaften Ostmitteleuropas auch nach 1956 selbstverständlich keine Religionsfreiheit.

      Und dennoch sind auch Deutschland, Italien und Polen in der EU. Ja, die EU hätte es ohne die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges so doch gar nicht gegeben – und das ist der zweite Punkt, der mich irritiert, dass nämlich nicht mehr darüber gesprochen wird, dass die EU nicht deshalb entstanden ist, weil alle Länder ihre Hausaufgaben gemacht hatten, sondern weil es sinnvoll schien, um den Kontinent zu befrieden – es geht also immer auch darum, eine andere Zukunft zu entwerfen.

      Gruß
      Hella Dietz

    • Dann war ich wohl nicht deutlich genug.
      Die EU ist in meiner Sicht weder eine Modernisierungsgemeinschaft noch ausschliesslich dem Wunsch zu verdanken, dass in Europa nach zwei verheerenden Kriegen endlich Frieden einkehrt. Der Wunsch spielte auch eine Rolle, der euopäische Gedanke selbst ist aber weit älter.

      Er ist entstanden aus der Erkenntnis einiger gebildeter Menschen, dass Europa von drei, vier Entwicklungen geprägt wurde, die es in dieser Kombination nur hier gegeben hat: Christentum, griechische Philosophie, römisches Recht und Aufklärung. Alle europäischen Staaten sind ohne diese vier Entwicklungen in ihrer heutigen Form schwer vorstellbar, in nahezu allen Lebensbereichen.

      Für die Türkei trifft – als einzigen „europäischen“ Staat – überhaupt nichts davon zu. Alleine das wäre ein ausreichender Grund, ihre Aufnahme in die EU kategorisch abzulehnen.

      Die ganz praktischen Gründe habe ich oben aufgeführt und kann mit Ihrer Antwort darauf nichts anfangen. Ganz egal, wie wir in Deutschland oder Grossbritannien dahin gekommen sind, wo wir heute stehen – nennen Sie mir doch bitte nur einen Grund, warum wir bewusst einen Staat in die europäische Gemeinschaft aufnehmen sollten, der in allen für Menschen massgeblichen Alltagsvariablenn, insbesondere aber bei der willkürlichen Machtausübung, da ist, wo Europa weit vor dem Ersten Weltkrieg und Deutschland ausnahmsweise zwischen 1933 und 1945 noch einmal stand?

      Ich frage also ganz offen nach unserem (auch langfristigen) Vorteil, nicht nach dem der Türkei. Für die bzw. für ihre etwas fortschrittlicheren Einwohner wäre die EU-Aufnahme ganz sicher hilfreich. Und für alle anderen EU Staaten eine Zumutung. Das waren auch schon die Aufnahme von Bulgarien und Rumänien, aber mit diesen beiden Staten verbinden uns wenigstens Teile der europäisch einzigartigen Wurzeln. Mit der Türkei verbindet uns absolut nichts bis auf einige Millionen Einwanderer.

      Kurz – meine Ablehnung eines U beitritts der Türkei speist sich ebenso aus grundsätzlichen Erwägungen (was ist Europa und wer gehört dazu) wie aus handfesten praktischen Gründen. Wer unter EU nur eine Freihandelszone versteht, kann das natürlich anders sehen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Sie haben ganz viele Fragen aufgeworfen: die nach unserem Vorteil, die nach den großen historischen Traditionen und ob wir sie teilen, die nach der Freihandelszone. Ich antworte noch einmal kurz; denn letztlich sind wir einfach einig, dass wir uns in dieser Frage nicht einig sind, nicht wahr?

      Sie sagen, 1933-1945 war eine Ausnahme. Ich hatte in meinem Beitrag auch bewusst nicht von 1933-1945 geschrieben, sondern von der Zwischenkriegszeit; denn wenn man die späten 1920er Jahre, frühen 1930er Jahre dazu nimmt, dann war auch das – keineswegs nur in Deutschland – eine höchst aggressive Zeit, in der von Menschenrechten nicht die Rede war.

      Sie fragen sich jetzt, was das mit der Türkei zu tun hat? Nun ja, man könnte durchaus – wie Sie es auch tun: aus grundsätzlichen Erwägungen heraus – fragen, was Europa ausmacht. Ich glaube, dass das Modell Europa nicht zuletzt lehrt, dass Demokratisierung relativ erfolgreich durch eine für die beteiligten Staaten motivierende europäische Perspektive geleistet wurde – und zwar auch, aber nicht allein wegen der damit verbundenen handfesten Vorteile.

      Ob man dieses Modell nun auf weitere Staaten übertragen möchte und warum, darüber kann man natürlich streiten. Und damit streitet man natürlich gleichzeitig darüber, was für eine Art von Europa wir sein wollen – ich will eigentlich kein Europa, was sich „nur“ als christliches definiert, ich hätte weit lieber gerne ein plurales, jüdisch-christlich-muslimisches Europa, das genauso Platz für Atheisten hat, und das sich auf bestimmte Werte wie zB die Menschenrechte verständigt hat, die ursprünglich in keiner der Religionen vorbehaltlos akzeptiert worden sind, sondern von ihnen in einer nachholenden Entwicklung angeeignet.

      Gruss
      Hella Dietz

    • Dass wir uns re Europa uneinig sind, war nicht anders zu erwarten. Erlauben Sie mir trotzdem
      einen höflichen Einwand auf eine Ihrer Feststellungen, nämlich die über die nachholende Aneignung von Menschenrechten in den grossen abrahamitischen Religionen:

      Nach meinem Kenntnisstand hat sich der Islam in seiner übergrossen Mehrheit die Menschenrechte nach wie vor nicht „angeeignet“. Über das Judentum weiss ich zu wenig. Aber das neue Testament als wichtige Quelle für einen Gutteil unseres heutigen Menschenrechtsverständnisses einfach beseitezuschieben, ist historisch fragwürdig.

      Diesen Beitrag anzuerkennen stünde auch einem Atheisten (ich selbst bin Agnostiker) gut zu Gesichte, er/sie hätten andernfalls auch enorme Schwierigkeiten bei der Erklärung, warum sich auf breiter Front elementare Menschenrechte zuerst in Europa bzw. in direkten europäischen Kolonien durchgesetzt haben UND nirgendwo sonst.

      Kleine Korrektur zu Ihrer Perzeption – ich kann mir auch ein nichtchristliches Europa vorstellen, allerdings keines, in dem Staaten Mitglied sind, die auf diese Wurzel überhaupt nicht zurückgreifen können.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Sie haben Recht, nachholend war mindestens ungenau; denn das Christentum hat letztlich durchaus seinen Beitrag geleistet, auch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, auf dem die katholische Kirche sich explizit den Menschenrechten zugewendet hat – etwa die Quäkerbewegungen zur Abschaffung der Sklaverei und die Vertreter des Vatikans bei der UN-Deklaration.

      _Entstanden_ ist die Idee der Menschenrechte im 18. Jahrhundert aber mindestens in Frankreich wesentlich _gegen_ die Kirche – eine Position, die unter Wissenschaftlern, die sich mit der Genealogie der Menschenrechte beschäftigen, auch gar nicht umstritten.

      Aber auch in einem zweiten Punkt haben Sie natürlich Recht: Noch hat es eine vergleichbare Hinwendung zu Menschenrechte durch muslimische Gelehrte nicht gegeben. Und an dieser Stelle sind wir dann wieder bei dem Punkt, an dem wir in diesem Blog schon einmal waren – nämlich bei der Frage, ob es im Islam Anknüpfungspunkte für eine solche Hinwendung geben kann.

      Nun ja, ein weites Feld.

      Mit abendlichen Grüßen
      Hella Dietz

  2. Irgendwie seltsam:
    Da sitzt eine Zehnvorachtschreiberin in einer Bürgervertretung in Bern – die Amts- und Umgangssprache dort ist nicht Englisch! – und braucht für einen Beitrag hier eine Übersetzerin.

    In Berlin lebt eine Zehnvorachtschreiberin, offensichtlich hält sie sich schon berufsbedingt überwiegend hier auf, hat zudem einen Deutschen geheiratet – und braucht den immer noch als Übersetzer für einen inhaltlich ziemlich einfachen Text (es geht ja nicht um multilaterale Abkommen zur Wasserrechteverteilung oder ähnlich Anspruchsvolles).

    Leute, so wird das nichts!

    • Liebe Frau Amgelin,

      womit wird das nichts? Mit der EU? Die ist doch mehrsprachig ;-).

      Herzlich
      Hella Dietz

      P.S.: Ich selbst spreche übrigens sehr passabel polnisch und würde einen Text, den ich veröffentliche, dennoch übersetzen lassen, französisch desgleichen.

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