Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Reisen durch den Krieg

Wenn Reiseführer für Krisenländer zu Geldanlagen werden, oder: Abenteuerurlaub in Nordkorea.

© Béatrice Dillies, CC BY-SA 2.0: Syrische Flüchtlinge 

Was geschieht mit Reiseführern, wenn im Zielland ein Krieg ausbricht? Nichts. Zumindest im Fall von Syrien. Während uns Nachrichten von immer neuen Gräueltaten in Syrien erreichen, oder Berichte über syrische Flüchtlinge, denen im Libanon das deutsche System der Mülltrennung erklärt wird, liegen die Reiseführer für Syrien nach wie vor in den Buchhandlungen aus und preisen längst zerstörte Sehenswürdigkeiten an: den zerbombten Basar von Aleppo, die Gastfreundschaft im belagertem Homs, ganze Stadtteile, die zu Steinwüsten wurden. Diese Reiseführer sind mir in den letzten Monaten in vielen Buchhandlungen aufgefallen, sie waren nicht einmal reduziert oder als historische Dokumente in die Abteilung „Zeitgeschichte“ einsortiert.

Mich interessierte, ob diese Bücher einfach vergessen wurden, oder ob es jemand als zu zynisch empfand, sie aus dem Sortiment zu nehmen. Also fragte ich die Buchhändler: Einer gab an, es tatsächlich vergessen zu haben; eine Dame im äußerst eleganten Tweedkostüm meinte, sie bringe es nicht übers Herz, die Bücher wegzustellen; ein Lehrling mit roten Sommersprossen und abstehenden Ohren sah mich verständnislos an und zuckte mit den Schultern; und ein älterer Herr mit seidenem Einstecktuch sagte, dass sie sich noch immer ab und an verkaufen.

Vielleicht hat ja Sabri einen gekauft – ein gemütlicher deutscher Salafist, der in einem seiner Videos, produziert von seiner eigenen Ein-Mann-Produktionsfirma „Sabrifilm“, durch eine zerstörte syrische Stadt spaziert und „liebe Geschwister“ dazu aufruft, nach Syrien zu kommen, wo „mächtig die Post abgeht“. Er rät den Neuankömmlingen westlichen Luxus „komplett zu vergessen“ und „Leuten, die einen Hygienefimmel haben“ gleich zu Hause zu bleiben, denn es gäbe nur „Plumsklos“ und „Viecher, die über Betten laufen“, wobei es „Betten“ eigentlich auch nicht gäbe. Im Osten nichts Neues.

Wo fängt Kriegstourismus an? Und was ist der Unterschied zum Elendstourismus? In Rio de Janeiro, Kapstadt und anderen Städten im Globalen Süden werden regelmäßig Touristen durch die Elendsviertel gescheucht – zum Teil in offenen Jeeps und mit kurzen Fotopausen. Viele dieser Abenteurer sehen aus, als ob sie an einer Safari teilnähmen. Statt Tierschädeln und sonstigen Jagd-Reliquien gibt es nun Geschichten von Reisenden, die die Slums auf eigene Faust erkunden wollten und dabei von den „Eingeborenen“ umgebracht worden sind. Erlebnishunger ist sicher eine große Motivation, doch wahrscheinlich die harmloseste von allen. Viel fragwürdiger ist, wenn die Ausflugsteilnehmer nach einer zweistündigen Tour glauben zu wissen, was Armut oder Krieg sei und dies verharmlosen oder romantisieren.

Man kann übrigens auch problemlos nach Nordkorea reisen. Es gibt einige Agenturen, die fünf-, acht- oder zehntätige Reisen anbieten, inklusive Übernachtungsmöglichkeiten in Vier-Sterne-Hotels. Eine etwas sicherere Alternative wäre das Hisbollah Museum im Süden des Libanon. Für Reisende, die ein wenig mehr erleben möchten, bietet die Agentur „Babel-Tours“ Reisen durch den Irak an. Reiseführer für Krisenländer entwickelten sich indessen zu regelrechten Geldanlagen, so werden zum Beispiel auf Amazon Reiseführer für den Irak für stolze 147 Euro angeboten. Wir sollten uns beeilen.

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