Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Wohin nur mit den „behinderten Kindern“?

| 12 Lesermeinungen

Schafft kleinere Schulklassen, stellt mehr Lehrer und Sozialarbeiter ein und überwindet Eure Angst – dann brauchen wir auch (fast) keine Sonderpädagogik mehr.

© Robert Carboneau, Creative Commons LizenzIntegration, Inklusion, oder einfach nur Cornflakes?

Was ist für Kinder am allerschlimmsten? Wenn sie sich nicht normal fühlen dürfen und wenn man über sie redet. Beides zusammen – der absolute Horror. Kinder, die unter das Label „behindert“ fallen, sind damit täglich konfrontiert. Über das auf den Schulhöfen allgegenwärtige Schimpfwort, den selbstverständlichen Gebrauch von „Spast“, „Spacko“, „Mongo“ usw. lässt sich zur Not ja noch cool hinwegsehen. Aber das Be-Wort in seiner mitleidig-empathischen Verwendung, wohlmeinend herablassend gebraucht – „die können ja nichts dafür, dass sie so behindert sind“ –, ist unerträglich demütigend.

Eltern brauchen oft lange, bis sie das begreifen: Sie selbst, zusammen mit den Ärzten, Therapeuten, Pädagogen, tragen mit ihrem Mitleid und ihren Sorgen dazu bei, dass das Kind stigmatisiert ist. Es hat von klein auf seine Würde, sein Recht auf Persönlichkeit, ganz egal, wie beeinträchtigt es ist, und diese Würde und dieses Recht werden ständig verletzt, indem sich alle Welt um das Kind herum über das Kind sorgt, wie es wohl in der Gesellschaft klar kommen wird: als sei das ein Problem des Kindes und nicht vielmehr der Gesellschaft, in der es dann allerdings überleben muss. Irgendwann respektieren die meisten Eltern, dass die Kinder nicht wollen, dass über sie geredet wird.

Dies könnte ein Grund dafür sein, dass in den ganzen Debatten über Separation, Integration, Inklusion die betroffenen Familien das Sprechen fast vollständig den Experten überlassen. Vor allem, wenn die Kinder groß genug sind und lesen und verstehen können, dass mal wieder gegen ihre Persönlichkeitsrechte verstoßen wird.

Auch ich werde also nicht über meine Familie schreiben, sondern über die Familie einer Freundin, deren Kind das Be-Wort anhaftet, nennen wir ihn John: John war mal sehr krank und tut sich aufgrund einer Schädigung des Kleinhirns in fast allen Bereichen des Lebens schwerer als andere. Nach Paragraph Soundso hat er den Förderstatus xy und den Behindertenausweis. Seine schulische Karriere ist bisher glimpflich verlaufen. Nach sieben Jahren einigermaßen gelungener Integration in diversen Grundschulen war die Familie von den Schwierigkeiten allerdings so weich gekocht, dass sie John zum Übertritt in die Oberschule in einem Förderzentrum anmeldete. John hospitierte dort einige Tage, fand es ganz nett, aber erzählte auch, dass den Kindern dort nichts zugetraut würde. Außerdem hätten sie vor der anstehenden Klassenreise mit einer nicht-behinderten Partnerklasse Angst, denn „für die sind wir komisch“. Schließlich bestand er darauf, weiter in eine normale Schule gehen zu wollen. Da die Familie in Berlin wohnt, wo es Schulen für fast jedes Bedürfnis gibt, fand sich tatsächlich am anderen Ende der Stadt eine private Schulstiftung, die die Bedingungen bot, die John braucht: sehr kleine Klassen, gute und engagierte Lehrer, Sorgfalt bei der sozialen Zusammensetzung der Klassen und die durchlässige Struktur der Schulform „Integrierte Sekundarschule“ (ISS), die vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur alles möglich macht. John hatte Glück und bekam einen Nachrückerplatz. Von allen Schulen, auf denen John bisher war, gefällt ihm diese am besten, und zwar aus einem Grund: Er hat dort ein paar Kumpels (Freunde wäre zuviel gesagt), die fast genauso schlechte Noten haben wie er, und die Lehrer schonen ihn nicht, sondern machen ganz klare Ansagen. Außerdem ist die Schule klein, so dass er sich orientieren kann, und in seiner Klasse sitzen nur 16 Kinder, was entscheidend ist: denn das gibt ihm die Chance, immer mal wieder mitzukriegen, was läuft, und sich immer mal wieder zu konzentrieren.

Ein Fall von gelungener Integration, ein Beispiel selbstverständlicher Inklusion? In den öffentlichen Schulen würde John völlig untergehen. Seine Privatschule ist immerhin am Gemeinwohl orientiert: Die Gebühren werden einkommensabhängig berechnet und ein Teil der Plätze geht an Kinder, die das Jugendamt schickt. Aber wie überall woanders auch steigt der ökonomische Druck. Stiftungen leiden unter den niedrigen Zinsen, während die Zuwendungen von der öffentlichen Hand gestrichen werden. Und vielleicht entdeckt ja diese Schule irgendwann, was andere Privatschulen längst entdeckt haben: dass sich mit den Sorgen und Ängsten, mit denen die Eltern die Diskriminierungen der Gesellschaft in die Familien übersetzen, richtig viel Geld verdienen lässt. Würden wir nicht alle für das Glück unserer Kinder unser letztes Hemd geben? In den USA nehmen die Familien Hunderttausende Dollar Schulden auf, um Schule und Studium ihrer Kinder zu finanzieren. Multiplizieren wir 40.000 Dollar pro Jahr mit rund 17 Ausbildungsjahren: 680.000 Dollar, damit ein Kind gut ausgestattet ins Arbeitsleben entlassen werden kann! Dementsprechend sind dann auch die Erwartungen an die Verdienstmöglichkeiten der Zöglinge dieser Schulen – der Teufelskreislauf einer kapitalistischen Logik, die eine Art moderner Schuldknechtschaft produziert, der nur sehr, sehr, sehr wenige sehr, sehr, sehr reiche Familien entkommen werden, wenn dieses Szenario auch in Deutschland Wirklichkeit wird.

Die ganzen bildungspolitischen Debatten um Inklusion, zwölf oder dreizehn Schuljahre, flexible Eingangsklassen und was noch alles gehen nicht nur an Johns Bedürfnissen, sondern an den Bedürfnissen aller Kinder vorbei. Man könnte ja auch mal folgendes vorschlagen:

1) In der Oberschule, ab Klasse 4, führen wir nicht weniger, sondern mehr Differenzierung nach Leistung ein: ein fünf-, sechsgliedriges Schulsystem, das aber durchlässig ist, indem immer zwei oder drei Leistungsstufen unter ein Schuldach gefasst und dort miteinander verzahnt werden. (In Berlin gibt es sowohl bei den Superschnelllernern im gymnasialen Bereich als auch in den Integrierten Sekundarschulen funktionierende Beispiele dafür.) Die Klassengrößen und die Lehrer- und Raumausstattungen werden an die Bedürfnisse der Schüler je nach Leistungsstufe angepasst. Also: Die Schulklassen mit den Kindern, die sich am schwersten tun, sind klein und haben mindestens zwei Lehrer, für Kinder mit starken Beeinträchtigungen auch noch mehr Personal, und verfügen über zwei oder mehr Räume. In diesen Klassen säßen die Kinder nicht mehr aufgrund irgendeines festgestellten Status, sondern weil ihr objektiver Leistungsstand es erforderlich macht, sie intensiv zu betreuen. Die Schulklassen mit den Kindern hingegen, die unter dem Label „hochbegabt“ sehr schnell lernen, können ruhig 35 Kinder umfassen. Hier könnte Geld gespart werden. Diesen Kindern, zumal in den höheren Jahrgangsstufen, sind die meisten Lehrer intellektuell sowieso nicht mehr gewachsen. Ihnen reicht ab und an ein wirklich anregender Input, den sie dann unter einer beliebigen Aufsichtsperson umsetzen.

2) Erst wenn kleine Klassen und eine gute Lehrerausstattung für die bedürftigeren Schüler gewährleistet sind – und erst dann: Schluss mit einer „Sonderpädagogik“, die sich global für alle Kinder mit Beeinträchtigungen zuständig wähnt und dadurch die Stigmatisierungen des Labels „Behinderung“ reproduziert. Inklusion kann nur die Abschaffung dieses Berufsstandes bedeuten – was nicht heißt, dass es nicht weiterhin Gehörlosenpädagogik, Sehbehindertenpädagogik, Sprachbehindertenpädagogik und meinetwegen auch Geistigbehindertenpädagogik geben muss. Nehmen wir noch einmal John: Seine Schädigungen im Kleinhirn sind so selten, seine Beeinträchtigungen so unerforscht, dass sich sogar die Spezialisten unter den Neurologen schwer tun, sie adäquat zu beschreiben. Eine Cerebellumgeschädigtenpädagogik wäre schön, aber es wird sie nie geben. Da aber die „Sonderpädagogen“ sich bisher trotzdem für John zuständig fühlen, nur weil er unter das Be-Wort fällt, muss er sie als Teil, wenn nicht sogar als Ursache seiner Stigmatisierung empfinden. In dem hier entworfenen, vielgliedrigen Schulsystem könnten sie sich als ganz normale Lehrer einreihen oder mit einer Spezialkompetenz für genau umrissene Probleme zuständig sein.

Ist das eine Utopie? Warum gibt es das nicht: ein öffentliches Schulsystem mit kleinen Klassen und ausreichend Lehrern und ohne Stigmatisierung für John? Warum braucht auch Johns Familie die Rückversicherung der Förderschulen als Schutzraum, falls es aus irgendeinem Grund mit der Privatschule für John nicht weitergeht? Alle Eltern von Kindern der Kategorie „behindert“ wünschen sich in der Theorie Inklusion, fürchten aber in der Praxis die Abschaffung der Förderschulen und der „Sonderpädagogik“. Warum?

Nicht nur Johns Eltern sollten sich zu den wachsenden Ausgaben, die ihnen für die Ausbildung ihrer Kinder abverlangt werden, einige Gedanken machen. Behindertenghettos dürfen keine Alternative zur Privatisierung der Kosten von Benachteiligungen sein. Denn diese Alternative wird am Ende auch auf die angeblich „Normalen“ zurückschlagen.

0

12 Lesermeinungen

  1. Inklusion = Sparkonzept ???
    Wie schön wäre es, wenn die Inklusion sich an den Bedürfnissen der Schüler ausrichtete statt am Bedürfnis, ein Sparkonzept durchzudrücken.

    Dann gäbe es mindestens so viele ausgebildete Förderlehrer pro Schüler mit besonderem Förderbedarf wie an den bisherigen Förderschulen.
    Dann wären die Schulen baulich auf die Inklusion vorbereitet.
    Dann gäbe es Klassen, die so klein sind, dass sich die Lehrer wirklich um alle Schüler kümmern können und nicht nur um die auffälligsten.
    Dann gäbe es Klassen, die so klein sind, dass echte Binnendifferenzierung möglich ist – oder Gruppen nach Leistungsstand.
    Dann gäbe es ausreichend Sozialarbeiter an allen Schulen.

    • Sie haben völlig recht. Inklusion als Sparkonzept, so wie es zur Zeit betrieben wird, bedeutet im Effekt Separation, bzw. sogar, wenn die Förderschulen als Auffanginstitutionen ganz abgeschafft werden, Exklusion. Lieber möchte man sich doch der Schulpflicht entziehen, als das Kind einem schulischen Umfeld auszusetzen, wo es leiden muss.

  2. Zu Ende gedacht?
    Der Ansatz ist nachvollziehbar. Und nachdenkbar. Eine Frage, auf die eine Anwort aber noch aussteht: Warum sollte ein (hoch)begabtes Kind nicht auch optimale Lernumgebungen haben dürfen, also kleine Klassen und mehrere Lehrer?
    Auch dieser Ansatz zielt im Grunde auf ein Ergebnis, das aus“gleicht“, indem ein ungleicher Aufwand betrieben wird. Ich kann es nicht nachvollziehen, welches gedankliche Konstrukt der Überzeugung zu Grunde liegt, Gerechtigkeit würde aus Gleichheit erwachsen.
    Warum können und wollen wir nicht mit Ungleichheit leben?

    • Meine These ist, dass ein „hochbegabtes“ Kind auch in einer großen Klasse mit gleich oder ähnlich Begabten eine optimale Lernumgebung findet und optimal gefördert werden kann. Zumindest ab einer bestimmten Altersstufe gibt es sowieso nicht mehr viele Lehrer, die diesen Kindern gewachsen sind. Man muss alternative Unterrichtsformen für sie finden, beispielsweise Besuche von Hochschullehrern, Exkursionen, wirklich anspruchsvolle Projektarbeit, Arbeit am Computer… John hat eine Schwester, die die Kriterien für das Label „hochbegabt“ erfüllt und in einer Klasse von 32 Kindern auf einem „Superschnellläuferzweig“ auch super funktioniert. Allerdings sind in diesen Klassen die Mädchen deutlich in der Überzahl, während in Johns Klasse auf der ISS die Jungen überwiegen. Ich bin mir selbst noch nicht sicher, wie dieses Geschlechterungleichgewicht zu sehen ist. Man könnte den Standpunkt einnehmen, dass die Geschlechtermischung einer Klasse überhaupt kein Kriterium sein sollte.
      „Gleichmacherei“ allerdings können Sie meinem Ansatz nicht vorwerfen. Jedes Kind soll seinen Bedürfnissen entsprechend gefördert werden, nicht mit dem Ziel der Gleichheit, sondern mit dem Ziel einer optimalen Förderung, wovon am Schluss nicht nur der/die Einzelne, sondern auch die Gesellschaft profitiert. Und in einem fünf-, sechsgliedrigen Schulsystem würde das Abitur natürlich nicht nur den Hochleistern, sondern auch anderen offen stehen; nur die Wege dorthin, die Intensität der Betreuung und die Schnelligkeit des Lernens würden sich unterscheiden. Vielleicht ist das Missverständnis darin begründet, dass Sie – wie wir alle aus alter Gewohnheit – mit den verschiedenen Lernstufen auch eine Wertung und Annahmen über die Zukunft des Kindes verbinden. Davon sollten wir uns lösen. Miserable Schüler können später in ihren Berufen sehr erfolgreich sein; und umgekehrt. Ich lebe sehr gern mit Ungleichheit. Was mir Sorgen macht, ist die Dysfunktionalität unseres Systems.

  3. Was ist mit den herausfordernden und den schwerst mehrfach behinderten Kindern
    Ich habe einige Punkte, die Sie – meiner Ansicht nach – in Ihren Ausführungen nicht bedenken und die mich seit längerem umtreiben. Meine Bedenken speisen sich aus Interviews, die ich mit Eltern verschiedener Kinder geführt habe, die ein „be-Kind“ haben.

    1. Schon lange vor den Überlegungen zur Inklusion und deren beste Umsetzung gab es Kinder, die sehr herausfordernd in Ihrem Verhalten sind.Ursachen können unterschiedliche medizinische Hintergründe sein, aber auch verschiedene Sozialisationsbedingungen wie Überforderung der Eltern, Desinteresse der Eltern, Armut, Migration und damit wenig bis kein Verständnis der möglichen Angebote und Hilfen (und damit sind sicherlich nicht alle möglichen Gründe aufgezählt).
    Diese Kinder werden bislang in Regelschulen beschult (mit mehr oder weniger großem Erfolg) oder in sogenannten E- oder LB–Schulen betreut. Schon jetzt wissen diese Kinder häufig, dass man sie nicht will. Ein „simples“ AD(H)S macht vielen Kindern klar, dass sie ungewollt sind und oft nur widerwillig integriert/betreut werden. Sie werden nicht durch Umbau des Schulsystems ge-/beliebter und auch nicht dadurch, dass man die Sonderpädagogik abschafft. Sicherlich profitieren sie durch die
    Beschulung in kleineren Klassen (wie Sie allgemein bemerkten), aber das Grundproblem besteht weiter.

    2. Es gibt viele Kinder, die so schwerst mehrfach behindert sind, dass
    sie nur in speziellen Einrichtungen betreut werden können. Neben einer
    Rundumversorgung (satt, sauber, gepflegt, mit Zuneigung versehen), geht
    es bei ihnen um alle nur erdenklich möglichen Stimulationen.

    Beide Gruppen zusammen genommen sind in Gefahr, Inklusions-Verlierer zu
    werden. Die Eltern der schwerst mehrfach behinderten Kinder befürchten,
    dass im Rahmen der Inklusion die fitteren Kinder aus den bestehenden
    Klassen herausgenommen werden und so ihre Kinder ohne Anregung in reinen
    Pflegeklassen zurück bleiben. Die Eltern der Kinder mit herausforderndem
    Verhalten (beispielsweise manche Frühchen, Fragiles-X-Kinder, AD(H)S, bestimmte Formen des Autismus Spektrums, teilleistungsschwache,
    wahrnehmungsgestörte oder lernbehinderte Kinder, emotional gestörte und
    regulationsschwache Kinder u. a. mehr) befürchten, dass Lehrer und
    Erzieher keine Ressourcen mehr für ihre Kinder werden aufbringen können,
    wenn Kinder mit anderen Beeinträchtigungsformen in die Klassen kommen.
    Da helfen auch kleine Klassen nichts, denn wenn in kleinen Klassen auf medizinische Probleme Rücksicht genommen werden muss, werden Verhaltensproblematiken als zunehmend erschwerend und eher als lästig empfunden.

    In Ihrem Konzept würden – wenn ich es richtig verstehe – diese Kinder
    auch wieder eher an den Rand gedrückt.

    Vielen Dank, mit freundlichen Grüßen,
    Dr. Annette Mund
    Stellvertretende Vorsitzende Kindernetzwerk e.V.

    • Sehr geehrte Frau Dr. Mund,

      haben Sie herzlichen Dank für Ihre Anmerkungen.

      Natürlich werden die Kinder durch Inklusion und durch den Umbau des Schulsystems nicht „beliebter“ und akzeptierter. Aber geht es nicht genau darum: dass jedes Kind, unabhängig davon, was es leistet, ob man es mag und wie sehr es „stört“, seinen Platz IN der Gesellschaft und nicht irgendwo abgekapselt fern von ihr bekommen muss? Und dass wir anfangen, diese Gesellschaft und ihre Institutionen so zu verändern, dass sie die Bedürfnisse aller Kinder – also auch der unbequemen und evtl. unproduktiven Kinder – berücksichtigen? Sie haben recht, dass ich in meinem Beitrag die Rolle des Geldes überbewerte und die Rolle der Haltungen, Mentalitäten und Ängste unterbelichte. Noch schwieriger als die Beschaffung der finanziellen Mittel zur Ausstattung der Schulen wird sein, die meisten Eltern und viele Lehrer damit vertraut zu machen, dass Inklusion auch für die angeblich „Normalen“ essentiell ist, 1) weil das Be-Wort jederzeit jeden treffen kann und 2) weil Bildung und Erziehung ein zu schützender Bereich ist, wo nicht die Bedürfnisse des Marktes oder des Staates, sondern die Potentiale der einzelnen Menschen im Vordergrund stehen, also jedes Kind gleich viel wert sein muss. Die „Normalen“, die denken, das alles gehe sie nichts an, irren sich einfach. Das Problem liegt bei den uneinsichtigen „Normalen“, nicht bei den Kindern der Kategorie „behindert“. Diese grundsätzliche Feststellung finde ich wichtig, damit wir, die betroffenen Familien, endlich aus unseren Schuldgefühlen herausfinden und Visionen entwickeln und uns nicht mehr dauernd von den Schwierigkeiten der real existierenden Verhältnisse einschüchtern und erpressen lassen.

      So, wie Inklusion zur Zeit betrieben wird, sind in der Tat die Fallgruppen, die Sie beschreiben, übel dran.

      In meinem Modell wären schwerst beeinträchtigte Kinder mit medizinischer Betreuung und den Stimulationen, die sie brauchen, nicht mehr abgeschoben in ein Förderzentrum, sondern in sehr kleinen Klassen zusammengefaßt, mit mehreren Räumen, die zur Not Einzelbetreuung ermöglichen, an Schulen der untersten Kategorie in meinem fünf- oder sechsgliedrigen System, wo es also auch noch Klassen mit weniger beeinträchtigten Kindern geben wird. Diese Schulen könnte man auf den ersten Blick mit den bisher existierenden Förderschulen verwechseln. Sie wären aber Teil des Systems, nicht mehr „Sonderschule“. Die Kinder dort hätten den geschützten Rahmen und müssten sich trotzdem nicht abgeschoben fühlen. Sie wären dort nicht mehr aufgrund eines Status, sondern aufgrund dessen, was sie objektiv leisten können. Die Kinder mit leichteren Beeinträchtigungen wären, je nach Leistungsstand, auf die anderen Stufen verteilt. Natürlich würden dadurch die Probleme nicht verschwinden, aber wir könnten doch die jetzt herrschende Stigmatisierung verringern und die Probleme konkreter und individueller angehen.

      Gegenwärtig brauchen wir vor allem eine Debatte, die uns aus der bisher so unentrinnbar erscheinenden, unseligen Alternative Inklusion versus Sonderschulen erlöst; mein Beitrag hat vor allem dies zum Ziel.

      Mit besten Grüßen, Marion Detjen

  4. Deutschland gibt rheblich zu wenig Geld für Bildung aus, was de facto auf den Schutz der
    akademischen Mittelschicht vor unerwünschter Konkurrenz hinausläuft. Natürlich auch und besonders für die gesellschaftlich ja gewollte Inklusion.

    Warum allerdings (wieder einmal) die Hochbegabten den Preis dafür zahlen sollen, dass andere stärker gefördert werden, erschliesst sich mir wirklich nicht. Sie sind auf ihre Weise auch behindert. Nicht körperlich oder direkt geistig, aber durch die Art und Weise, wie die Umwelt auf sie reagiert. Sie in Kinderjahren als zappelig und gestört brandmarkt, in der Schule ihre Nerugier erstickt, ihren leistungswillen abwügt und sie durch vollständige Unterforderung faul macht. Bleiben sie wider Erwarten leistungswillig, werden sie spätestens an der Hochschule als „Streber“ ausgegrenzt.

    Welcher Problem hat Frau Detjen mit „Hochbegabten“? Das des typischen Durchschnittsmenschen, der jede Leistung, die über seine eigene dauerhaft hinausgeht, schnellstmöglich abwertet, um niemanden aus dem Mittelmass herausragen zu sehen?

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Frau Detjen hat überhaupt kein Problem mit „hochbegabten“ Kindern, zumal sie selbst mit einem solchen gesegnet ist, und bittet Herrn Haupts, ihren Beitrag gründlicher zu lesen.

      Lieber Herr Haupts, in meinem Modell müssen sich diese Kinder eben nicht mehr mit weniger schnell lernenden Kindern langweilen, und werden auch nicht mehr von überforderten Lehrern unterfordert, sondern dürfen ihr eigenes Tempo gehen. Der kleinhirngeschädigte John hat, wie das Leben so spielt, eine Schwester der Kategorie „hochbegabt“, und ihre Erfahrung ist, dass der Unterricht auch nicht spannender wird, wenn die Klasse klein ist, sondern ganz im Gegenteil 35 „Hochbegabte“ sich immerhin noch gegenseitig anregen, wenn die Lehrer ihnen schon längst nichts mehr zu sagen haben. Die Intelligenz dieser sich langweilenden Kinder geht, völlig unproduktiv, dahin, auszutesten, wie weit sie die ihnen intellektuell unterlegenen Lehrer herausfordern können, bis diese sie mit schlechten Noten bestrafen… Große Mengen Steuergelder auf diese Kinder zu werfen, ist also reinste Geldverschwendung. Sie brauchen einmal am Tag ein oder zwei wirklich anregende Inputs und können dann, unter den Augen einer beliebigen Aufsichtsperson, alleine weitermachen. Wenn die Kinder in diesem Format akademisch nicht erfolgreich sind, dann steigen sie eben eine Stufe ab, bekommen dort etwas mehr Betreuung und eine kleinere Klasse und auch mehr Zeit, um am Schluss genauso wie die „Hochbegabten“ beim Abitur zu landen. Da – so meine Vision – sich dann auch die Gesellschaft so weit gewandelt hat, dass sie mit den Hierarchien dieses Systems keine Wertungen und also auch keine narzißtischen Kränkungen und auch keine Wetten auf die berufliche Zukunft des Kindes mehr verbindet, wird der Abstieg für das Kind und seine Eltern nicht weiter schlimm sein.

      Leuchtet Ihnen das ein, Herr Haupts?
      Mit herzlichen Grüßen, Marion Detjen

  5. Eine Schule, nicht viele
    Liebe Marion,

    das ist ein toller Beitrag von Dir, auch sehr mutig, ein komplexes neues Schulsystem vorzuschlagen, das die Schüler in fünf, sechs und mehr Leistungsgruppen teilt. In diesem Punkt bin ich, glaube ich, anderer Meinung als Du. Wichtig fand ich, dass du den grundsätzlichen Mentalitätswandel bei den Bürgern, vor allem aber den Eltern ansprichst, der kommen muss, müsste, um Inklusion in den Köpfen der Eltern zu verankern. Denn da hakt es wohl am meisten.

    Ich glaube, dass eine inklusive Schule, die alle Kinder unter einem Dach versammelt, am Ende zu einem ähnlichen Ergebnis wie Dein Modell führen würde. Weil sie ja tausenderlei Differenzierungen vornehmen muss und wird und dabei immer neue Gruppen bildet. Wenn auch nur zeitweise.

    Aber es ist eben ein Unterschied, ob man unter EINEM DACH mit dem Differenzieren beginnt. Oder man vom Gedanken des Separierens eines äußerlich gegliederten Schulwesens kommt, wo automatisch Closed Shops entstehen. Für die drei Trisomie-Kinder in der Klasse einer Berliner Schule gibt es ein „Lernbüro-plus“. D.h. die gehen jeden morgen für 1,5 Stunden in einen gesonderten Unterricht. Die anderen machen selbständiges Lernen im normalen „Lernbüro“. Diese Trennung muss mal möglich sein, aber das darf nicht die Regel werden. Denn prinzipiell sollte ein Lernbüro so elastisch sein, Kinder von hoch- bis „tiefbegabt“ (Steinhöfels Rico) zu integrieren. Diese zeitweise abgetrennte Gruppe kann man nun aber leicht wieder integrieren, weil sie zu den anderen einfach dazugehört, das haben inzwischen alle kapiert. Oder man verändert den Zugang zum Lernbüro plus, so dass neue Mischungen entstehen, also nicht immer nur diese drei Kinder mit Trisomie 21 da sitzen und diese drei auch mal differenziert werden, weil auch die Downies natürlich sehr sehr unterschiedlich sind.

    Würden die Drei in Deinem Modell lernen, dann wären sie schon wieder draußen. Wie eine Außenklasse in Bayern, die von den anderen, „normalen“ Kindern bestaunt wird, als handelte es sich in dieser Klasse um Lewitscharoffs „Halbwesen“. Ich will nicht sagen, dass die drei Down-Kinder im Alltag, in den Köpfen (vor allem der Eltern), in den besonderen Situationen immer schon mitgedacht und mitgenommen werden; dahin ist es noch ein weiter Weg. Aber: sie sind qua Grundentscheidung organisatorisch einbezogen, es ist IHRE Klasse. Punkt.

    Wo ich dir absolut recht gebe, das ist die indolente und unverantwortliche Art zu skandalisieren, mit der Kultusminister und auch Medien Inklusion als „Dienst nach Vorschrift“ betrachten. Inklusion ist ein sehr sehr doofer Begriff – aber dahinter versteckt sich die Verwirklichung eines Menschenrechts, letztlich der Würde des Menschen. Dieses Recht und seine Realisierung ist nicht ins Belieben der Administrationen gestellt, es keine Kann-, sondern eine Muss-Vorschrift.

    Beste Grüße

    Pisaversteher

    • Inklusion als Menschenrecht
      Lieber Pisaversteher,

      gegen den Begriff Inklusion habe ich eigentlich gar nichts, so lange er nicht als Marketing-Label missbraucht wird, wie es im Moment der Fall ist, da sind wir uns ja völlig einig. Aber meine Erfahrung – und die Erfahrung sehr vieler, wenn nicht fast aller betroffenen Familien – ist, dass das Gesamtschulkonzept, so wie es von Dir und den Inklusions-Anhängern vertreten wird, in den höheren Jahrgängen für eine gelebte Inklusion regelrecht kontraproduktiv ist.

      Zunächst mal muss man Grundschule und weiterführende Schule auseinander halten. In der Grundschule würde ich auch nicht separieren, da sollen alle gemeinsam lernen.
      Aber in der Oberschule ist es de facto wirklich schwierig, und zwar nicht nur, weil die Gesellschaft so blöd ist und die falsche Einstellung hat, sondern weil es ein paar ganz objektive Probleme gibt:

      1) Das Modell der Gesamtschule mit den tausenderlei Differenzierungen, von denen Du schreibst, ist nur realistisch bei einer sehr großen Schule: 1000 Schüler und mehr. Das ist für Kinder wie John schon mal ein sehr handfestes Ausschlusskriterium. In einer solchen Schule würde er einfach die Panik kriegen und sich nicht zurecht finden und dauernd verloren gehen. Er braucht eine kleine Schule, 300-400 Kinder Maximum, nett und geschützt und überschaubar. Und kleine Schulen können eine solche Vielfalt einfach nicht anbieten. Außerdem braucht er eine stabile Klassengemeinschaft, stabile Bezugspersonen, nicht dauernd wechselnde Kurse und Lern-Laboratorien mit immer anderen Menschen, Räumlichkeiten etc.

      2) Solange die Kinder kleiner sind, spielen sie miteinander, ziemlich unabhängig davon, ob sie schlauer oder weniger schlau sind. Aber spätestens wenn sie in die Pubertät kommen, wird es schwierig. Das ist eine Realität: Ein Jugendlicher mit IQ 130 und ein Jugendlicher mit IQ 90 haben sich wenig zu sagen. Und nichts ist in diesem Alter schlimmer als die Mitleidsschiene. Wenn nun ein Jugendlicher mit IQ 75 oder so unter lauter Intelligenteren sozial bestehen muss, bleiben die Frustrationen, das Minderwertigkeitsgefühl, das Versagergefühl nicht aus. Wir haben das alles mit John erlebt und erleben es täglich. Er hat in „normalen“ Klassen einfach keine Freunde. Daran ist niemand schuld, daran wird kein Mentalitätswandel etwas ändern, es ist einfach so. Damit John sich wohl fühlt, braucht er eine ganze Handvoll anderer Kinder in der Klasse, die es genauso schwer haben wie er.

      3) In meinem Modell wären diese Kinder nicht „draußen“, es ist ja keine Sonderschule mehr, sondern „drinnen“ – allerdings „unten“. Aber „unten“ sind sie sowieso, und das wäre ja auch nicht weiter schlimm, wenn wir endlich lernen würden, mit der Hierarchie in der Schule keine Wertungen mehr zu verbinden. Außerdem müsste natürlich für Durchlässigkeit gesorgt werden: die „unterste“ Stufe wäre unter dem Dach ihrer Schule nicht allein, sondern gemeinsam mit ein oder zwei nächsthöheren Stufen. Ein Wechsel zwischen den Stufen muss unkompliziert möglich sein. Bei den „Superschnelllernern“ gibt es in Berlin auch Beispiele dafür: In der Hildegard-Wegscheider-Schule konnten bisher die Superschnelllerner in den normalen gymnasialen Zweig wechseln, wenn sie nicht mehr mitkamen, sie mussten dafür nicht die Schule wechseln und blieben in ihrem vertrauten Umfeld.

      Mein Punkt ist, dass die Alternative, zwischen der wir zur Zeit wählen zu müssen wähnen, einfach falsch ist. Nicht Inklusion versus Sonderschule, sondern Inklusion durch konsequentere Differenzierung.
      Mein „Modell“ scheint ein bisschen verrückt und unkonventionell, ist aber Ergebnis von vielen, vielen Jahren leidvoller Erfahrung.

      Sehr herzlich, Marion

    • Was ist der Ubterschied?
      Zwei Anmerkungen habe ich noch.
      Zu 1) ich finde nicht, dass Deine Einschränkung stimmen muss. Eine inklusive Schule muss nicht 1.000 Schüler haben, und Klassenumgebungen sind auch dort möglich.
      Zu ganz allgemein: Was ist der Unterschied zwischen Deinem Modell – und dem Status Quo von Regelschulen neben „Sonder“- bzw. so genannten „Förder“-Schulen?
      Best, pisaversteher

    • Fundamentaler Unterschied!!!
      Lieber Pisaversteher,
      inklusive Grundschule überschaubarer Größe kenne ich; aber nenne mir eine OBERSCHULE, die alle Bedürfnisse berücksichtigt (also Gesamtoberschule), und trotzdem gemütlich/beschützt ist? Ich bezweifle nicht, dass es sehr gute integrative Gesamtschulen gibt; aber für John sind sie wegen ihrer schieren Größe und Unübersichtlichkeit ein Albtraum.

      Und von dem Status quo mit Regelschule und „Sonderschule“ distanziere ich mich ausdrücklich. Die Klasse, die ich mir für John vorstelle, wäre in einer Regelschule der Kategorie III. oder IV., nicht abseits ghettoisiert, sondern Teil des Betriebs und ohne den Sonderpädagogik-Klimbim, den er definitiv nicht braucht. John wäre dort nicht wegen seiner „Behinderungen“, sondern wegen seiner Leistungen, die eine intensivere Betreuung nötig machen. Die Kinder können damit umgehen, dass sie sich schwer mit lernen tun und schlechte Noten haben, denn das ist die Realität. Aber dass sie als „behindert“ und „krank“ abgeschoben werden, ist ein Verstoß gegen ihre Menschenwürde.

      Das System der „Sonderschulen“ und „Behindertenschulen“ verstößt gegen die Menschenwürde, da stimme ich Dir völlig zu.
      Herzlich, Marion

Kommentare sind deaktiviert.