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Zwischenruf: Passen 30 Millionen Euro in einen Kleiderschrank?

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Herr Erdoğan telefoniert mit seinem Sohn Bilal, und Herr Özdemir mit seiner Tochter Eylem. So wird das nichts mit der EU - ein Update.

© Eser Karadağ, CC BY-ND 2.0Gezi Proteste

Am 24. Februar tauchte im Internet folgender Mitschnitt eines Telefonats auf, das der türkische Ministerpräsident Erdoğan im Dezember 2013 morgens um 8:02 mit seinem Sohn Bilal geführt haben soll. Kurz vor dem Telefonat waren drei Söhne von Erdoğans Ministern wegen Korruption verhaftet worden.

Erdoğan: Bist du zuhause, Sohn?

Bilal: Ja, Vater.

Erdoğan: Ich habe dir etwas zu sagen, Sohn: Schaffe alles, was du im Haus hast, hinaus. Ok?

Bilal: Ich habe nur dein Geld hier, Vater.

Erdoğan: Darum rufe ich an! Ich schicke jetzt lieber deine Schwester. Ok?

Bilal: Wen?

Erdoğan: Deine Schwester, habe ich gesagt!

Bilal: Wo soll ich mit 30 Millionen Euro hin, Vater?

Erdoğan: Zu einem anderen Ort! Tu es, Sohn! Und sprich nicht über Geld am Telefon!

Nachdem ich diesen wahnsinnigen Mitschnitt gehört hatte, versuchte ich mir vorzustellen, wie Bilal, der Sohn, 30 Millionen Euro zu Hause aufbewahrt. Wie viel Platz braucht man denn für 30 Millionen Euro? Passen sie noch in einen Schuh- oder Kleiderschrank?

Dann klingelte mein Telefon. Es war nicht Erdoğan, sondern mein Vater. Er hatte gesehen, dass ich den Mitschnitt bei Facebook gepostet hatte (im türkischen Fernsehen wurde natürlich nicht darüber berichtet). Mein Vater war sehr aufgebracht. Er soll in Antalya viel Geld für Land bezahlen. Die AKP-Regierung behauptet, er und die anderen Landwirte hätten es vor 20 Jahren zu billig erworben, nun solle er 300.000 Euro zahlen oder er werde enteignet.

„Diese Bande!“, sagte er am Telefon. „Ich kann mir schon vorstellen, wo das Geld landet, wenn wir für unser Land noch einmal zahlen sollen!“

Ich sagte ihm: „Dieser Bilal tut mir leid. Ich bin so glücklich, dass du mich angerufen hast und nicht Erdoğan!“

„Wie bitte?“, antwortete mein Vater verwirrt.

„Ich meine, ich bin so glücklich, dass du mein Vater bist!“, erklärte ich.

„Ja, wer denn sonst?“, sagte er und lachte.

Mein Vater ist zwar kein türkischer Ministerpräsident, sondern nur ein einfacher Landwirt, aber er hat mich und meine Schwester stets gelehrt, ehrlich zu sein, aufrichtig, gerecht. Und was hat Erdoğan seinen Sohn gelehrt?

Es sei nicht die Frage, warum ein Mensch, der Hunger habe, stehle, sondern warum ein Mensch, der hungere, nicht stehle, schrieb Wilhelm Reich. An diese Unterscheidung musste ich denken, als ich die Anrufe der beiden Väter verglich.

PS: Heute Morgen rief mein Vater noch einmal an und sagte, dass durch die Korruptionskrise und den Fall der türkischen Lira der Preis für ein Kilo Tomaten auf unter ein Euro gesunken sei. Er klang erschöpft.

(Übersetzung: Moritz Rinke)

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3 Lesermeinungen

  1. Dicke Geld
    Wenn – wie ich sie selbst öfter als Postbeamter „Wertversenden“ mußte – 4,5 Mio DM in gemischten Scheinen nicht mal den halben Rauminhalt eines Schuhkartons beanspruchen, sollte ein Kleiderschrank schon Raum genug für 30 Mio. € bieten.

  2. Was!
    …für ein schöner Text!
    Dankesehr
    mj

  3. Titel eingeben
    Phantastisch surreal!

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