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Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Wenn Du nicht brav bist, kommst Du ins Krankenhaus!

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Die wild gewordene Kommerzialisierung unseres Gesundheitswesens treibt immer absurdere Blüten. Eine Ökonomisierung zugunsten einer Minderheit. Ich jedenfalls habe Angst, ins Krankenhaus zu müssen.

© Stefan Kühn (CC BY-SA 3.0)Operation

Kürzlich sorgte der große AOK-Krankenhausreport 2014 für Schlagzeilen: 18.800 Menschen sterben jährlich in Deutschland durch Behandlungsfehler an deutschen Kliniken – das sind weit mehr als im Straßenverkehr (3.340 im letzten Jahr): „Tatsächliche Fehler kommen mit einer Häufigkeit von rund einem Prozent aller Krankenhausfälle und tödliche Fehler mit einer Häufigkeit von rund einem Promille vor.“

Das klingt jetzt im Verhältnis vernachlässigenswert – aber Moment! Rund 19.000 Tote sind 19.000 Tote – und ich bin mir sicher, dass die tatsächliche Zahl weitaus höher ist. Allein in den vergangenen zwei Monaten musste ich zweimal auf sehr schmerzliche Weise Zeuge eines solchen Versagens werden: Der Vater einer guten Freundin war aufgrund eines Aneurysmas wiederholt in der Klinik, ein Auf und Ab, kurz vor Weihnachten war wieder eine Talsohle erreicht. Meiner Freundin fiel auf, dass er stark hustete. Vom Krankenhauspersonal wurde das trotz Nachfragen nicht näher beachtet. Auf einmal jedoch entdeckte jemand in der Akte, dass zwei (!) Monate zuvor eine so genannte kalte Lungenentzündung diagnostiziert worden war – jedoch auf einer anderen Station, wo er zwischenzeitlich wegen etwas anderem behandelt worden war. Man hatte einfach versäumt, das weiterzuleiten. Und nun ging es ihm so schlecht, dass dem geschwächten Mann nicht mehr zu helfen war und er innerhalb von einer Woche verstarb.

Und dann mein Onkel, vor zwei Wochen. Aufgrund eines fortgeschrittenen, unheilbaren Krebsleidens lag er zuletzt im Krankenhaus. Die unvermeidliche Lungenentzündung stellte sich ein, ihm ging es schnell sehr schlecht. Er lag im Sterben, die Familie nahm Abschied. Das hielt aber einen Orthopäden des Krankenhauses nicht davon ab, meiner Tante anzuraten, ihm eine künstliche Hüfte einsetzen zu lassen. Wie bitte? Wir trauten unseren Ohren nicht! Meiner Tante, die mit der ganzen Situation überfordert war und Ärzte als Halbgötter in weiß betrachtet, gab dies Anlass, neue Hoffnung zu schöpfen. Ich intervenierte, und man sah von der Operation ab. Aber da berappelte sich mein Onkel tatsächlich wieder, er stand sogar aus dem Bett auf, fing wieder an zu laufen. Die Freude währte nur kurz, denn dann infizierte er sich mit dem MRSA. Schon mal gehört? Das ist die Abkürzung für „ Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus“ – besser bekannt als multiresistenter Krankenhauskeim. In nur anderthalb Tagen verstarb mein Onkel aufs Qualvollste.

Rund 50.000 Menschen infizieren sich jährlich an MRSA – in deutschen Krankenhäusern liegt die MRSA-Rate bei durchschnittlich 25 % – in den Niederlanden und in Skandinavien im Vergleich nur bei rund 3 %.

Auf der Hygieneinfo-Website der Charite, die sich dabei auf eine wohl schon veraltete Publikation aus dem Jahre 2008 bezieht, finde ich zum Thema Krankenhausinfektion folgende Information: „Nach Angaben aus der Literatur beträgt der Anteil der vermeidbaren Infektionen 20%-30%. Ca. 80.000 bis 180.000 Infektionen sind potentiell vermeidbar.“

© Jonas Ginter (www.jonasginter.de)Foto: Jonas Ginter

Geschichten befreundeter Ärzte aus dem Krankenhausalltag: Da war zum Beispiel der Fall einer Patientin, die wegen eines Umzugs ins Ausland nur noch für begrenzte Zeit in den Genuss einer deutschen Krankenversicherung kam. Sie wünschte, prophylaktisch ein künstliches Knie zu bekommen, obwohl dies zu dem Zeitpunkt in keiner Weise medizinisch indiziert war, weil sie aufgrund von Vorerkrankungen fürchtete, dass sie es eventuell irgendwann in der Zukunft einmal benötigen würde. Der mit mir befreundete Arzt weigerte sich, die Operation durchzuführen. Sein Chefarzt hatte damit keine Probleme, die Frau bekam ihr Knie.

Ein anderer Freund, Gynäkologe: Er musste die Stelle wechseln, da er die in seinem Krankenhaus vorgeschriebene Kaiserschnittrate nicht erfüllen wollte. In meinem Umfeld häufen sich die (angeblichen?) Notkaiserschnitte. Mindestens die Hälfte aller im Krankenhaus Gebärenden, die ich kenne, wurden mit einem ebensolchen konfrontiert. Ist es Zufall, dass den freien Hebammen die Existenzgrundlagen entzogen werden? Und wieder ein anderer Freund: Auf seiner Station gab es unterschiedliche Notklingeln – je nachdem ob der Patient privat oder gesetzlich versichert war.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich gebe den Ärzten nicht die Schuld an dieser Misere. Sie sind Teil eines Systems, das offenbar selbst bis ins Mark krank ist. Der hohe wirtschaftliche Druck auf die Krankenhäuser und Ärzte, das mangelnde Personal, die schlechten Arbeitsbedingungen in den Kliniken, die unmündigen Patienten, das Zweiklassenversicherungssystem – das sind Zustände, die sowohl Ärzten als auch Patienten dauerhaft schaden. „Das Arzt-Patienten-Verhältnis wird ersetzt durch eine Management-Checklisten-Bürokratie” – so der Berufsverband der Deutschen Chirurgen.

Dr. Markus Müschenich, ehemaliger Sana-Kliniken-Vorstand, jetzt beim Think Tank „Concept Hospital“ in Berlin, skizziert das Horrorszenario, auf das wir zusteuern: „Das Übergewicht der Deutschen wird auf 270 Mio. Tonnen wachsen. Millionen Menschen werden Diabetes haben. Erstmals sinkt die Lebenserwartung wieder. Der Patient bemüht Dr. Google, wir haben eine Gesundheitsakte, in der von der Wiege bis zur Bahre alles aufgelistet wird. Sie ist verknüpft zwischen Facebook und Kliniken. Dort wird gespeichert, was wir wann wo essen, welchen Sport wir treiben, wie wir verreisen. Pauschalen wird es nicht mehr geben. Wir ersteigern unsere Operationen auf medBay, einem Portal von eBay. Es wird Frühbucherrabatte und Preisoffensiven in Kliniken geben, z.B. Chefarztbehandlung und Einzelzimmer gratis im Sommerloch. Behandlungen werden über Wartelisten rationiert. Wir müssen tief in die Tasche greifen, um schnell einen Termin zu bekommen. Wir müssen vielleicht selbst um den Preis von Arzneimitteln und Operationen feilschen. Und: Wir vertrauen nur noch Kliniken, die uns „onhealth“ empfohlen werden und twittern schon vom OP-Tisch herunter, wie es uns ergangen ist.“

Klar ist, dass die Segregation im Gesundheitswesen sich weiter verstärken wird, sollten sich die Zustände nicht ändern. Wir steuern auf amerikanische Verhältnisse zu: Nur wer reich ist, bleibt gesund!

Ich freue mich – morgen werde ich zu einer der vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen mit meinem Kind bei unserer Kinderärztin vorstellig. Sie nimmt sich für eine solche Untersuchung in der Regel eine (!) Stunde Zeit – das gibt es! In Deutschland, bei einer Kinderärztin, in einem Medizinischen Versorgungszentrum! Dafür nehme ich auch anderthalb Stunden Anfahrt in Kauf. Aber hoffentlich müssen wir nie ins Krankenhaus.

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1 Lesermeinung

  1. Gesundheitswesen und Gesellschaft(Recht und Demokratie)//Gesundheit für "the happy few"!
    Ärzte Teil eines Systems.Da haben Sie recht.Das Unvorstellbares gab und gibt es immer
    Neoliberal oder was auch immer sei ebenso skrupellos wie Götz Aly dokumentiert in Die Belasteten.Aber..Teil eines Systems,nein,dass muss gewollt sein(Macht und Habgier).Es gibt immer ein NEIN.
    Ohne meine Frau hätte ich viel schlimmeres erlebt im Krankenhaus!Sie korrigierte,und immer wieder: Sie müsste wach bleiben!!.Lückenhafte Verständigung .Ärgerlich,ärgerlich und ohne Ehrfurcht .

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