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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Die Hausfrauenwanderung

| 2 Lesermeinungen

Sie war nie weg, sie hat bloß ein sicheres Versteck gefunden: In der Tiefe der modernen Frauenseele poliert die Nouvelle Hausfrau ihr Betongold.

© ADO Goldkante GmbH & Co.KGDie Gardine sitzt!

Es war nicht alles schlecht, früher, als das Fräulein Sekretärin zum Diktat gebeten wurde und gewundene Chefsätze in Echtzeit zu kleinen Kringeln und Strichen formte, um sie später abzutippen – mit Durchschlag.

Daheim hatte der Chef eine Frau, die derweil die Ado-Gardinen zurechtzupfte und Wurst und Käse auf kalte Platten drapierte. Davor las sie Simmel oder Constanze oder was der Bertelsmann-Club sonst so geliefert hatte – mit Muße.

Es war nicht schlecht, es ist bloß… vorbei. Oder nein, „vorbei“ ist dieser Tage einfach ein zu unesoterischer Begriff. Das Universum gibt, wie der liebe Gott und der wachsame Kapitalismus, nichts verloren, was einmal unter seiner Kuratel stand.

So ersteht die Kurzschrift als Emoticon wieder auf, die Sekretärin als Office-Managerin der längst eigenhändig blind tippenden Chefs, und die Zungenwurst als Tofupaste. Mit der Hausfrau Adenauerscher Prägung hat ihr Karma es gut gemeint: Ihre Wiedergeburt in die technisch wie geschlechtlich neu formatierte Arbeitswelt der Merkel-Ära erfährt sie als Muse der Gentrifizierer.

In dieser Arbeitswelt wurde – von den Geschlechtsgenossinnen allemal – die Hausfrau aus den Zeiten kalter Platten verächtlich abserviert. Die Verachtung galt der Überhöhung des Mannes, der Abhängigkeit von dessen Geld und der vielen nutzlos verplemperten Zeit formerly known as Muße.
Die Fixierung auf den Göttergatten ist der Fixierung auf eine Leerstelle, den oftmals nicht vorhandenen (Ehe-) Mann gewichen, dessen sie mittels on- wie offline formatierter Begegnungsrituale habhaft zu werden sucht. Münden die Dates oder Affären im Debakel, leisten „50 Shades of Grey“ oder „Sieben Tage ohne“ schwerelosen Beistand.

Das Haushaltsgeld des Ehemannes ersetzt durch das Gehalt des Arbeitsgebers oder – wenn sie ihr eigener Chef ist – durch das Geld der Auftraggeber, ist ihr Erwerb abhängig von Unterwerfungsritualen an neue Zahlmeister, die sie als professionelles Verhalten euphemisiert. No pain no gain.

Hart arbeiten, hart runterkommen: Wenn schon Zeit verplempern, dann mittels aus eigener Tasche finanzierter Produkte einer Mußeerzeugungsindustrie, die vom Denkverbotsmantra der Yogalehrer über CO2- bedenkliche Kurzfernreisen bis zum detoxaffinen Ladies-Brunch an alle verkauft, die nicht bei drei auf dem Baum der Selbstwirksamkeit sind.

So kriegt man die Frau aus dem Haus, aber das Haus nicht aus der Frau. Die vollständige Rekonstruktion des Hausfrauentums aus dem Hämeschutt ihrer berufstätigen Nachfahrinnen wird unter Zuhilfenahme von Euphemismen wie „wertstabile Investition“ oder „Betongold“ zu einer Geschäftsentscheidung ökonomisiert.

Der rührende Versuch, einen emotional motivierten Nestbau merkantil umzudeuten, wird angesichts des Furors, mit dem allein zur Ausmerzung jedweden Raufaserrestes geblasen wird, zur bloßen Makulatur. Die Kaufimmobilie unserer Tage ist schlicht der Hausfrau neue Wände: Jeder Quadratmeter Laminat Auslöser größter Seelenpein, jedes vergrößerte Fenster Quell tiefer Lust – und damit ist hausfrau noch nicht einmal beim Einrichtungskomplex angelangt. Mit dem Stoff, aus dem Stores, Sofas und Kissen sind, werden endlos lange Gespräche bemustert, die – mal hier im Büro, mal dort in der Kneipe – in Neidfetzen an die Ohren begehrlich lauschender Noch-Mieterinnen dringen.

Ob ein Mann mit einzieht oder keiner, ob Kinder vorhanden sind oder doch nur die Hauskatze über den frisch vertikutierten Rasen streicht, ob das Haus überhaupt ein Haus ist oder doch eine Wohnung – was zählt, ist: „Ich hab´ es“. Ihrem Feindbild aus den fünfziger Jahren auf der direkten Spur, sucht auch die Identitätstrümmerfrau unserer Tage Halt in den Steinen, auf die sie bauen kann.

Rasch von der Karmakunde zur benachbarten Küchenpsychologie: Hausfrau sein ist weder Politikum, noch Beruf, noch Krankheit – Hausfrau sein ist eine Eigenschaft. Nicht jeder hat sie, nicht jeder mag sie, nicht jeder erkennt sie. Aber Augen auf bei der Feindbildwahl: Wer die Hausfrau in sich unterbuttert, bekommt sie ranzig aufs Feierabendbrot geschmiert. Kaum ist „das bisschen Firma“ absolviert, die Haushaltshilfe instruiert, das mobile Endgerät deaktiviert, beginnen die frisch geweißten Wände zu wanken. – Nichts ist vorbei.

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2 Lesermeinungen

  1. Erwerb abhängig von Unterwerfungsritualen...
    Für die von Ihnen beschriebenen Frauen vielleicht „neu(e) U-Rituale“.
    Für die Mehrheit der Männer, nämlich die „Nicht-Chefs“ und das sind die Meisten,
    ein „alter Schuh“, „Chefunterwerfungsritual(e)“.
    Mann und Frau (egal in welcher Rolle!), also Gesellschaft, lebt in Geldabhänigkeit
    mit all ihren notwendigen(Geldnot wenden) Unterwerfungsritualen,
    die allerdings alternieren, damit wach werdender Geist es nicht sofort bemerkt
    daß er sich dem Geld unterwirft, anstatt umgekehrt.

    Gruß
    P.S.

  2. Herrlicher Text!
    Und: Alles eine Frage der Perspektive. Entweder wir sind alle noch Hausfrauen oder die klassischen Hausfrauen waren auch nur Menschen wie wir alle und mit Nahrung, Behausung und, sofern Zeit blieb – und sie blieb! – dem Surplus Ästhetik (i.e. Dekoration) befasst. Um das mal in den anthropologisch allgemeinsten Termini zu fassen…

    Oder nochmals ganz anders: ja, fast alle Frauen heute sind in irgendeiner Form Hausfrauen geblieben, egal was sie sonst noch so treiben in ihrer Restzeit. Während, wie alle Studien bestätigen, noch viel zu wenige Männer diesen Bereich und diese Formen der Selbstverwirklichung beherzt für sich erobert haben…

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