Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Hitler an der Bushaltestelle

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Die Neunziger Jahre sind das weiße Jahrzehnt. Ein Leerraum, der sich in Deutschland gern braun färbt. Der Prozess in München zeigt, dass wir über die Zeit und die Wurzeln der NSU nichts erfahren.

Im Herzen des Menschen gibt es Winkel
die zunächst nicht bestehen,
und in diese dringt das Leid ein,
auf dass sie Bestand haben mögen.
Leon Bloy

© PrivatAuf Thüringer Erde. Anfang der Neunziger Jahre.

Das Land selbst gebiert die Gewalt. Das denke ich manchmal, wenn ich den NSU-Prozess beobachte und an unsere gemeinsame Heimat denke. Die von Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und mir. Die Felder von Thüringen sind weit. In den Wäldern ist es manchmal sehr dunkel. Napoleon zog übers Land, viele Jahrhunderte früher wütete hier ein bitterer Bauernkrieg, die brennende Verfassung auf der Wartburg. Und versteckt, hinter Weimar, da ermordeten die Nazis Tausende von Menschen. Unter unseren Füßen fließt das Blut. Der Mais wächst darauf. Die Tiere essen den Mais und wir die Tiere.

Anfang der Neunziger saß dort, zwischen den Maisfeldern und der Waldnarbe Hitler und aß Ananas aus der Dose. Diesen Streifen zwischen Feld, Wald und Platte nannten alle das Paradies. Hitler bot mir ein Stück Ananas an.

Hitler war viel älter als wir. Der Krasseste von allen. Er aß gern Ananas aus der Dose. Und verhaute seinen Bruder. Das war 1996, ich wurde gerade zwölf. Die Großen, darunter Hitler, waren um die 20. All jene, die sich Anfang der Neunziger im Teenageralter auf ein Neonazidasein spezialisiert hatten und meist dabei blieben. Es waren schwere Jungs, und meine Klassenkameraden haben sie bewundert: die großen Neonazis. Die älteren Geschwister. Solche sind auch die drei Täter, die heute alle Mitte 30 sind. Sie haben mit den Nachgeborenen, zu denen ich gehöre, nichts gemeinsam. Im Osten kann ein Altersunterschied von fünf Jahren eine komplett andere Sozialisation bedeuten.

Die Neunziger Jahre, in denen wir alle die Wurzeln neu ausstrecken mussten, sind das weiße Jahrzehnt. Ein Leerraum, der sich in Deutschland gern braun färbt. Der Prozess in München zeigt genau das. Wir erfahren nichts mehr. Nichts über die Zeit, in der Jugendliche machen konnten, was sie wollten.

Wenn ich den Prozess beobachte, sehe ich diese leeren Straßen und die Felder, die sich ins Unendliche ausrollen, ich sehe die Bushaltestellen mit den Jungs und Mädchen in Bomberjacken, und ich sehe immer auch mich selbst. Ich sehe aber auch ein ganzes Land auf der Anklagebank, das sich in einem wichtigen Jahrzehnt eher um den Solibeitrag stritt und über eine Diktatur und nicht bemerkte, wie ihm die Kinder abhanden kamen.

Meine Klassenkameraden und die Gleichaltrigen aus dem Plattenbauviertel, in dem ich am Stadtrand Weimars aufwuchs, zogen sich alle so an wie diese von ihnen bewunderten älteren Neonazis. Sie trugen Doc-Martens-Schuhe und Alpha-Industries-Jacken und eine schnittige Heinrich-Himmler-Frisur – wenn sie nicht unter einem Wirbel am Hinterkopf litten, dessentwegen sie sich die Haare schoren. Das war der Moment, in dem die Neonazi-Szene sexy wurde und disziplinierter und strenger auftrat als ihre Eltern und die Lehrer es je konnten, von denen jeder ein potenzielles Stasi-Spitzel war.

Später, in meinem Gymnasium am Rand eines Dorfes gelegen, sahen alle aus wie Neonazis, auch wenn sie keine waren. Sie mochten Mathe, sie waren nicht gewalttätig. Der Neonazistil war einfach der klassischste, den man im Osten finden konnte. Ziemlich teuer, gute Qualität. Jedes Jahr gleich, keine Mode, eine Uniform. Die anderen kauften bei H&M oder bestellten aus dem Otto-Katalog.

Hitler, der Krasseste unter den Glatzen in unserem Viertel, stand eines Morgens an der Bushaltestelle, weil er zu seiner Ausbildung zum Baggerführer oder so ähnlich gehen wollte, mal wieder, er war lange nicht mehr hier gewesen. Da sagte er zu mir, wenn du mich noch einmal anguckst, schlag ich dich tot. Ich habe dann nichts gesagt, in solchen Momenten geht es nicht anders.

Ich war fünf, als die Mauer fiel. Hitlers Truppe der gewalttätigen Neonazis war viel älter. Sie waren zu diesem Zeitpunkt 13, 14 oder 15 gewesen. Sie haben auch gesehen, wie ihre Eltern sich schlecht und unsicher in dem neuen Land bewegten. Sie nannten sie „die Alten“. Und „die Alten“ waren Loser, waren nicht stark und nicht männlich.

Mit 18 gründeten diese Leute ihren Thüringer Heimatschutz.

Die Gründe für die Gewalt sind mir bis heute nicht ganz klar, es sei denn, es ist die gleiche Wut, die auch in mir steckt, die nur ein anderes Ventil gefunden hat. Es ist die Wut der Kinder auf ihre Eltern, die plötzlich nichts mehr waren, die Wut auf das Unbekannte, die Wut auf die Zukunft. Die Bedrohung heißt Zukunft. Und der Kontrollverlust über sie.

Ich schaue Beate Zschäpe an. Wir kommen aus demselben Haus. Es war ziemlich dunkel und kalt.

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2 Lesermeinungen

  1. Traurige Geschichtsrealität.
    Wenn unbedacht, aus „schickem (Geist-)Modetrend“ blutiger Ernst wird.
    Die scheinbare Unfähigkeit von Menschen, mögliche „Wege“, die „nur“
    als „gerade schick“ beginnen, zu reflektieren und ihre mögliche Konsequenz in der
    Zukunft zu sehen, trotz Abitur.
    Ein Bildungssystemmangel unserer Gesellschaft.
    Vom ungelenken Lernen, zum gelenkigen, reifen Denken lernen,
    nicht nur „weit horizontal schick“, sondern ebenso selbständig und
    ebenso „weit vertikal konsequent“, tief konsequentem Denken,
    zu kommen, das ist der Bildungssystemmangel.
    Der geistige Horizont könnte ein weiter und tiefer Horizont sein, der
    „Konsequenzen-sehfähig“ ist.

    Hoffnungsvoller Gruß,
    P.S.

    • Zusatz
      Die Zukunft ist „Bildungs-Konse(h)quenz“ der real genutzten „Denkfähigkeit“ der Gegenwart.
      Die Gegenwart ist „Real-Konsequenz“ der real genutzten
      „Denkfähigkeit“ der Vergangenheit.
      Wenn Zukunft keine „BLACKBOX“ sein soll, dann nur durch „Bildungssystemgelenkigkeit“..:=)
      der Gegenwart und ihre reale Nutzung für eine gute Gegenwart.

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