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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Make Selfies, not war

| 6 Lesermeinungen

Seinen Körper aufs Spiel setzen, ohne das Haus zu verlassen! Das „Protest-Selfie“ ist zu der beliebtesten Technik geworden, das eigene Gesicht in eine Debatte einzufügen und Stellung zu beziehen.

Mein erster Vorstoß in das Gebiet des politischen Aktivismus richtete sich, im Alter von elf Jahren, gegen das Pelzgeschäft bei uns um die Ecke. Eine unserer Protest-Strategien bestand darin, ein Preisschild an das Fell unseres Hundes zu heften, mit ihm in den Laden zu spazieren und so zu tun, als wollten wir ihn für den Gegenwert seines Haarkleids verhökern (seine seidigen Schlappohren versahen wir jeweils mit erhöhten Preisen).

Es war gar nicht so, dass ich mich ausschließlich über das Häuten von Tieren empörte, jedenfalls nicht mehr, als über das ungerechte Game Boy-Verbot, das zu Hause galt. Die Gründe, warum wir immer weiter agitierten, lagen wohl eher in der zuverlässigen Zornesreaktion der Angestellten bei jeder neuen Provokation. Es war der perfekte Zeitvertreib: Es befriedigte unser tiefes Bedürfnis, Unruhe zu stiften – und das auch noch für einen guten Zweck. Ohne großen Aufwand führte der Protest dazu, dass wir zufrieden mit uns waren.

Wir hatten damals kein Internet, sonst wären wir wahrscheinlich zu Hause geblieben und hätten Fotos von uns hochgeladen, wie wir in unseren Kinderzimmern sitzen mit Schildern, auf denen wir unsere Solidarität mit Tieren verkünden.

© Emily Dische-BeckerManipuliertes Bild der Autorin beim Protest gegen das Geschäft „Pelz Lösche“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum ersten Mal nahm ich von diesen sogenannten „Protest-Selfies“ Notiz, als „Project Unbreakable“ gestartet wurde – eine Kampagne, bei der Opfer von sexueller Gewalt sich selbst fotografierten, mit Schildern, auf denen die unaussprechlichen Sätze der Täter zu lesen waren. Diese Bilder verbreiteten sich nicht nur wie ein Lauffeuer, sie führten auch dazu, dass Tausende es ihnen nachmachten und selbst etwas zu der Kampagne beitrugen. Das Format, so konnte man hören, verleihe marginalisierten Gruppen und Meinungen eine Stimme. Für diejenigen, die zum Schweigen gebracht wurden, konnte das Unsagbare durch eine Kombination von Schrift und Selbstoffenbarung schlagkräftig ausgedrückt werden.

Heutzutage ist das Protest-Selfie zu der beliebtesten Technik geworden, das eigene Gesicht in eine Debatte einzufügen oder prägnant Stellung zu beziehen. Indem sie sich zwischen dem viel verspotteten „Klicktivismus“ und dem realen, physischen Protest einen Platz verschaffen, können die Produzenten der Selfies ihre eigenen Körper „aufs Spiel setzen“, ohne das Haus zu verlassen. Sie posieren und laden ein Foto hoch.

Die Argumentation eines Protest-Selfies ist schon wegen des geringen Platzes nicht besonders differenziert, weswegen sie sich anscheinend besonders für das Abstecken von identitätspolitischen Positionen, und für Äußerungen und Aberkennungen von Missständen eignet. Sie erzeugen Selfie-Kriege zwischen Feministen („Ich brauche den Feminismus, weil …“) und Anti-Feministen („Ich bin keine Feministin, weil …“), zwischen denjenigen, die Rassismus erfahren haben, und denjenigen, die davon verschont geblieben sind.

Anfang des Jahres veröffentlichten Studenten, die ethnischen Minderheiten in Oxford und Harvard angehören, ihre Fotos mit Zitaten rassistischer oder voreingenommener Äußerungen, denen sie an diesen Elite-Institutionen ausgesetzt waren. Eine Gegenkampagne, die die individuellen positiven Erfahrungen von Studenten aus Minderheiten, betonte, folgte auf dem Fuße.

Während die ursprünglichen Kampagnen versuchen, vorherrschende Vorurteile oder institutionelle Ungerechtigkeit aufzuzeigen, in dem sie eine kritische Masse an individuellen Aussagen kuratieren, stellen die Gegenkampagnen die Sache mit denselben Mitteln auf den Kopf. Die große, gleichmachende Arena des Internets ermutigt Trittbrettfahrer, Gegenkampagnen zu starten, während sie in der physischen Welt wahrscheinlich nicht so weit gehen würden, eine „Wir kennen keinen Rassismus“-Demo zu inszenieren.

Konservative haben das Potential des Formats längst erkannt, auch in Deutschland. Die AfD lancierte vor kurzem ihre eigene Kampagne, betitelt: „Ich bin kein(e) Feminist(in)“, bei der sie Verbündete dazu einlud, ihre eigenen, individuellen Gründe dafür kund zu tun, warum sie dem Feminismus aus dem Weg gingen (z.B. die Güte ihrer Partner, eine persönliche Präferenz für „starke Männer“ oder „wahre Weiblichkeit“ oder auch eine Vorliebe für Ritterlichkeit).

Protest-Selfies können einem tatsächlich wie eine Zuspitzung verschiedenster bedauerlicher Tendenzen der virtuellen Welt erscheinen: Der Hinwendung zu Kurzformen der Kommunikation (auf die Spitze getrieben durch die Absurdität von Hashtag-Aktivismus); ein wachsendes Analphabetentum, gepaart mit immer mehr Möglichkeiten, sich auszudrücken; die allgemeine Ansicht, dass es an sich schon etwas Gutes ist, sich auszudrücken; hunderte von Leuten, die Bilder von ihren einfältigen Gesichtern machen und einen Grund suchen, die besten dann ins Internet zu stellen.

Voraussichtlich werden Protest-Selfies bald aussterben, schließlich beschleunigt das Internet das Karussell von Aneignung und stetig neuen Formen des Exhibitionismus. Aber die zunehmende Tendenz, im virtuellen, symbolischen Raum zu protestieren, trivialisiert nicht nur die Debatte, sie erzeugt wahrscheinlich auch das Gefühl, dass die Arbeit der politischen Partizipation damit erledigt ist.

(Übersetzt von Theresia Enzensberger)

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6 Lesermeinungen

  1. Wir hatten damals kein Internet
    Nun, das ist auch kein Wunder, so gut wie niemand in Deutschland hatte 1993 privat Internet.
    Das Internet (WWW) kam in diesem Jahr gerade mal an die Öffentlichkeit.
    Und irgendwelche Dienste, bei denen man Fotos hätte hochladen können, waren noch weit über ein Jahrzehnt entfernt.
    Interessant, daran ist, dass jemand glaubt, etwas heute so selbstverständliches wie das Internet hätte es vor 20 Jahren auch schon so gegeben.

  2. Titel eingeben
    Aber sind nicht die Ausdrucksmoeglichkeiten eines Protest-Selfies immer noch wesentlich differenzierter als die des Mitlaufens in einer Demonstration? Und schaetzen wir nicht das Ausdruecken von Protest als ein Grundrecht? Ergo: Sollten wir nicht an diesen Moeglichkeiten arbeiten, anstatt uns ueber die angeblich Einfaeltigen lustig zu machen?

    • Warum "anstatt"?
      Idealer wäre es doch beides zu machen: sich über dumpfe Protestkultur lustig zu machen UND an besseren Möglichkeiten zu arbeiten. Das macht Laune und hilft. Natürlich haben sie recht das der Ausdruck von Protest ein Grundrecht ist. Genauso aber ist es ein wichtiges Grundrecht dumpfe Selbstdarsteller verarschen zu dürfen. Davon lebt ein kleinwenig die Demokratie, bzw. macht sie erträglicher. Und was differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten betrifft: vielleicht sollten wir unseren Mitbürgern mehr zutrauen. Protest-selfies trivialisieren ihre Themen nur. Sie sind in dieser Hinsicht wie Politisch angehauchte Pop Musik. Über die hat Adorno mal sehr passend gesagt: „Ich glaube daß Versuche, politischen Protest mit der Popular-Music, also mit der Unterhaltungsmusik zusammenzubringen, deshalb zum Scheitern verurteilt sind, weil die ganze Sphäre der Unterhaltungsmusik – auch wo sie irgendwie modernistisch sich aufputzt – so mit dem Warencharakter, mit dem Amusement, mit dem Schielen nach dem Konsum, verbunden ist, daß also Versuche, dem eine veränderte Funktion zu geben, ganz äußerlich bleiben. Und ich muss sagen, wenn also dann irgendjemand sich hinstellt und auf eine im Grunde doch schnulzenhafte Musik dann irgendwelche Dinge darüber singt, daß Vietnam nicht zu ertragen sei, dann finde ich, daß gerade dieser Song nicht zu ertragen ist, weil er, indem er das Entsetzliche noch irgendwie konsumierbar macht, schließlich auch daraus noch etwas wie Konsumqualitäten herauspresst.“ Massenproteste sind wenigstens nicht so konsumierbar/egozentrisch.

  3. Tja, Titel eingeben
    Sei einiger Zeit reflektiert die Intelligenz viel über das Netz der Netze. Da sind viele kluge Gedanken dabei. Die von Schirrmacher z. B., aber auch andere Impressionen und Analysen zu diesem Medium sind sehr vom Blues geprägt. Man könnte das Thema Web ablegen unter: Was es ist nicht alles gibt. Dass sich der/die geisteswissenschaftlich Ausgebildete in diesem bisweilen riesigen Komödienstadl leicht unwohl fühlt, ist verständlich. Steht er/sie doch immer wieder vor der Herausforderung: Wie sage ich es nur. Tja, wie sagt man/frau es nur? Ich weiß es auch nicht.

  4. Protest Selfies sind die nahezu perfekte Enstprecung des Zeitgeistes:
    In der Mischung aus Aufmerksamkeitsökonomie und Überschätzung der „emotionalen Intteligenz“ sind die Selfies einfach das perfekte Ausdrucksmittel. Sie stellen das Ich in den Mittelpunkt und mit den kurzen Mitteilungen können am ehesten Emotionen transportiert werden. Neben der eigenen Eitelkeit wird auch noch der unger danach befriedigt, etwas „Gutes“ getan und sich „engagiert“ zu haben.

    Passt also alles. Die wirklichen Probleme werden in der Zwischenzeit zunehmend in kleinen Expertenzirkeln gelöst oder vertagt. Von denen, das kann man ohne Hellseher zu sein vorhersagen, wohl kaum jemand selfies zur Kenntnis nimmt oder solche produziert. Zeige mir ein selfie und ich zeige Dir ein irrelevantes Couchpotatoe.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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