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Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Eine Ikone erhebt sich

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Im Internet gilt sie als sexy, im Gerichtssaal bekommt sie Kopfschmerzen. So wie das Interesse am NSU Prozess nachlässt, lässt auch die Schärfe gegen die Täterin nach. Eindrücke aus dem Gerichtssaal.

© AntifaRudolf Hess Demonstration Worms 1996. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Trio der NSU bereits Sprengstoff geordert.

Sechzehnuhrdreißig. Anfang April 2014, Oberlandesgericht München. Der Amtsarzt, nennen wir ihn Dr. Överle, wird von Richter Manfred Götzl in den Gerichtssaal gerufen. Dr. Överle hat die Pause genutzt, Beate Zschäpes Puls zu messen. Er sei im normalen Bereich. Auch der Blutdruck sei unbedenklich. Doch mache, so Dr Överle, Frau Zschäpe den Eindruck der Abgeschlagenheit. Sie wirke müde. Er stellt einen Mangel an Spontaneität fest. Von oben, von der Zuschauertribune sehe ich nur die Anwälte der Angeklagten, unter dem ersten Rang der Zuschauer sitzen wie versteckt die Anwälte der Nebenklage. Die Anwälte der Toten. 

Beate Zschäpe leidet an Kopfschmerzen.

An den Türen des Gerichtssaals A 101 im Strafjustizzentrum in der Nymphenburger Straße 16 in München öffnen die Sicherheitsbeamten nach einem zähen Prozesstag langsam wieder die Augen.

Beate Zschäpe mangele es heute an Spontaneität.

Das Verfahren wird heute abgebrochen. Es ist der erste heiße Tag im Jahr.
In der Sonne blinzeln Besucher und Anwälte ins Licht und ich muss an den Anfang denken. Die Plötzlichkeit der Ereignisse: Die Paulchen Panther Videos, das brennende Wohnhaus des NSU Trios, der brennende Wohnwagen und die zwei toten Uwes. Deren viele Mordopfer, den Thüringer Heimatschutz. Die Gründung der NSU, irgendwo in den blau-rosa angestrichenen Plattenbauten, in einer Wohnung mit den blauen Tassen und der Spitzentischdecke.

Vierzehnuhrdreißig. 2 Stunden früher. Auf den Fäusten des Angeklagten Andre Eminger ist das Wort, jedem Finger ein Buchstabe, FREIHEIT tätowiert.
Es ist das Mantra der Ostdeutschen. Das Wort, das wie ein Titanballon zu Boden fiel, hart und leer. Anfang der Neunziger, als diese Freiheit kam. Beantwortet von eben jenen Fäusten, gnadenlos. Heute tippen die Fäuste hier im Gerichtssaal entspannt an ihren Computern, sehen ein paar Akten durch. Die Fäuste, auf die Beate Zschäpe, Carsten Schulz, Ralf Wohlleben und Andre Eminger ihre Köpfe stützen. 
Es ist ein anstrengender Prozess. Jedes Verhör der letzten Jahre wird referiert, protokolliert. Die meisten Zeugen, die hier aussagen sollen, machen von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Der Verfassungsschutz, der eine so bedeutende Rolle in der Szene spielt, wird konsequent verschwiegen.
Aber wie Zschäpes Anwalt Heer schon zu Beginn des Prozesses sagte:
Der Prozess dient nur dazu, herauszufinden, ob es eine Terroristische Vereinigung gab. Sollte Beate Zschäpe nicht als Terroristin eingestuft werden, wird es auch keine NSU gegeben haben, jedenfalls nicht als terroristische Vereinigung. Eine terroristische Vereinigung hat mindestens drei Mitglieder. Ein Irrsinn, weil das Netzwerk, das vermutlich aus weit mehr Mitglieder bestehen könnte, nur vom Verfassungsschutz erklärt werden kann und dieser schweigt. Alle schweigen. Zeugen, Angeklagte.

Morgens stehe ich um Siebenuhrdreißig vor dem Gerichtsgebäude. Ich bin allein mit meinem Personalausweis und einem alten Notizblock aus einem Hotel. Wenn ich wolle, könne ich schon reinkommen, sagt ein Sicherheitsbeamter des Gerichts. Mit vielen „Moins“ passiere ich die Sicherheitsschranken. Lockere Stimmung. Von schreiender Antifa und Fernsehen keine Spur.
So wie das Interesse nachlässt, lässt auch die Schärfe der Berichterstattung nach. Der Empörung sind Googlesuchbegriffe gewichen wie: Beate Zschäpe sexy, Beate Zschäpe hübsch, Beate Zschäpe Das Musical. 

Eine Ikone erhebt sich.

Vom Zuschauerrang über dem Saal beobachte ich durch eine Glasscheibe zwei Stunden Gerichtsdiener, die ihre Computer verdrahten. Als säße man vor einem Terrarium und warte auf die Reptilien. Das Personal erscheint.
Beate Zschäpe, schwarzer Rolli, schwarzes Sakko, blaue Jeans setzt sich. Sie isst Drops.
Der Zeuge Thomas Starke hüllt sich in Schweigen und verlässt nach Sekunden wieder den Saal. Die meisten der Besucher sind wegen seiner Aussage gekommen. Er gilt als einer der engsten Helfer des Trios. Dafür referiert nun ein BKA Beamter das Verhör, das er vor Jahren mit Starke führte. Starke, der Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf dem Konzert der Band „Oithanasie“ kennengelernt hatte, habe zum Beispiel schon Mitte der Neunziger für die Uwes und Beate den Sprengstoff in einem Schuhkarton beschafft. Uwe Mundlos habe ihn daraufhin gefragt, was sie nun damit machen sollten und wo sie den Rest herbekommen sollten, was man dafür überhaupt brauche. Starke hätte angeblich gefragt, wofür sie den Sprengstoff bräuchten. „Für Experimente“, hatte Mundlos geantwortet. Ausführlich wird die Affäre zwischen Starke und Zschäpe beschrieben. Er hätte es schön gefunden, mit ihr zusammenzuwohnen, ja, aber sie ging nie ans Telefon. Das wird einige Male vom Richter wiederholt. Kein Wunder, dass ihr später schlecht wird.
Dem Publikum und den Beamten fallen nach und nach die Augen zu.

Beate Zschäpe isst Gummibärchen. Hauptsache, der Puls stimmt.
Blood and Honour, Rudolf Heß Gedenkmarsch, Gruppe 88, Tausenddosen Party, altgermanischer Weihnachtsabend, Hammerskin.
Ich packe meinen Koffer und nehme noch mit: Horst Wessel Lied.
Es klingt mir noch in den Ohren, wie es einst aus dem Jugendzentrum am Paradiesplatz zwischen den Platten heraus röhrte. Und hier fliegen die Begriffe wie Hyroglyphen den Zuhörern um die Ohren wie eben das Horst Wessel Lied einst den Eltern vor dem Jugendzentrum. Heute dröhnen die Begriffe, wie Ablenkungsmanöver.

Der Prozess wirkt wie eine Waschmaschine, ein großer Säuberungsprozess. Ohne zu wissen, was genau bereinigt wird. Wir hatten das schon einmal, dieses große Schweigen, auch aus diesem Schweigen ist die Gewalt geboren. Schweigen ist Ignoranz. Schweigen ist Sterben.
Der Puls sinkt. Mangelnde Spontaneität.
Ich verlasse mit zwei Drehbuchautoren die Sicherheitszone des Gerichts. Vielleicht wird es ja die Kunst regeln.

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4 Lesermeinungen

  1. Schweigen ist nicht nur Ignoranz abe"IMPARDONNABLE"!!//
    ein Indizium indolentes Verhalten und per definitionem eine rechtstaatlichedynamik der Wahrheitwertverleugnung.Und die Infamie dem arglos dir Vertrauenden(Rechtstaat) eine Falle stellen ja der gewollte Inopportunität.Eine Bedrohung der Grundfesten der Gesellschaft.Da gibt es Einsichten in die ändernde Mentalität des Landes.Eine Zerrissenheit lässt sich beobachten.

  2. Die Hamlet-Frage für die Medien
    „Der Prozess wirkt wie eine Waschmaschine, ein großer Säuberungsprozess.“ Das ist der erste kluge Satz, den ich über diesen Prozess aus den offiziellen Medien heraus zu hören bekomme. Denn in der Tat: Dieser Prozess dient nicht der Aufklärung, sondern der Vertuschung. Es wird der Verfassungsschützer Weste weiß gewaschen. Und dabei werden, wenn nötig, nicht nur Akten vernichtet. Ohne die Hebammenaktivitäten der Verfassungsschutzorgane hätte es die NSU vermutlich gar nicht gegeben und damit wohl auch diese Morde nicht. Solche oder ähnliche Aussagen habe ich von Beginn an gemacht; nicht selten, vor allem anfänglich, wurden sie von der FAZ-Redaktion wegzensiert – http://blog.herold-binsack.eu/2011/11/akteure-werden-liquidiert/. Doch wer wollte das jetzt noch bestreiten? Die Medien, die das versuchen, werden von ihrem eigenen Publikum nicht mehr ernst genommen. Und das könnte zur Hamlet-Frage für diese Medien werden – Sein oder Nichtsein!

  3. Ein Srafverfahren und die Wahrheit//Absoluter Gerechtigkeit ?/
    einer universalistischen Haltung hat viele Menschen tiefgreifend geprägt.Gibt es aber nicht.Vernunft sei nicht fähig absolute Gerechtigkeit zu gestalten.(lesenswert:Anmerkung zum Prozess von Bernd Naumann,Auschwitz,Frankfurt am Main,1965,Seite7 und 8).

    „AFFENZEIT.Und
    ein lebendiges Nein,menschen-
    äugig inmitten
    aller
    kunstvoll geknüpften
    Schlingen und Verse.

    Hell,
    von der Schmerz-
    farbe der Hoffnung;…
    ….“
    Seite 465,Die Gedichte,Paul Celan.

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