Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Sie hat doch schon eine Heimat

Kann es heute noch so etwas wie Heimat geben? Kann man vor der eigenen Heimat weglaufen? Der bosnische Sänger Dino Merlin und meine Freundin Seherzada sagen: nein.

© privatDino Merlin

Heimat ist ein Begriff, den ich für längst überholt hielt. Am besten, man nimmt das Wort gar nicht erst in den Mund, dachte ich, denn eine Heimat zu haben, bedeutet doch, alle anderen möglichen Heimaten auszuschließen. Heimatgefühle führten unweigerlich zu Patriotismus und Patriotismus wiederum zu Nationalismus. Sich einer Heimat verbunden zu fühlen, kam für mich einer Schwäche gleich, einer Sehnsucht, die in unserer kosmopolitischen Welt naiv erscheinen muss.

Doch dann stehe ich in einer ganz gewöhnlichen Turnhalle, irgendwo in der bayerischen Provinz, es riecht wie es in Turnhallen nun einmal riecht, und auf der Bühne hüpft ein Mann hin und her, der seit Jahrzehnten daran arbeitet, seiner bosnischen Heimat ein musikalisches Denkmal zu setzen. Dino Merlin hat sein Land dreimal beim Eurovision Song Contest vertreten. Er hat die erste Hymne des neuen unabhängigen Staates Bosnien und Herzegowina komponiert. Tritt er in Sarajevo auf, bricht eine Art Massenhysterie aus. Um mich herum bewegen sich überwiegend ältere Frauen im Takt der eingängigen Musik, einige halten Feuerzeuge in die Luft und singen mit. Ich schaue Seherzada an, und sie hat Tränen in den Augen.

Sie heißt Seherzada, wie die Prinzessin aus „Tausendundeiner Nacht“. Sie arbeitet als Kassiererin in einer kleinen Tengelmann-Filiale. Nebenbei geht sie putzen, aber sie macht es nicht gern, es behagt ihr nicht, fremde Wohnungen zu betreten. Man weiß nie, was einen erwarten könnte.

Seherzada ist Mitte Dreißig. Sie trägt einen modischen Kurzhaarschnitt und macht einen dynamischen Eindruck. Ihre Hände sind immer in Bewegung, hat sie einmal angefangen zu reden, hört sie so schnell nicht wieder auf. Ja, sie sei eine richtige „Plaudertasche“, sagt sie, ihre Tochter würde auch so viel quatschen, das sei wohl erblich. Überhaupt sei ihre Tochter viel zu schnell erwachsen geworden, vor kurzem hätte sie zum ersten Mal einen Freund mit nach Hause gebracht, einen Deutschen, ganz nett, aber etwas verstockt, immerhin sei er treu, das sei das Wichtigste. Der Sohn dagegen, da winkt Seherzada ab und verdreht die Augen, ein wilder Junge, mit dem hätte sie nur Ärger.

Seherzada hat Dinge erlebt, über die sie niemals spricht, während des Krieges, als die serbischen Soldaten ihr Dorf unter Beschuss nahmen, die Einwohner aus ihren Häusern vertrieben, um sie zu plündern und niederzubrennen. Seherzada wurde zusammen mit den anderen Frauen in ein Lager gebracht. Da hört die Geschichte auf.

Manchmal geht Seherzada mit ihrem Mann spazieren. Er holt sie aus dem Supermarkt ab und sie laufen los. Er braucht das, sagt sie, weil er während der Arbeit so viel sitzen muss. Seherzadas Mann ist Busfahrer, manchmal fährt er wochenlang die gleiche Strecke ab, immer hin und zurück. Er ist froh, dass er überhaupt eine Arbeit hat. Zu Hause wäre er arbeitslos.

Seherzada wohnt in Deutschland, aber in Gedanken ist sie immer in der Heimat. Ihre Freundinnen kommen alle von „unten“. Am Wochenende sitzt sie abends mit ihnen in ihrer kleinen Küche zusammen. Sie trinken türkischen Kaffee, manchmal auch süßen Rotwein, und rauchen Zigaretten der bosnischen Marke „Drina“, so wie der Fluss. Irgendjemand bringt immer ein Blech „Pita“ mit, die selbstgebackenen Teigschnecken, die vor Fett triefen. Dann wird der neueste Tratsch ausgetauscht, über die Nachbarn zum Beispiel. Oder die eigenen Ehemänner. Nicht einmal die Kinder bleiben verschont. Was die Frauen aber am meisten beschäftigt, ist die Frage, wann sie wieder runterfahren werden. Eine solche Reise muss gut geplant sein. Die fünf bis sechs Wochen im Jahr, die sie in der Heimat verbringen, das sind die einzigen Wochen, die von Bedeutung sind. Für diese Wochen leben sie.

Seherzadas Deutsch ist das Schönste, was ich kenne, auch wenn es keineswegs grammatikalisch korrekt ist. Manchmal schimpft sie mich aus und wirft mit vor, ich würde mich wie eine Schwäbin aufführen. Die Schwaben, das sind die Deutschen mit ihrer Pünktlichkeit, ihrem Ordnungssinn und ihrer Humorlosigkeit. Sie schubst mich freundschaftlich und ermahnt mich, ein bisschen lockerer zu werden, wir seien doch die „unsrigen“, und das klingt, als seien wir Teil einer großen Familie.

Seherzada lebt in Deutschland, weil die Umstände es erfordern. Sie zieht Kinder mit Migrationshintergrund groß. Doch sie würde nicht im Traum daran denken, sich als Teil einer deutschen Gesellschaft zu sehen. Warum auch? Sie hat doch schon eine Heimat. Deshalb nimmt sie die vierzig Euro, die sie in einer fremden Wohnung verdient hat, und kauft sich eine Karte für Dino Merlins Konzert. Und während er das letzte Lied anstimmt, denke ich, dass die Heimat manchmal ganz schön hartnäckig sein kann: „Lass mich, lieber Herr, noch einen Tag leben, lass mich noch einmal die Sonne über Bosnien erleben, lass mich in die Heimat zurückkehren, damit meine Trauer schwindet. Ich kann leben ohne Zukunft, aber nicht ohne Heimat.“

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