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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Konservativ dank Hippie-Eltern

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Ausbeutung auf ganzer Linie, entweder durch Kinder oder durchs Arbeiten – eine Reaktion der 68er-Kinder auf ihre eigene Kindheit?

© Bundesarchiv, Bild 183-1984-0911-006 / CC-BY-SASind Eure Eltern 68er? Dann ist die schöne Zeit bald vorbei…

Ich hoffe, die, um die es hier geht, werden diesen Beitrag nicht lesen, da ich mir sonst ihre Freundschaften von der Backe putzen kann. Wenn sie es überhaupt auf sich beziehen, denn wir wissen ja, Fremdwahrnehmung versus Eigenwahrnehmung, das ist so ein Thema. Aber die Personen, über die ich schreiben möchte oder sagen wir lieber, das Phänomen, die lesen ja gar nicht mehr, denn sie haben keine Zeit. Die Mütter werden von ihren Kindern aufgefressen – die Sache mit Saturn umgekehrt – und die Väter von ihrer Arbeit.

Und das alles in der althergebrachten Rollenverteilung: Die Mütter haben die Kindeserziehung und -betreuung komplett übernommen (die paar Väterstunden kann man nicht wirklich gelten lassen). Es sind Mütter, die keine Lebensinhalte jenseits der Kinder haben. Und die Kinder? Meine Schwiegermutter hat uns mal ein Buch mit dem Titel  „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ geschenkt, das ich aus Protest und Wut ins Regal gestellt und dort irgendwo vergessen habe. Aber der Titel fällt mir bei der Gelegenheit wieder ein. Diese Kinder nämlich sind unselbständig und diktatorisch. Sie sind mit Müttern konfrontiert, die ihre eigenen Bedürfnisse auf unbestimmte Zeit im Keller eingeschlossen haben und bekommen eben deshalb keine Grenzen gesetzt, denn ihre Mütter haben ja zur Zeit so gut wie keine mehr. Zaghafte Erziehungsversuche werden gleich bei der leisesten Gegenwehr fallengelassen: „Ich sag lieber Ja, als mir Geschrei anzuhören.“ Kein Kommentar. Ohne jegliche Grenzen entwickeln sich diese Kinder zu regelrechten Monster-Nervensägen und unerträglichen Quälgeistern.

Ich jedenfalls bin der festen Überzeugung, dass das Zauberwort von Erziehung „Respekt“ ist, Respekt vor der Schöpfung im Allgemeinen und Respekt vor den Bedürfnissen anderer im Speziellen. Aber das kann ein Kind natürlich nicht lernen, wenn es nicht weiß, was die Bedürfnisse seiner wichtigsten Bezugspersonen sind.

Und die Väter? Die arbeiten alle – vor allem viel und lang. Sie, die Familienernährer malochen in minimal 50-Stunden-Wochen, wie selbstverständlich und als hätte es seit den 60er Jahren nie irgendwelche Veränderungen gegeben. Ihre Kinder bringen sie bestenfalls morgens in die Kita und sehen sie am Wochenende. Ihr fressender Saturn ist der Arbeit- und Auftraggeber und um ihre Grenzsetzung ist es nicht besser bestellt.

Ich verstehe die Welt nicht mehr – dass so etwas in meinem Freundes- und Bekanntenkreis geschieht. So tolle Frauen, gebildet, smart und klug, selbstbewusst und tough. Ebensolche Männer. Und wenn ein Kind da ist? Alles weg, alles wie vor hundert Jahren? Mein feministisches Herz blutet, sucht nach Erklärungen und geht auf dieser Suche noch eine Generation weiter zurück.

Die meisten meiner Freunde und Bekannten kommen aus einer linksintellektuellen Akademikerschicht, viele haben 68er Eltern, tolle Eltern, wie ich finde, Mütter und Väter, die ihr Ding gemacht haben – und wie das damals so war, die Kinder haben einfach mitgemacht. Fast alle Mütter waren berufstätig, so mancher Vater zeitweise arbeitslos.

Diese Generation war bestrebt sich selbst zu verwirklichen – „Selbstverwirklichung“ – ein tolles Wort, lassen Sie es sich mal auf der Zunge zergehen. Viel kritisiert für ihre Nabelschau und ihren Egoismus – eben auch den eigenen Kindern gegenüber.

Was ich heute erlebe, ist das genaue Gegenteil von der damals propagierten „Selbstverwirklichung“. Ich würde behaupten, wir haben es hüben wie drüben mit maximaler Entfremdung zu tun.

Ist das eine Reaktion auf ihre eigene Erziehung, ihre eigene Kindheit? Fühlten sie sich damals vernachlässigt und müssen sich jetzt selbst im grenzenlosen Altruismus ausbeuten lassen? Gibt dieses Festhalten an der Institution der Kernfamilie verbunden mit klassischen Rollen die Sicherheit, die sie lange vermisst haben?

Bei Freunden, deren Eltern noch das klassische Rollenbild lebten, stellt sich das Verhältnis zum Kind und auch zur Arbeit tatsächlich etwas anders da. Die Mütter beispielsweise verfolgen sehr wohl noch eigene Interesse jenseits des Kindes und arbeiten auch viel selbstverständlicher.

Auch bei den Freundinnen, die aus dem Osten kommen, sieht es anders aus. Da muss ich nach einer solchen Kind/Mutter-Einheit eher suchen. Auch sehen die Partnerschaften wesentlich gleichberechtigter aus. Und lesen werden sie diesen Beitrag bestimmt.

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6 Lesermeinungen

  1. Beim Lesen dieses Beitrages habe ich mich vor Lachen geschüttelt.
    Freiheit, wirkliche Freiheit, ist unendlich mühsam. Und genau deshalb wird sie auch immer nur von einer ziemlich kleinen Minderheit angestrebt. Darüber täuscht die öffentliche Debatte vollständig hinweg, weil es in ihr um Wahlfreiheit ohne wirkliche Konsequenzen und ohne Verantwortung geht – das ist die Freiheit kleiner Kinder.

    Was genau also ist an der von Frau Springer beobachteten Entwicklung verwunderlich? Der Mensch hat sich nicht wirklich verändert :-).

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. Ein Kind -
    SEINER wichtigsten Bezugspersonen. Damit fängt’s schon mal an – kein Wunder, dass der Rest des Textes nicht besser ist.

    Denn:
    Mütter und Väter sind berufstätig und arbeiten, erstere vielleicht nicht mehr im erlernten Beruf.

    Kinderaufzucht/erziehung IST Berufstätigkeit (wenn auch überwiegend ungelernt) und harte Arbeit, allerdings meistens NICHT Erwerbstätigkeit.

    • Liebe Frau Amgelin,
      ich verstehe zwar nicht, was sie mit der Hinterfragung des „SEINER“ meinen, möchte gleichwohl aber betonen das ich die, ich sage lieber, einem Berufe gleichkommende Tätigkeit der Kindererziehung (sofern sie im privaten Bereich stattfindet und nicht als Beruf des Erziehers oder der Erzieherin ausgeübt wird) in all ihrer Härte in keiner Weise in Frage stelle. Ganz im Gegenteil. Nur geht es mir hier nicht darum. Ich frage mich, ob dieser (sehr oft unreflektierte) Backlash zur klassischen Rollenteilung gepaart mit einer Hintenanstellung der eigenen Bedürfnisse eine Reaktion auf die eigene (in diesem Falle, die von 68er Eltern) Erziehung ist.
      Mit bestem Gruß,
      BS

  3. Wie werden denn aus 68er Kindern Konservative?
    Ich frage mich, welch ein wundersamer Mechanismus das sein soll, der aus 68er Kindern Konservative werden lässt?! Wenn man davon ausgeht, dass wir alle entweder (kaum bewusst) die Erziehungsstile unserer Eltern wiederholen, oder bewusst bestimmte Dinge anders machen wollen, wäre natürlich interessant, zu klären, warum Eltern heute so viel (aus Deiner Sicht: zu viel) für ihre Kinder aufwenden – natürlich wäre prinzipiell denkbar, dass das ein Resultat des Gefühls ist, selbst „zu wenig“ bekommen zu haben. Aber diese These wirft doch auch mehr Fragen auf als sie beantwortet: Was genau führt dazu, dass sie sich vernachlässigt gefühlt haben, wenn sie doch „immer dabei“ waren? Warum genau kopieren sie diesen Erziehungsstil nicht?

    Und dann frage ich mich, ob Du Deine These der „coolen“ 68er nicht revidieren musst, wenn Du diese (von Dir in Frageform formulierte) Antwort ernst nimmst; denn wenn es so wäre, dass sie damit auf ihre eigene Vernachlässigung reagieren würden, dann wäre es doch immerhin ein guter Grund dafür, die Dinge anders machen zu wollen – und dann wären die 68er für die Kinder eben nicht so toll gewesen, oder?

    Aber sie waren sicher „bequemer“ für die Freundinnen, die sich nicht allzu sehr damit befassen müssen, dass da Kinder sind, die das Leben einschränken.

    Wobei: Ich glaube, dass heute mit viel größerem moralischem Zeigefinger auf Kinder reagiert wird. Ich glaube zB nicht, dass ein stereotypes 68er Kind, das vermeintlich Essen an die Wände geschmiert hat, laut war, etc., heute auf große Gegenliebe stoßen würde – bei Freundinnen der Mütter nicht, und bei allen anderen vermutlich auch nicht.

    Aber abgesehen davon teile ich Deine Verwunderung darüber, dass sich in so vielen Beziehungen ein eher konservatives Rollenmuster durchsetzt, sobald Kinder da sind.

    • Liebe Hella,
      Du sprichst ein paar wichtige Punkte an. Natürlich ist es ein Klassiker, dass man in die eine oder andere Richtung eben auf die eigene Erziehung reagiert: Revolte oder Kopie. Meine – zugegebenermaßen recht grobschlächtige These – ist, dass die 68er selbst in Protest auf die höchst konservativen Verhältnisse ihrer Elternhäuser in das andere Extrem gegangen sind. Nabelschau, Selbstfindung, ich bin ganz bei mir…. ich kenne das von sehr vielen Eltern meiner Bekannten und Freunde. Gleichwohl unterstütze ich einen gewissen Grad an „natürlichem Egoismus“, jedem – nicht nur dem eigenen Kind – gegenüber. Der wiederum seine Grenzen in der Beinträchtigung anderer hat – ein alter philosophischer Hut.
      Ich würde mir wünschen, dass die Kinder dieser 68er nicht, wie ich es eben beobachte, als Reaktion darauf wieder das Gegenteil leben, sondern das Extreme ihrer Eltern im gesunden Maße weiterentwickeln.
      Herzlich,
      BS

    • Das Gegenteil von Gegenteil...
      Bettina, Du schreibst „Ich würde mir wünschen, dass die Kinder dieser 68er nicht, wie ich es eben beobachte, als Reaktion darauf wieder das Gegenteil leben, sondern das Extreme ihrer Eltern im gesunden Maße weiterentwickeln.“ Die Art, wie sie ihr Erwerbsleben organisieren, mag bei einigen (es gibt auch genug Töchter von 68ern, die früh wieder arbeiten) das Gegenteil sein von dem, was ihre Eltern gemacht haben, die Art, wie sie mit ihren Kindern umgehen aber nicht; denn in Bezug auf die Kinder leben die von Dir beobachteten Familien doch gerade nicht „wieder das Gegenteil“, sie kehren nicht zur autoritären Erziehung zurück (was Du irgendwie sogar zu bedauern scheinst, wenn Du von Monstern sprichst, das klingt verdächtig nach der konservativen „Hilfe, unsere Kinder werden Tyrannen“-Debatte).

      Gerade für Dich als Feministin könnte doch aber eigentlich interessant sein, wie Eltern versuchen, eine Beziehungsform neu zu definieren, die früher autoritär gestaltet war, nämlich die zu ihren Kindern. Dass dabei auch Fehler gemacht werden, ist doch vielleicht recht normal – das ist vermutlich immer so, wenn neue Beziehungsformen ausprobiert werden. Aber als Projekt ist das, was Deine Freundinnen versuchen, doch vielleicht von Deinem feministischen Interesse so weit gar nicht weg.

      Und vielleicht haben Deine Freundinnen ja einen gesunden Egoismus, nämlich in bezug auf Dich als ihre Freundin, der sie sich und ihre Kinder so zumuten wie sie eben sind – ob das jetzt eine Beeinträchtigung oder eine Bereicherung ist kommt vermutlich auf die Sichtweise an.

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