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Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Nachrichten aus Odessa

Odessa im Frühjahr. Der größte Markt der Stadt: Privoz. Fisch in den Auslagen. Pyramiden aus Konserven. Verkäuferinnen in blauen Schürzen. Ein Mann mit Kontrabass bahnt sich den Weg durch die Menschenmenge. Stellt sich neben die Kühltruhen. Fängt an zu spielen.


Zuerst hört man den Mann mit dem Kontrabass kaum. Zwei Cellisten kommen hinzu. Im Gewimmel neben Tütensuppen und Büchsen erklingen Geigen. Jetzt schwillt der Klang an, erfüllt die Halle. Jemand stellt sich in die Mitte und beginnt zu dirigieren. Menschen in Mützen, Mänteln beginnen zu singen: Freude schöner Götterfunken.

Katja, 32: Ich habe geweint. Alle weinen. Alle normalen Leute weinen, wenn sie dieses Video sehen. Du verstehst, dass es uns anrührt. In der ganzen Ukraine sind die Meinungen polarisiert, es gibt die, die Russland unterstützen und die anderen, die für die Ukraine sind. Es geht gar nicht um die EU oder die USA – wichtig ist die Selbstidentifikation. Als der Maidan anfing, war es für mich schwer zu erklären, warum ich gegen Russland bin, trotz der Sprache – Russisch ist meine Muttersprache, und Odessa ist eigentlich keine ukrainische Stadt. Für jemand, der aus einem postsowjetischen Land stammt, habe ich ziemlich viel zu sehen bekommen. Ich kann vergleichen und Schlüsse ziehen. Wenn du keinen Grund hast, um einen Platz an der Sonne zu kämpfen und versorgt bist, dann zahlst du dafür mit deiner Freiheit. Wie im heutigen Russland. Und so war es auch zu Sowjetzeiten. Oder du kämpfst für das Recht selbstständig zu sein, dann bist du verhältnismäßig frei, so ist es im Westen. Ich bin für die zweite Variante. Ich habe keine Angst vor Unabhängigkeit. Ich kann für mich einstehen. Natürlich gibt es Menschen, die daran gewöhnt sind, ihr Gehalt, ihre Prämien vom Staat zu bekommen, für sie ist es psychologisch schwer sich umzuorientieren. Jetzt hoffen alle, dass es keinen Krieg gibt und dieser Kerl nicht noch weiter vordringt. Aber es gibt die Meinung, dass unsere südöstlichen Landesteile an den Kreml verschachert werden, damit der westliche Teil der Ukraine in die EU entlassen wird. Ich weiß nicht… Es will schon niemand mehr in diese EU, man will nur, dass Russland sich raushält.

Ira, 32: Uns geht es gut. Wir alle sind schon ganz müde von der Politik! Ich vermeide alle Gespräche mit Freunden über solche Themen. Die ersten Monate habe ich sogar jeden Tag Beruhigungsmittel genommen. Auch meine Mutter hat sich große Sorgen gemacht, hat immer ferngesehn. Wir, wie die meisten im Südosten, waren ganz gegen den Maidan! Mir schien, dass die Lage in der Ukraine zwar langsam, aber trotzdem besser wurde. Ich war im Herbst in Kiew und habe gesehen, dass die Stadt sich nach der Europa-Fußballmeisterschaft zum Besseren verändert hat. Natürlich war Janukowitsch kein Engel, aber es ist keine Lösung, auf solche unrechte, kriegsähnliche Weise das Problem zu lösen. Auf jeden Fall blieb ihm bis zur Wahl nur ein Jahr! Maidan ist nicht die ganze Ukraine. Und sie haben die anderen Menschen im Land einfach bespuckt. Darum kann ich die Bevölkerung der Krim verstehen… Ich habe dort Bekannte, sie sagen, wenn Kiew uns nicht hört, dann gehen wir lieber nach Russland. Ich habe wegen der Krim sogar geweint… Es ist schade, dass man so ein schönes Land wie die Ukraine nicht zusammenhalten kann. Dass wir so schwach sind, nur Marionetten im Spiel zwischen den USA und Russland… Ich wurde in der Sowjetunion geboren. Russisch ist meine Muttersprache. Mir gefällt mein Land. Schade, dass die Machthabenden uns in zwanzig Jahren nicht vereinigen konnten. Man durfte in der Ukraine auf keinen Fall nationale Fragen erheben. Ich war gegen den Maidan, aber ich bin für die einige Ukraine. Ich will nicht nach Russland.

Liana, 41: Der letzte Monat war unerträglich, wegen der Anspannung und der Angst vor einem Krieg. Ich habe nur von Nachricht zu Nachricht gelebt. Anfang März war ich in Deutschland, aber ich habe es nur zehn Tage ausgehalten. Ich hatte nicht nur Angst, dass ein Krieg ausbricht und die Flughäfen geschlossen werden und ich nicht mehr zu meinem Sohn komme, ich hatte vor allem Angst, dass Andrjuscha etwas passiert – er spricht Russisch mit ukrainischem Akzent. Pro-russische Provokateure gab es viele in Odessa, sie sind aggressiv. Aus der deutschen Presse weiß ich, dass die Meinung verbreitet ist, in der Ukraine wären profaschistische Kräfte an der Macht. Als marodierten auf den Straßen nationalistische Banden. Das sind LÜGEN. In diesen Fällen spüre ich eine Fortsetzung der sowjetischen Propaganda, wo alle Bewegungen, die mit ukrainischer Selbstbestimmung zu tun hatten, als faschistisch abgestempelt wurden. Ich verstehe nicht, warum diese ideologische Linie jetzt in der westlichen Presse hochgespielt wird. Am Sonntag war ich auf der Demo gegen Krieg. Diesmal waren noch mehr Menschen da. Das Gefühl der Einheit mit anderen Menschen, die Wahlverwandtschaft, sind für mich keine leeren Worte mehr. Als sich die Menschenmenge die Preobrozhenskaja entlang bewegte, schwenkte eine Frau die ukrainische Flagge aus ihrem Fenster. Die Leute riefen von unten „Molodec“, sie weinte. Etwas weiter, auf der Uspenskaja, wandte sich ein Passant an uns, ein älterer Odessaer Jude. Er fragte, wie die ukrainische Hymne richtig anfängt. Er würde mit seinen Freunden darüber streiten. Wir klärten ihn auf: «Ще не вмерла України ні слава, ні воля». (Noch ist die Ukraine nicht gestorben, weder ihr Ruhm noch ihr Wille.)

Meine Freundin, sie ist russischsprachig, sagte mir: „Noch vor kurzem konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass mein ‚Ukrainertum‘ mit solcher Kraft in mir erwacht.“ Für mich war es leichter, ich habe immer so empfunden. Deshalb hatte ich auch keine Zweifel bei der Einschätzung des Maidan, nicht 2004 und nicht jetzt, das ist eine Bekundung der Würde, sich nicht mit Erniedrigung abzufinden.

Die Ukraine ist ein junges Land. Das wichtigste Ergebnis der letzten Monate ist ein nationales Bewusstsein der Menschen, die in der Ukraine leben und sich als Ukrainer fühlen. Hier sehe ich die Ironie der Geschichte: Was unsere schlechten Politiker in all den Jahren der Unabhängigkeit nicht geschafft haben, das Land zu einen, hat Putin in einem Monat geschafft.

Ein Teil der Leute denkt immer noch, dass Russland kommen und uns retten muss. Unter meinen Bekannten gibt es eine Dame, sie ist 65. Auf die Frage, wovor man uns denn retten soll, konnte sie keine konkrete Antwort geben. Meiner Meinung nach leiden diese Menschen an Blindheit, das ist ein „sowjetisches Syndrom“.

Meine Erschöpfung kommt von der Angst, keiner tierischen Angst, eher so eine Bereitschaft zu Schlimmerem, eine konzentrierte Angst. Bei uns blühen die Aprikosenbäume. Wie schön! Ich freue mich jetzt über jede Kleinigkeit – einen niedlichen Hund, ein schönes Kind auf der Straße, einen süßen Apfel, eine gut gesungene Arie. Wenn Andrjuscha in seinem Zimmer lacht, möchte ich vor Glück weinen…

(Namen teilweise geändert. Aufgeschrieben und übersetzt von Elke Bredereck, März 2014)

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