Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Seid wie die Ameisen!

| 18 Lesermeinungen

Ich bin erst frei, seit ich die Postmoderne verstanden habe: Es geht nicht um Bruch oder Bewahrung, sondern um die Unterscheidung, zu wissen, woher man kommt und wohin man will.

© Hedwig Storch, CC BY-NC-SA 2.0Ameisen: extrem kurzsichtig und kollektiv, aber nicht determiniert

Neulich fand ich ein Tagebuch, das ich nach dem Abitur führte, als alle Türen offen standen und es nur an mir lag, mich für eine zu entscheiden. Es war tief in den achtziger Jahren, die Bundesrepublik suhlte sich in ihrem Wohlstand. Wir saßen wie in einer warmen Badewanne, lasen Böll, Frisch und Grass und schauten ratlos auf das Elend dieser Welt. Manchmal stolperten wir in die üppig ausgestatteten Theater, in den „guten Mensch von Sezuan“ von Brecht zum Beispiel:

„Oh ihr Unglücklichen! / Euerm Bruder wird Gewalt angetan, und ihr kneift die Augen zu! / Der Getroffene schreit laut auf, und ihr schweigt? / Der Gewalttätige geht herum und wählt seine Opfer / Und ihr sagt: uns verschont er, denn wir zeigen kein Missfallen.“

Irgendetwas stimmte nicht. „Brecht macht mir immer so ein schlechtes Gewissen“, notierte ich in mein Tagebuch, und dass ich meine Privilegien gerne für eine bessere Welt opfern würde. Aber wie? Dafür gab es Beispiele, die nicht gerade ermutigend waren, nicht zuletzt den guten Mensch von Sezuan selbst. Das Erbe dem Vietcong schenken, wie Tom Koenigs? Nach „Afrika“ gehen und den armen Kindern helfen, wie diese entfernte Tante, die sich bei meinen Kapitalisten-Großeltern immer den Kopf tätscheln ließ? Dass das Brecht’sche Stück zudem die radikalere Aufforderung enthielt, die soziale Ordnung, in der ich lebte, in toto über den Haufen zu werfen, wurde in meinem Tagebuch ignoriert. Der „Kommunismus“ war 1988 für uns westdeutsche Bürgerkinder kein Ausdruck der Sehnsucht nach einer politischen Alternative. Er war vielmehr auf einer Ebene mit „Afrika“ – eine der vielen Ausformungen des Elends, von dem wir selbst scheinbar nicht betroffen waren und für das wir uns bei Amnesty engagieren mussten, um es überhaupt wahrzunehmen.

Irgendetwas stimmte nicht, und wir gewöhnten uns daran. Die Türen blieben alle offen, aber nicht sperrangelweit, sondern nur so halb, ein bisschen abweisend. Thomas Mann schien mir aktueller als Brecht: „Was ist Freiheit! Nur das Gleichgültige ist frei. Das Charakteristische ist niemals frei, es ist geprägt, determiniert und gebunden.“ (Doktor Faustus) Es wäre ja auch wirklich schade gewesen, all die guten Dinge, die wir hatten, nicht nur das Geld, sondern auch unsere tolle Kultur, kaputt zu machen – ja gerade die Kultur, und für die entschloss ich mich schließlich zu arbeiten. Aufbruch – Auf zum Bruch! – war nur noch metaphorisch zu verstehen.

Heute weiß ich, wie das Phänomen heißt, mit dem ich damals nicht fertig wurde: Postmoderne. Ein paar Jahrhunderte lang hatten die Menschen wirklich geglaubt, das Alte hinter sich lassen und das Neue erzwingen zu können. Im Zeitalter der Moderne galt: Wer progressiv war, wollte den Bruch, und wer konservativ war, wollte ihn heilen. Doch dieses Spiel musste sich irgendwie totgelaufen haben. In der Postmoderne glaubte niemand mehr, das Neue erzwingen zu können. Nicht nur für uns westdeutsche Bürgerkinder war die Zeit der großen Erzählungen vorbei.

Und sind wir jetzt alle konservativ? Man könnte es meinen: Geld verdienen, die Institutionen administrieren, Yoga machen, die Kinder umsorgen, um den Arbeitsplatz, um die Wohnung und um die Rente bangen, ein bisschen Geschichtsaufarbeitung treiben und ein bisschen Gutes tun, nicht zu vergessen die Selbstinszenierung in den sozialen Netzwerken.

Vielleicht hat das viele Yogamachen allerdings auch etwas Gutes. Es lehrt uns zu differenzieren: Man braucht die Nackenmuskeln nicht, wenn man den Bauch anspannen will, den Beckenboden hingegen sehr wohl. Wenn die Alternative also nicht ist, entweder den ganzen ungerechten Laden in die Luft jagen oder sich arrangieren, können wir anfangen, mit verschiedenen, unseren Bedürfnissen angepassten Optiken auf die eng begrenzten Ausschnitte der Welt zu blicken, die uns zugänglich sind. Wir können schlechte, alte Bindungen lösen und neue, gute Bindungen aufbauen. Wir können Assoziationen bilden, Kollektive versammeln.

Wenn ich heute noch mal 18 wäre, würde ich nicht mehr wie ein Kaninchen auf halboffene Türen starren, über die ungerechte Welt klagen und mich wegen meiner Privilegien mit protestantischer Ethik geißeln. Ich würde stattdessen ganz viel Bruno Latour lesen und noch einige andere poststrukturalistische Theoretikerinnen, und dann das Beste daraus machen.

Bruno Latour sieht sich selbst als Ameise, die für andere Ameisen schreibt, blind, Spuren schnüffelnd, im Kollektiv reisend, arbeitssüchtig. ANT – ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben der Akteur-Netzwerk-Theorie. Wenn „wir“ handeln, handeln wir nicht als autonome Subjekte der abendländischen liberalen Philosophie, wir sind aber auch keine Marionetten übergeordneter Kräfte oder Gesetzmäßigkeiten. Wir sind handelnd in Netzwerken und Ketten mit anderen Handelnden verbunden – menschlichen wie nicht-menschlichen –, und selbst ein Netzwerk, in dem sich verschiedene Einflüsse kreuzen. Wenn wir unsere Netzwerke verstehen, lassen sich aus dem Verstehen, genauer als je zuvor, auch Machtfragen und politische Veränderungen entwickeln. Hinter vermeintlich fremdem Elend, hinter Armut und Unterdrückung werden Ursachen sichtbar, die mit uns selbst verknüpft sind, und dann können wir entscheiden, ob und wie wir tätig werden.

Allerdings brauchen wir für das Tätigwerden etwas, was bei Bruno Latour „Panorama“ heißt, vergleichbar vielleicht mit dem, was früher eine Utopie oder ein Gesellschaftsentwurf war: ein Bild davon, wie die Assoziationen „zusammengesetzt werden sollten, daß sie eine gemeinsame Welt hervortreten lassen.“ Und darüber wird – nicht nur in meinem Milieu der älter werdenden westdeutschen Bügerkinder – nicht genug gestritten.

Darf ich Sie fragen, rein hypothetisch und ohne Rücksicht auf Praktikabilitäten: Wie würden Sie gern mit Menschen und Dingen leben? Was ist Ihr Panorama? Wie wünschen Sie sich Gesellschaft? Wie sieht für Sie die Versammlung von Gleichen und Freien, wie sie uns seit Hobbes Zeiten vorgestellt wurde, aus? Sollen wir alle Händler und Ich-Unternehmer sein, und wer nicht konkurrenzfähig ist, bekommt Almosen? Oder lieber das Modell Kibbutz, wo jede leistet, was sie geben kann, und bekommt, was sie braucht? Oder wollen Sie Mitglied einer mitarbeiterfreundlichen Deutschland GmbH sein, die mit der Frankreich GmbH, der China GmbH usw. konkurriert? Oder wünschen Sie sich so etwas wie die alte Dorfgemeinschaft, mit Familien und Familienoberhäuptern? Und wer darf frei und gleich sein? Sie und Ihre Freunde, vermute ich – und wer noch? Die Deutschen? Die Europäer? Alle Menschen? (Rein hypothetisch, versteht sich.) Auch die Frauen? Auch die Behinderten? Vielleicht doch ein bisschen auch die Tiere? Und sogar die Dinge? Und wie wird die Macht in ihrer Wunsch-Gesellschaft geteilt, organisiert, legitimiert?

Ich jedenfalls kann unter den Bedingungen der Postmoderne, seit ich sie verstanden habe, sagen, was ich mich unter den Bedingungen der Moderne nicht zu sagen getraut hätte: dass mir das kommunistische Panorama Bert Brechts wesentlich besser gefällt als das elitäre Panorama von Thomas Mann. (Obwohl mir die Literatur Thomas Manns näher steht als die von Bert Brecht, einfach aufgrund von Herkunft, Vertrautheit, Kenntnis.) Irgendwas stimmte nicht, aber das waren wir wohl selbst. Höchste Zeit, der alten Bundesrepublik das Badewasser abzulassen.

0

18 Lesermeinungen

  1. Gestritten wurde und wird noc immer mehr als genug.
    Wenn es allerdings um die Umsetzung geht, heisst es „Leute seid nicht feige, lasst mich hinter´n Baum.

    Und dass vermutlich fast allen Menschen das „kommunistische Panorama“ gut gefällt, besser als die Alternativen, ist nun wirklich wenig bemwerkenswert – wer wollte denn bitte NICHT das Paradies auf Erden?

    „ohne Rücksicht auf Praktikabilitäten“ funktioniert dieses Panorama einfach wundervoll. Mit dieser Rücksicht und mit dem real exstierenden Menschen allerdings niemals. Und das ist der eigentliche Bruch in praktisch allen paradiesischen Menschheitsvisionen: Die Selbstüberschätzung fast jeden Menschen als edel, hilfreich und gut. Denn nur mit dieser Verklärung erscheinen paradiesische Vorstellungen praktikabel. Weshalb es dann nur folgerichtig ist, dass der typische deutsche, linksliberale, halbgebildete Bürger die Ursache für die Nichterreichung des Paradieses – über dessen Rahmenbedingungen man sich übrigens blitzschnell einigen kann (alles für alle, sofort und bedingungslos) – irgendwo ausserhalb von sich selbst sucht.

    Beim autoritären Character, bei der fehlenden Empathie der „Mächtigen“, im Kapitalismus, Proto-Faschismus, ei der CIA oder bei den Hundewesen vom Sirius, je nach theoretischer Intelligenz und Leserezeption.

    Nur nie bei sich selbst. Denn das würde ja bedeuten, sich darüber klarzuwerden, dass man selbst Teil des Problems ist. Und nicht von dessen Lösung.

    • wissen, wohin man will
      Sehr geehrter Herr Haupts,

      Sie haben in einem Punkt völlig recht: In der Tat müssen wir uns darüber klar werden, dass wir selbst Teil des Problems sind – und jede/r für sich präzise analysieren, wie und wo genau unsere Bindungen problematisch sind. Das allein ist schon eine Mammutaufgabe.

      Nicht recht haben Sie damit, dass wir nicht auch Teil der Lösung wären. Das ist ja auch unlogisch. Wer Teil des Problems ist, ist immer auch Teil der Lösung.

      Und bei den Panoramen ging es mir um folgenden Punkt: Um überhaupt handeln zu können, brauchen wir eine innere Vision, wohin die Reise gehen könnte, wohin wir uns entwickeln wollen. Sind Sie sicher, dass Sie, wie Sie sagen, das kommunistische Paradies wollen? Dort wird nämlich ziemlich hart gearbeitet und vergleichsweise wenig konsumiert. Es sind doch auch ganz andere Paradiese denkbar. Das Paradies der 100 Jungfrauen und des ewig fließenden Weins zum Beispiel. Oder das Paradies der Händler und Unternehmer, wo Gewinne gemacht und dann Almosen gespendet werden. Oder das Paradies der patriarchalischen, harmonischen Familie. Ich meinte meine Frage wirklich ernst: Wie genau sieht Ihr Panorama aus? An den Panoramen müssen wir arbeiten, die machen sich nicht einfach von selbst.

      Mit freundlichen Grüßen, Marion Detjen

    • Die meisten wirklich klugen Menschen (nein, bin ich nicht) werden sich weigern,
      ein Panorama zu entwerfen. Sie wissen oder ahnen nämlich, dass man sich jedes Paradies umstandslos auch als Hölle vorstellen kann, meistens sogar ohne die geringste Änderung der Reahmenbedingungen.

      Dass im kommunistischen Paradies hart gearbeitet wird, dürfte kaum das Verständnis selbst Marx- oder Gramsci- gebildeter Menschen sein. Und wenn es das wäre, hat man es im jeden Fall den Adressaten (der Arbeiterklasse) verschwiegen. Die versteht unter „jeder nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten“ eher weniger schweisstreibende Arbeit.

      Das einzig praktikable und tatsächlich verfolgbare „Panorma“ scheint mir noch immer Karl R. Poppers Formel für das Ziel guter Politik für die eigene Bevölkerung zu sein – „minimize pain“. In der Praxis schon ein irrsinnig hochgesteckes Ziel, mehr muss nicht sein.

      Jeder Versuch, gute Politik auch noch für andere als die Menschen im eigenen Verantwortungsbereich zu formulieren oder zu machen, gar für die Menschheit als ganzes, zeugt von einem akuten Anfall von Grössenwahn.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Titel eingeben
      Entwicklung von Panoramen heißt nicht Politikmachen, sondern gemeinsames Arbeiten daran, wie unsere Gesellschaft eigentlich am besten beschaffen wäre. Das machen politische Philosophen seit jeher und auch Sie, Herr Haupts, wären klug genug, sich daran zu beteiligen.

      Tun Sie ja bereits: „Minimize pain“ ist ja schon mal ein ehrenwerter Anfang. Aber wie geht es weiter?

      Zur Arbeit: Ich arbeite gern, sogar körperlich, wenn ich mich dabei entwickeln kann und keinen Schaden dabei nehme und die Arbeit für mich einen Sinn hat. Dass auch im kommunistischen Paradies Arbeit auf uns wartet, hat niemand verschwiegen, und dass wusste auch die „Arbeiterklasse“.

      Mit besten Grüßen, Marion Detjen

    • Der Status Quo und seine Panoramen ...
      Auch der Status Quo beruht auf Panoramen/Utopien/Ideologie z.B., dass die bürgerliche Kleinfamilie automatisch ein Hort der Liebe und Bildung sei. Das äußert sich im gesetzlich verankerten Schutz der Alleinverdiener-Ehe, die ja auch heute noch steuerlich begünstigt wird. Und wenn Birgit Kelle 1000 Euro für Mütter, die ihre Kinder nicht in einer Kita betreuen lassen, fordert, ist das ja auch nicht weit weg von der Forderung nach einem Grundeinkommen oder einem Mindestlohn, nur eben unter einer anderen Prämisse. Ironischweise gab es diese Forderung ja auch im 1980er Jahre Feminismus, Stichwort Müttermanifest. Da trifft dann eine konservativ-christliche auf eine antikapitalistische Utopie.

      Ich halte radialen Liberalismus aber nicht für einen Ausweg, weil auch er nicht umsetzbar ist.
      Ist die Frage nicht eher: Welche Panoramen minimieren den Schmerz der einen, ohne anderen dabei Schmerz zuzufügen? Wie kann ich – wenn ich es überhaupt kann – den Schmerz für alle minimieren?

      Die Panoramen werden erst zum Problem, wenn ein Überlegenheitsgefühl hinzu tritt, wenn Menschen meinen, sie persönlich seien die besseren Menschen, weil sie an die „richtige“ Utopie glauben. Danach sollte sich jeder politisch denkende Mensch ab und an mal überprüfen. Da hilft bestimmt auch Popper lesen.

    • @Marion Detjen: Seid wie die Ameisen
      Sind Sie, kritisch suchend aus Ihrer warmen Badewanne kommend, wirklich gewillt, Ihre Individualität abzulegen und sich ganz in den Dienst der Sache zu stellen? Nicht nur theoretisch, mit Glorienschein und so, sondern ganz praktisch – mit der ganzen Umerziehungschose, mit der Funktionärsstruktur, wo irgendein Hüter (oder in Ihrem Fall Hüterin) des Panoramas Ihnen vorschreibt, was Sie zu tun, zu denken und zu lieben haben.

      Irgendwie kann ich mir ein westdeutsches Bürgerkind – dessen Sympathie für Mao Tse Tung hin oder her – nicht so richtig vor einem ostdeutschen TraPo vorstellen, der maliziös und von obenherab nach dem Wohin fragt (und auch nicht lange fackelt, wenn der Bürgersproß ihm dann dumm kommt).

    • Sie verwechseln da was
      Sehr geehrter Herr Werlau,

      Sie argumentieren mit Geschichte, und was die Beurteilung dieser Geschichte angeht, sind wir zwei wahrscheinlich gar nicht so weit auseinander. Ich habe keinerlei Sympathien für Mao oder für den Kollektivismus der kommunistischen Systeme, wie wir sie im 20. Jahrhundert kennengelernt haben, und ich bin und bleibe ein freiheitssuchendes, individualistisches Bürgerkind.

      Aber wie Sie sich von den Erfahrungen dieser Geschichte in Bann schlagen lassen, ist eben typisch modern: Sie kennen nur den Bruch oder die Versuche, den Bruch zu heilen. Postmodern wäre es, wenn Sie Ihre eigenen Bindungen analysieren würden, und parallel dazu und frei davon eine Vision bearbeiten würden, in welcher Gesellschaft Sie gerne leben würden.

      Mit freundlichen Grüßen, Marion Detjen

    • Neugierige Nachfrage: Wozu soll die Formulierung einer perönlichen Utopie
      dienen, wenn man genau weiss, dass der Verwirklichung dieser Utopie die beiden Hauptzerstörer von Paradiesutopien im Wege stehen – die Natur des Menschen, mich selbst natürlich eingeschlossen, und prinzipielle Resourcenknappheit?

      Gerade, wenn man die vergangenen Versuche von Utopieverwirklichung äusserst positiv bewerten würde, als wirklich gutgemeinte Versuche, sollte einen nicht das furchtbare und grausame Scheitern dieser Utopien dazu veranlassen, auf die Formulierung der nächsten einfach zu verzichten?

      Nehmen wir einmal an, man könnte sich in einem relevanten Teil der Menschheit auf eine gemeinsame Rahmenutopie verständigen. Wie wollte man verhindern, dass dieser Teil alle die Menschen, deren Überzeugung, praktisches Handeln oder schlichte Existenz der Verwirklichung dieser Utopie im Wege stehen oder von denen das auch nur angenommen wird, zugunsten dieser Utopie zu terrorisieren? Noch EINMAL Krieg (Terror, Arbeitslager, Umerziehung) für ewigen Frieden, Wohlstand, Sicherheit, kostenlose Klingeltöne und Sex für alle?

      Bei einem Blick in die Geschichte nehme ich Poppers Warnung ungeheuer ernst – schon die Formulierung der Utopie birgt die 99% Wahrscheinlichkeit, dass der Versuch, den Himmel auf Erden zu produzieren, erneut schnurstracks in die Hölle führt.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Titel eingeben
      Die Postmodernen sind nicht mehr so dumm, zu denken, man könne einen „neuen Menschen“ erfinden, den großen Bruch herbeiführen, einer Utopie mit Gewalt zur Durchsetzung verhelfen. Ihr Panorama hat eine völlig andere Bedeutung: als Gesellschaftsentwurf, der uns eine Orientierung gibt, wie wir gewaltlos, mit winzigen Veränderungen, durch das Schaffen neuer, besserer Assoziationen uns in die Richtung entwickeln, die wir für wünschenswert halten.
      Das Bild der Ameise ist wichtig. Keine Löwen, keine Adler, keine einsamen Wölfe, sondern winzige Tierchen, die sich im Kollektiv bewegen, ohne durch das Kollektiv determiniert zu sein.

      Irgendeine Vorstellung davon, wie Zusammenleben und Gemeinschaft aussehen soll, müssen doch auch Sie haben!

      Mit besten Grüßen, Marion Detjen

    • @Marion Detjen: Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit
      Gerade Ihr Bild von der Ameise hat mich erst mein altes „modernes“ Ich wiederentdecken lassen: Eine Ameise ist nur scheinbar autark. Das Kollektiv ist für sie alles, sie sebst nichts. Sie stirbt auch ohne zu zögern für das Kollektiv. (Eine Eingeschaft, die zumindest die gewöhnliche Salonsozialistin nicht mitbringt – die postmoderne vielleicht (?)) Den Anspruch eines solchen Aufgehens in der Gemeinschaft habe ich erlebt und ich habe erlebt, wie große Kollektive auf dieses „Panorama“ reagieren.

      Sie können jetzt den Kindern neue Namen geben und in einem kleinen Kollektiv, in dem alle sich selbst zurücknehmen und keiner Machtansprüche forumliert, scheint mir Ihre postmoderistische Ordnung auch praktizierbar, wenn aber ein Alphaweibchen in die Mitte des Kollektivs tritt, dann ist Schluss mit der Homogenität, dann ist die Löwin wieder da. Wie wollen Sie Kollektive nennenswerter Stärke konstruieren, die mit Geltungsbedürfnis, Machtwillen und auch Faulheit und Eitelkeit ihrer Teile umgehen können? Das klingt in Ihrem Beitrag alles schön kuschelig, aber nur, weil die gruppendynamischen Probleme in menschlichen Organisationsstrukturen einfach nicht behandelt werden.

      Es gibt bereits hinreichend viele „Panoramen“. Momentan sehe ich realexistierend-gesellschaftlich mehr Hang zur Dekonstruktion und zu reinen Affekthandlungen, als den zur Konstruktion und Reflexion. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg auf Ihrem postmodernen Weg in eine bessere Welt (und hoffe, dass ich nicht von Ihren Ameisen zusammengeschlagen werde, wenn sich unsere Wege in dieser einmal kreuzen sollten).

      Viele Grüße, Günther Werlau

    • Titel eingeben
      Aber lieber Herr Werlau, Sie sind doch auch nur scheinbar autark und immer irgendwelchen Kollektiven verbunden – und trotzdem frei, neue Assoziationen zu bilden, wie zum Beispiel hier gerade in der Diskussion mit mir.

      Und wir alle sind frei, mit unserem Geltungsbedürfnis, unserer Faulheit und Eitelkeit so umzugehen, dass wir uns selbst und anderen möglichst wenig schaden. „Gruppendynamische Probleme in menschlichen Organisationsstrukturen“, wie Sie es nennen, MÜSSEN doch nicht zwangsläufig und in jedem Fall destruktiv verlaufen, oder? Es ist ein mühsamer und langer Weg, und wahrscheinlich kommen wir nie ans Ziel – aber was sollen wir denn anderes tun, als einen Weg zu gehen?

      Und da wüsste ich eben einfach gerne, wohin Sie eigentlich gehen. Denn Sie können sich ja nicht einfach auf die Straße setzen und dort sitzen bleiben.

      Sie haben Kollektive erlebt, die mit Gewalt eine neue Welt schaffen wollten. Diese Erfahrung macht Sie misstrauisch gegen jede Art von Versammlung. Das kann ich verstehen. Aber nun sind Sie doch frei, sich mit anderen so zu versammeln, wie Sie es richtig finden. Dafür brauchen Sie ein Panorama, irgendeine Vorstellung, wie Sie Gemeinschaft gerne hätten. Das ist alles, worauf ich hinaus will.

      Mit bestem Gruß, Marion Detjen

    • Ist dieser mütterlich fürsogliche Tonfall rhetorisches Stilmittel geehrte Frau Detjen
      Ist dieser mütterlich fürsogliche Tonfall rhetorisches Stilmittel, geehrte Frau Detjen, um den Gegenüber sanft in die Kinderrolle zu drängen? Ich habe es nicht so mit Erbauungsliteratur und „Der kleine Prinz“ habe ich immer nur ertragen, nie gemocht.

      Sehen Sie, ich bin mir, denke ich, meiner Abhängigkeiten in unserer stark arbeitsteiligen Gesellschaft stärker bewusst, als dem Durchschnitt der urbanen Bevölkerung. Und ich bilde mir ein, meine Erfahrungen mit dem realexistierenden Sozialismus hat nicht so sehr mein Misstrauen gegen alle Versammlungen geschürt, sondern eher meine Wahrnehmung von Machtstrukturen und -mechanismen geschärft. Und die Gesetzmäßigkeiten der Macht sind überall gleich, egal unter welchem „Panorama“. Sie führen manchmal hin zum „Panorama“ und manchmal davon weg. Meist ist es den Machthaberinnen nach kurzer Zeit egal, ob der Weg in diese oder jene Richtung läuft. Wichtig ist nur noch die Macht.

      Ihre Vorstellungen klingen wie entlehnt aus der Begriffswelt der neuronalen Netze. Nur ist der Mensch komplexer als eine Synapse und auch komplexer als eine Ameise.

      „Wenn wir uns alle Mühe geben, können wir die Welt jeden Tag ein bißchen besser machen.“ Das ist eine Trivialität – wahlweise aus dem Lager der Pfadfinder, der Jungpioniere oder der Katholischen Jugend (gerne mit Gitarrenbegleitung vorgetragen). Das hier ist nicht der geeignete Ort, Lebensentwürfe und Ideale zu diskutieren.

      Gläubigen Menschen wird oft die Nullhypothese entgegengehalten, die möchte ich an dieser Stelle auch Ihnen entgegenhalten: Pre-, Post- oder einfach nur Moderne – die Geschichte kennt nur krachend gescheiterte Entwürfe des Kommunismus. Solange es keine signifikante Gruppe von Menschen (sagen wir, größer 10 Mio) gibt, die ihr Zusammenleben erfolgreich so organisiert und gleichzeitig so fürsorglich und behutsam, wie Sie es beschreiben, miteinander umgeht, solange werde ich nicht an den Erfolg des Kommunismus glauben, weil alle bisher bekannten Indizien dagegen sprechen.

      Aber es freut mich, dass Sie für sich einen Weg gefunden haben, die Mannsche Strenge hinter sich zu lassen und sich frei am Brechtsche Feuer wärmen zu können. Der alte Macho hatte doch auch seine Momente, nicht – gerade für bürgerliche Töchter ;-). Ich hingegen bin noch nicht bereit für die Segnungen der Postmoderne.

      Hochachtungsvoll, Günther Werlau

    • @ Thorsten Haupts: prinzipielle Ressourcenknappheit
      Auf einen wichtigen Punkt habe ich vergessen, Ihnen zu antworten. Die Ressourcenknappheit ist sehr hinderlich bei der Realisierung unserer idealen Gesellschaftsentwürfe, da haben sie völlig recht. Es mangelt an allen Ecken und Enden. Selbst wenn Geld vorhanden ist, fehlt die Zeit, fehlt der Mut, fehlt die Geduld etc. pp.

      Aber was folgt daraus? ist das ein Grund, sich ein Panorama zu wählen, wo es nur einem selbst gut geht und die anderen preisgegeben werden?

    • Titel eingeben
      Die Gesetzmäßigkeiten der Macht sind überhaupt nicht überall gleich. Da lohnt es sich, sehr genau zu analysieren, und für solche Analyse braucht es in der Tat kein Panorama.

      Ihr Gesellschaftsentwurf einer zersplitterten Welt, in der jeder für sich alleine kämpft und sich vor dem zwangsläufigen Machtmissbrauch duckt, erscheint mir recht verzweifelt.

      Aber vielleicht sollten wir es hierbei gut sein lassen, im gegenseitigen Respekt.
      Mit freundlichen Grüßen, Marion Detjen

    • @Detjen - Resourcenknappheit:
      Lassen Sie mich darauf ganz vorsichtig antworten. Eigene Lebenserfahrung plus Beobachtung plus Historie legen mir den Schluss nahe, dass ich mich ernsthaft nur darum kuemmern kann, dass es mir und den mir Anvertrauten gut geht. Ich kann, so ich mich dauerhaft, zeitintensiv und realistisch (also auf einem bereits gepfluegten Boden) engagiere, vielleicht noch minimal beeinflussen, wie es einer groesseren Gemeinschaft geht. Bisher war die aeusserste Grenze dieser Gemeinschaft eine Nation, mit der realen Verwirklichung der multikulturellen Utopie koennte diese groesstmoeflich beeinflussbare Gemeinschaft sogar wieder kleiner werden.

      Alles andere liegt voellig ausserhalb meines Einflussbereiches. Ich kenne Menschen, die das anders sehen. Wo wirklich engagiert, waren und sind genau diese ungluecklich, wegen absoluter und unaufhebbarer Eigen-Ueberforderung.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • @ Haupts: Ressourcenknappheit
      Hier wären wir uns einig: Überschauen und beeinflussen können wir nur, was mit uns selbst verbunden ist.

      Wenn wir aber als Vision gelten lassen, dass alle Menschen, und vielleicht auch Tiere, frei und gleich sein sollten – lassen Sie das als Vision gelten? -, dann ist denkbar, dass wir immer wieder in Situationen kommen, wo diese Vision unser konkretes Handeln beeinflussen kann. Ohne uns zu überfordern. Wir ändern nicht die Welt, aber wir ändern uns in dieser Welt.

  2. wirklich?
    „Ich bin erst frei, seit ich die Postmoderne verstanden habe“
    .
    Das ist nicht so richtig ernst gemeint, oder? Mehr so als Aufhänger, um die Leute zum klicken und lesen zu bringen?

    • Titel eingeben
      Doch, ernst gemeint: Freiheit im Sinne von Selbstverantwortung für die Bindungen, die man löst, nicht löst oder neu eingeht.

Kommentare sind deaktiviert.