Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Wir finden sie schrecklich, reden aber dauernd über sie: Feministinnen, Prenzlauerbergeltern, Piraten und andere Randgruppen, die die Welt verändern wollen

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Wir überschütten sie mit Häme, sobald sie scheitern, weil sie unsere wohlige Normalität bedrohen — und weil wir den Stachel ihrer Utopien dann gleich mit entsorgen können. Ein soziologischer Blick auf unsere Angst davor, die Wahl zu haben.

© Bearbeitete Version des Bildes von Andreas Schwarzkopf, CC BY-SA 3.0Mein bequemes Hamsterrad.

Als das Flugzeug erfunden war, meinten viele, dass es keine Nationalstaaten und keine Kriege mehr geben würde; denn nationale Grenzen könnte man doch nun einfach überfliegen. Als die antiautoritäre Erziehung erfunden war, glaubten viele, nun würden Kinder endlich frei sein und die Welt ohne unterdrückte Emotionen eine friedlichere. Und als das Internet erfunden war, schien es, als könne endlich jede/r sagen und sein, was und wie er oder sie will. Heute wissen wir, dass diese Hoffnungen utopisch waren, schlimmer noch, sie scheinen uns naiv: Millionen sind in den modernen Kriegen gestorben; von der Abschaffung des Nationalstaats ist trotz seiner tatsächlichen und vermeintlichen Krise keine Rede mehr; und weder die Kinder noch das Internet sind „wirklich frei“.

Nach enttäuschten Hoffnungen scheint „das Alte“ wieder besser: Nun soll nicht mehr das Flugzeug, sondern die lokale Gemeinschaft die Welt besser, die Menschen wieder freundlicher machen. Die Rückkehr zu einer strengeren Erziehung soll verhindern, dass aus unseren Kindern Tyrannen werden. Und es scheint am besten, unsere Smartphones wieder in die Ecke zu werfen, um der Überwachung ein Ende zu setzen.

Zugleich werden die Gruppen, die jene Utopien mit Leben füllen wollten, mit (medialer) Häme überschüttet: früher die „Blumenkinder“ und ihre gescheiterte Utopie von Summerhill und Weltfrieden, heute die Piraten und ihre scheiternde Utopie des freien und demokratischen Internet; die Helikoptereltern sowie, in den deutschen Feuilletons: die Mütter vom Prenzlberg, und last but not least in immer neuen Variationen: die Feministinnen. Die Flugzeuge fliegen trotzdem, aber das ist auch die einzige dieser Erfindungen, die für diejenigen, die mit ihnen keine weitergehenden Hoffnungen verbinden, trotzdem unabweisbare Vorteile bereit hält.

Warum aber lieben wir jene Gruppen so wenig, die etwas Neues ausprobieren und sich der Gefahr aussetzen, damit zu scheitern? Warum freuen wir uns nicht, dass sie etwas ausprobieren, von dessen Gelingen oder Scheitern wir etwas lernen können? Und wenn wir uns schon nicht freuen, warum sind sie uns nicht wenigstens egal? Ständig reden wir über sie und versichern uns gegenseitig, wie verfehlt ihre Hoffnungen doch sind.

Eine gängige These ist, dass diese Debatten nur Gegenstand weltfremder Feuilletons beziehungsweise Ausdruck selbstreferentieller Filterblasen seien, in denen Akademikerinnen der urbanen Mittelschicht ihr eigenes Milieu mit der Wirklichkeit verwechseln. Eine andere These besagt, dass die Häme Ausdruck einer typisch deutschen oder mindestens typisch europäischen Haltung sei, die daher rühre, dass uns eine Kultur des Scheiterns fehle; denn „bei uns“ sei scheitern ein Makel, in den USA hingegen eine besonders wertvolle Lernerfahrung, auf deren Grundlage Imperien gebaut werden (können).

An beiden Thesen mag etwas Wahres sein. Keine scheint mir jedoch so interessant wie eine ebenfalls vergleichsweise alte Argumentation des Soziologen Harold Garfinkel, die dieses Phänomen etwa folgendermaßen erklären würde: Menschen verhalten sich erstaunlich oft konform zu gängigen sozialen Erwartungen. Sie tun das nicht etwa deshalb, weil sie diese Erwartungen einfach unkritisch übernommen hätten, sondern deshalb, weil sie die Natürlichkeit und Normalität der etablierten sozialen Ordnung gegen jegliche Irritationen verteidigen, um nicht in eine Situation zu geraten, in der sie die Wahl hätten und tatsächlich entscheiden könnten, ob sie sich weiterhin konform verhalten wollen oder nicht. Es treibt sie, so Garfinkel, also schlicht die Angst vor der Möglichkeit, dass die Dinge tatsächlich anders sein könnten. Anders und unbequem. Vielleicht könnte man tatsächlich mehr Demokratie wagen — das bedeutet aber, Zeit zu investieren, und Zeit ist bekanntlich Geld. Vielleicht sollte man die Kinder tatsächlich anders erziehen — das bedeutet aber, eigene Routinen zu hinterfragen, Fehler einzugestehen (auch die der antiautoritären Erziehung) und Erwartungen (etwa wie anstrengend Kinder sein dürfen) zu revidieren. All das ist mühsam, kostspielig und birgt Gefahren.

Aber wir könnten emanzipierter leben, Demokratie mit Leben füllen, gewaltfrei kommunizieren, weniger Tiere töten, etwas verändern. Woher also kommen Hass und Häme gegenüber denjenigen, denen etwas auf dem Weg hin zu diesen Utopien misslungen ist?

Für Garfinkel wäre auch diese Häme nicht verwunderlich, denn aus seiner Perspektive ist es nur folgerichtig, diejenigen als pathologisch abzustempeln, die uns die Möglichkeit so unerbittlich vor Augen führen, dass die Welt tatsächlich anders sein könnte. Hinzu kommt, dass wir mit der Häme auch gleich die Utopie entsorgen können: Es geht eben nicht anders (die politischen Utopien sind doch alle gescheitert). Man kann eben nicht alles haben (Emanzipation, Freiheit, jeden Tag Schokolade). Wenn Ihr etwas Neues probiert, wird es schlimm enden (Eure Kinder werden Euch auf dem Kopf herum tanzen, wenn Ihr nicht durchgreift). Und schon erscheint die Utopie lächerlich; sie hat ihren Stachel verloren. Und wir können uns wieder ins warme Badewasser unserer Normalität zurück fallen lassen. Wie praktisch. Und wie schade.

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  1. Können wir ernsthaft völlig anders leben?
    Also anders kommunizieren UNd anders erziehen UND Veganer werden UND Demokratie mit Leben erfüllen UND empathischer werden UND UND UND?

    Klar. Wenn wir aus dem Leben eine selbstdiziplinierte Veranstaltung von Selbstgeisselung, Askese und ständiger Konteolle machen wollen, können wir. Das Mönchsideal für eine gesamte Gesellschaft.

    Die Häme übrigens, die Sie beklagen, ist nur das reziproke auf den moralinsauer vor sich hergetragenen Anspruch, erstens mit der eigenen Herangehensweise die Welt retten zu können und zweitens damit besser und reiner zu sein als alle Nichterleuchteten. Und damit vollständig verdient, weil die Gruppen, gegen die Sie Häme beklagen, eben nicht herrschaftsfrei kommunizieren, eher im Gegenteil. Wenn ich Jesus spiele, muss ich damit leben, dass andere mich eher für den Glöckner halten.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Sehr geehrter Herr Haupts,

      es geht mir doch gar nicht darum, dass wir alles anders machen sollen – und ich habe keineswegs meine Positionen referiert, sondern einfach nur ein paar mögliche Positionen. Mir geht es auch gar nicht darum, dass sie Recht haben (veganes Leben zum Beispiel leuchtet mir als Ideal nicht ein, weil ich glaube, dass es eine letztlich vergebliche Sehnsucht nach einer konsequent moralischen Haltung ist).

      Deshalb heißt es übrigens auch „wir“ in dem Artikel, ich schließe mich da selbst nicht aus 😉 und meinen Kommentar mit der Sehnsucht nach der konsequenten moralischen Haltung müsste ich im Grunde jetzt gleich wieder streichen, weil auch er das tut, was ich bemängelt habe, nämlich mit der hier nicht hämischen, aber doch flapsig ins Ironische ziehenden Art nicht ernst nimmt, dass veganes Leben eben auch Ausdruck einer Sorge ist, die ich eigentlich nachvollziehen kann, wenngleich mir deren Umsetzung zu mühsam und zu genussfeindlich scheint.

      Mit freundlichem Gruß
      Hella Dietz

  2. Wenn man diesen Artikel liest, könnte man zu dem Schluss kommen, dass es keine deutsche Geschichte
    gegeben hat:

    „Warum aber lieben wir jene Gruppen so wenig, die etwas Neues ausprobieren und sich der Gefahr aussetzen, damit zu scheitern? Warum freuen wir uns nicht, dass sie etwas ausprobieren, von dessen Gelingen oder Scheitern wir etwas lernen können? Und wenn wir uns schon nicht freuen, warum sind sie uns nicht wenigstens egal?“

    Haben wir doch schon mehrmals sogar führend gemacht und an den Folgen knabbern wir noch heute. Wären unsere umfassenden Experimente allerdings gelungen, dann wäre das für uns eine Zeit lang sicher ganz nett gewesen, aber…

    • Sehr geehrte Frau Amgelin,

      hm, der Verweis auf den NS und die deutsche Geschichte sind natürlich noch wirksamere Instrumente als bloße Häme.

      Vor allem aber fühle ich mich von Ihnen doch recht missverstanden; denn mir geht es nicht darum, dass wir (wieder) beginnen sollten, ohne Rücksicht auf Verluste utopische Gesellschaftsentwürfe umzusetzen – das ginge ja auch nur, indem wir Randgruppen abwerten.

      Es geht vielmehr darum, wie wir in einer demokratischen Mediengesellschaft mit Gruppen umgehen, die von unserer Vorstellung von Normalität abweichen. Die Konservativen empfinden sich ja zum Beispiel auch (in bestimmter Hinsicht sicherlich auch zu Recht) als Randgruppe – und in bestimmten Kreisen müsste man auch für sie einen Schutz vor Häme einfordern. Das gilt allerdings soweit ich weiß hier auf den Seiten der FAZ eher nicht.

      Mit freundlichem Gruß
      Hella Dietz

    • Es ist ja nicht bloß NS, der Kaiser war schließlich auch kein unbedarfter Chorknabe, tja und wie
      war das doch gleich mit Luther?

      Es wäre uns egal, wenn lediglich diejenigen, die da Visionen haben und diese umsetzen wollen, dafür bezahlen, wenn sowas misslingt. Das ist aber mitnichten der Fall – wir alle werden in Haftung genommen, ob wir wollen oder nicht, und das lieben wir ganz und gar nicht, darüber freuen wir uns selbstverständlich auch nicht und egal ist es uns deswegen sowieso nicht. Wir, die an sich Unbeteiligten, baden das aus, nicht die Ideenversprüher alleine und das kann dann ganz schön lange dauern. Wir sind halt wie Karthago nach dem Zweiten Punischen Krieg – und das wundert Sie? Wir werden zudem nicht mehr erleben, dass die von Ihnen gepriesenen USA Kriege auf ihrem eigenen Territorium verlieren werden und danach Besatzung und Zerschlagung erfolgt – dann geht auch deren derzeitig vorgeführte Mentalität den M…i hinunter. Kein Grund also, deren Rezepte hier auszuprobieren…

    • Nun ja, der Kaiser wurde nun wirklich nicht als Randgruppe mit Häme überschüttet ;-).

      Aber im Grunde lässt sich mein Beitrag aber auch auf unseren Dialog ummünzen: Ich kann nun entweder Ihren Beitrag ironisieren und mit Häme reagieren – oder mich darauf einlassen, dass hinter Ihrer Einlassung auch Werte stehen (Werte ist vielleicht weniger Signalwort als Utopie), und zwar Werte, die mir auch wichtig sind. Wenn ich Ihren Beitrag kleinrede, muss ich mich nicht damit auseinandersetzen. Wenn ich ihn in seinen Werten ernst nehme, muss ich nach einer guten Antwort auf die Frage suchen, wie man die Demokratie vor „falschen“ Ideen schützen kann. Wenn es gelingt, ist es vielleicht ein gutes Gespräch. Wenn nicht, ist es ein Schlagabtausch.

      Mit freundlichem Gruß
      Hella Dietz

    • Gut, ich merke jetzt, dass ich Ihre Intention falsch verstanden habe. "Welt verändern wollen" und
      nach dem Scheitern Häme kassieren verbinde ich eher mit Solarbetrugsbeteiligungen, Magnetmotorperpetuummobile et al., was in regelmäßigen Abständen lediglich frisch verpackt als „neue“ Sau durchs Dorf getrieben wird – ziemlich Kurzfristiges also, hatten wir alles irgendwie schon öfter, ist in der Vergangenheit immer schief gegangen, wir haben Euch auch diesmal vorab gewarnt, aber Ihr wolltet ja wieder nicht hören, usw. Die Leutchen, die sowas trotzdem machen bzw. dafür (in meine bewährte Beschaulichkeit eindringen und mein Geld ein)werben, bekommen eben wegen dieser trüben Erfahrungen hinterher die Nachttopfinhaltdusche – vielleicht werden sie davon endlich wach.

      Sie hingegen sehen offenbar mehr die große Linie („Demokratie…schützen“), die sich meistens außerhalb meines Gesichtskreises befindet.

      Meinen ersten Kommentar ausgelöst hat Ihr „An beiden Thesen mag etwas Wahres sein.“, (bezogen auch auf „denn „bei uns“ sei scheitern ein Makel, in den USA hingegen eine besonders wertvolle Lernerfahrung, auf deren Grundlage Imperien gebaut werden (können).“ – Tertium Imperium u.a. Und dann haben wir erfahrungsgemäß auch in unserem Kleinklein eben keine Wahl mehr…) hätten Sie die letztere kraftvoll bestritten, hätte ich meine Tastatur in Ruhe gelassen.

    • Vielen Dank für die Erläuterung – ich verstehe Ihre Reaktion vollkommen und lerne, mal wieder, dass ein Blogbeitrag zwar eine Prise Flapsigkeit vertragen kann, man es aber gut dosieren sollte: meine Bemerkung mit den Imperien war überzogen, weil die Rhetorik jener, die für eine Kultur des Scheiterns werben, gleichfalls oft etwas überspannt daher kommt – „Höre AC/DC: Its a long way to the top“. Das scheint mir jenseits der politischen Implikationen (und wie übrigens alle Selbstoptimierungsstrategien) durchaus zweifelhaft und kein gutes Ideal. Das als nachgeschobene Distanzierung :-).

      Hella Dietz

  3. "unsere Angst davor, die Wahl zu haben."
    oder wie eine Ursachenanalyse Teil des Problems wird.

    Die Autorin ist sich darüber wahrscheinlich nicht im klaren – aber ihre frei herbeiphantasierte Ursachenanalyse („Angst“, belastbare Belege dafür existieren nicht) ist eine der Hauptursachen für beklagte „Häme“.

    Denn was ist das anderes als eine mit herablassender Herabwürdigung gekoppelte Beleidigung jeden Andersdenkenden? Wer mit solchen Vermutungen und Unterstellungen arbeitet, dem geht es nicht mehr um Auseinandersetzung, sondern um Vernichtung des Argumentationsgegners. Indem man ihm wahlweise Kindlichkeit und/oder eine psychische Störung unterstellt. Was mich angeht, hat mein Diskussionspartner nach Einführung eines solchen küchenpsychologischen Kopftätschelns jeden Anspruch darauf verloren, eine „anständige“ Debatte mit Austausch von Argumenten zu führen. Will er/sie nicht, auch gut. Dann schaun wir halt mal, wer im Austeilen besser ist.

    Darüberhinaus tragen Sie, Frau Dietz, eine mehr als seltsame Brille. Die armen Progessiven, die aus Angst der angepassten Normalbürger ständig Häme ausgesetzt werden? Von wem stammen eigentlich

    Alle Soldaten sind Mörder?
    Alle Männer sind Vergewaltiger?
    Alle Unternehmer sind Ausbeuter?
    Alle Manager sind Psychopathen?
    Alle Politiker sind korrupt?
    Alle Tierversuchsmediziner sind eiskalte Sadisten?

    Bingo! Alle Aussagen stammen aus dem linksliberalen, antikapitalistischen, feministischen, pazifistischen, „fortschrittlichen“ Umfeld. Und sind in bestimmten Kreisen linksliberalen Bürgertums absolut Mainstream, bestenfalls noch begleitet von der freundlich- entschuldigenden Mahnung, das könne man doch auch etwas höflicher ausdrücken (auf gut Deutsch – die Verachtung mit Euphemismen tarnen).

    Und wer schüttet über diese menschenverachtenden Haltungen überhaupt noch „Häme“ aus? Öffentlich? Wenn man dise Haltungen sogar in ganzseitigen Anzeigen in FAZ und ZEIT (mit Bild und Anschrift eines zu Eliminierenden) veröffentlichen kann? In Mainstream-Medien, sagen wir mal FAZ, SZ, taz, ZEIT, SPIEGEL, ARD, ZDF? Praktisch niemand, die wenigen Journalisten, die dagegen noch anschreiben, kann man an den Fingern einer Hand abzählen – Fleischhauer, Martenstein, Don Alphonso.

    Wäre es möglich, geehrte Frau Dietz, dass es sich einfach umgekehrt verhält? Und Sie den noch immer existierenden Widerspruch kleiner Randgruppen einfach nicht ertragen, weil er zeigt, dass es noch immer andere Positionen als die Ihre gibt? Wo Sie als Frau, Akademikerin, Feministin, Demokratin und Weltverbesserin doch in jedem Falle RECHT haben und Widerspruch nur zeigt, wie dumm, retardiert, angstgetrieben oder chauvinistisch Ihr Gegenüber so ist?

    Wenn man sich mit einem 95% Sieg nicht zufriedengibt, sondern auf bedingungsloser Kapitulation besteht, dann sind die letzten Widerstandsnester natürlich einen Blogartikel wert. Der nur dann etwas taugen würde, wenn man ihn wenigstens in einer Minderheitenposition begründen könnte. Aus einer Mehrheitsposition heraus ist ein solcher Artikel einfach … albern. Oder schlimmer als albern – Nachtreten aus gesicherter Stellung aka Sadismus.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Sehr geehrter Herr Haupts,

      jetzt fühle ich mich doch sehr missverstanden. Die erste Antwort auf Ihren Beitrag müsste vermutlich jene sein, die ich andeutungsweise schon auf Ihre erste Reaktion gepostet habe: Ich schreibe „wir“, weil ich wir meine. Und ich schreibe nicht aus der Position von jemandem, der die Wahrheit kennt – ich bin nicht zufällig Soziologin und wie eine bekannte Einführung ins Fach mal spezifizierte: in vielen Fragen moralisch indifferent oder wenigstens mit einem etwas verzögerten moralischen Impuls. Mich interessiert auch, was einen Rechten motiviert und vielleicht wäre mein Argument klarer geworden, wenn ich andere Randgruppen eingeschlossen hätte.

      Und hier muss ich doch genauer nachfragen. Sie schreiben: „Denn was ist das anderes als eine mit herablassender Herabwürdigung gekoppelte Beleidigung jeden Andersdenkenden? Wer mit solchen Vermutungen und Unterstellungen arbeitet, dem geht es nicht mehr um Auseinandersetzung, sondern um Vernichtung des Argumentationsgegners. Indem man ihm wahlweise Kindlichkeit und/oder eine psychische Störung unterstellt.“ Wo habe ich Ihnen denn eine psychische Störung oder Kindlichkeit unterstellt? Gilt Ihnen Angst als Störung? In jedem Fall aber sollte mein Blogbeitrag eine zugegeben provokative These aufstellen – und weder Sie noch irgend jemand Anderen vernichten.

      „Was mich angeht, hat mein Diskussionspartner nach Einführung eines solchen küchenpsychologischen Kopftätschelns jeden Anspruch darauf verloren, eine „anständige“ Debatte mit Austausch von Argumenten zu führen. Will er/sie nicht, auch gut. Dann schaun wir halt mal, wer im Austeilen besser ist.“ Wenn Sie wollen, kann ich gerne ein bisschen genauer erklären, wie Garfinkel zu seiner These kommt, dann können wir diskutieren, ob sie hier passt oder nicht.

      Garfinkel hat seinen Studierenden die Aufgabe gestellt, sich in ihrem Elternhaus ein Wochenende lang so zu verhalten als seien Sie im Hotel. Sie berichteten im Anschluss allesamt davon, dass sie entweder (verständlicherweise) nicht ernst genommen, als verrückt angesehen oder schlicht ignoriert wurden, aber niemand nachgefragt hat, warum sie sich so verhalten. Garfinkels Erklärung von diesem und vielen anderen so genannten Krisenexperimenten ist, dass wir im Alltag über zahlreiche Mechanismen verfügen, um die Normalität aufrecht zu erhalten, auch wenn jemand sich offenkundig anders verhält.

      Dieses Beispiel ist natürlich kein Beispiel einer innovativen Randgruppe, sondern tatsächlich ein etwas skurril anmutendes Experiment. Aber in der Folge haben zahlreiche Studien untersucht, dass sozial abweichendes Verhalten sehr oft eine dann als Garfinkel-Schock bezeichnete Reaktion hervorrufen. Diese Untersuchungen sind die Grundlage meiner provokanten Blogthese. Diese These ist aber keine Unterstellung – und sie kann natürlich schlicht falsch sein ;-).

      Mit freundlichem Gruß
      Hella Dietz

    • Sehr geehrte Frau Dietz, Sie versuchten sich an der Erklärung eines von Ihnen beobachteten
      Phänomens, soweit habe ich das hoffentlich richtig verstanden?

      Fein. Die Auswahl des Phänomens (Häme gegen experimentierende Minderheitengruppen) sagte ebenso etwas über Ihre Realitätswahrnehmung aus wie über Ihre politischen Präferenzen. Ich bestreite schon das Phänomen, weil es das ausserhalb des Internet-Trollzirkusses und innerhalb von satisfaktionsfähigen Gruppen (erste Näherung: Minimum an Intelligenz und Bildung vorausgesetzt) einfach nicht gibt bzw. ganz sicher nicht die von Ihnen gewählten Beispielgruppen trifft.

      Weiter. Ihre aufgestellte These ist ein vollständig monokausaler Erklärungsansatz für ein praktisch äusserst vielschichtiges Phänomen dort, wo es eventuell existiert, weil Sie in Ihrer These so ziemlich alle anderen Einflussfaktoren ausblenden und eine exklusiv in den Vordergrund stellen. Monokausale Erklärungsansätze sind bei real existierenden Menschen aber immer falsch und für dieses Wissen brauche ich nicht eine Stunde in Soziologie verbracht zu haben.

      Weshalb. HIER steckt Ihre Küchenpsychologie, nicht in der banalen Lebensweisheit, dass Menschen versuchen, ihre jeweilige Normalität bzw. den Anschein davon auch unter schwierigen Bedingungen aufrechtzuerhalten, bis hin zur offensichtlichen Absurdität. Braucht man für diesen lebenskundlichen Allgemeinplatz inzwischen ein Studium und einen soziologischen Kronzeugen?

      Abchliessend. Sich ausgerechnet auf „Angst“ als Hauptursache von gehässigem Spott über bestimmte öffentliche und öffentlichkeitswirksame menschliche Positionierungen zu kaprizieren, anstatt auf alle anderen praktisch mindestens ebenso naheliegenden, habe ich ja möglicherweise einfach missverstanden. Dann entschuldige ich mich für genau dieses Missverständnis. Ungerne, weil die Küchenpsychologisierung von als nicht fortschrittlich definierten politischen Positionen ein bewusst benutztes Kampfmittel von Linken ist. Was diesen angesichts ihrer Hauptstudienrichtungen natürlich auch nahe liegt.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Hm, Ihre These zu meiner politischen Präferenz ist auch monokausal – ist sie deshalb notwendigerweise falsch?

      Mit herzlichen Grüßen
      Hella Dietz

  4. These: Wir begrüßen das Scheitern von Gruppen, die etwas Neues ausprobieren wollen,
    Wenn ich Ihre These richtig verstanden habe, so lautet sie: Wir begrüßen das Scheitern von kleinen Gruppen, die neue Ordnungssysteme ausprobieren wollen, weil wir nicht aus unserer aktuell geordneten Welt heraus wollen.

    Der zweite Teil der These „Es gibt ein Beharrungsvermögen in jeder stabilen aktuell gelebten Ordnung“ ist offensichtlich und er scheint mir auch sinnvoll. Wie soll man ein effizientes gesellschaftliches Zusammenleben organisieren, wenn man die Ordnung jeden Tag aufs neue frei festlegen oder jeden Tag beliebig verändern würde. Nein, man prüft, behält das Gute und verwirft das Schlechte. Eine interessante Nebenfrage wäre, wann eine Ordnung stabil ist oder wird.

    Ist das Beharrungsvermögen die Ursache für das Begrüßen des Scheiterns von Gruppen, die andere Ordnungssysteme ausprobieren? (Ähnlich zu Hrn. Haupts sehe ich entweder das Scheitern der von Ihnen beispielhaft aufgeführten Gruppen nicht (Feministinnen, Helikoptereltern, Prenzlbergmütter) oder empfinde für das Scheitern keine Häme (Piraten))

    Ich glaube, es ist eher eine menschliche Schwäche, die sich in der Häme ausdrückt: Neid, Mißgunst, Emphatielosigkeit, Besserwisserei, Schadenfreude, nennen Sie es, wie sie wollen. Ähnliche Muster sieht man schon in der Schule: Die Genugtuung, wenn die Klassenschönheit in Chemie keine Antwort weiß, dass Abschätzige gegenüber dem Klassennerd, mit dem man das eigene Unvermögen in Stärke umzudeuten versucht.*

    Wenn Sie allerdings den Menschen vorwerfen, sie würden skeptisch sein, wenn schon gescheiterte Versuche erneuert werden sollen, dann frage ich mich, ob Sie das wirklich ernst meinen. Ich würde es eher so sehen, als dass jemand dann genau das versucht hat, was Sie in Ihrem Beitrag eingefordert haben: Aus dem Scheitern etwas zu lernen. Um bei Ihrem Beispiel zu bleiben: Wenn jemand, nachdem sich die Leute bereits im Dutzend zu Tode gestürzt haben, auftritt und sagt, er könne fliegen und ich könne es auch, dann muss er – selbstredend – ein paar überzeugende Argumente mitbringen, damit ich ihm glaube – oder selber fliegen. Und wenn er dann abstürzt, dann fühle ich mich in meiner Skepsis bestätigt. Ob ich dann noch über den armen Tropf spotte oder schulterzuckend nach Hause gehe, hängt an meiner persönlichen Haltung zum Mitmenschen.

    Gegenthese: Jede fremde Ordnung wird kritisch betrachtet, bevor sie freiwillig in die eigene Ordnung integriert wird, weil man die bestehende Ordnung nicht dahingehend ändern möchte, dass das eigene Leben** schwieriger wird. Versteht man die fremde Ordnung nicht, wird die Integration abgelehnt.

    * In anderen Fällen, wenn sich z.B. eine Gruppe innerhalb des Überbegriffs „Feministinnen“ nicht durchsetzen kann, die rassistisches Gedankengut nach vorne bringen will („Alle Männer sind Vergewaltiger!“) , ist es vielleicht nicht Häme, sondern die Freude, einer Tyranninnenordnung entgangen zu sein.

    ** Den Begriff „eigenes Leben“ könnte man hier auch auf eine beschränkte soziale Gruppe erweitern – so würden sich Eltern vermutlich zu mehr Anstrengungen aufraffen, wenn sie hoffen können, dass sich dadurch die Situation ihrer Kinder verbessert. Die soziale Gruppe wäre dann die Familie.

    • Sehr geehrter Herr Werlauer,

      Sie fragen: „Wenn Sie allerdings den Menschen vorwerfen, sie würden skeptisch sein, wenn schon gescheiterte Versuche erneuert werden sollen, dann frage ich mich, ob Sie das wirklich ernst meinen.“

      Nein, das meine ich nicht. Natürlich soll man aus dem Scheitern etwas lernen. Ich votiere weder dafür, nun doch wieder antiautoritär zu erziehen, noch dafür, eine der anderen Positionen bloß zu wiederholen.

      Sie schreiben: „Um bei Ihrem Beispiel zu bleiben: Wenn jemand, nachdem sich die Leute bereits im Dutzend zu Tode gestürzt haben, auftritt und sagt, er könne fliegen und ich könne es auch, dann muss er – selbstredend – ein paar überzeugende Argumente mitbringen, damit ich ihm glaube – oder selber fliegen. Und wenn er dann abstürzt, dann fühle ich mich in meiner Skepsis bestätigt.“

      Wenn bei Ihrem Beispiel zehn Leute zu Tode gekommen sind, dann würde ich das selbstverständlich nicht einfach so wiederholen. Aber das Scheitern dieser Idee vom Fliegen diskreditiert eine bestimmte Art des Fliegens, nicht aber den Traum des Fliegens an sich. Im übrigen ist das recht nah an der Wirklichkeit; denn die ersten Flieger waren nicht besonders erfolgreich, es hat einige Versuche mit einem je anders gebauten Fluggerät gebraucht, bis es einigermaßen funktioniert hat.

      Sie schreiben: „Jede fremde Ordnung wird kritisch betrachtet, bevor sie freiwillig in die eigene Ordnung integriert wird, weil man die bestehende Ordnung nicht dahingehend ändern möchte, dass das eigene Leben** schwieriger wird.“

      Ja, genau :).

      Mit abendlichem Gruß
      Hella Dietz

    • Recht nah an der Wirklichkeit
      Das Problem mit dem Übertragen des Beispiels vom Fliegen auf gesellschaftliche Ordnungen ist nur – so realisitisch der Werdegang der ingeneurstechnischen Errungenschaft „Fliegen“ auch ist – der Idealist sitzt nicht allein in seiner fliegenden Kiste. Wenn die also abstürzt ist, nicht nur der Idealist hin, sondern gleich noch ein kleines bis sehr großes Kollektiv mit ihm.

      Deshalb sollte meiner Meinung nach (nach all den leuchtenden Beispielen gerade des letzten Jahrhunderts) die Melodie eines Flötisten sehr genau bedacht werden … es könnte doch wieder nur ein Rattenfänger sein.

    • Ok, was wäre denn Ihr Vorschlag für den Umgang mit dem Flötisten? Ich glaube, dass auch der Flötist weniger erfolgreich sein wird, wenn wir uns genauer ansehen, welche Werte er anspricht – und statt ihn einfach zu ignorieren oder ihn kleinzureden – aufzeigen, wie der Teil seiner Hoffnungen, den wir teilen, anders umgesetzt werden könnte.

      Gruß
      Hella Dietz

    • Zielfunktion?
      Zum einen bin ich mir nicht sicher, ob es eine allgemeine Zielfunktion gibt, nach der wir unser Handeln bewerten können. Deshalb ist es für mich auch schwierig, beim Vergleich von Ordnungssystemen einfach von Fortschritt zu reden.

      Zum Anderen fände ich es interessant zu untersuchen, ob die (aus meiner Sicht durchaus erstrebenswerten) Änderungen (volle Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen, den Gegenüber als gleichwertig betrachten, Diskussionen nur sachbezogen und ohne Polemik führen, etc.) zu einem Kollektiv führt, dass verglichen mit einem anders geordneten Kollektiv konkurrenzfähig oder sogar im Vorteil ist.

      Denn es ist schön, wenn alle Mitglieder eines Dorfes ordnungsgemäß im Stuhlkreis sitzen und sachbezogen über die Verteilung knapper Lebensmittel (Beispiel für „knappe Ressource“) diskutieren und auch kurz vor der Einigung stehen. Wenn dann aber dummerweise eine Horde Barbaren mit hierachischem Ordnungssystem über sie herfallen, alle umbringen und sich die Lebensmittel auf die Pferde laden, ist die Ordnung des Dorfes ganz schnell wieder aus der Welt.*

      Kann also, evolutionär gesehen, der Konkurrenzkampf mit der „besseren“ Ordnung gewonnen werden? Und wenn nicht, inwiefern ist die Ordnung dann besser?

      * Das Beispiel ist zugegeben etwas drastisch, Konkurrenzsituationen gibt es aber auch im heutigen Leben und wenn das Konkurrenzkollektiv schneller in Entscheidung und Umsetzung ist, kann man auch dort regelmäßig das Nachsehen haben.

    • Kleine Korrektur - Häme kann auch eine Reaktion auf vorhergehende Arroganz und
      Überheblichkeit sein. Zwei Übel, mit denen die Adressaten besonders sendungsbewusster Kleingruppen besonders häufig konfrontiert sind. Beliebteste Steigerungsform – die mitleidige Arroganz „Ach Du armes Hascherl, Du machst doch nur nicht mit, weil (beliebige psychische Störung einsetzen)“.

      Ich habe mit der ganzen These und ihrem theoretischen Gerüst ein echtes Problem. Unter anderem passt die These kaum noch für Gesellschaften, in denen man sich seinen Lebensentwurf tatsächlich frei aussuchen kann, notfalls verbunden mit dem Rückzug in einen Schutzraum von Gleichgesinnten gegen allerhöchstes noch verbal geäusserte Widerstände. In Deutschland kenne ich kaum noch eine Gruppe, die ihren Lebensentwurf gegen erhebliche öffentliche Widerstände durchsetzen müssen. Am nächsten kämen dieser Definition noch fundamentalistische religiöse Gruppen oder Militaristen, aber selbnst die können problemlso ihre Nischen finden.

      Ich finde darüber hinaus auch die Grundthese problematisch, mit der Frau Dietz ins Rennen geht – dass nämlich alle alternativen Lebensentwürfe (wenigstens theoretisch) automatisch eine fortschrittliche Alternative zum Leben eines „Normalos“ darstellen können (N.B. – wer bitte ist heute „normal“ in Deutschland?). Teilweise kann es sich auch einfach so verhalten, dass man etwas als pathologisch abstemprelt, weil es pathologisch ist (um im Duktus der Autorin zu bleiben). An Dietz eigenen Beispielen – ich wusste, dass die PIRATEN scheitern, als sie auf dem Höhepunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit waren, aufgrund der real exisitierenden Menschen unangemessenen Organisationsformen. Das denen unter die Nase zu reiben, die solche Einwände als Ausdruck von (beliebiges einsetzen) verächtlich zu machen versuchten und ihre eigene Naivität als besonders fortschrittlich verkauften, ist nur menschlich.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • An die Herren Haupts und Werlauer,

      jetzt haben Sie beide sich gegen eine Idee von Fortschritt gewendet. Da bin ich mit Ihnen d’accord. Mir geht es um eine Haltung gegenüber jenen, die mit irgendeiner Idee scheitern. Wobei ich durchaus glaube, dass es ein Fortschritt wäre, wenn Menschen besser miteinander umgehen.

      @Kaum jemand muss Lebensentwurf gegen Widerstände durchsetzen: D’accord. Aber gerade das spricht doch dafür, sich zu wundern, warum es dann so viele Debatten gibt, die das zumindest rhetorisch simulieren. Und das dient ja vielleicht einem ähnlichen Zweck: Sich dann eben auf Kosten von anderen zu positionieren, gerade weil die Position sonst so beliebig wäre…

      Hella Dietz

    • Frau Berg hat in einer aktuellen SPON Kolumne gerade eine alte Menschheitserfahrung
      aufgewärmt – es gibt ihr folgend vielleicht 2% von Menschen, die mit rationalen Argumenten überhaupt erreichbar sind (und ich halte die Zahl noch für hoch gegriffen). Erreichbar heisst noch lange nicht verhaltensändernd erreichbar, mit dieser Forderung viertelt sich die Zahl.

      Da haben Sie, Frau Dietz, Ihre Antwort auf „Wobei ich durchaus glaube, dass es ein Fortschritt wäre, wenn Menschen besser miteinander umgehen.“ Wobei es durchaus nicht so ist, als gäbe es überhaupt keine Fortschritte, aber wo es sie gibt, werden sie durch Rückschritte anderen Ortes sofort wieder aufgewogen.

      Die öffentlich geführten, politischen, Debatten verlaufen heute weit friedlicher, als in den siebzigern üblich. Dafür hat z.B. die Rücksichtslosigkeit im öffentlichen Raum zugenommen.

      Was für mich heisst, die Gesamtmenge an menschlicher Gemeinheit bleibt immer gleich. Vor genetischen Veränderungen erwarte ich an dieser Stelle keinen Gesamt-Fortschritt mehr, das einzige, was man tun kann, ist die Konzentration auf einzelne verringern oder verhindern, indem man z.B. Folter oder willkürliches Einsperren ebenso eindämmt, wie physische Gewaltausbrüche.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Ein Art Gemeinheitserhaltungssatz also, yes, maybe. Und ja, es wird immer Rückschritte geben – aber an denen muss ich mich ja mindestens nicht beteiligen.

    • Fortschritt
      Sehr geehrte Frau Dietz,

      Ich bin nicht gegen eine Idee von Fortschritt. Wenn sich diese Idee formulieren lässt und vom jeweiligen Kollektiv anerkannt wird, dann habe ich überhaupt nichts dagegen. Ich frage nur, wie diese Idee aussehen könnte und ob und in welchem Umfang es einen Konsens über diese Idee geben kann.

      (Und nebenbei stört mich die Leichtfertigkeit, mit der oft über Fortschrittlichkeit (und als Pentdant „Rückschrittlichkeit“) schwadroniert wird, ohne nachzuweisen, worin der Fortschritt besteht. Und wenn es begründet wird, dann oft mit affektgetriebenen paternalistischen Absichten, die oft nur einen Zug weit denken und die Folgekosten völlig ausblenden.)

      Die Frage nach dem zwischenmenschlichen Umgang reicht sehr weit. Wenn Sie beispielsweise einen durchgehend wertschätzenden Umgang miteinander fordern, dann schaffen Sie beispielsweise auch die Satire ab. Ich würde es begrüßen, wenn statt des affektgetriebenen Mobs wieder häufiger der eigenverantwortliche Mensch der Aufklärung zu Wort käme. Meine Frage ist aber, lässt sich das wirklich durchhalten? Wird beispielsweise die Versuchung, einen schnellen Punkt in einer Diskussion zu machen, nicht für zu viele zu groß, so dass ein einmal erreichte Diskussionskultur nach kurzer Zeit wieder kippt? Und wenn das eine Gesetzmäßigkeit ist, was folgt daraus für die Idee des Fortschritts?

    • Mit dem, was Sie über Fortschritt schreiben, bin ich wiederum sehr einverstanden, ja. Einige Theoretiker der Moderne hatten ja einmal vermutet, dass die Welt rationaler und weniger emotional wird – und sich damit ebenso wie mit der Vorhersage eines generellen Rückgangs von Religion sehr getäuscht.

      Und vielen Dank für den Verweis auf die Satire. Einerseits: Ja, ich würde (auch) nicht gerne in einer Welt leben, in der alle die ganze Zeit von gegenseitigem Verständnis motiviert sind. Andererseits: Da ich meine Haltung nicht verordnen will und die Gefahr, dass es aus welchen Gründen auch immer dennoch zu ihrer allgemeinen Verbreitung kommen könnte, für vernachlässigbar gering halte, müssen wir uns um die Satire keine Sorgen machen :-). Abgesehen davon könnte man das allgemeine Verständnis im unwahrscheinlichen Fall der Fälle ja auch immer mal wieder für ein paar Satiretage aussetzen ;-).

      Unsere Diskussion scheint ein wenig darauf hinaus zu laufen, dass mein Plädoyer für weniger Häme als Minderheitenposition sympathisch sein mag, als Mehrheitenposition problematisch, weil sie nur durch Zwang möglich wäre (was Sie und Herr Haupts anthropologisch begründet haben).

      H. Dietz

    • Ihre Überlegungen zu Fortschritt oder Rückschritt lassen sich an westlichen Staaten sehr schön
      demonstrieren:

      Alle westlichen Staten streben exakt den Zustand an, dass Menschen ihre Lebensentwürfe möglichst frei wählen können, solange sie anderen damit nicht direkt schaden. Und da sind wir (fast), die einzigen Einschränkungen liegen derzeit in ökonomischen Zwängen (wie und wo finde ich Arbeit, die ich für angemessen und angemessen bezahlt halte).

      Der Preis dafür ist ebenso eineindeutig. Alle westlichen Gesellschaften sterben ohne Masseneinwanderung zwangsläufig aus.

      Frage: Ist es wirklich ein Fortschritt, wenn sich die „fortschrittlichsten“ Gesellschaften mit diesem Fortschritt de facto in historisch ziemlich kurzer Zeit selber abschaffen? Muss das Individuum in seinem begrenzten Horizont (eigene Lebenszeit) natürlich nicht interessieren, aus dieser Perspektive ist mehr Freiheit praktisch immer ein Fortschritt.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  5. Wobei es höchste Zeit ist, die Welt bzw. das Denken zu verändern.
    Sehr schöner Beitrag. Danke. Wir sind gerade dabei durch Gier und Neid den Planeten zu runieren. Von Karrieredenken und Konsum müssen wir schleunigst weg. Ich finde es nicht zu fassen, daß ein Keynes offen zugibt, daß unser Wirtschaftssystem auf Gier und Neid basiert. Ich möchte hier auf die Bücher von Eckhart Tolle (Jetzt!) und C.F. Schumacher (Small is beautiful) verweisen. Wer sagt eigentlich, daß man Karriere machen muß? Und Konsumieren schon gar nicht. (Tom Hodgkinson ist auch empfehlenswerte Lektüre. Ich bin jedenfalls ausgestiegen, sobald ich es mir gerade so leisten konnte. Das warme Badewasser geht nicht mehr lange gut.

    Mögen die Leser von Glück und liebevoller Güte erfüllt sein

    • Danke
      für Ihre sympathischen (und mittlerweile ungewöhnlichen) Grüße, Herr Bass!

    • Gier und Neid
      Wenn sich die meisten Menschen durch Gier und Neid aktivieren lassen und nur wenige durch Einsicht und Mitgefühl, so kann man das bedauern. Die Frage ist, lässt sich das auch ändern?

    • Ist das überhaupt so?
      In Kleingruppen nach meiner Beobachtung sicher nicht.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Ich glaube auch, dass Menschen oft anders agieren. Aber wenn sie durch Neid und Gier getrieben sind, halte ich es persönlich eher wie Aristoteles und im Anschluss an ihn Martha Nussbaum, die postulieren, dass jede Emotion, auch Gier und Neid, uns etwas darüber sagt, was uns im Leben wichtig ist, also ein Urteil über ein Objekt ist – d.h. wenn man sich die Mühe machen will, kann man vermutlich durchaus versucehn, zu verstehen, warum sie neidisch und gierig sind. Dadurch wird die Welt vielleicht nicht besser, aber eine etwaige Diskussion mit den betreffenden Menschen schon.

      H. Dietz

      EDIT: Missverständlicher Anschluss korrigiert.

    • Titel eingeben
      Außerdem lohnt es sich, allen Menschen zu unterstellen, dass gierig und neidisch zu sein nicht ihre einzige und letzte Option ist. Dass Solidarität und Empathie innerhalb einer Gruppe deren Überlebenschancen drastisch erhöhen, dürfte klar sein. In einer globalisierten Welt und einen gemeinsamen Planeten bevölkernd, alle mit allen und allem vernetzt, macht es keinen Sinn mehr, sich in einer Kleingruppe einzuigeln und das survival of the fittest abzuwarten.

      Die „Normalo“-Existenz, die das ausblendet, am „Bewährten“ festhält, nicht an Veränderung glaubt und den Utopien ihr Scheitern vorhält, scheint mir durchaus von Angst geprägt – keiner pathologischen Angst, sondern einer durchaus vernünftigen Angst, die allerdings wenig hilfreich ist, weil in der Resignation verharrend. Und der Glaube, dass man nichts verändern kann, wirkt dann wie eine self-fulfilling prophesy.
      Martha Nußbaum ist übrigens ein guter Hinweis. Bei ihr kann man das alles schön nachlesen.

    • Missverständnis: Was ich gemeint habe
      Ich meine nicht, die Triebfeder jeder menschlichen Handlung müssen Neid und Gier sein, sondern „Don’t blame the messager.“

      Das Neid und Gier aber mächtige Triebfedern sein können, läßt sich begründen. Es gibt bespielsweise psychologische Effekte, die wirksam sind. Klassisch: Verantwortungsdiffusion. Deshalb ist die Gier am Kapitalmarkt häufiger anzutreffen, als in Kleinkollektiven. Altruismus ist m.E. nach leichter, wenn er sich auf ein greifbares Kollektiv bezieht. Die „Weltgemeinschaft“ ist für die meisten Menschen schwer fassbar, das Viertel oder das Dorf lässt sich leichter als Gemeinschaft vorstellen.

      Wünschenswert finde ich diese menschlichen Eigenschaften auch nicht.

    • Solidarität und Empathie zwischen und innerhalb von für die meisten Menschen willkürlich
      definierten Grossgruppen lässt sich nicht verordnen. Um das mal etwas weniger abstrakt zu machen – selbstverständlich steht mir ein Deutscher in Deutschland näher, als ein Afrikaner in Afrika, aus einer ganzen Reihe unter anderem auch rationaler Gründe.

      Und da wir hier gerade bei Soziologie sind – ist es nicht eine inzwischen ziemlich gut bestätigte wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Menschen umso eher zu Solidarität bereit sind, je homogener und/oder kleiner Gruppen sind? Ob sich das über rationale Argumente ändern lässt, bezweifle ich sehr. Elitenverhalten und ihr folgend deren Führung lässt sich damit bestenfalls ändern, nur haben wir die gerade abgeschafft …

      Gruss,
      Thorsten Haupts

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