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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Alexanderplatz, Heimat

Seit der Prenzlauer Berg in Berlin zur westdeutschen Vorstadtidylle mit umhäkelten Bäumen verkommt, wächst die Sehnsucht der Stadtplaner, Feuilletonisten und Architekten, auf dem in Sichtweite gelegenen Alexanderplatz endlich ihre Land- und Duftmarken zu setzen.

© Göran GnaudschunAus dem Buch „Alexanderplatz“ von Göran Gnaudschun

Wenn der Berliner Alexanderplatz in den Medien auftaucht, dann nie ohne die immergleichen Attribute, die an ihm zu kleben scheinen, unbehaust, dreckig, trist, ungemütlich, windig, gelegentlich sogar, als Steigerungsform von ostig, sibirisch. Darin zeigt sich ein Verständnis von Stadt, das weniger mit Weltläufigkeit als mit der eigenen klein- oder vorstädtischen Herkunft zu tun hat: Ein Stadtplatz hat auch immer ein Schmuckplatz zu sein. Nun ist Berlin, das vergessen manche, aber eine Großstadt. Eine solche ist Tag für Tag auf gegenseitige Toleranz angewiesen, auch wenn die mitunter leicht mit Ignoranz zu verwechseln ist. Am Alexanderplatz treffen Menschen aus allen Richtungen, Schichten und Klassen zusammen, über 300 000 am Tag. Das geht nicht ohne Konflikte ab. Sie gehen einkaufen, wechseln die Verkehrsmittel, treffen sich an der Weltzeituhr oder am Brunnen der Völkerfreundschaft, manche klauen, betteln und trinken auch, es gibt Gewalt, der bekannteste Fall war der Tod von Johnny K. 2012 – oder sie nutzen den Platz als weitläufiges Appartement. Wer einmal nachts auf dem menschenleeren und von Jahrmarktsbuden beräumten Alexanderplatz gelegen und in den Sternhimmel neben dem blinkenden Fernsehturm geschaut hat, weiß von der Weite und Großzügigkeit des Platzes.

Schmuck war der Alex zu keiner Zeit, und er war auch, selbst in seiner sozialistischen Form, nie fertig, nur kam er vor dem Krieg ohne die bürgerliche Klasse aus, die drehte Unter den Linden um. Aber damals gab es in Prenzlauer Berger Mietskasernen auch noch keine roten Teppiche mit Messingstangen im Treppenhaus und Luxuseigentumswohnungen im Dachgeschoss. Wer soviel Geld bezahlt, möchte kein Elend in der Nachbarschaft haben, vor allem kein sichtbares. Der Druck auf jene, die nicht auf den Platz kommen, um still zu konsumieren, wird steigen, wenn direkt auf dem Platz demnächst Luxuswohnungen in einem 150 Meter hohen Wolkenkratzer entstehen.

Nun wäre ein Wohnhochhaus am Alexanderplatz an sich keine städtebauliche Katastrophe, aber dieses schafft mehrere Probleme auf einmal. Zum einen verstellt es die Sichtachse von der Karl-Marx-Allee zum Fernsehturm. Man muss annehmen, dass es so gewollt ist, ging doch der Fernsehturm bei dem ganzen Hickhack um die Architektur in Ost- und Westberlin als klarer Sieger hervor. Der Geschäftführer des US-Investors Hines möchte aber unbedingt ein „neues Wahrzeichen bauen, das die Skyline prägen soll“. Leute, die Arroganz mit Kühnheit verwechseln, kommen bei Berlinerinnen und Berlinern im Allgemeinen nicht gut an. Und Dominanz ohne Eleganz auch nicht, zumal wenn der geliebte Fernsehturm kleiner gemacht werden soll als er ist. Behauster wird der Platz mit einem Wolkenkratzer auch nicht werden, denn wegen der Fallwinde wird es noch zugiger und man kann jetzt schon Wetten abschließen, dass es fortan nach 22 Uhr keine einzige Veranstaltung auf dem Alex mehr geben wird, dafür werden schon die Anwälte der Wohnungseigentümer sorgen. Unklar ist auch, warum die Jury unter der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher ausgerechnet den Entwurf von Frank O. Gehry als Wettbewerbssieger ausgewählt hat. Er bestätigt die Tatsache, dass fast alle großen Architekten im Berlin der Nachwendezeit, sieht man von Ausnahmen wie dem grandiosen Neuen Museum von David Chipperfield ab, bestenfalls Mittelmaß geliefert haben. Gehrys Entwurf sieht aus wie eine dieser Pfeffermühlen aus Plexiglas, die längst aus der Mode sind, heute hat man in Berlin Pfeffermühlen aus Holz, die wie der Fernsehturm aussehen.

Eigentlich hatten viele mit Wohlwollen registriert, dass die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, anders als ihre Vorgänger, nicht mit Backsteinarchitektur oder Traufhöhenlangeweile, also mit Denkmälern auf Sockeln, in die Berliner Geschichte eingehen wollte, sondern mit der Verteidigung des freien Raums hinter dem Fernsehturm. Ein Raum, der sicher verbesserungswürdig ist, aber durchaus genutzt wird, als städtische Chillzone für Touristen oder Einheimische, die keine Lust haben, für schlechten Kaffee und schlechten Service viel Geld auszugeben oder es gar nicht haben. Für einige von ihnen ist der Alexanderplatz Heimat, eine zugige zwar, aber besser als alles, was sie vorher hatten.

Über diese Alexanderplatzbewohner, die Randexistenzen, Gestrandeten, Wohnungslosen, alleingelassenen Kinder und geflüchteten Jugendlichen, die wie die hippen und smarten Kids die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit nach Berlin getrieben hat, ist kürzlich ein Buch erschienen, das zu den besten gehört, die über den Alexanderplatz gemacht worden sind (und das sind ja nicht wenige, vor und nach Alfred Döblin). Der Fotograf Göran Gnaudschun hat sich zu den Punks auf den Alexanderplatz gesetzt, hat ihnen zugehört, mit ihnen Tage und Nächte verbracht, Gewalt und Zärtlichkeit erlebt, im Springbrunnen gebadet, den Biervorrat geteilt und sich mit ihnen unter den Fernsehturm gesetzt, auf dessen Aussichtsplattform niemand von ihnen je war. Er ist mit ihnen von der Polizei des Platzes verwiesen worden und wiedergekommen. Die Kids haben ihm ihre Geschichten erzählt, grausame, einsame, aber auch hoffnungsvolle, die im Buch abgedruckt sind, und er hat sie fotografiert, ohne sie auszustellen für irgendeinen höheren oder niederen Zweck. Wer das Buch „Alexanderplatz“ gelesen hat, sieht diesen Ort mit anderen Augen.

 

 

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