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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Der weibliche Blick – ein männlicher Mythos

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Zum Tod von Helma Sanders-Brahms: Wie eine Generation von Regisseurinnen verloren ging

Zum Tod meiner Kollegin, der Filmemacherin Helma Sanders-Brahms, wird in vielen Nachrufen betont, dass die Regisseurin im Inland zwar unbekannt, im Ausland aber berühmt gewesen sei. Zieht man einmal ab, dass heute jeder von jedem abschreibt, ohne die Fakten zu prüfen, ist daran doch etwas Wahres, aber es ist kein Einzelschicksal. Eine ganze Generation von Filmemacherinnen ist jenseits der engen Zirkel deutscher Kinematheken unbekannt. Das hat viele Gründe. Eine unklare Rechtelage, vor allem bei vom Fernsehen finanzierten Filmen, so dass es noch nicht einmal DVDs ihrer Filme gibt. Wichtiger noch sind mehrere Paradigmenwechsel: Eine Filmkritik, die seit dem Ende der 70er Jahre den Autorenfilm radikal ablehnte und sich bestätigt fühlen konnte durch das generelle Desinteresse einer deutschen Öffentlichkeit an Filmen, in denen nicht Kommissare, weiblich oder männlich, für Ordnung sorgen. Das Fernsehen hat dieses Desinteresse fleißig befördert und ist inzwischen mit seiner Krimi-Programmierung zu einer sich selbst verstärkenden Endlos-Schleife geworden. Aber auch die Frauen der nachwachsenden Generation glaubten, dass die Zeiten der 68er-Emanzipation tempi passati seien und sie selbst viel zu hip, um sich für diese Art Filme zu interessieren.

Was diese erste Generation von Regisseurinnen geschaffen hat, verdient es, wieder ins allgemeine Bewusstsein gehoben zu werden. Zwar haben sich die Zeiten geändert, aber die Mentalitäten längst nicht. Deutschland ist vielleicht im Ganzen nicht ein so archaisches Land, wie der französische Philosoph Emmanuel Todd es gerade in der ZEIT beschrieben hat, aber es hinkt, was die Frauen angeht, in seinem einschnürenden Konservativismus immer noch hinter den anderen europäischen Ländern her. Genau gegen diesen Mehltau hatte sich die erste Generation von Regisseurinnen gewandt. Und das war damals einzigartig, auch im Weltmaßstab. Einen solchen Blick auf die Wirklichkeit, wie ihn die Filme dieser Frauen warfen, hatte man/frau im Kino noch nicht gesehen. Als ich im Auftrag des Goethe-Instituts mit Filmpaketen dieser „Frauenfilme“ durch die Welt reiste, sagte der Leiter einer brasilianischen Kinemathek: „Der deutsche Autorenfilm ist der Avantgardefilm der Welt“ und selbstverständlich gehörten für ihn die Filme von Frauen dazu. Wenn man in Deutschland heute nach dem Kanon der bekannten Regisseure jener Zeit fragt, ist keine Frau dabei. Eine Ausnahme macht nur das Filmmuseum in Berlin.

Das Etikett „Frauenfilm“, das unseren Filmen Aufmerksamkeit gesichert hatte, ist für die Betroffenen zu schnell zu einer Zwangsjacke geworden. Wir waren unterschiedlich, wurden aber als monolithische Einheit gesehen. Ein Recht auf eine je eigene künstlerische Biographie, die sich langsam entwickeln konnte, wurde uns nicht zugestanden. „Frauenfilm“ war eine kurze Zeit Mode gewesen, und die war jetzt vorbei. Männer konnten tausend Blicke auf die Welt werfen, es waren ihre individuellen und unverwechselbaren. Aber jeder Blick einer Frau wurde zum „weiblichen“ erklärt und damit war die Neugier auf das, was Frauen noch zu erzählen hatten, auch schon erledigt. Mit dem langsamen Verlöschen des Autorenfilms und dem gleichzeitigen Aufkommen der Genrefilme, der Blockbuster und Actionfilme und der Wiederentdeckung Hollywoods wurde es für die Frauen dieser Generation immer schwerer, Gelder für neue Projekte zu bekommen. Jeder neue Film musste mühsam erkämpft werden. Das dauerte oft Jahre. Bei Helmas Film „Geliebte Clara“ waren es zehn.

Helma Sanders-Brahms und ihre Kolleginnen haben sich daran abgearbeitet, dass Film in seiner Verbindung von finanzieller Macht und der Macht über das Un- und Halbbewusste die letzte Bastion eines Machismo ist, der sich für natürlich hält und sich nicht geniert. Dieser Glaube ist zwar eine internationale Krankheit, aber in Deutschland, wo es eine starke Szene von Regisseurinnen gab, wurde er deshalb so besonders zerstörerisch. Damals wie heute jedoch gelten Klagen über die engen Spielräume für Frauen in unserer Gesellschaft als larmoyant. Viele erstklassig ausgebildete junge Frauen machen heute Filme. Ihren ersten Arbeiten wird oft große Aufmerksamkeit zuteil, den zweiten schon nicht mehr. Und ob sie den dritten Film machen können, steht in den Sternen, wenn sie sich nicht entschließen, sich künftig nur noch mit Krimis und deren unzähligen Subgenres zu beschäftigen. Da lohnt es sich, wieder mal einen Blick auf die Arbeiten jener Generation zu werfen, die realistische Filme machte und sich für Menschen interessierte. Die sich vom Gegenstand die Form vorgeben ließ und ihre Geschichten nicht am Reißbrett der Normdramaturgie von Plot und Story, Fallhöhe, Wendepunkten, Protagonist und Antagonist konstruierte, so wie sie heute üblich ist. Die Filme des sogenannten „Frauenfilms“ waren nie einfach nur Ausdruck eines künstlerischen Temperaments, sondern auch immer Zeitdiagnosen einer Wirklichkeit, gesehen durch ein künstlerisches Temperament. Über Fassbinder hat Godard einmal gesagt: „Nicht alle seine Filme sind gut, aber von niemandem hat man so viel über Deutschland erfahren wie von ihm.“ Das gilt auch für die Filme von Helma Sanders-Brahms.

Natürlich altern Ästhetiken und jede Generation muss ihre eigene finden. Aber jede steht auf den Schultern der vorhergehenden. Selbst wenn sie deren Lösungen leidenschaftlich ablehnt, schärft sie im Dialog mit ihnen ihre Kräfte. Aber wenn Geschichte im Nichtwissen verschwindet, beginnt man immer wieder bei Null. Irgendwann stellt man fest, auch nicht viel weiter zu sein als es die Mütter gewesen waren. Die Lola in diesem Jahr ging verdientermaßen an den 83jährigen Edgar Reitz, die vom letzten Jahr an den Debütfilm von Jan Ole Gerster. Dazwischen klafft ein riesiges Generationen-Loch. Und: Auch in diesem Jahr war kein deutscher Film im Wettbewerb von Cannes. Ratlos fragte sich die Community, woran das wohl liegt. Es liegt auch daran, dass die Bewegung der filmenden Frauen abgewürgt worden ist, ohne dass diese ihren Erbinnen so viel Erfahrung, Können und Kraft mitgeben konnten, dass die jungen Filmemacherinnen heute in der rauen Umgebung des internationalen Filmemachens selbstbewusst bestehen könnten.

 

© DPAHelma-Sanders-Brahms
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8 Lesermeinungen

  1. Warum soll es im Film anders sein als in der Demokratie?
    Man gibt den Leuten, was sie sehen wollen. Dass dies keinesfalls zu einer Niveauabsenkung führt, zeigen die anspruchsvollen Produktionen aus den USA wie z.B. „The Wire“, „Breaking Bad“ oder „Mad Men“.
    Bei uns gibt es nicht zuwenig Förderung und Regulierung sondern viel zuviel. Würde eine weibliche Regisseurin zudem anspruchsvolle Knülle wie „Im Angesicht des Verbrechens“ oder „Hotte im Paradies“ drehen, wäre sie umgehend etabliert. Wer sich natürlich das Ziel setzt „die letzten Bastionen des Machismo“ zu schleifen, muss sich nicht wundern, wenn die Zuschauer für derartiges Politkino keine Karten kaufen…

    • "was die Leute sehen wollen"
      …ich glaube, Sie machen es sich hier zu einfach… in kaum einem anderen Bereich bestimmt das Angebot so sehr die Nachfrage wie in der Kunst. das gilt auch für die Filmkunst…

    • warum soll es mit den fakten anders sein als mit dem film
      „the wire“ war ein konstanter quotenflop und „breaking bad“ hat eine ganze weile gebraucht, um gewollt zu sein“. deutsche tv-zuschauer zucken vor den hbo-serien übrigens regelmäßig zurück. „im angesicht des verbrechens“ war ein derartiger megaflop, dass die ard ihn auf den späten abend verlegt und am stück versendet hat. wenn eine frau eine derart teure serie (über die die produktionsfirma pleite ging) derart in den sand gesetzt hätte, wär sie weg vom fenster, aber das war sie ja vorher schon. dominik graf dreht weiter zwei bis drei filme pro jahr.
      knülle, was?

    • Titel eingeben
      Vielen Dank für diesen klaren Artikel, der meine eigene Wahrnehmung ziemlich bestätigt. Wobei mir immer mehr auffällt, dass allgemein-menschliche Themen in Geschichten (Film oder Buch) so gut wie immer an männlichen Protagonisten gezeigt und bearbeitet werden.
      Frauen bleiben in der „Weiblichkeitsecke“, ob die nun aus feministischer Thematik bestehen oder aus Anpassung an unsere sexualisierte Welt. Werden sie darauf reduziert oder reduzieren sie sich selbst darauf? Das ist gar nicht so leicht zu erkennen, wahrscheinlich auch eine Mischung. Aber um wirkliche Veränderungen zu bewirken, ist es meines Erachtens nötig, dass Frauen endlich in Film und Buch auch andere Rollen besetzen können – ich denke da zum Beispiel an die „alte Weise“.
      Solange der „Geschlechterblick“ immer noch nicht als normale Kategorie der Wahrnehmung gilt, ist das allerdings wohl leider nicht zu erwarten.

  2. Apropos Niveau & Filmemacherinnen
    Catherine Newmark und Heike-Melba Fendel haben zurecht die haltlosen Positionen Bodo Römers ins Visier genommen und korrigiert. Jutta Brückners Klage um die Versandung des ‚Frauenfilms‘ in der vorwiegend interesselosen Rezeption und Achtlosigkeit eines Publikums, das goutiert, was es will, verdient ernsthaftere Auseinandersetzung.
    Das Verächtlichmachen eines wichtigen Cinemas als „derartiges Politkino“ erinnert an Herabwürdigungen, die Helma Sanders-Brahms‘ „Geliebte Clara“ erfuhr, als diesem um Kunst und Krankheit bemühten Film vorgeworfen wurde, er ‚kranke‘ nicht nur an seiner statischen Kamera, sondern besonders an der Fehlbesetzung des Robert Schumann. Das ginge ja noch als etwas zu vehemente Kritik. Aber dann ein schwer nachvollziehbarer Defizitnachweis: „Trotz der gewohnt leise und nuanciert agierenden Hauptdarstellerin vermitteln sich so weder nachvollziehbar Gefühle noch Wucht noch Lebensrausch.“ ‚Gefühl, Wucht, Lebensrausch.‘ War da nicht noch etwas mehr an menschlicher Existenz, des Kinos würdig?
    Gedenken wir Helma Sanders-Brahms als Teil dieses (avantgardistischen) deutschen (Frauen)films. Ihr „Deutschland, bleiche Mutter“, für extrem subjektiv gehalten wegen der maßlosen Verquickung des Persönlichen und Politischen bleibt eine Tiefensonde in das ‚immer was zwischen Männern und Frauen‘, wie’s M.L. Fleißer uns nahe brachte. Die von Zeitgenossen bevorzugten Knüller und die Selbstzufriedenheit damit werden sicher verknallen oder auch nur glanzlos verschwinden im Laufe der Zeit. Das Andre, an dem HS-B mitgearbeitet hat, wird bleiben in unbequemen Denkmälern künstlerischer Anstrengungen in widrigen Zeiten. Jutta Brückner Dank, das nochmals ins Bewusstsein gehoben zu haben und Helma Sanders-Brahms sei nachgerufen Achtung und liebender Respekt.

  3. Wo bleibt die Kritik des Patriarchats?
    Dennoch möchte ich annehmen, dass es so etwas wie den „weiblichen Blick“ gibt, nur ist der eben auch nicht immer der ein und derselbe. Auch dieser ist abhängig von Habitus und Klassenzugehörigkeit, sprich: Sozialisation und Interesse. Und die 68er Bewegung mag im Lichte der weiteren Geschichte betrachtet, nehmen wir da die (wenigen) befreienden Elemente der dieser dann folgenden Popkultur, den Frauen genutzt haben, soweit wir sie auf eine sexuelle Revolution -http://blog.herold-binsack.eu/2013/09/die-sexuelle-ausbeutung-und-unterdrueckung-ist-von-der-klassenunterdrueckung-nicht-zu-trennen/ – kaprizieren, doch gemacht wurde sie hauptsächlich von Männern. Und gerade am Fall Fassbinder lässt sich nachvollziehen, wie selbst der klarste Blick auf die deutsche Gesellschaft das Patriarchat nicht in Frage stellt; und woran Fassbinder persönlich dann auch gescheitert ist. Sein Versuch die „Macht des Juden“ am Beispiel eines bekannten Frankfurter Juden als Stück auf die Bühne zu bekommen, scheiterte eben nicht nur an dessen sprichwörtlichen Macht, sondern viel mehr noch an der falschen Perspektive, die sich mit einer antisemitisch aufgeladenen Kapitalismuskritik zwangsläufig einstellt. Entgegen alle Versuche ihn zu rechtfertigen (siehe: http://www.dieterwunderlich.de/Fassbinder_mull_stadt_tod.htm, letzter Zugriff: 05.06.2014), behaupte ich, dass es sehr wohl Antisemitismus – http://blog.herold-binsack.eu/2011/06/der-antisemitismus-existiert-nicht-nur-als-„keule“/ – ist, wenn man die Kapitalismuskritik am Beispiel „des Juden“ als Skandal sozusagen betreibt. In Frankfurt herrscht das Kapital, wie im Rest der Welt; und das ist kein „Skandal“, sondern die, wenn auch zu kritisierende, Realität. Und diese Herrschaft ist weder religiös, noch national, noch „rassisch“ konnotiert. Diese Art von Kapitalismuskritik spiegelt lediglich die (männlich konnotierte) Konkurrenz unter den Kapitalisten wider, wie im Übrigen jede theologisch inspirierte Religionskritik dies tut.
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    Es blieb dann Frank Zappa vorbehalten, den Niedergang der Popkultur lakonisch zu konstatieren und damit auch das Ende der sexuellen Befreiung, die mit dieser eine Zeit lang einherging. So befände sich der Popmusiker, jetzt mal aus dem Gedächtnis zitiert, die Hälfte seiner Zeit beim Frisör und die andere Hälfte im Filmstudio – zwecks Erstellung von Videoclips, lästerte er. Und diese Kritik kennzeichnet gewissermaßen auch den Niedergang des Films. Geprägt von den Interessen der Marketingindustrie, will heißen: von den Interessen der Manipulation der Massen, gerade in Bezug auf die Einflussnahme auf das „Unbewusste“ (oder „Halbbewusste“, wie Sie zutreffend erkennen) verliert der Film seine Bedeutung. Und so wie die Werbung zunehmend ohne Text auskommt, so der Film ohne seine bis dahin enthaltene explizite Propaganda. Selbst die interessantesten Filme erscheinen einem sinnlos, wenn die gesellschaftliche Relevanz des Themas und damit das Subjekt als geleugnete Realitäten in Erscheinung treten. Wie will man zum Beispiel die Geschlechterdifferenzierung behandeln, wenn man den zunehmenden Kampf der Geschlechter nicht thematisiert, und damit die Evidenz des Patriarchats – eben nicht nur im Orient? Dass Krimis so an Bedeutung gewinnen, ich erlebe das selber an meinem gewachsenen Interesse an diesem Genre, liegt sicherlich auch daran, dass die darin gebotene Propaganda noch eine Angriffsfläche bietet.
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    Letztlich sind wir innerhalb einer bürgerlichen Gesellschaft geblieben, daran hat sich die ganze bisherige Geschichte, nicht nur die der 68er, nutzlos abgewirtschaftet; und daher bleibt auch das Patriarchat bestehen. Gleich wie sehr man dies auch durch Gender-Mainstream-Semantik und dergleichen zu beschönigen sucht.
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    Ja schlimmer noch: Wir erleben gerade, wie die letzten Bastionen eines bürgerlichen Feminismus in den reaktionärsten Kreisen dieser Gesellschaft Einlass finden. Schauen wir uns nur den Schulterschluss des Schwarzer-Netzwerkes mit den sog. Jakobinern – http://blog.herold-binsack.eu/2013/11/das-jakobinertum-der-gerontokraten/ – (zu der auch ein Sarrazin gehört) nur an. Von der Kriegermutter von der Leyen – http://blog.herold-binsack.eu/2014/06/die-symbiotische-beziehung-zwischen-mutti-und-volk-scheint-gefaehrdet/ – mal ganz abgesehen.
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    In Deutschland herrschen die Konservativen, gleich wie sozialdemokratisch deren Rhetorik auch sein mag. Und wer den „weiblichen Blick“ auf die Gesellschaft will, muss den bürgerlichen – diesen konservativen – bekämpfen, gleich ob dieser in männlicher oder in weiblicher Verkleidung daher kommt. Und dies bleibt immer eine Kritik des Patriarchats – http://blog.herold-binsack.eu/2011/06/nur-so-ware-das-patriarchat-vielleicht-noch-zu-retten/.

    • Langer bedenkenswerter 'Artikel' (von Herold Binsack)
      1. Der ‚weibliche Blick‘ ist vor allem ein Konstrukt der feministischen Sicht und sonderte eine Ästhetik und gesellschaftskritische, antipatriarchalische Einstellung aus, die eine Gegensicht und Gegengeschichte vertrat/vertritt, keineswegs in allem einheitlich und von allen Beteiligten gleichermaßen vertreten/praktiziert. Auf den (Frauen-)film bezogen, durchaus oft eine nicht-männliche Perspektive und Ästhetik, z.B. bei Helma Sanders-Brahms, Jutta Brückner, Helge Sander, Margarethe von Trotts u.a.

      2. Fassbinder, der groß(artig)-geniale Vereinfacher missgriff sich am „Müll“, weil zu sehr in der
      Fahrbahn des alten Nazi-Klischees vom ‚Finanzjuden.‘ Da war der Vorwurf des Antisemitischen schnell zur Hand. (In „Veronika Voss“ hat F. in dem Altenpaar, das in Treblinka war, das Jüdische anders dargestellt, jedenfalls nicht als „Müll.“) – Das ‚Kapital‘ ist nicht monolithisch. Nicht aller Kapitalismus ist gefräßig. Auch die ‚freie Marktwirtschaft‘, die sich als fähiger erwiesen hat als alles Staatsdirigistische, ist ‚kapitalistisch‘, jedoch wohl gezähmter, obwohl nicht immun gegen Exzesse.

      3. Popkultur und Krimis. Beides spricht (auch intelligente) Unterhaltungsbedürfnisse an, sind oft anti-etablierte Kulturprodukte mit eigenen Freiräumen. Die Popmusik ist so vielgestaltig, dass sich Gesellschafts-Affirmatives sich bunt mit Aufmüpfigem mischt. Grundtendenz des Krimis: spannungsgeladene, (irgendwie analytisch-intelligente) Aufklärung von Kriminalem, Verstößen,Vergehen, Verbrechen. Aus der Märchenecke in die moderne Gesellschaftsrealität geholt, wo das Kriminelle auch eine gewisse Attraktivität besitzt, vom Schlitzohrigen zum Psychopathischen und Brutalen. Eine ungöttliche Form der menschlichen Hybris.

      4. Die ‚bürgerliche Gesellschaft‘: was das mal historisch war, davon sind nur noch Reste vorhanden. Aber negative Machtstrukturen, das Patriarchalische, weil an männliches Herrschaftsgebaren gebunden (es gibt auch, verhältnismäßig weniger oft und fatal in den Auswirkungen, weibliches Herrschaftsdenken/verhalten, als vielleicht schiefes Beispiel nur eines: M. Thatcher), ist zäh im Überleben, leider, auch wenn der ‚bürgerliche‘ Gesellschaftskontext im Schwinden ist.

      5. Es gab schon immer Feminismen, also Aufteilungen in verschiedene Richtungen. Und was Alice Schwarzer verritt/tut, ist oft kontrovers, nicht nur aus männlicher Sicht.

      6. ‚In D. herrschen die Konservativen.‘ Das ist wohl Ansichtssache, vor allem wenn man die Große Koalition als reinen Konservativenbund versteht. Bei FAZ-Foristen findet sich oft ein Pauschalisieren und sogar Politikverdrossenheit bzw. Unmut gegenüber der jeweiligen Regierung, die die Verhältnisse in D. etwas sehr schwarzmalen. Trifft Heines „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ noch in dem Maße auf das heutige zu wie damals auf das preußisch dominierte? Immerhin ist die Parteienlandschaft aufgefächert und Alternativen lassen sich neu gründen, auch wenn diese letzte Alternative mir politisch nicht zusagt.

      7. Zurück zu Jutta Brückner und die grad verstorbene Helma Sanders-Brahms. Beide gehören einem wichtigen Teil des inzwischen historisch gewordenen neuen deutschen Kinos an, der nicht nur gesellschaftskritisch, feministisch und kreativ war, sondern auf der Suche nach Utopischem in der Kunst, dem Kino, der Gesellschaft und vor allem in den menschlichen Beziehungen, nicht zuletzt im Verhältnis zwischen den Geschlechtern. – „Deutschland, bleiche Mutter“ von H S-B, nach einer poetischen Metapher von Brecht, war eine große filmische Klage über eine unlebbare, gewalttätige Zeit, durchaus aus weiblicher Sicht, und es wäre wichtig, dass solche Werke in Erinnerung bleiben, auch wenn die Geschichte sich weiterentwickelt hat.

      Ihnen Dank, dass Sie sich so ausführlich geäußert und zum Nachdenken angeregt haben.

  4. Der weibliche Blick
    Liebe Jutta Brückner,
    ich stimme Dir uneingeschränkt zu, wenn Du sagst:
    „Was diese erste Generation von Regisseurinnen geschaffen hat, verdient es, wieder ins allgemeine Bewusstsein gehoben zu werden.“ Die Frage, warum die weiblichen Filme -anders als die männlichen Autorenfilme dieser Zeit- weitgehend in Vergessenheit geraten sind, beantwortest Du so: „Das Etikett “Frauenfilm”, das unseren Filmen Aufmerksamkeit gesichert hatte, ist für die Betroffenen zu schnell zu einer Zwangsjacke geworden. Wir waren unterschiedlich, wurden aber als monolithische Einheit gesehen.“
    Hier möchte ich hinzufügen, dass diese Zwangsjacke nicht nur von außen kam. Wir verpassten sie uns auch selber, um einen Zusammenhalt zu suggerieren. Wir nannten uns Filmarbeiterinnen und versuchten uns in einer Solidarität, für die es nur männliche Traditionen gab. So gerieten wir rasch in die eingefahrenen Muster von Neid, Mißtrauen und uraltem weiblichem Selbsthass, der sich in Ausgrenzung und Konkurrenzverhalten äußerte.

    Was war das Gemeinsame?
    Anders als in anderen europäischen Ländern war in Deutschland der emanzipatorische Aufbruch nach dem ersten Weltkrieg durch die Heim und Herd Ideologie des Faschismus gekappt worden. Einem erneuten kurzen weiblichen Aufbruch in den wilden Zeiten des Zusammenbruchs folgte die „bleierne“ Restauration der Fünfziger („Deutschland bleiche Mutter“ von Helma Sanders- Brahms). Die Filmemacherinnen der siebziger und achtziger Jahre waren noch vom Mutterbild der „Nur-Hausfrau“ geprägt und brauchten viel Kraft, um sich nicht nur aus diesem Sog herauszuziehen, sondern sich auch noch von der männlich dominierten Achtundsechziger Revolte abzusetzen. („Redupers, die allseitig reduzierte Persönlichkeit“ von Helke Sander).

    Wer es schaffte im renommierten FILMVERLAG DER AUTOREN verliehen zu werden, hatte es mit Männern zu tun, die Frauen ganz ungeniert in „Alte“ oder Püppis“ unterteilten. Wenn Frau sich dagegen wehrte galt sie als humorlos und verbissen. Doch da lauerte nicht nur der männliche Spott für die Emanzen, da lauerte auf der anderen Seite auch die Unduldsamkeit der Frauen untereinander. Das ererbte schlechte Selbstwertgefühl äußerte sich in Abgrenzungen.

    Wer gehörte dazu und wer nicht? Musste, wer ein Kind hatte nicht mindestens alleinerziehend sein? War eine Filmemacherin mit Ehemann ernst zu nehmen? Konnte sie, abgesichert wie sie war, überhaupt einen relevanten weiblichen Blick haben? Auch der ökonomische Erfolg aus eigener Kraft war suspekt. Waren Senderaufträge nicht ein Beweis für kompromisslerische Angepasstheit ans männlich dominierte System?

    Du schreibst weiter: „Männer konnten tausend Blicke auf die Welt werfen, es waren ihre individuellen und unverwechselbaren. Aber jeder Blick einer Frau wurde zum “weiblichen” erklärt und damit war die Neugier auf das, was Frauen noch zu erzählen hatten, auch schon erledigt.“

    Ich fürchte, zur Erledigung haben wir auch selber mit unseren Grabenkämpfen beigetragen. Das soll kein Vorwurf sein. Wir konnten damals nur so weit sein wie wir waren. Aber muss das auch den heutigen Blick noch beschränken?
    Die Frage ist doch: Ist es uns heute möglich, zumindest retrospektiv eine Akzeptanz für unsere Unterschiedlichkeit aufzubringen und den darin enthaltenen Reichtum zu sehen?

    Es gehört zur weiblichen Überlebenskunst, dass wir auch loslassen können, dass wir andere Wege gehen können, wenn der Gegenwind zu stark wird. Nur einige von uns sind als Filmemacherinnen im Rampenlicht geblieben (was nicht heißt, dass die es leicht gehabt hätten) viele haben beim Fernsehen ihr Brot verdient, sind Dozentinnen oder Professorinnen geworden, haben für den Hörfunk gearbeitet, Romane geschrieben oder sind ins Privatleben abgetaucht und haben sich mit Jobs über Wasser gehalten.

    Sind wir (die wir noch leben) heute so weit, uns neu zusammen zu tun und dafür zu sorgen, dass der unterschiedliche weibliche Blick dieser Pioniergeneration von Filmemacherinnen in angemessener Weise ins nationale Bewusstsein gehoben wird? Können wir retrospektiv unsere Gemeinsamkeit neu definieren?

    Können wir uns jetzt neu zusammen tun, damit unsere Filme ihren historischen Stellenwert bekommen und ähnlich gut zugänglich gemacht werden wie die männlichen Filme dieser Zeit?
    Da nur wenige Frauen ihre Filme auch selber produziert haben, kommen die meisten nicht mal an die Kopien ihrer Filme, selbst wenn die Urheberrechte (Autoren- und Regierechte) wieder bei ihnen liegen. Als Einzelkämpferin hat Frau da wenig Chancen. Wie wäre es, wenn wir zunächst mal eine Bestandsaufnahme machen, welche Filme in welcher Form zugänglich sind? Welche Filme wo gezeigt werden oder welche Hindernisse sich auftürmen, wenn sie gezeigt werden sollen?
    Dorothea Neukirchen

    PS: Diese Überlegungen erscheinen auch in der black box.

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