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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Probt Brasilien noch einmal die Diktatur oder: Wie viele Eigentore schießt das Land mit seiner WM?

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Die teuersten Spiele im größten Fußballland der Welt, Präsidentschaftswahlen im Herbst und die Erinnerung an die Diktatur vor 50 Jahren. Wie geht das zusammen? Das Jahr 2014 birgt eine hochexplosive Mischung für Brasilien. Vielleicht liegt aber genau darin seine größte Chance? Ein Blick hinter die Kulissen.

Eine Familie in einer der Abriss-Favelas in Rio de Janeiro trotzt dem Hype um die WM

 

 

 

 

 

 

Nur noch 3.180 Minuten bis zum Anpfiff! Ronaldo kann es »kaum noch erwarten«, hört man. Und Dilma Rousseff, seit 2011 Brasiliens Staatspräsidentin, wird trotz immer heftigerer Proteste nicht müde, die Wichtigkeit der WM für ihr Land zu betonen: Sportevents als dankbares Vehikel, um den eigenen Aufstieg in unverhohlenem Größenwahn zu demonstrieren, und umso lauter von den wirklichen Dringlichkeiten des Landes abzulenken, – da ist sie nicht die Erste. 5,569 Milliarden Reais (8,5 Milliarden Euro) lässt sich Brasilien diese elitäre Image-Pflege kosten, mehr als die in Deutschland (2006) und Südafrika (2010) ausgerichteten Weltmeisterschaften zusammen.

Doch dieses gigantische Werbespektakel wird für die brasilianische Regierung immer mehr zum Bumerang. Wenn selbst Fußball-Ikonen wie Rivelino in den brasilianischen Medien beklagen, dass bei diesen Spielen jemand vergessen wurde, und auch Pelé sich jetzt wirklich »Sorgen, große Sorgen« macht, fragt man sich: Für wen sind diese Spiele in Brasilien eigentlich gedacht?

Im symbolträchtigen Stadion Maracanã, der brasilianischen Volksarena in Rio de Janeiro, in dem über Jahrzehnte soziale Unterschiede für die Dauer einer Spielzeit vergessen waren, warten jetzt unter anderem verglaste VIP-Logen mit Bad, Bar, Terrasse und speziellen Zufahrtsrampen auf die internationalen Fußball-Touristen. Selbst die billigsten Eintrittskarten zu 80 Reais (knapp 30 Euro) können sich viele Brasilianer, für die ihr Maracanã immer auch ein ausgelagertes Wohnzimmer war, nun nicht mehr leisten. »Die Stadien sind gebaut, es wurden Milliarden dafür ausgegeben. Nun muss nur noch das Land um sie herum geschaffen werden«, bringt es Denis Neves, Aktivist und Mitglied der Favela-Protestbewegung »Roncinha sem Fronteiras«, auf den Punkt und outet damit den absurden Zustand eines Landes, das sich im Schnelldurchlauf in die Zukunft befindet, dabei aber den Bezug zu seiner Realität verloren zu haben scheint.

Ich unterhalte mich mit Adela (79), einer ehemaligen Fabrikarbeiterin und Favela-Bewohnerin. Auch sie fühlt sich bei dieser WM wie im Exil. Im Maracanã, wo sie mit ihrer Familie früher ganze Wochenenden verbrachte, hat sie jetzt Angst, sich zu verlaufen oder vielleicht nicht mal mehr einen Blick auf den Ball zu erwischen. Stattdessen möchte sie demnächst lieber mal mit der neuen Seilbahn, die ihnen seit Kurzem über den Köpfen schwebt, bis auf einen der nächsten Hügel fahren. »Eine großartige Aussicht« soll man da oben haben, hat man ihr gesagt. Was man genau von dort aus sehen wird, kann sich Adela nicht wirklich vorstellen. »In Alemão leben glückliche Menschen« steht auf den Kabinen. Sie fragt mich, ob man diese glücklichen Menschen dann vielleicht von dort oben sieht oder noch besser: etwa selbst durch irgendein Wunder als glücklicher Mensch aus der Kabine steigt.

Selbst Touristik-Unternehmen bieten inzwischen Pakete an, in denen eine Fahrt mit der »Armen-Seilbahn« sowie ein Spaziergang durch die Favelas als attraktives Ausflugsziel angepriesen wird.

Auch sonst verspricht Brasilien den Fußball-Freunden aus aller Welt: »Offene Arme, absoluten Komfort und Sicherheit.« Für diese vierwöchige Gastfreundschaft im Fußball-Paradies mussten allerdings eine viertel Million Brasilianer im eigenen Land Platz machen. Sie wurden kurzerhand zwangsumgesiedelt, um die Zonen rund um die Stadien für die illustren Fußballgäste »zumutbar« zu machen. Zwölf viel zu große Stadien werden nach dem 13. Juli in die Zukunft gähnen.

»Wir sind vorbereitet, damit sich die Weltmeisterschaft ohne Bedrohungen der öffentlichen Ordnung entwickelt«, versichert Rousseff inzwischen immer nervöser. Die größten Sicherheitsausgaben der WM-Geschichte lassen das brasilianische Sport-Spektakel allerdings immer mehr zu einer militärischen Besatzung werden.

Unendlich viele Sondergesetze wurden kurzerhand für die WM verabschiedet und bereits bei den Demonstrationen im Vorfeld brutalst angewendet. Gleichzeitig gewährten diese der Fifa und den WM-Sponsoren vollkommen ungerechtfertigte Privilegien, wie Steuerfreiheit, den immer gleichen brasilianischen Bauunternehmen die Zuschläge bei den »öffentlichen« Ausschreibungen und eine pragmatische »Vereinfachung« bei Umweltverträglichkeitsprüfungen im Rahmen der WM. Mit demokratischen Grundrechten hat das wenig zu tun.

Das »Land der Zukunft« will sich betont trotzig in die eigene Zukunft kicken, scheint es, ist dabei aber bis an die Zähne bewaffnet. Da ist es doch bemerkenswert, dass sich dieses Jahr in Brasilien auch der Militärputsch von 1964 jährt. Fünfzig Jahre danach steht die Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit in Brasilien, im Gegensatz zu Ländern wie Chile oder Argentinien, noch ganz am Anfang, was nicht zuletzt daran liegt, dass dort das Militär 1985 den Übergangsprozess der längsten Diktatur Lateinamerikas in die Demokratie eingeleitet hat, und deswegen jede Regierung bis heute erpressbar ist. Spürbar ist das nicht zuletzt in der jahrelangen Debatte um das vom Militär erzwungene, fatale Amnestie-Gesetz, das neben den Opfern auch die Täter der Diktatur bis heute juristisch schützt. Der Begriff der »bevormundeten Demokratie« (tutelary democracy) ist deswegen auch für Brasilien aktuell.

Dilma Rousseff, Tochter eines bulgarischen Kommunisten, ist selbst Folteropfer. Sie war es auch, die 2012 endlich eine erste nationale Wahrheitskommission ins Leben gerufen hat, die dieses Jahr ihren Bericht vorlegen soll. Dennoch beklagt Rosé Nogueira, Präsidentin der Menschenrechtsorganisation »Tortura Nunca Mais«, dass die meisten der ehemaligen Folterer bis heute hohe Ämter in Politik und Armee bekleiden, und nach wie vor keiner von ihnen gerichtlich belangt werden kann. So verwundert es nicht, dass auch der Polizeiapparat, der für die WM mit über 70.000 Mann zum Großteil aus dem Militär rekrutiert und aufgestockt wurde, jetzt nicht wirklich für einen deeskalierenden Umgang mit Gewalt vorbereitet und ausgebildet ist.

Vera Vidal, Psychologin und Vorreiterin in einem Pilotprojekt zur psychologischen Betreuung ehemaliger Folteropfer, und vor Kurzem Gast bei der deutsch-brasilianischen Veranstaltungsreihe »Nunca Mais« der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin, sieht es als eines der wichtigsten Ziele ihrer Arbeit, das jahrzehntelange Schweigen, das über den bezeichnenderweise »bleiern« genannten Jahren der Diktatur liegt, endlich zu brechen, und anzufangen, eine Erinnerungskultur in ihrem Land aufzubauen. Auch ihre Co-Referentin, Vera Karam de Queiri, Verfassungsrechtlerin und Mitglied der Wahrheitskommission in Paraná, spricht von einem Bewusstseinsprozess, der, ihrer Meinung nach, in Brasilien gerade erst einsetze.

Ich muss an Luiz Ruffatos flammende Rede (»Wir sind ein paradoxes Land«) zur Eröffnung der Buchmesse 2013 denken, in der er betonte, dass Brasilien – inzwischen siebtgrößte Wirtschaftsnation der Welt – weiterhin an dritter Stelle der Länder mit der größten sozialen Ungleichheit stehe; auch der unglaubliche Boom der letzten Jahre habe zwar unendlich viele neue Konsumenten, aber noch keine Bürger geschaffen.

Doch diese Konsumenten gehen statt ins Maracanã inzwischen auf die Straße, um den Staat zur Verantwortung zu ziehen, nicht zuletzt für eine Fifa-Besatzung, die sie alle viel zu teuer zu stehen kommt. Diesem Paradox muss sich auch Rousseff stellen, die als ehemalige Guerillera bei den nächsten Wahlen Anfang Oktober sicherlich nicht nur als (gescheiterte) Fußball-Präsidentin in Brasiliens Geschichte eingehen möchte. Auch sie wird sich erinnern müssen, warum sie vor 40 Jahren drei Wochen Folter und zwei Jahre Haft auf sich genommen hat.

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12 Lesermeinungen

  1. WM 2026
    2026 wird die WM am Nordkorea vergeben und die Grashalme werden aus vergoldetem Kunststoff nachgebaut. Warum Nordkorea? Weil man dort die Armen nicht teuer umsiedeln muss, sondern einfach erschiessen kann.

  2. In Brasilien noetigt mich die Demokratie
    sechs Schloesser zu oeffnen, um in meine Wohnung zu kommen, und die Schliessung dersselben sechs Schloesser, um Nachts ruhig schlafen zu koennen.
    1981 konnte ich mich in jener Diktatur tropischer Praegung relativ gefahrlos bewegen, waehrend heute, innerhalb von zehn Jahren, vier Raubueberfaelle zu beklagen sind.
    Es gibt ganz einfach keine Sicherheit in Brasilien mehr und es ist ein Land, in dem sich die „bandidos“ frei bewegen duerfen und der Buerger in einem grossem Knast lebt.
    Quem manda aqui, é a rua.

    Wer Geld hat und die endgueltig Nase voll, wandert aus, kauft sich im Ausland eine Immobilie, in Miami meinethalben, die einmal billiger als in Brasilien ist sowie professioneller gebaut; lebt von der in Brasilien sprudelnden Geldquelle und verwirklicht so seinen amerikanischen „Traum“.

    Die Opfer der Diktatur sind schrecklich, schrecklich aber auch die aktuell – sind es jaehrlich 20000 oder 40000? – Opfer von Gewalttaten werden.
    In der Tat befuerworten gefuehlte 60% der Normal-Brasilianer, offen oder nicht so offen, eine Militaerdiktatur, um endlich in Ruhe fuer ihre Familien sorgen zu koennen.
    Im uebrigen ist die Todestrafe im unbestreitbar toleranten Brasilien ausschliesslich deaktiviert.

    Es ist lachhaft, die begeisterten Reiseberichte von deutschen Aliens zu lesen: Ver-o-peso in Belem! Wie malerisch! Dass dann ein paar Strassen weiter ein versuchter Lynchmord am Gange ist, ist diesen Ausserirdischen mit etwas Geld in der Tasche nicht ersichtlich.
    Eines meiner Lieblingsthemen sind die geschmacklosen Favelabesuche deutscher Touristen. Nun scheint ja der deutsche Gutmensch dafuer bekannt zu sein, waehrend seines Aufenthaltes an solchen Orten eine Menge Armut, menschenunwuerdige Situationen, Skurrilitaeten – mit einem Worte: ein farbenfrohes Spektakel – ablichten zu wollen, um dann in der Heimat einer neugierigen Menge von Freunden und Bekannten Fotos zu praesentieren. Fotos, von denen ein Grossteil beweist, dass mit der Cam immer wieder Intimsphaeren verletzt wurden. Der Deutsche sieht nicht die feinen Grenzen, die es eigentlich zu respektieren gilt.

    Die Sicht von Reportern und Journalisten ist einmal von seinem Auftrag oder seinem Sendungsbewusstsein gepraegt und steht sehr oft im krassen Gegensatz zu der Empirie, die Millionen Betroffene in diesem Lande durchmachen muessen!
    Im uebrigen sehe nicht nur ich eine feine Verbindung von den gemachten Unruhen in Venezuela und den jetzigen „besorgten“ Berichten, in welche Richtung sich denn Brasil nun „hinbewegt“. Brasilien begehrenswerter Schatz ist Wasser (ouro branco) und die Willfaehrigkeit der Politiker, die jaehrlich – gegen gute Dollar – ihr Land immer weiter auszuverkaufen. Konzerne wie Nestlé, Monsantos und Co. wissen das zu schaetzen. Nimmt man hierzu den Fakt, dass um die Westspitze Brasiliens vier US-Militaerbasen stationiert sind und den Anspruch des Patriot-Act, der „berechtigt“ einzuschreiten, sollte sich in Brasilien eine „linksgerichtete“ Regierung etablieren, dann ist es verstaendlich, dass kritische Brasilianer Alarm schlagen.
    Anmerkung: Die Bedrohung Boliviens um 2010 wurde ersteinmal dahingehend abgewendet, dass fast alle – natuerlich ausser Kolumbien – Schulterschluss gegen die USA uebten.

    Exército voltará…vielleicht die Notbremse in einem Land, in dem eine entsetzliche Menge von Jugendlichen nur noch ihren Sinn in Drogengeschaeften und Drogenmissbrauch sieht. Woher diese „Mode“ kommt, sollte von Journalisten doch einmal bitte kritischst hinterfragt werden.
    Man sagt ja der hiesigen Regierung nach, dass sie sehr effizient ihr Volk „verwaltet“; eine Unmenge von Feiertagen und Verguenstigungen beweist dies. Es scheint jedoch eine Grenze erreicht zu sein und man kann fast sagen, dass das Experiment gescheitert ist.

    Bedeutende Verbesserungen – auch von Dilma angeregt und angeordnet – scheitern am Unwillen der „Mafia“. So kommt es, dass die Infrastruktur bleibt wie sie ist und die Kabelknaeuel an den Strassenseiten immer verworrenere Gebilde werden. An alle Favelatouristen: unbedingt fotografieren! Moeglichst auffaellig, vor allen Anwesenden!

    • @ J. Franke
      Insgesamt ein guter Kommentar, ich möchte aber einige Anmerkungen dazu machen:
      1. Brasilien ist ein riesiges Land, die Zustände sind je nach Region sehr unterschiedlich – ich vermute, Sie leben in São Paulo oder Rio; ich lebe seit knapp 5 Jahren im Süden und habe – glücklicherweise – noch keine Kriminalität unmittelbar erlebt (abgesehen von der Höhe der Steuern und Abgaben, die man auch als kriminell bezeichnen muss!). Das kann sich natürlich schon morgen ändern, aber die Verhältnisse unterscheiden sich sicher stark von denen weiter im Norden bzw. von denen in den großen Metropolen.
      2. Die Militärdiktatur wünschen sich nach meiner Erfahrung wirklich nur die wenigsten zurück, i.d.R. ältere Semester – und die meisten davon auch eher im Sinne von „früher war alles besser.“
      3. Ihre Besorgnis bzgl. Patriot Act: wenn die USA bis heute nicht eingeschritten sind, werden sie es auch nicht mehr – denn viel linksgerichteter als die aktuelle PT-Regierung geht ja fast nicht mehr… Auch außenpolitisch: Da werden aus Kuba „mais médicos“ importiert und über 70% des Gehalts nicht an diese Ärzte, sondern an das Kubanische Regime ausgezahlt (um nur ein Beispiel von vielen zu nennen).

      Trotz allem haben Sie natürlich Recht: bei der Bekämpfung der Kriminalität bleibt noch unglaublich viel zu tun, angefangen bei den sogenannten Eliten, die die Taschen nicht voll genug kriegen können und z.T. trotz Verurteilung fleißig weiter korrumpieren. Erst letzte Woche wurde wieder ein ehem. Richter (!), der wegen Veruntreuung von knapp 200 Millionen Reais im Gefängnis saß und der sich derzeit in rund 10 weiteren Fällen zu verantworten hat, aufgrund eines von Dilma verabschiedeten Amnestie-Gesetzes freigelassen.
      Bei solchen Vorbildern braucht sich niemand wundern, wenn die Jugend sich den Drogen und der Kriminalität verschreibt…

    • Titel eingeben
      Sehr geehrter Herr Franke,
      Ich frage mich: Wer sind denn Ihrer Meinung nach „Normal“-Brasilianer: etwa nur die, die etwas zu verlieren haben und es hinter unendlich vielen Sicherheits-Schlössern wegsperren???

    • Die Normal-Brasilianer sind meine Nachbarn,
      die im Grós sehr viel mehr zu verlieren haben als ich, oder meine Ex-Schwiegemutter nebenan, die nichts zu verlieren hat und sich dennoch einbunkert. Die naechste Favela ist etwa 500 Meter entfernt.
      Ich haette nur eine aeltere und nicht allzu teure Kameraausruestung sowie eine externe Harddisk zu verlieren, auf der ueber 18000 Naturfotos aus dem Amazonas, dem Mata Atlantica, dem Rest Brasiliens, und vermehrt São Paulo und die Satellitenstaedte A, B, C, D gespeichert sind.
      Ich denke, dass die Kenntnis der Situation in SP und seine Satellitenstaedte eine gute Basis ergeben, auf der man sich Allgemeinurteile erlauben kann.
      Ich wollte Ihnen aber keinesfalls zu nahe treten; nur koennen persoenliche Erfahrungen nicht negiert werden und den Luxus, eigene Schluesse zu ziehen, habe ich mir schon immer geleistet.

      Zum Drugdealing: Hier verdienen viele mit, darum ist es auch so erfolgreich. Ausserdem ist es einfach.
      Ueber die „Evangelicos“ bin ab und zu in irgendwelche Favela-Projekte involviert…aber ich wollte mich hier keinesfalls rechtfertigen 😉

    • @Lothar Littger - Der etwas ruhigere Sueden Brasiliens.
      Interessant ist es in diesem Zusammenhang, dass Fan-Clubs in Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Parana – wohl nicht ganz ernst gemeint – eine Abloesung vom „verkommenen Rest“ wollen.
      Waehrend des zweiten Weltkrieges sah sich die Regierung deswegen gezwungen, einige Soldaten deutscher Nachfahren in den Nordosten strafzuversetzen, um weitere spassige Umtriebe zu unterdruecken.

      Auffallend ist, dass fast keine Nachfahren von Japanern unter den banditos zu finden sind. Die vielgeforderte bessere Erziehung von Kindern sollte bei den Eltern anfangen, denn mit vier Lebensjahren ist ein Kind endgueltig gepraegt. Dementsprechend fuehren wir auch die Gespraeche in den Favelas.

      Korruption:
      Cidinha Campos, Journalistin und etwas radikal, aber mit dem Mut einer Loewin ausgestattet, sagte es einmal drastisch vor „versammelter Mannschaft“: „Die Korruption liegt in unserer DNA.“
      Brasilien ist, wie es ist; eventuell ist es auch das portugiesische Erbe. Dieses melancholische Land, welches Brasilien ueber Jahrhunderte ausgebeutet hat, jaehrlich Milliarden von der EU erhaelt, wovon ein Teil jaehrlich wunderbarerweise im Nordosten Brasiliens verschwindet (Landkauf, Hotels) hat vor einigen Jahren eine neue „Goldmine“ entdeckt: Angola.

    • Sehr geehrte Frau Dvorák.
      Ich habe mich vielleicht nicht deutlich ausgedrueckt. Mit Normal-Brasilianer benenne ich die, die hier in dauernder Besorgnis vor der allgegenwaertigen Gewalt leben. So wird das etwas deutlicher.

      Bei mir gibt es nun wirklich nicht mehr viel zu holen (nur bei der versuchten Wegnahme meiner Fotosammlung wuerde ich vielleicht doch eine Dummheit begehen), und die sechs Schloesser, die mal mit sechs, dann wieder mit zwei Schluesseln betaetigt werden koennen 😉 dienen der Praevention.

      Das Leben in Brasilien ist nur eine schoene Illusion, schon immer gewesen. Man passt sich an und ueberlebt, und manchmal auch nicht schlecht. Wenn nur die Gewalt nicht waere.

    • Sehr geehrter Herr Franke, ich denke, die Problematik liegt doch schon in einer behaupteten Unterscheidung von: „Normal“ und „Nicht-Normal“ ….. – die Kategorie/bzw. Zuschreibung ist als solche fragwürdig, wenig hilfreich und natürlich auch anmaßend: Nach welchen Mass-Stäben messen Sie die „Normalität“ Ihrer Mitbürger, Nachbarn etc.? – Natürlich sollte man sich in diesem Kontext in aller erster Linie erstmal Gedanken machen über die Ursachen der Gewalt, bzw. nachhaltige Möglichkeiten der Gewalt-Deeskalation, -Prävention.

    • Verehrte Frau Dvorák.
      Ich aergere mich mich etwas, dieses Wort „Normal-Brasilianer“ benutzt zu haben, aber geschrieben ist geschrieben und Sie sind schon auf der richtigen Spur.

      Selbstverstaendlich mache ich mir Gedanken ueber die Ursachen der Gewalt, schliesslich ist sie allgegenwaertig und ich versuche, mitzuhelfen. Jedenfalls da wo es vielleicht moeglich ist.
      Anfaenglich oefter etwas unwillig, aber es gibt Situationen hier im Umfeld, die einem in der Seele weh tun.
      Zusammenkuenfte gibt es nicht nur mit eigentlich verlorenen Kindern, die ihrer alten Mutter auch noch die kleine Rente wegnehmen, oder dem wirklich Ausgestossenen, der nach dem jahrelangem Knast und Drogenmissbrauch kein Bein mehr auf die Erde bekommt, mit ueberforderten Muettern, sondern auch mit einigen commandantes de favela, die darauf bedacht sind, keine fremden Banditen – von denen die groesste Gefahr ausgeht – in ihrem Bereich zuzulassen und deswegen oefter mit der Polizei zusammen agieren.
      Ich stehe einem evangelico beiseite – ehemaliger Geschaeftsfuehrer einer Bank – mit seinem kleinen Netzwerk aus ihm bekannten Polizisten, Pastoren, Aerzten und anderen hilfreichen Geistern, die ebenfalls bestrebt sind, Schwachen zu helfen und Probleme zu loesen. Der Gespraechsaufwand ist enorm. Die aufzubringende Geduld versiegt aber nie – Brasilien eben.
      Weiterhin bestehen Verbindungen zu Sportvereinen mit denen ab und an kleinere festinhas organisiert werden, um den Kindern etwas Ablenkung zu bieten.

      Praevention? Hier ist ersteinmal jeder selbst gefragt in seinem eigenen Verhalten und Vorbereitungen.
      Jetzt wird es aber auch politisch. Und hier ist es hilfreicher, zu schweigen oder nur in den Foren zu schreiben, um keinem in die Quere zu kommen.

  3. treffende Beobachtungen
    in einem schön lesbaren Text festgehalten. Danke, guter Beitrag!

  4. Hoffnung!
    Hoffnung und zwar darauf, dass die Menschen Blatter und seine Mitmafiosi aus dem Land jagen. Bei derartig vielen enteigneten müßte es doch genug Freude von Handfesten Argumenten geben.

  5. Orwell
    könnte jetztr einen Roman unter dem Titel „Fußball-1984“ schreiben.

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