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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Gypsy Lifestyle

| 18 Lesermeinungen

Warum die Klischeebilder von "Zigeunerinnen" und "Zigeunern" in der Popindustrie alles andere als harmlos sind.

© Dokumentationszentrum dt. Sinti und RomaDenkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gaby zum Beispiel. Sie ist Fotografin und berichtet auf ihrem Blog „Gypsy Diaries“ von ihren aufregenden Reisen quer durch Europa. Sie bezeichnet sich selbst als “modern Gypsy”, weil sie 20-mal umgezogen ist und in fünf verschiedenen Ländern gelebt hat. Die Besucher/innen ihres Blogs beneiden sie für ihr lässiges „Gypsy-Leben” und wären auch selbst gern so frei, unabhängig und sexy wie ein “Gypsy”.
Ein Lifestyle, den auch die Frauen in der US-amerikanischen scripted reality-TV-Serie „My Big Fat American Gypsy Wedding“ verkörpern. Dort werden die vermeintlichen „Gypsies“ von den Machern dazu instrumentalisiert, jedes nur erdenkliche Klischee zu erfüllen: Die Männer sind ungehobelte Machos, streitsüchtig, prollig und saufen, und die Frauen sind heiße Bräute im Minirock, mit tiefen Ausschnitten und Highheels, die sich von ihren Männern unterdrücken lassen.

Oder Lady Gaga. Auch sie fühlt sich als “Gypsy“ und verkündete kürzlich: ”Ich habe diesen Song geschrieben, als ich um die ganze Welt reiste. Man sagt, dass ein Gypsy keine Heimat hätte, aber ich habe immer ein Zuhause bei euch.” Doch höchst wahrscheinlich hatten weder Lady Gaga noch die anderen “Hobby-Gypsies” je eine reale Begegnung mit Sinti und Roma.

Es ist so viel leichter und massentauglicher, die gängigen Vorurteile gegen „Zigeuner“ zu bedienen als verantwortungsvoll mit Menschen und deren kulturellen Erbe umzugehen, deren Vergangenheit nicht von Romantik, sondern von der Bewältigung eines harten Lebens geprägt war.

Weit ab von der Realität existiert also eine Parallelwelt, in der die “Gypsy-Industrie” das “Zigeunerthema” ausschlachtet. Sie verfälscht die Kultur und reproduziert Klischees und Stereotypen, die schlimmsten Falls zum Feindbild stilisiert werden. Ein Feindbild, das Rassisten wiederum als Vorlage für Hetzparolen gegen Sinti und Roma aufgreifen. Wer sich aber gegen diesen oft verharmlosten “Positiv-Rassismus“ auflehnt, wird meist belächelt.

So auch “Mr. Wort zum Sonntag ”, Peter Hahne, der sich in seinem Buch “Rettet das Zigeunerschnitzel” über Political Correctness empört und Begriffe wie „Zigeunerschnitzel“ und „Negerkuss“ bedroht sieht. Dabei lässt der selbstgefällige Bildzeitungs-Publizist mit der sanften Stimme völlig außer Acht, dass an die 500 000 Sinti und Roma in der Nazi-Zeit unter diesem Begriff verhaftet und vergast worden sind.

Sinti und Roma sind auch heute noch regelmäßig verbalen und körperlichen Angriffen ausgesetzt. Von der Gesellschaft und manchen Politikern werden sie bestenfalls geduldet, aber nur selten erwünscht. Obwohl gerade deutsche Sinti schon seit 600 Jahren in diesem Land leben, werden sie nicht als gleichberechtigte Deutsche behandelt, sondern als Fremdkörper wahrgenommen.

Die Hemmschwelle der Gewaltbereitschaft der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Minderheiten sinkt –  das belegt das Ergebnis der letzten Europawahl. Nicht nur in Ländern wie Ungarn und der Tschechoslowakei wird gezielt und erfolgreich gegen Roma und auch Sinti gehetzt. Feindbilder, die von rechtsradikalen Parteien wie UPIK, Jobbik, Front National, NPD, AFD gegenüber Sinti und Roma verbreitet werden, finden ihren Weg vielerorts in die Mitte der Gesellschaft. Die traditionsbewussten “Vaterlands-Beschützer” tragen ihre braune Gesinnung heutzutage unter dem Businessanzug, und Marine Le Pen eben unter der weißen Bluse. Das Saubermann/-frau Image kommt bei den Leuten besser an.

Wer die Realität über Sinti und Roma erfahren möchte, wird sie also jenseits von Popkultur, Lifestyle-Blogs, Tarotkarten und Karnevalskostümen suchen müssen. Etwa in einem Einfamilienhäuschen, wo die Sinti Familie zusammen frühstückt, in der Uni, in der eine junge Romni mit ihren Kommilitoninnen im Hörsaal sitzt, oder in den Fußgängerzonen, in denen Roma-Kinder Saxofon spielen, während ihre Mütter betteln und aus den Mülleimern Pfandflaschen herausfischen, um ein paar Euro für das tägliche Leben zu sichern. Ein Leben, das in erster Linie eines ist: hart und gefährlich.

Laut der neuen „Mitte-Studie“ der Leipziger Universität sind Roma und Sinti extremen Stigmatisierungen ausgesetzt. 55,9 Prozent aller Deutschen halten Angehörige dieser Minderheit für kriminell, 47,1 Prozent möchten, dass sie aus den Innenstädten ganz verschwinden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass gerade die Frauen und Männer der älteren Sinti und Roma-Generation ihre Identität als Sinti/zi und Roma/nia verleugnen, um im Beruf erfolgreich oder nicht entlassen zu werden.

Es gibt aber auch noch eine andere, erfreuliche Realität. Denn die erste Akademiker-Generation dieser Minderheit etabliert sich inzwischen in höheren beruflichen Positionen und Ämtern, und es gibt immer mehr junge Menschen, die selbstbewusst zu ihrer Herkunft stehen. Menschen wie die Romni Soraya Post von der schwedischen “Feministischen Initiative” zum Beispiel. Sie zieht mit 5,3 Prozent in das Europäische Parlament ein. Ihren Erfolg bei den Wählern wertet sie als Zeichen gegen die menschenverachtende Rhetorik der Rechtspopulisten. Als Tochter eines Juden und einer Romni hat sie am eigenen Leib gespürt, wie es ist, als Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden. Neben mehr Schutz für Minderheiten und Antirassismus setzt sie sich auch für die Gleichstellung und Einführung der Frauenquote ein. Denn für Soraya Post beinhaltet ein Kampf für Gleichberechtigung einer Minderheit den Feminismus ohnehin, da jeder Mensch den gleichen Wert hat: unabhängig von Abstammung und Geschlecht.

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18 Lesermeinungen

  1. Stereotypen und die Unverletzlichkeit des Individuums:Utopie und Realität.
    verblüfft sollte ein jeder sein können wie oft (täglich) Stereotypen verwendet werden(ohne irgendeiner spefizischen Absicht ).
    Und Ferienzeit:das Pittoresken zum Vergnügen ,dazu braucht man unerlässlich Stereotypen.
    Die Würde des Menschen und ihrer Deutung kann keinerlei Freizeitcharakter haben,aber hat es manchmal.
    Meiner Frust sei immer noch nicht verflüchtigt.Schwer zu schaffen und deprimierend immer wieder
    die Karikature zu entlarven(eine Jude..,oder Halbjude…..,oder die Zigeuner……)und zu kommentieren( solange französiche „Vols de Nuit „kein europäisches Entsetzen hervorbrachte,wie gleichfalls heute die rechtspopulistischen EuroPolitiker!!)Stattdessen ein gewisse Akzeptanz,bei genauerem Hinsehen nur Lässigkeit : schwer verständlich.(?)Aber erfreulicherweise gibt es immer hoffnungvolle Berichterstattungen(Zeitungen usw.)…und MENSCHEN gegen „StereotypKonsumverhalten“.!!

  2. Der (gesellschafts-)evolutionäre "Qualweg", zu einer humanen Ratio-(Vernunft-)"Qual"ität...
    zu gelangen, ist das/die „Problem=Qual“ der Menschheit insgesamt.
    Dieser „Qual-itätsmangel“, „Gütemangel“, ist Ursache aller Welt-Probleme.
    Erst wenn eine genügende Menge Menschen ihr Gut, nämlich Intelligenz und Emotion,
    das ja „Basis“ der Vernunft ist, gezielt zu einer „Human-Güte“, „Human“Qual“ität“
    ausbilden, kann alles Elend gezielt einem Ende entgegen gehen…über Generationen.
    Die Güte des Mensch-Gut „Both=Intelligenz/Emotion“, ist „Humangüte“ entscheidend.
    Es fehlt gezielte Vernunftbildung, gezielte Humanbildung weltweit.
    „Nur“ auf besonders schmerzliche Einzelgruppenprobleme, Einzelgesellschaftsprobleme
    aufmerksam machen und Humanität fordern reicht nicht.
    Es ist ein „Menschheit“ Qualitätstandproblem, das nur durch weltweit gezielte Bildung
    und vor allem Bildungsausgleich behoben werden kann.
    Auch das Internet ist für Bildungsausgleich, gleiche Vernunft-Güte(Qual-ität) nutzbar.
    Der Anfang braucht wohl seine Zeit…meine persönliche „Wahr(heit)-nehmung“ der „Welt“
    und dies ist mein Beitrag zu Ihrem Beitrag:=)

    MfG
    W.H.

    P.S. …das „GUT“ „BOTH“ = das „BÖSE“…wenn „BOTH“(Intelligenz/Emotion)GÜTE-mangel?!

    • Gut und böse
      sind dualistische Begriffe, die den eigenen Standpunkt eigener Artefakte falsifizieren. Ein menschliche Interpretation der Wirklichkeit, die auf unzureichenden Kausalitätsmodellen beruht.

    • danke für den Hinweis:=)
      Ich wollte mehr auf die „Lautgleichheit“ und vielleicht? Entstehungsverwandschaft
      aufmerksam machen, zum nachdenken, nicht nur über „Worte“ sondern auch
      über „Laute“ und „Verwandschaft“ nachzudenken, denn die Worte die wir denken sind
      letztendlich Laute. Oder denken Sie in „Buchstaben“?:=)
      Und mein P.S. nicht soooo ernst auslegen…das hat mich erschreckt:=)

      Das ganze Universum basiert auf Dualität und das ist ein „tiefes Nachdenkfeld“
      in dem ich schon Jahre persönliche „Forschung“ betreibe.
      Die Komplexität aller möglichen dualen Zusammenhänge ist mir bekannt
      und ich werde „Achtsamkeit“ walten lassen:=)

      LG
      W.H.

    • soooo
      Dann sind Sie also ein Dualist. Dualistischbuddhistische Gespräche führen wir – also.

    • ...eins noch liebe kinky So...
      der landläufige Begriff vom „Bösen“ wird von mir in Frage gestellt, deshalb Fragezeichen für
      den Leser und erkennen das „Vernunftqualitätmangel“ die Ursache für das
      ist, was landläufig als Tat oder Fluch des „Bösen“ bezeichnet wird.
      Weiterhin besteht bei Ihnen vielleicht ein Problem mit dem Begriff das „Gut“
      und das „Gute“, ich bin mir nicht sicher, aber aus meinem Gesamt-Text ist eigentlich zu
      erkennen das ich vom „Gut“ und nicht vom „Guten“ schreibe.
      …es besteht auch die Möglichkeit daß Sie Gut und Böse unabhängig von meinem Text
      erklären wollten, dann hat sich meine Antwort erledigt.

      LG
      W.H.

    • ...
      Meine Gut-und-böse-Anmerkung war eine Weiterführung Ihrer Gedanken, keine Korrektur.
      Mir fiel im Nachhinein auf, dass es sich lehrmeisterlich liest. Da war keine Absicht einer Richtigstellung, sondern lediglich eine Erweiterung mittels meiner Philosophie, die buddhistisch ist. Ich erwähnte das, weil man dann den Kontext besser einzuordnen weiß.

    • Sorry...
      ich habe es komplett mißverstanden, weil ich über gut und böse und Dualität, Dualismus
      gar nicht schreiben wollte. Ich hab’s nicht „gerafft“:=)

    • ...
      Und ich habe es nicht „gerafft“, es so zu schreiben, dass das erkenntlich war. Daher lag es an mir. Und da Sie schreiben, Sie hätten es nicht gerafft, bedanke ich mich für Ihre Höflichkeit und Liebenswürdigkeit.
      .
      Vielleicht habe Sie das woanders gelesen, Herr Hennig. Ich bin immer noch massiv von Arcade Fire beeindruckt. Ich kannte die Band bis vorgestern nicht. Der Song Reflektor hat mich fast umgeblasen. Extrem tanzbar, das Ganze.

    • Extrem tanzbar, das Ganze.
      Hm….extrem tanzbar…umblasen…ja…unbekannt bis vorgestern, nein…
      Somethin‘ Else, Eddie Cochran…
      Rock’n Roll, Led Zeppelin…
      Tallahassie Lassie, Fleetwood Mac…
      Natural Born Boogie, Humble Pie…
      New Orleans, Ian Gillan…
      Love runs out, One Republic

      …liegt wohl am Alter, nichts Unbekanntes mehr, was mich tanzbar extrem umbläst:=)

  3. ...
    Sprache ist zu weiten Teilen Stereotypisierung. Sie vereinfacht den Denkvorgang, indem sie ihn schnell mit Worten ausstaffiert. Achtsamkeit kann das verhindern.

  4. Klischeefreie Popindustrie wäre wie 0 prozentiger Käse - verzehrbar, aber völlig geschmacklos ...
    Eines kann man sicher vorhersagen – für jedes „überwundene“ Klischee wächst ein neues nach. Ob das dann besser ist, wird uns kurze Zeit nach seiner Verbreitung auch ein Blogger/ Twitterer/ Artikler/ Buchschreiber/ Sänger etc. usw. mitteilen.

    Und immer mit dem Sound maximaler moralischer Empörung.

    Gruss,
    Thorsten Haupts,
    Deutscher, Bellizist und Spiessbürger – und damit das Ziel gaaaanz vieler Klischees

    • Verantwortungsvoll mit einer Kultur der am meisten diskriminiertesten Minderheit Europas umzugehen wäre also zu langweilig und hätte sogar neue Klischees
      zur Folge…macht irgendwie keinen Sinn!

    • Gibt's dafür eine Erklärung, Frau Reinhardt?
      „55,9 Prozent aller Deutschen halten Angehörige dieser Minderheit für kriminell, 47,1 Prozent möchten, dass sie aus den Innenstädten ganz verschwinden.“

      – außer, daß 55,9 Prozent der Deutschen Rassisten und unverbesserliche Nazis sind…?

  5. ...
    Man brennt gemeinsam durch und wenn man wiederkommt wissen die Eltern, dass man verheiratet ist.
    Das ist schon wildromantisch. Ich weiß so wenig darüber. In der Camarque wohnte ich mal einem Fest bei, mir war es etwas zu sehr Folklore, was aber vermutlich am Rahmen lag. Ich denke nicht, dass eine uralte Kultur, die eine schwarze Madonna verehrt, Kunst und Natur liebt, sich auf irgendetwas Banales begrenzen lässt.

  6. AfD als "rechtsradikale Partei"
    „Feindbilder, die von rechtsradikalen Parteien wie UPIK, Jobbik, Front National, NPD, AFD gegenüber Sinti und Roma verbreitet werden, finden ihren Weg vielerorts in die Mitte der Gesellschaft.“

    Schönes Feindbild, das Sie da haben, Frau Reinhard.
    Und immer feste druff auf die Minderheiten von 7 %…

    • Ich denke, die Zahlen sprechen für sich. Ich wollte damit aber nicht behaupten, dass alle Menschen in Deutschland Rassisten sind.
      Für diejenigen die ­antziganistische, antisemitische und überhaupt rassistische Wertvorstellungen teilen oder gar unterstützen,
      kann und will ich beim besten Willen keine Sympathie aufbringen. Wäre auch ein bisschen viel verlangt …

  7. Klischeebilderprobleme
    Wer die notwendige Fähigkeit des Gehirns, nämlich „Klischeebilderstellung“(Mustererkennung?!,
    „gesellschaftlich/persönlich“ unreif, unachtsam nutzt, erhält als Antwort „Klischeebildprobleme“,
    Gesellschaftsprobleme. Ein Status-Quo-Spiegel-Resultat der Gesellschaft(en)-Vernunft-Bildung.

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