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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Leben anders: Ein Spaziergang durch Bnei Brak, die israelische Hauptstadt der Orthodoxie

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„Schmarotzer“ werden sie von den säkularen Israelis abschätzig genannt: die Ultra-Orthodoxen. Sie seien faul und schmutzig, vermehrten sich maßlos und profitierten von den Steuergeldern der Arbeitenden. Weite Teile der Charedim leben unterhalb der Armutsgrenze. Sie warten nicht auf Rettung durch das Sozialamt. Sie helfen sich gegenseitig.

© Ruth Kinet„Mama, Du hast uns Huhn zum Shabbat versprochen!!“ – Häuschen für Lebensmittel- und Geldspenden in Bnei Brak

Armut steht in unserer westlich-kapitalistischen Welt für Chancenlosigkeit, und Chancenlosigkeit steht für soziale Isolation. Wer in unserer Welt arm ist, ist gewissermaßen lebendig begraben. Er zieht Nummern in Ämtern, bekommt schwer verständliche Behördenpost und, wenn er Glück hat, anonyme Überweisungen auf sein Konto. Aber unsere Welt ist nur eine von vielen möglichen Welten. Das habe ich vor ein paar Tagen einmal mehr erlebt. Bei einem Streifzug durch Bnei Brak, eine Vorstadt von Tel Aviv mit knapp 180.000 Einwohnern, von denen nahezu 95 Prozent streng religiös leben, also Charedim sind, Gottesfürchtige. Hierzulande werden sie gemeinhin mit dem Etikett „ultra-orthodox“ bedacht, was sie in die Fundamentalismus-Ecke abschiebt und zu einem monolithischen Block zusammenschmilzt. Das ist unpräzise und hält einer näheren Betrachtung nicht stand.

Vor ein paar Tagen zog ich mit Eli Raful durch Bnei Brak. Eli ist 24, in Bnei Brak aufgewachsen und war bis vor zwei Jahren Student der Ponovezh Jeshiwa, einer der renommiertesten Talmudschulen der Welt. Ponovezh ist das Princeton der Litauer. Die Litauer sind eine der Hauptströmungen im charedischen Judentum. Vor dem Holocaust hatten sie ihr Zentrum in Wilna, der litauischen Hauptstadt. Eli ist in Bnei Brak geboren, er hat sechs Geschwister. Vor zwei Jahren hat er eine dramatische Entscheidung getroffen: Er hat sein Studium an der Ponovezh Jeshiwa abgebrochen und ist aus Bnei Brak und der Wohnung seiner Eltern ausgezogen. Jetzt lebt er in einer Wohngemeinschaft in Jerusalem, jobbt als Kellner in einem Festsaal für Hochzeiten und Bar Mitzwas und manchmal verdient er sich ein bisschen Geld als Chazan dazu, als Vorsänger in einer Reformsynagoge. Eli hat Glück: Seine Eltern sprechen noch mit ihm. Sie sind traurig über die Entscheidung ihres Sohnes, der ein glänzender und viel versprechender Talmudschüler war, aber sie lassen ihn nicht im Stich.

Vor ein paar Tagen also hat Eli mich mitgenommen in die Straßen seiner Kindheit, hat mir gezeigt, wo die Praxis seines Kinderarztes war und wo ihm seine Mutter nach dem Arztbesuch süße Rugelach gekauft hat, kleine Hörnchen mit Schoko-Nuss-Füllung. Er hat mir die Straßenszenen vorgelesen wie einen Text. „Sieh’ mal, der da, er ist der Sohn des Rabbiners X, und wenn er jetzt mitten am Tag hier herumläuft, dann bedeutet das, dass er gerade…“. Das Straßenbild in Bnei Brak ist codiert. Ein säkularer Mensch steht ihm gegenüber wie ein Analphabet einer Schriftrolle. Eli war mein Decoder.

Bnei Brak gilt als eine der ärmsten Städte Israels. Aber die Menschen sind geschäftig und gut vernetzt. Von Verwahrlosung ist zumindest auf den ersten Blick nichts zu sehen. Viele Einwohner von Bnei Brak leben am Existenzminimum, aber sie passen nicht zum westlichen Bild von Armut, das Schamgefühle und soziale Isolation mit sich bringt. Ihr Leben hat eine strenge äußere Form, und die charedische Gemeinschaft fängt die Schwächsten auf. „Im Volk Israel ist einer für den anderen verantwortlich“, steht auf einem Plakat, das an einen Pfahl in der Innenstadt von Bnei Brak geheftet ist. Es zitiert ein rabbinisches Gebot. Die Straßen von Bnei Brak sind von Kästen gesäumt, in die man Geld- und Essensspenden werfen kann. „100% Zdaka“ heißt es in großen gelben Lettern auf einem der Kästen: „Du kannst sicher sein: 100% Wohltätigkeit für bedürftige Familien“. Die Zdaka, die Wohltätigkeit, ist ein göttliches Gebot. „Öffne deine Hand deinem Bruder“, heißt es etwa in „Dwarim“, dem 5. Buch Moses.

Der überwiegende Teil der säkularen israelischen Gesellschaft hasst die Charedim. Sie seien „Parasiten“, wird immer wieder gesagt, „Schmarotzer“, die ihnen, den arbeitenden Steuerzahlern, auf der Tasche lägen und den lieben langen Tag nichts täten als Thora und Talmud zu studieren. Dabei haben Erhebungen des israelischen Amtes für Statistik belegt, dass 55 Prozent der charedischen Frauen arbeiten, viele in Teilzeit, und auch 42 Prozent der charedischen Männer einer Erwerbsarbeit nachgehen. Die charedische Mehrheitsgesellschaft entwickelt sich langsam auf die säkulare israelische Gesellschaft zu. „Einen schleichenden Prozess der Israelisiserung“ nennt der charedische Comedian und Journalist Kobi Arieli das. Längst raten streng religiöse Rabbiner den weniger am Talmud Interessierten unter ihren Schülern, arbeiten zu gehen anstatt in der Jeshiwa Kaffe zu kochen. Aber wenn die charedischen Schulen nicht gleichziehen mit den nationalreligiösen und säkularen Schulen in Israel, dann werden viele zehntausend charedischer Jugendlicher auf dem israelischen Arbeitsmarkt niemals eine Chance haben. Denn sie lernen kein Englisch, kaum Mathematik und dürfen keine Computer benutzen. Sie haben Anspruch auf Bildung jenseits des Studiums von Thora und Talmud. Nur durch Beschäftigung können sie der Mittellosigkeit auf Dauer entrinnen. Im Moment aber leben drei Viertel der charedischen Kinder unterhalb der Armutsgrenze. Eine charedische Familie hat im Durchschnitt acht Kinder, eine säkulare Familie knapp drei. Jedes dritte israelische Kind unter 18 ist charedisch.

Eidel kennt viele solcher Kinder. Sie ist die Tante von Eli und hat ein Schmuckgeschäft auf der Haupteinkaufsstraße von Bnei Brak. Man muss klingeln, wenn man rein will. Eidel ist 58 und sieht aus wie 45. Sie hat sieben Kinder, das Jüngste ist 16, das Älteste 34. Sie erzählt von einer überfüllten Drei-Zimmer-Wohnung, in der 13 Kinder mit ihren Eltern leben, und von einer anderen Familie, die in einem Bunker ohne Fenster, ohne Küche und ohne Badezimmer lebte. Wenn sie von einer Familie in Not hört, geht sie hin und handelt. Sie sammelt Spenden, organisiert Ärzte, Psychologen, Wohnungen, Essen, Möbel. Sie wartet nicht auf staatlich geprüfte Sozialarbeiter, bevor sie hilft.

„Es ist keine Sünde arm zu sein“, sagte mir der chassidische Gelehrte Maoz Kahana ein paar Tage nach meinem Besuch in Bnei Brak bei einem Gespräch in der Jerusalemer Nationalbibliothek. Kahana lehrt Geschichte des Judentums an der Universität Tel Aviv. „Aber es ist auch kein göttliches Gebot reich zu sein.“ Es sei weder schlimm, arm zu sein, noch sei es schlimm, reich zu sein. „Es geht darum, was Du daraus machst. Es ist keine Schande, um eine wohltätige Spende zu bitten. Der, der darum bittet, ist nicht weniger ehrenwert als der, der gibt.“ Maoz Kahana will den Staat nicht aus seiner Verantwortung für die Bildungs- und Sozialpolitik entlassen. Aber er sieht auch die Gemeinschaft und jeden Einzelnen in der Verantwortung, den Bedürftigen zu helfen.

In Bnei Brak gibt es mehrere tausend G’machim, Werke der Barmherzigkeit. Jeder, der anderen etwas geben kann, eröffnet ein G’mach. Wer ein Hochzeitskleid braucht, geht zu einem G’mach und bekommt eins umsonst. Jeder Bedürftige hat irgendetwas, was er geben kann. Und seien es nur Schnuller oder Arbis, einen schlichten Kichererbsen-Snack, den man der Familie serviert, wenn ein Kind geboren wurde. „Jeder Schnuller zählt genauso viel wie eine Spende von 10.000 Dollar“, sagt Maoz Kahana. Vielleicht ist es diese tief verankerte Ethik des Gebens, selbst in der Not, die den Armen von Bnei Brak die Würde von Wohltätern verleiht.

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2 Lesermeinungen

  1. Eine erfreuliche Beobachtungsgabe oder immer weiter Lernen
    Dann wird klar,dass alles,was sie achtsam und engagiert mit sich herumtragen einer Kraft ihrer Überzeugung reflektiert über sämtliche Zweifel erhoben trotz
    Mankos und Mängel .
    Aber da gibt es nichts Hässliches. …

    vielen Dank ein derartigen Artikel in der FAZ.

  2. Druck erzeugt Gemeinschaft. Dass existentieller ökonomischer Druck ebenso wie politischer
    Menschen einfach deshalb näher zusammenführt, weil das persönliche Netzwerk aus Familie, Freunden und Bekannten (über)lebenswichtig wird, daran werden sich auch viele Ostdeutsche noch erinnern, selbst wenn es bei ihnen „nur“ politischer Druck war.

    Daraus lernen oder etwas für völlig anders aufgestellte Gesellschaften kann man nicht, weil die Verhältnisse, unter denen dieser Gemeinschaftssinn entsteht, weder ein politisches noch ein ökonomisches Ziel einer Gesellschaft sein können. Weshalb solche Berichte zwar interessant sein können, aber mehr unter folkloritischen als unter anderen Gesichtspunkten.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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