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Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Nicht in meinem Namen

| 23 Lesermeinungen

Die Verteidigung des französischen Vollschleierverbots durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte sendet die falsche Botschaft für das Zusammenleben zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten.

Als weiße Europäerin mit feministischem Selbstverständnis widerfährt mir ein Schauder beim Anblick von Burka- oder Niqabträgerinnen. Viele habe ich bisher noch nicht live gesehen, vielleicht zwei oder drei in Berlin Neukölln – aber die schwarze, stumme Gestalt, gleich einem Gespenst, das die Frau als das „Andere“ markiert, erschreckt mich. Doch von nun an ist es zulässig, die bedeckte Muslimin davon abzuhalten, mir einen Schreck einzujagen.

Pinkes Fahrrad

Denn letzte Woche verteidigte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, das 2010 von der französischen Nationalversammlung erlassene Niqab-Verbot als rechtens gegen eine muslimische Klägerin. Der französische Staat begründete das Verbot mit der Wahrung der Geschlechtergleichheit, der öffentlichen Sicherheit und der Menschenwürde. Doch die ausschlaggebende Rolle für das jetzige Urteil spielte das Argument, die Burka würde die in Europa geltenden Normen des Zusammenlebens verletzen. „Einzelne Bürger“, so der Gerichtshof, könnten es ablehnen, im  „öffentlichen Raum Praktiken oder Haltungen zu sehen“, die den „bestehenden Konsens“ über das Gemeinschaftsleben infrage stellen.

Das Urteil schützt also mich. Diejenige, die sich durch den Anblick der Verschleierten verstört fühlt. Es soll mein Gerechtigkeitsempfinden schützen, basierend auf dem hiesigen gesellschaftlichen Konsens. Die Sitte der europäischen Mehrheit, die durch die Vermummung offenbar verletzt wird. Kann ich nun beruhigt sein? Als Feministin zufrieden, da der Unterdrückerstoff nicht mehr sichtbar ist?

Absurd scheint zunächst, dass hier die „Opfer des Patriarchats“ selbst kriminalisiert werden, in dem sie sich als Burkaträgerinnen im öffentlichen Raum strafbar machen. Bezeichnenderweise bewegt sich in einer ähnlichen Logik auch die Debatte um das schwedische Sexkaufverbot – auch dort sollen Frauen „befreit“ werden, indem das, was sie tun illegal wird. So unterschiedlich diese beiden Gruppen „Sexarbeiterinnen“ und „Burkaträgerinnen“ auch sein mögen, sie verkörpern beide ein abweichendes weibliches Verhalten gegenüber unserem Gemeinsinn. Dass die Burka vielleicht freiwillig getragen und der Sex vielleicht freiwillig verkauft wird, wird nicht ernst genommen. Denn aus unserer westlichen moralischen Wertesicht heraus kann in beiden Fällen nur Zwang im Spiel sein, worauf hin sich ein Staat veranlasst fühlt, durchzugreifen. Um den Frauen ihre Freiheiten anzuerziehen.

Mit meiner Niqab

Das Zusammenleben wird nicht einfacher mit Illegalisierten, warnen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International bereits. Sie fürchten, durch das Verbot werden kulturelle Ressentiments und Gräben vertieft und die ohnehin bestehende Distanz und Isolierung von verschleierten Frauen – ob mit Kopftuch, Niqab oder Burka – gegenüber der Mehrheitsgesellschaft durch weitere Diskriminierung vergrößert. Nicht zuletzt, weil es eine sehr kleine Zahl von Menschen betrifft, ist es ein Spaltungsakt, der sich schließlich als kontraproduktiv erweisen könnte.

So scheint das Verbot weder für die betroffenen Frauen, noch für das gemeinsame Zusammenleben förderlich zu sein – wird es aber stattdessen meinem feministischen Anspruch gerecht? Wohl kaum. Die Straßen werden lediglich von muslimischen Zeichen des Patriarchats gesäubert; gleichzeitig bleiben wir blind gegenüber Sexismus in der medialen Öffentlichkeit oder dem allgegenwärtigen  Schönheitsimperativ, dem sich die meisten von uns zwischen Freiwilligkeit und Zwang (ähnlich wie die Schleiertragenden) unterwerfen. Wir projizieren also lediglich unsere eigenen ungelösten Widersprüche auf die Lebensweisen von Minderheiten und tragen sie auf dem Rücken migrantischer und damit ohnehin benachteiligter Frauen aus.

Diese Doppelmoral, die die Frauenfrage für die jeweils opportunen Interessen instrumentalisiert, steht bezeichnenderweise in einer imperialen und kolonialen Tradition. Militärische Interventionen oder restriktive Migrationspolitiken werden gerne mit dem Schleierdiskurs begründet – und das bereits seit dem 17. Jahrhundert. Im Zuge des Wunsches der Europäer nach politischer und kultureller Einflussnahme in den Kolonien stellte die weibliche Vermummung ein widerständiges Hindernis dar. So schreibt der französische Kolonialismuskritiker Franz Fanon 1959 in Dying Colonialism: „Die Frau, die sieht, ohne gesehen zu werden, frustriert den Kolonialisten. Es gibt keine Gegenseitigkeit. Sie ergibt sich nicht, sie gibt sich nicht hin, und sie bietet sich nicht an.“

Wenn Gesetze die Normen und den Konsens des Zusammenlebens einer Gesellschaft widerspiegeln, bleibt festzustellen, dass das Vollschleierverbot im heutigen Europa ein gesellschaftliches Klima bestätigt, in welchem rechtspopulistische Parteien, die Ratlosigkeit vor wachsenden Migrationsströmen, Islamophobie und Xenophobie im Aufschwung sind – und die jahrelange Arbeit mit interkulturellen Ansätzen untergraben.

Mit Tante Normie

Und wer schützt mich vor so einem Konsens rassistischer Ressentiments? Schließlich sind Menschen- und Grundrechte auch dafür da, das Recht von Minderheiten zu schützen, selbst wenn der Gemeinsinn sie anstössig findet. Die Richter scheinen ein schweres politisches Klima gespürt zu haben. Es ist bizarr, dass hier der Wahrung von moralischen und politischen Stimmungen so ein großes Gewicht zugesprochen wurde, sodass dabei die theoretisch universellen Grund- und Menschenrechte weniger wiegen. Der Islamische Zentralrat der Schweiz warnt zurecht davor, dass „auf der gleichen Grundlage nicht nur der Gesichtsschleier, sondern praktisch jede öffentlich wahrnehmbare Praxis oder Haltung – sofern jene nicht in die Schnittmenge des Wertekonsens einer Gesellschaft passt – staatlich eingeschränkt werden kann“. So könnte ab jetzt in den entsprechenden Ländern staatlich repressiv gegen Homosexuelle vorgegangen werden, weil ihre dort als sündhaft empfundene Liebespraktiken dem mehrheitsfähigen homosexuell feindlichen Wertekanon widersprechen.

Ein Gemeinsinn, der Minderheiten und das Recht auf abweichendes Verhalten verletzt, ist nicht in meinem Interesse. Meine Kritik gegen den Vollschleier würde ich gerne mit Musliminnen in Europa diskutieren – einer feministischen Methode folgend, die die Betroffenen sprechen lässt, denn sie sind stets die Expertinnen ihrer selbst. Aber von der Legitimierung des Verbots zugunsten eines neuen fremdenfeindlichen europäischen Konsenses, der meiner sein soll, möchte ich mich distanzieren: nicht in meinem Namen.

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23 Lesermeinungen

  1. Kann man gleichzeitig für und gegen etwas sein? Kann man ...
    Für alle, die sich wirklich liberalen Grundsätzen verpflichtet fühlen, ist das Burkaverbot eigfentlich unerträglich. Es verstösst gegen den liberalen Grundsatz Nummer 1, dass in freien Gesellschaften alles erlaubt sein muss, was andere nicht direkt und offensichtlich schädigt.

    Nur ist das eben nicht der einzige, in allen existierenden Gesellschaften nicht einmal der handlungsleitende Grundsatz. Wir verbieten oder begrenzen alles mögliche, von der freien Meinungsäusserung (Holocaustleugnung) über Drogen bis hin zum Motorradfahren ohne Helm.

    Und da die Burka (auch) eine Bekenntnisform ist, die zu einem politischen Islam, kann man ein Verbot sehr wohl aus dem Grundsatz „keine Freiheit für die Feinde der Freiheit“ begründen. Denn eines steht ausser Zweifel – der politische Islam ist ein einhundertprozentiger, entschieden fanatischer und gemeingefährlicher Gegner jeder auch nur ansatzweise liberalen Gesellschaft.

    Es gibt also gute, grundsätzliche Gründe sowohl für die Ablehnung als auch für die Befürwqortung des Burkaverbotes. Und da ich mich nicht entscheiden kann, welcher Grundsatz in diesem Falle stärker zu Buche schlägt, folge ich einfach meinem Gefühl. Möchte ich wissentlich mit Menschen konfrontiert werden, die mich am ersten Tag ihrer Machtausübung einbuchten oder umbringen würden? Nein. Will ich mit wandelnden Kleiderständern reden? Nein. Muss ich mir das Trauerspiel von öffentlich sichtbarer Sklavenhaltung antun (die Autorin weiss schon, dass die meisten Burkaträgerinnen keineswegs eine abgewogene, intelligente und mündige Entscheidung getroffen habe). Nochmal nein.

    In Ihrem Namen nicht, aber in meinem!

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Lieber Herr Haupts, müssen wir Ihrer Logik zufolge dann nicht viel eher Kleidung der Marke Thor Steinar verbieten, weil die ausschließlich von bekennenden Verfassungsfeinden getragen wird, die man durchaus als gemeingefährlich und fanatisch bezeichnen kann? Die Burka ist immerhin auch ein traditionelles folkloristisches Kleidungsstück oder ein Bekenntnis zu Religion, nicht immer ein Bekenntnis zum politischen Islam. Viele Grüße Stefanie Lohaus

    • Was ändert Ihre - durchaus richtige - Antwort an den Grundsatzargumenten?
      Es gibt ebenso gute Gründe für wie gegen ein Verbot.

      Dass die Burka ein folkloristisches Kleidungsstück ist, hätte ich gerne belegt, bevorzugt an Beispielen vor der gewaltsamen Islamisierung einer Region.

      Dass sie ein Bekenntnis zur Religion ist, mag sein. Genauer, sie ist ein Bekenntnis zu einer bestimmten Spielart des Islam. Und die fällt für mich automatisch unter „politischer Islam“, weil diese Spielart (wie eigentlich alle heutigen Interpretationen des Islam) keine Trennung zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit kennt, ihr Geltungsanspruch ist allesumfassend, totalitär, frauenfeindlich, judenhassend, gewalttätig. Im Ergebnis – schlicht pervers!

      Ich verschärfe mal ein Argument, das ich eingangs gebracht habe: Nehmen wir an, ich würde das Burkatragen aus liberalen Grundsatzerwägungen heraus für zulässig halten (müssen). Dann ginge es mir damit wie mit der Holocaustleignung – mein Ekel vor den Trägern derartiger Überzeugungen ist grösser als meine Grundsatztreue.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Ja, ich denke auch, es gibt gute Gründe für und gegen ein Verbot. Das Dumme an Verbote ist eben, dass es kein entweder/oder gibt.

      Das folkloristische Kleidungsstück:
      Der Gesichtsschleier, die Niqab, ist aus der Beduinenkultur auf der Arabischen Halbinsel entstanden. Daraus wurde ein Begleidungsstück für Frauen und im Rahmen der Verbreitung des Islams die Verschleierung. Zum „Symbol des politischen Islams“, ein Schlagwort der jüngeren Geschichte, das eher in Zusammenhang mit der Revolution im Iran auftauchte, wird es dann später erst (der im Iran verbreitete Tschador lässt aber das Gesicht frei). Ich habe bei Flickr ein paar Bilder von der Verschleierung gefunden, Kuwait 1950. http://bit.ly/1jdsXFe. Denke nicht, dass man in Kuwait zu der Zeit von politischem Islam sprechen kann. Die Muslim Brüder gab es ja schon, aber soweit ich weiß nur in Ägypten. Auch gebe ich zu Bedenken mit, dass Formen der Bedeckung des Körpers und der Haare von Frauen in vielen Religionen Tradition haben. Nichtzuletzt die Nonnen und Diakonissen …

    • Habe ernsthafte Zweifel an Ihrer Islam-Argumentation, Ihre Burka-Historie akzeptiere ich
      erst einmal.

      Der Islam war in all seinen arabischen Varianten niemals unpolitisch, weil er nicht unpolitisch sein konnte. Der Koran – ich habe ihn vollständig auf der Festplatte – kennt keine Trennung zwischen religiöser und politischer Überzeugung, er ist im wahrsten Sinne des Wortes schon uninterpretiert und in seiner Urform totalitär.

      Das ist ja gerade die Schwierigkeit – in der Bibel gibt es einwandfrei Textstellen, die diese für moderne Gesellschaften unverzichtbare Trennung von privatem und öffentlichen Leben aktiv stützen, für den Islam muss man sie mühsam konstruieren und dabei einige explizit anderslautende Suren schlicht ignorieren.

      Gleiches gilt für den gewalttätigen Inhalt. In der Bibel, im Alten Testament, kann man einige indirekte Aufforderungen bzw. Rechtfertigungen für physische Gewalt finden, im Neuen keine mehr. Im Koran ruft eine ganze Reihe von Suren explizit, laut und unmissverständlich zu Diskrminierung, Mord und Vernichtung auf.

      Mit anderen Worten – das Aufkommen eines „politischen Islam“ in die Moderne zu verlegen ist nach meinem Verständnis einfach historisch falsch. Der arabische Islam war überhaupt niemals unpolitisch und es ist unmöglich, den Koran zu entpolitisieren. Ob und wieweit er jemals mit modernen Gesellschaften wirklich kompatibel zu machen ist, werden wir sehen. Wahrscheinlicher ist eher das allmähliche Verschwinden seiner Wirkungsmacht in den Köpfen von Leuten, die was Besseres zu tun bekommen, als nach dem Wiederaufleben des Kalifates zu streben. Das macht den Islam aber potentiell immer ebenso virulent wie geährlich, weil man einen Teil seiner Inhalte künstlich wegdefinieren muss.

    • Titel eingeben
      „Nichtzuletzt die Nonnen und Diakonissen …“

      Auch Köche tragen eine Mütze, Bäcker weiße Kleidung, in der Küche trägt man eine Schürze, Bauarbeiter haben Helme, Soldaten Uniformen, …und Richter, und Priester, und und und….
      Solch Berufsbekleidung (aus Tradition oder aus praktischen Gründen) mit der Burka zu vergleichen, ist, sorry: ganz schön daneben.

    • Ich bin keine Theologin und keine Orientalistin. Sie aber auch nicht: Dieser Orientalist hier behauotet das Gegenteil: „Der Koran ist, anders als die Bibel, kein Text über Gott, sondern Gott spricht im Koran in erster Person. Darum sei eine menschliche Interpretation notwendig. Der Koran gilt so als die Geschichte seiner eigenen Interpretation, Mohammed sei sein erster Interpret gewesen.“ http://www.falter.at/heureka/2013/06/orientalistik/
      Ist die Frage nicht eher, ob (zumindest die monotheistischen) Weltreligionen (also Judentum, Christentu, Islam) nicht immer politisch sind? Religion ist ja eben nicht der persönliche Glaube an etwas, sondern immer mit einem Wertekanon und einer Vorstellung vom richtigen und besseren Leben verbunden – und damit mit einem gesellschaftlichen Machtanspruch. Ich muss ja jetzt nicht mit der katholischen Kirche oder Evangelikalen in den USA (und in China) argumentieren, um Beispiele von politischem Christentum zu nennen.

      Ebenfalls möchte ich zu bedenken geben, dass in Syrien, Ägypten, etc. in erster Linie Muslime gegen Muslime kämpfen. Die Ungläubigen aus den eigenen Reihen wohl immer die Schlimmsten.

      Und natürlich gibt es im Islam liberale Strömungen, die darauf beharren, den Koran nicht wörtlich zu nehmen. Genau wie ich in meinem Konfirmationsunterricht gelernt habe, dass die Bibel nicht wörtlich zu nehmen ist. Und es gibt sehr viele Muslime, die sind in etwa so muslimisch wie ich christlich bin, als typisch durchschnittlich getaufte nicht-praktizierende Protestantin, die Weihnachten in die Kirche geht, für die Stimmung.

    • Das stimmt einfach überhaupt nicht. Sowohl Nonne als auch Diakonissen sind keine Berufe, sondern Frauen, die ein religiöses Bekenntnis abgegeben haben. Nonnen und Diakonissen können in verschiedenen Berufen arbeiten, z.B. im sozialen Bereich.

    • @Stefanie Lohaus: Ich bin auch weder Theologin noch Orientalistin
      Ihren Überlegungen möchte ich dennoch ein paar Gedanken gegenüberstellen:

      a) Wenn der Koran eine laufende Interpretation wäre, wie Sie zitieren, dann müsste er sich mit der Zeit (und den sich wandelnden Interpretationen) vom Wortlaut her verändern. Das passiert meines Wissens nach nicht.

      b) In Syrien und Ägypten gibt es Kämpfe zwischen Sunniten und Schiiten, allerdings kommen dort andere Religionen sehr wohl unter die Räder. In Ägypten werden die Kopten (ca. 10% der Bevölkerung) systematisch benachteiligt, in Syrien und im Irak sterben Christen so schnell, dass kaum noch welche da sind (zumindest im Irak, wie man aus dieser Zeitung erfahren konnte). Relativ zum Anteil an der Gesamtbevölkerung sterben mit Sicherheit mehr Christen als Muslime in diesem schaurigen Treiben.

      c) Wie viele, der von Ihnen erwähnten säkularisierten Muslimen tragen eine Ganzkörperverschleierung inkl. Gesichtsmaske?

      d) *Aus einem Wertekanon erwächst ein Machtanspruch, weil das Leben nach diesem Wertekanon als wertvoller betrachtet wird?* Diese Implikation halte ich für gewagt (und sie läßt sich nicht auf Kanons aus monotheistischen Religionen einschränken). Gerade das Judentum formuliert nur dort einen Machtanspruch, wo es mit dem Staat verbunden ist (also in Israel), in anderen Ländern habe ich von derartigen Machtansprüchen noch nichts gehört. Das Urchristentum hat ebenfalls keinen Machtanspruch formuliert („Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.“). Erst als römische Staatsreligion hat sich ein Machtanspruch entwickelt. Es scheint mir also nicht der Wertekanon, sondern die Verquickung mit dem Staatsapparat zu sein, aus der ein Machtanspruch und in dessen Folge Repression entsteht. Wenn dem nicht so wäre, dann würde jeglicher Wertekanon zu einem Machtanspruch und zu Unterdrückung führen und die plurale Gesellschaft könnte nie funktionieren, weil sich die Machtansprüche der unterschiedlichen Kanons durchaus in einzelnen Punkten antagonistisch gegenüberstehen können.

    • Ich sehe einen gewaltigen Unterschied zwischen einer Religion, die man verbiegen muss,
      Um sie gewalttätig zu interpretieren (Christentum). Und einer solchen, die man verbiegen muss, um sie friedlich zu interpretieren (Islam). Dass viele Millionen Muslime das dennoch tun, bewusst oder unbewusst, ist gar keine Frage.

      Das ändert nichts daran, dass Radikale im Koran selber genügend Stellen finden können, die ihnen als Rechtfertigung für ihr Handeln dienen. Und die sind explizit und offen – Mordaufrufe an Juden beispielsweise.

      Daran kann man sich als modern denkender Mensch vorbeimogeln, wie es die wenigen und ausschliesslich westlichen „liberalen“ Muslime tun. Damit sind sie nur in jeder Debatte automatisch im Nachteil. Logisch. Würde mir jemand erzählen, dass das Buch, das mein Leben bestimmt, „gelb“ meint, obwohl ich in mehreren Textstellen explizit und eindeutig „schwarz“ lesen kann, würde ich ihn auslachen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Die Aussage finde ich angesichts der ganzen christlichen Gewalt-Geschichte mit Inquisition, Hexenverfolgung, Kreuzzügen, 30-Jähriger Krieg etc. p.P wenig überzeugend. Wir könnten jetzt anfangen uns Koran-/Bibelzitate um die Ohren schmeißen. Ich habe da so eine Bibel auf der Festplatte. 😉 Wir können es aber auch lassen, weil ich glaube, dass es egal ist.
      Ich meine, dass letztendlich jede Überzeugung dafür missbraucht werden kann, Gewalt zu rechtfertigen. Islamisten sind ja schließlich auch überzeugt davon, dass ihre Lehre zu einer friedlichen, gerechteren, besseren und schöneren Welt für alle führen würde. Ich meine, das die Ursachen für Gewalt nie in Religion selbst begründet liegen, sondern in Unzufriedenheit mit gesellschaftlichen Verhältnissen, die von denen ausgenutzt werden, die nach Macht streben.

    • Man "kann" ganz sicher jede Ideologie missbrauchen, umso mehr solche mit absolutem Wahrheits-
      Anspruch wie Religionen. Und mir ist sehr wohl bekannt, welche Gräueltaten im Namen Christi vollbracht wurden.

      Aber selbst das verwischt den Unterschied nicht – Missbräuche finden immer unabhängig vom Inhalt (der Grundlagen) einer Ideologie statt. Was das Neue Testament angeht, sogar ausdrücklich gegen sie. Im Islam kann sich dieser Missbrauch dagegen auf eine Reihe expliziter Textstellen berufen.

      Wenn ich nicht fest davon überzeugt wäre, dass in einer säkularn Gesellschaft wie der deutschen irgndwann auch für Zuwanderer Religion keine entscheidende Rolle mehr spielen wird, müsste ich mich denen anschliessen, die den Koran wegen offensichtlicher Verfassungsfeindlichkeit verbieten wollen. Was zumindest mit dem Neuen Testament vollkommen unmöglich wäre.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Islam und Christentum Interpretationen verfehlen den Punkt

      Ich würde die religiöse Interpretationsfragen genau so sehen wie Stefanie Lohaus. Eine Religion als gewalttätiger als andere intepretieren zu wollen ist genau in die Fallen der Vorurteile zu fallen,die von beiden Seiten gepflegt werden „die sind doch so und so“. Es doch nicht um den Koran oder die Bibel, sondern darum, was die Gesellschaft damit macht. Das Christentum hatte auch unglaublich gewalttätige Zeiten, da war der Islam sehr friedlich im Gegensatz dazu. Es ist der politische Umgang mit Religion der wichtig ist und für mich ist die Frage nicht wie ich „deren Religion“ finde! Das steht mir nicht zu! Ich habe die Pflicht als Europäerin (zusammen mit dem Erbe des Kolonialismus) über MICH und MEINE Gesellschaft und ihre Probleme zu sprechen. Das Burkaverbot sagt viel mehr über UNSERE Lesart von Islam und Feminismus und UNSERE Gesellschaft. Darüber will, darf und muss ich reden. Wie die Araber und Afghanen unter welchen Umständen wie mit ihrer Gesellschaft umgehen, das würde ich lieber ihnen überlassen. Denn wir wissen aus der Einmischung des Kolonialismus, dass die missionarische (auch gerne aufklärerische) Geste zu Desastern für diese Geselslchaften und vor allem aber auch im Dienste von Interesse stand. Kurz ich finde es ignorant über den Islam zu philosophieren, wenn die eigene Gesellschaft hypokritisch ist – das zu zeigen ist viel mehr mein Interesse als über Länder des globalen Südens zu mutmaßen. Und noch kurz das als Position zum Kopftuch: Einer meiner Punkte in dem Artikel war klar herauszuarbeiten aus welcher Position ich spreche. Das ist eine methodische Herangehensweise zum Thema, die die Position impliziert, dass ich mir aus politischen Gründen eben nicht rausnehmen möchte und kann über den Schleier so zu urteilen, wie Leute, die näher an der islamischen Kultur sind. Das überlasse ich eben lieber ihnen. Wie dann genau und für was genau die Burka wann genau und vor allem Wo was bedeutet ist ein komplexes Thema und hängt von vielen Faktoren ab, die ich nicht überhistorisch und ohne Kontext diskutieren kann. Wie ich zu Burka stehe hängt vom Kontext ab (habe auch mal mit malaisiansichen Feministinnen gegen das Kopftuch demonstriert in Kuala Lumpur!). Der Kontext hier aber ist Europa, eine Mehrheitsgesellschaft, die auch eine patriarchale ist, dessen Problem bestimmt nicht der kleine Haufen Burkaträgerinnen, sondern vor allem das Umgehen mit Migrationspolitik und Fremdenfeindlichkeit (siehe Frankreich eben) und das Eintreten in eine neue Diskussion über das Zusammenleben in unseren multikulterellen Gesellschaften. Ich als Europäerin sehe nicht meine Pflicht darin über die Burka (wie schlecht, faschistoid, religiös etc) zu urteilen, sondern über das Urteil und was dieses symbolisiert, bedeutet und für Auswirkungen hat. Darüber bin ich angerufen und verofichtet was zu schreiben. Über die Burka zu reden ohne muslimische Frauen und ohne Kontext nehme ich mir nicht raus. Daher: die Position ist eine strategische und keine absolute zur Burka – weil beim Verbot geht es vielmehr um unsere Gesellschaft als um das Stück Stoff.

    • Womit sich ein Verbot ja eh erübrigen würde.

    • Das trifft sich prima, ich bin nämlich auch aus strategischen Gründen für das Burkaverbot.
      Unter anderem, um klarzumachen, dass sich Europa nicht noch einmal widerstandslos einer neu-alten Variante totalitärer Herrschaft in den Rachen schmeissen wird. Nach Faschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus jetzt Islamismus? Nicht in meinem Namen.

      Über „patriarchale“ Gesellschaften und „Fremdenfeindlichkeit“ will ich mich hier gar nicht mit Ihnen streiten, das ist Ihre ganz persönliche Sicht auf die Welt. Meine ist eine andere, meine Problemanalyse meiner Gesellschaft ebenso.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  2. Entsteht hier eine (neue) Minderheit?
    Ich hätte mir in diesem gelungenen Text einen kleinen Absatz gewünscht, der sich, neben der Position der Trägerin u. der der Konditionierung, einer dritten zuwendet. Das (rechtspopulistische) Parteien Konditionierungen fordern u. auch politisch durchsetzen können, setzt ja auch immer eine Stimmung auf dem zu konditionierenden Feld voraus, welche aufgegriffen wird. Für mich konsequent liberal gedacht gilt es, auch der dritten Position eine gleichberechtigte Stimme zu geben u. sie nicht in eine neue Minderheit zu entlassen. Denn bei allen wünschenswerten Bestrebungen, eine größtmögliche Offenheit zu schaffen, muss das (Entwicklungs-)Maß jener Offenheit verhandelbar sein, ohne dabei selbst in eine Art Konditionierungsattitüde zu verfallen.

  3. Das diskriminierende Urteil
    Wenn ich das richtig verstanden habe, dann hat das Gericht in Abwägung verschiedener Grundsätze entschieden, das Verbot der Gesichtsverschleierung(!) sei zulässig. Die Einschränkung besteht also darin, die Verhüllung so zu tragen, dass das Gesicht erkennbar bleibt.

    Begründet wurde das mit einer Art „Vermummungsverbot“ in bürgerlichen Gesellschaften. Darüber hinaus enthielt die Urteilsbegründung (wie in dieser Zeitung zu lesen war) den Hinweis, es mit den einschränkenden Vorschriften nicht zu übertreiben.

    Es freut mich zu hören, dass es „feministische Methode“ ist, die Betroffenen sprechen zu lassen, weil die es ja am besten wissen. Das werden die teilzeitarbeitenden Mütter und deren Männer gerne hören.

    Der Vergleich hinkt ein bißchen, ich weiß, aber die Gesellschaft nimmt Einfluss auf die öffentliche Erscheinung ihrer Individuen:

    Als weißem Europäer mit demokratischen Selbstverständnis widerfährt mir ein Schauder beim Anblick von Männern im Trenchcoat mit nichts drunter. Viele habe ich bisher noch nicht live gesehen, vielleicht zwei oder drei im Treptower Park – aber die helle, stumme Gestalt, gleich einem Gespenst, erschreckt mich. Doch es ist schon länger zulässig, diese Trenchcoatträger davon abzuhalten, mir einen Schreck einzujagen. …

  4. einige überlegungen
    ein etwas komischer text, wie ich finde. ganz kurz einige random observations:

    zu beginn des artikels bekundet die autorin ihre abneigung gegenüber formen der ganzkörperverschleierung, kurz vor schluss klingt es dann unter bezug auf fanon auf einmal so, als seien burka et al. tatsächlich subversive widerstandslager gegen kolonialistische ideologien und praktiken. Das halte ich für inkonsequent.

    darüber hinaus verstehe ich nicht, wieso die diskussion um vollschleier und co. sinnlos sein soll, solange andere problematische gesellschaftliche phänomene wie sexismus und lookismus bestehen (der text legt dies im sechsten absatz nahe). die „projektion“, die dort angesprochen wird, riecht ein bisschen ungut nach: ich bin zu solipsistisch, um zuzugestehen, dass es bestimmte debatten um den status von frauen geben mag, die nicht unmittelbar etwas mit den formen der diskriminierung zu tun haben, die MICH betreffen – auch dies ein widerspruch, da die autorin ja noch ein paar zeilen vorher den ich-bezug (im sinne des dominant-setzens eines „eurozentristischen ichs“, falls man das so sagen kann) des gesetzes von 2010 kritisiert. dieses vor-den-karren-spannen ganz spezifischer frauen in ganz spezifischen umständen (die durchaus zwang beinhalten können!), die auf einmal vorkämpferinnen für abweichende vorstellungen von „weiblichkeit“ sein sollen (im übrigen eine weitere positive umwertung, die der ausgangspositionierung der autorin schlicht widerspricht), halte ich zudem in seiner grundstruktur durchaus für patriarchalisch. es steht vor allem im widerspruch zum positiven impetus des letzten absatzes – es ist eine sache, die forderung in den raum zu stellen, die betroffenen sollten sich möglichst selbst äußern und dabei expertinnen ihrer selbst sein, eine andere sache, einen text zu präsentieren, der voll von foregone conclusions und recht dogmatischen a-priori-setzungen ist. das hinerlässt schon ein geschmäckle.

    schließlich möchte ich durchaus nicht nahelegen, dass die entscheidung des ECHR bzw. das französische gesetz der weisheit letzten schluss darstellen – far from it. die begründung des gerichts ist aber in jedem fall komplexer und offener für ambivalenzen, als der text es darstellt (http://hudoc.echr.coe.int/sites/eng/Pages/search.aspx#{%22languageisocode%22:[%22ENG%22],%22appno%22:[%2243835/11%22],%22documentcollectionid2%22:[%22GRANDCHAMBER%22],%22itemid%22:[%22001-145466%22]}), wobei das natürlich nicht nahelegt, dass das die möglicherweise problematischen konsequenzen der entscheidung irgendwie schwächt. insgesamt aber finde ich, dass das projekt der respektierung/anerkennung von differenzen begleitend unbedingt auch der differenzierung bedarf – und das sehe ich in diesem text nur in ansätzen verwirklicht.

  5. "NiqaBitch secoue Paris"
    Die einzig lotrechte und witzigste Antwort zu diesem Thema.
    Man sollte vielleicht nicht jeden Medienhype so ernst nehmen, denn das „Volk“ ist sehr wohl in der Lage, fuer ueberraschende und lustige Retourkutschen zu sorgen – live oder in den sozialen Netzwerken.

    Im uebrigen: jedem seinen Karneval, immer und ueberall.
    In Norddeutschland wurde vor kurzen in einem Supermarkt eine Burka-Traegerin selektiert und befragt. Es war ein Mann, Migrant zumal.

  6. Islam und Christentum Interpretationen verfehlen den Punkt
    Ich würde die religiöse Interpretationsfragen genau so sehen wie Stefanie Lohaus. Eine Religion als gewalttätiger als andere intepretieren zu wollen ist genau in die Fallen der Vorurteile zu fallen,die von beiden Seiten gepflegt werden „die sind doch so und so“. Es doch nicht um den Koran oder die Bibel, sondern darum, was die Gesellschaft damit macht. Das Christentum hatte auch unglaublich gewalttätige Zeiten, da war der Islam sehr friedlich im Gegensatz dazu. Es ist der politische Umgang mit Religion der wichtig ist und für mich ist die Frage nicht wie ich „deren Religion“ finde! Das steht mir nicht zu! Ich habe die Pflicht als Europäerin (zusammen mit dem Erbe des Kolonialismus) über MICH und MEINE Gesellschaft und ihre Probleme zu sprechen. Das Burkaverbot sagt viel mehr über UNSERE Lesart von Islam und Feminismus und UNSERE Gesellschaft. Darüber will, darf und muss ich reden. Wie die Araber und Afghanen unter welchen Umständen wie mit ihrer Gesellschaft umgehen, das würde ich lieber ihnen überlassen. Denn wir wissen aus der Einmischung des Kolonialismus, dass die missionarische (auch gerne aufklärerische) Geste zu Desastern für diese Geselslchaften und vor allem aber auch im Dienste von Interesse stand. Kurz ich finde es ignorant über den Islam zu philosophieren, wenn die eigene Gesellschaft hypokritisch ist – das zu zeigen ist viel mehr mein Interesse als über Länder des globalen Südens zu mutmaßen. Und noch kurz das als Position zum Kopftuch: Einer meiner Punkte in dem Artikel war klar herauszuarbeiten aus welcher Position ich spreche. Das ist eine methodische Herangehensweise zum Thema, die die Position impliziert, dass ich mir aus politischen Gründen eben nicht rausnehmen möchte und kann über den Schleier so zu urteilen, wie Leute, die näher an der islamischen Kultur sind. Das überlasse ich eben lieber ihnen. Wie dann genau und für was genau die Burka wann genau und vor allem Wo was bedeutet ist ein komplexes Thema und hängt von vielen Faktoren ab, die ich nicht überhistorisch und ohne Kontext diskutieren kann. Wie ich zu Burka stehe hängt vom Kontext ab (habe auch mal mit malaisiansichen Feministinnen gegen das Kopftuch demonstriert in Kuala Lumpur!). Der Kontext hier aber ist Europa, eine Mehrheitsgesellschaft, die auch eine patriarchale ist, dessen Problem bestimmt nicht der kleine Haufen Burkaträgerinnen, sondern vor allem das Umgehen mit Migrationspolitik und Fremdenfeindlichkeit (siehe Frankreich eben) und das Eintreten in eine neue Diskussion über das Zusammenleben in unseren multikulterellen Gesellschaften. Ich als Europäerin sehe nicht meine Pflicht darin über die Burka (wie schlecht, faschistoid, religiös etc) zu urteilen, sondern über das Urteil und was dieses symbolisiert, bedeutet und für Auswirkungen hat. Darüber bin ich angerufen und verofichtet was zu schreiben. Über die Burka zu reden ohne muslimische Frauen und ohne Kontext nehme ich mir nicht raus. Daher: die Position ist eine strategische und keine absolute zur Burka – weil beim Verbot geht es vielmehr um unsere Gesellschaft als um das Stück Stoff.

    • Titel eingeben
      ich kann mich nur wiederholen – ihre art, über dieses thema zu sprechen, ist tendenziell hypokritisch. an mehreren stellen des artikels klingt meiner meinung nach deutlich durch, dass es hier ganz und gar nicht darum geht, stimmen direkt betroffener hörbar zu machen, sondern im gegenteil auf ziemlich perfide weise vorwegzunehmen, was man denn gerne von diesen stimmen zu hören bekommen möchte – siehe (noch einmal) das rhetorische manöver, sich zu beginn des textes eher negativ ggü. ganzkörperverschleierung zu positionieren (wie auch immer abgefedert durch die reflexion der eigenen perspektive), und dann im verlaufe des textes durch analogisierung zur sexarbeiterinnen-debatte und unter bezug auf den postkolonialistischen diskurs eben doch ziemlich nah beim hochjazzen der burka zum symbol antihegemonialen widerstandes zu landen. und das ist eben doch eine marschanweisung, durch die vorweggenommen wird, was nach ansicht der autorin ein zufriedenstellendes ergebnis der gesellschaftlichen diskussion wäre – es ist ja recht schwer vorstellbar, dass nach einer hypothetischen diskussion mit betroffenen, deren ergebnis wäre, dass derartige gesetzliche regelungen unterstützenswert sind, die autorin auf einmal ihr komplettes weltbild über den haufen wirft und sagt: „ok, dann war das wohl nix mit fanon, heteronormativer matrix und co, ich schließe mich euch bedingungslos an.“ nein, wahrscheinlich würden die frauen in einem solchen falle eben nicht ernstgenommen, sondern als gehirngewaschene marionetten des systems diskreditiert (wie es z.b. im falle kelek gerne betrieben wird).

      also, in a nutshell: diese angebliche sprecher-relativierung im sinne der critical whiteness sowie die behauptung, es gehe letztlich immer darum, raum für von diskriminierung betroffene zu schaffen, in dem ihre stimmen hörbar werden, sind solange zum scheitern verurteilt, wie sich aktivisten dieser szene – und zwar in explizitem widerspruch zu den theoretischen axiomen ihrer bewegung – nicht in vollem maße der eigentlichen dogmatischen grundannahmen ihres weltbilds bewusst und wirklich bereit sind, ergebnisoffen zu diskutieren. ideologie = falsches bewusstsein, da war doch mal was…

    • Lieber Herr Hans Frese, sehr interessant ihr Beitrag und ihre Reaktion. Leider hilft sie mir in Sachen Selbstkritik nicht weiter, weil sie keinerlei Perspektive vorschlägt, wie ich denn anders argumentieren könnte geschweige denn wie eine Position zum Verbot aussehen könnte. Zunächst: ja genau der Text macht eine rhetorische Bewegung und da sind auch Widersprüche drin und das ist Programm. Ich möchte klar machen, welchen Affekt ich gegen den Schleier habe, gehe weiter zu der Art des Urteils (juristisch eben sehr merkwürdig, weil das Argument des „Zusammenlebens unter einem Konsens“ zu Legitimierung angeführt wurde), ich schau mir dann diesen Konsens an, auch aus feministischer und antirassistischer Perspektive und distanziere mich schließlich davon. Der Text spricht über mich und nicht über die Burka, das ist richtig, denn ich habe nicht das Gefühl das Recht zu besitzen über die Burka oder den Islam zu richten. Diese Sprechart ist die einzige, die ich als möglich erachte – denn sonst sitzen wieder ein paar Europäer zusammen und mutmaßen über das und dies in diesen Gesellschaften mit der Ignoranz des Aufklärers, der von unterschwelligen und interessegeleiteten, subjektiven und affektuellen Lesarten frei ist. Ich habe auch Kämpfe mit muslimischen Feministinnen mitgemacht, wo 50% mit und 50% ohne Kopfbedeckung dabei waren und wir haben auch da je nach Kontext anders argumentiert. Ich verstehe vieles davon nicht(bzw erst sehr langsam) und deswegen äußere ich mich nciht dazu. Die Unterstellung ich würde egal was diese Frauen sagen würden „nicht mein Weltbild über den haufen werfen“ ist völlig hypothetisch und kann ich als Argument überhaupt nicht nachvollziehen und bildet leider hier keine Begrüdung sondern ist fiktive Unterstellung. Wie gesagt, ich arbeite hin und wieder mit muslimischen Frauen und es gibt dazu unheimlich viele Positionen. Ich habe mich auch schon gestritten mit einigen. Andere haben sich von mir insperiert und haben ihre Haare kurz geschnitten. Sehr unterschiedlich meine Erfahrungen mit diesem Kontext. Daher, ich kann nur über mich sprechen und in was für einer Gesellschaft ich leben möchte, als Feministin. Und gar keine Sorge, ich kenne meine Agenda und meine Axiome: sie sind tatsächlich sensibel für den Mehrheitsrassismus in der Gesellschaft, sensibel dafür, dass der weisse Feminismus jahrzehntelang eben nicht so argumentiert hat und deswegen auch die Verbindung zu anderen Feminsmen im Globalen Süden verloren hat, sensibel für die Intersektionen von multiplen Unterdrückungsarten „class/race/gender“…also eigentlich alles, was grad der Mainstream der Gender Academics so argumentiert. Daher auch die Gegenfrage: wenn sie diese Sprechart, die ich ausgewählt habe so anstössig finden, was ist ihr Vorschlag. Wie wollen Sie darüber sprechen? Als objektiver auktorialer Erzähler? Wo und wann wird dabei die eigene Position/Perspektive reflektiert? Sind Sie für oder gegen das Burkaverbot und warum? Und als letztes: Kann es sein Herr Frese, dass Sie mich nicht so angreifen würden, wenn ich einfach einen feministischen Artikel gegen die Frauenunterdrückung unter die Burka geschrieben hätte? Kann es sein, dass es der Aufreger ist, dass ich als subjektive Stimme aus der Frauenbewegung Ihnen unmöglich gemacht habe mich und den Feminismus für Ihre Argumentation zu benutzen? Und als letztes: ja, ich habe weniger Angst vor ein paar verschleierten Frauen als vor unseren europäischen Konsens, wie er sich in den Europawahlen gezeigt hat.

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      ein glück habe ich ferien und nichts zu tun! kurz zu den fragen am ende ihrer antwort…

      wie ich darüber sprechen würde/möchte:

      gerade nicht vermeintlich „objektiv“, sondern konsequent subjektiv, und auch gerne mit einem weniger wirklichkeitserklärenden duktus. ihre ausführungen im artikel sind voll von dogmatischen setzungen wie dem „allgemeinen schönheitsimperativ“ und ähnlichem, die in einem ganz bestimmten, in ihrer argumentation sehr klar als feindbild hervortretenden verständnis des „westens“ münden – ich will dabei gar nicht grundsätzlich in frage stellen, dass es tatsächlich probleme in den von ihnen benannten feldern gibt, es ist nur die frage, ob man darüber nicht differenzierter und weniger polemisch sprechen könnte. die objektiv-auktorialen setzungen nehmen nämlich meiner ansicht nach eher sie vor, und genau das ist das problem, dass ich habe. ich würde mir also mehr fragilität, zweifel, instabilität wünschen (wobei das natürlich kategorien sind, die schwer fassbar sind).

      was meine position ist:

      meine eigene position gegenüber diesem verbot ist erst einmal zwiespältig, da ich aus meiner perspektive nicht bestimmen kann, inwieweit diese regelungen von den betroffenen als eher befreiend oder einschränkend wahrgenommen werden (full disclosure: letzteres wäre grob gesagt die vermutung, die ich hätte, ohne vorwegnehmen zu wollen, dass es tatsächlich so ist). ich würde darüber gerne mehr unabhängige stimmen aus der islamischen community hören – darin stimme ich mit ihnen überein. neben diesem pragmatischen level aber möchte ich mir von irgendwelchen rechtsidioten nicht die möglichkeit nehmen lassen, auch über die burka als religiöses symbol und die rolle der frau im islam nachzudenken, und da ich generell ein supporter aufklärerischer ideen bin (jetzt nicht schreien – ich bin mir der ambivalenz dieser begrifflichkeit durchaus bewusst und verwende das ganze hier als shortcut – frau denke sich bitte die fußnote mit bezug auf adorno et al.), habe ich generell ein problem mit allen religionen, speziell mit solchen, die einen anspruch auf repräsentation im öffentlichen raum erheben (also auch und vor allem und in erster linie mit dem christentum, btw!). das ist sozusagen meine conditio sine qua non, hinter die ich nicht zurückkann und bezüglich derer wir sicherlich keinen common ground erreichen werden. ich lasse mich aber auf die argumentation ein – stichwort fragilität -, dass theoretisch-prinzipielle überlegungen zum status von religion als solcher im zweifel auch einmal in den hintergrund treten dürfen, wenn es darum geht, rechtspopulismus zu bekämpfen. allerdings wird durch aktivismus alleine keine differenzierte debatte ersetzt, und ich fände es gut, wenn tatsächlich beides stattfinden könnte.

      ob ich sie nicht angegriffen hätte, falls…:

      das würde ganz auf die qualität des artikels ankommen. wenn sie zahlreiche betroffene zu wort kommen lassen würden, die das tragen einer burka als leidvolle erfahrungen schildern, dann wäre das in der tat eine bestätigung meiner – natürlich erst einmal alles andere als verlässlichen – intuiton zu diesem thema und ich würde mich sicherer in meiner argumentation fühlen. aber auch die abwägung eher affirmativer positionen wäre natürlich interessant. in diesem sinne finde ich im übrigen ihre ausführungen in ihrer antwort auf meine einlassung viel interessanter als den eigentlichen artikel – es scheint ja so zu sein, dass sie sich derartigen diskussionen mit betroffenen schon häufig gestellt haben, und genau darüber würde ich gerne mehr erfahren, anstelle immer nur irgendwelche allgemeinplätze spazieren zu führen.

      finally: ob ich den feminismus für „meine argumentation“ nun nicht mehr nutzen kann… ich verstehe leider den sinn der letzten ausführungen nicht ganz, würde aber denken, dass eine subjektive stimme qua definitionem nicht für die gesamtheit einer bewegung wie dem feminismus sprechen kann, mir es also demgemäß auch nicht prinzipiell verunmöglichen kann, diese bewegung in irgendeiner weise „in beschlag“ zu nehmen. sorry.

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