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Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Einen Moment innehalten

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Gedanken zum Deutschen Widerstand – anlässlich eines Besuchs in Terezín/Theresienstadt, wo in diesen Tagen eine Ausstellung zu Stauffenberg und dem Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 eröffnet wurde.

© Tjflex2  Theresienstadt, das heutige Terezín, im Sommer

Terezín nähert man sich durch eine reizvolle Landschaft, rollende Hügel, ab und zu baumbestandene Anhöhen, von denen sich dann plötzlich wunderbare Ausblicke weit über eine liebliche Ebene hinaus bieten. Wälder, Felder, geradezu eine romantische Ideallandschaft. In der sich allerdings das Grauen versteckt hält. Man sieht es nur, wenn man weiß, wonach man suchen muss – oder wenn man einen ortskundigen Menschen bei sich hat, der auf den Schornstein des Krematoriums in der Ferne hinweist, auf Steinbrüche, in denen Häftlinge zur Arbeit abkommandiert waren, oder eine Senke nahe Litoměřice, ehemals Leitmeritz, wo sich ein KZ-Außenlager befand, in dem vor allem Zwangsarbeiter für die Rüstungsindustrie untergebracht waren.

Schließlich erblickt man den schönen klassizistischen Kirchturm von Theresienstadt und fährt hinein in die sogenannte Große Festung, vorbei an dem Hotelgebäude in der Langen Straße, in dem zur Zeit des Ghettos und Konzentrationslagers die SS-Mannschaft wohnte. Heute heißt es „Parkhotel“. Noch in den späten 1970er Jahren haben sich hier Mitglieder der Waffen-SS versammelt, um in aller Ruhe bei Gulasch und Bier immer mal wieder zu schauen, „ob noch alles beim Alten ist“.

Die Architektur ist von monumentaler Schönheit. Eine Festung von den Österreichern im ausgehenden 18. Jahrhundert errichtet, um sich des antizipierten großen Ansturms der Preußen zu erwehren – der dann allerdings ausblieb. Eine große, gleichsam sternförmige geometrische Struktur und daneben eine kleine: die Große und die Kleine Festung. Mit Kirche und Marktplatz und Parkstraße und Seestraße und Bäckergasse – alles im spätbarocken Stil erbaut, wie aus dem Bilderbuch. Wie kaum ein anderer Ort verlangt Theresienstadt von dem Betrachter, das Gegensätzliche gleichzeitig zu denken, es auszuhalten, den Widerspruch nicht auflösen zu wollen. Die harmonische, maßvolle Schönheit eines Garnisonsstädtchens, in dem Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu 6.000 Soldaten stationiert waren. Das berüchtigte Ghetto, in das die Nazis auf derselben Fläche fast 60.000 Menschen pferchten.

Es ist ein Ort, an dem sich unfassbare Brutalität ereignete. Die Kleine Festung diente als eines der berüchtigtsten Gestapo-Gefängnisse des Dritten Reichs, Tausende von Menschen kamen hier zu Tode, oftmals stehend in winzige Zellen gezwängt, in denen es keine direkte Sauerstoffzufuhr gab. Erschossen, erhängt, zu Tode gequält, an Hunger und Krankheit gestorben. Im Juli 1944 traf hier eine Abordnung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz ein, die sich davon überzeugen ließ, dass die Menschen in dem eilends aufgeputzten Theresienstadt gut ernährt wurden, ja, dass die Kinder Unterricht erhielten, zeichneten und musizierten, es gebe ein Café, ein Orchester, Kabarett – der Bericht fiel positiv aus. Man hatte gut inszeniert, und die Besucher ließen sich wohl auch gern täuschen. Zur Kleinen Festung drangen sie nicht vor, sie hatten gar nicht erst darum gebeten, sie zu besichtigen. Anschließend wurde in dieser Kulisse der zum größten Teil verschollene NS-Propagandafilm Der Führer schenkt den Juden eine Stadt gedreht. Die Kinder, die dort in einem Café beim Imbiss gefilmt wurden, hatten immer schon die mit Ersatzmargarine bestrichenen Brote aufgegessen, bevor die Kamera losrollte – so verzweifelt hungrig waren die Protagonisten, die das gute Leben in Führers Gnaden mimen sollten. Ein trügerischer, entsetzlicher, wahnwitziger Ort, dieses Theresienstadt, wo in der Kleinen Festung, wie in Auschwitz, über einem großen Tor die zynische Losung „Arbeit macht frei“ aufgemalt wurde.

Ich bin an diesem Tag in Terezín, um an der Eröffnung einer Ausstellung über Claus Schenk Graf von Stauffenberg und den Umsturzversuch am 20. Juli 1944 teilzunehmen. Eine berührende, man kann fast sagen weitherzige Geste, dass sich die Gedenkstätte Terezín entschieden hat, den deutschen militärischen Widerstand, der in dem gescheiterten Attentat auf Hitler gipfelte, an diesem Ort zu würdigen. An einem Ort, wo oftmals noch, allzu verständlich, antideutsches Ressentiment aufflackert. Der junge Mann, der uns durch den Tag begleitet, ein Germanistikstudent, lebt mittlerweile selbst in der Großen Festung, unweit der Hamburger Kaserne, die zu Ghettozeiten auch als Frauenunterkunft gedient hat. In einer kleinen Nebenbemerkung sagt er, die Leute reagierten auf die Wahl seines Studienfachs oft mit dem Kommentar, ob er Mein Kampf lesen wolle.

Ich muss an die bewegende Rede des ehemaligen polnischen Botschafters Janusz Reiter denken, im Bendlerblock am 20. Juli 2012. „Dies ist der schwierigste Redeauftrag, den ich je angenommen habe. Und doch bin ich dankbar für ihn. Ich betrachte ihn als ein Zeichen, dass das polnisch-deutsche Verhältnis reif dafür ist, auch über dieses schwierige, komplexe Thema miteinander zu sprechen.“ So begann sie. Die Ausstellung in Terezín ist auch ein solches Zeichen. Eines von großer Bedeutung. Denn Janusz Reiter sagte damals über die Angehörigen des militärischen Widerstands auch: „So ist es bekannt, dass viele von ihnen unfähig waren, sich von dem traditionellen Antisemitismus zu lösen.“ Und tatsächlich war der Weg mancher Widerständler kein von vornherein für sie selbst erkennbarer, auch sie waren in die politischen, moralischen Konventionen ihrer Zeit verstrickt, mit ihren teils menschenverachtenden Implikationen. Dies galt auch für die Sicht auf jene Völker, in deren Territorien man im Vernichtungskrieg eindrang. Und so ist es nicht überraschend, dass vor allem der militärische Widerstand oftmals eher eindimensional eingeschätzt wurde, wie auch der Historiker Fritz Stern es in seinen Memoiren zunächst von sich selbst schildert: „Und wie viele sah ich in den Tätern des gescheiterten Anschlags auf Hitler am 20. Juli 1944 lediglich Junker alten Stils oder preußische Offiziere, die ihre eigenen nationalistischen Interessen verfolgten.“

Widerstand in Zeiten der Diktatur und des Terrors bedeutet aber eben den qualvollen Umgang mit den eigenen inneren Widersprüchen, der schließlich einen Wandel erzwingt – und in der Folge womöglich das Handeln. Widerstand bedeutet innere Zerrissenheit, Angst, Zweifel, Einsamkeit und eine oftmals quälende, immerwährende Selbstbefragung, die in die Freiheit zur Tat münden kann. Für Fritz Stern wurden die „Menschen des 20. Juli (…) ein Teil deutscher und europäischer Geschichte (…). Ihnen gilt unsere Bewunderung, die ihnen in früheren Zeiten von Deutschen und Fremden eher verschwiegen wurde. (…) Heute sollten wir uns um ein lebendiges historisches Verständnis bemühen. Wir müssen uns bewusst sein, dass diese Menschen in einer uns fernen Welt lebten, unter den schwierigsten Bedingungen; wir sollten versuchen, sie in ihrer ganzen Größe und Tragik zu verstehen.“

Und so ist dies vielleicht der Moment, innezuhalten und an jene Menschen zu denken, die trotz aller äußeren und inneren Bedrängnisse den Mut zum Widerstand hatten und sich selbst und oft auch alle, die ihnen nahestanden, großen Gefahren aussetzten. Viele von ihnen sind in Vergessenheit geraten oder waren der Öffentlichkeit überhaupt nie bekannt. Wie etwa die wegen Betrugs vorbestrafte (und deswegen selbst besonders gefährdete) Prostituierte Hedwig Porschütz, die in Berlin etliche Juden versteckte und auch der späteren Schriftstellerin Inge Deutschkron und deren Mutter falsche Papiere besorgte. Sie soll hier für all jene stehen, deren Namen kaum jemand kennt.

Der Wille zum Widerstand speiste sich aus den unterschiedlichsten politischen, religiösen, weltanschaulichen oder auch einfach persönlichen Quellen. Stellvertretend für viele seien die Namen einiger Frauen genannt, Frauen, weil sie oftmals noch schneller in Vergessenheit geraten als die Männer, mit denen sie gemeinsam agierten: Fancia Grün, die 1944 in Theresienstadt ermordet wurde, sowie Marianne Baum und Edith Wolff aus dem jüdischen, teils zionistisch inspirierten Widerstand. Oder Cato Bontjes van Beek, Liane Berkowitz, Eva-Maria Buch und Elisabeth Pungs, die dem linken Widerstand angehörten, also der Roten Kapelle oder der Roten Hilfe, oder auch Mitglieder der KPD und SPD wie beispielsweise Elfriede Paul, Elli Schmidt, Ella Kay, Toni Pfülf, Brunhilde Schmedes, Emma Hutzelmann. Oder die im Auswärtigen Amt tätige Ilse Stöbe, die gerade erst von Frank-Walter Steinmeier geehrt wurde. Mitglieder des studentischen Widerstands wie Sophie Scholl, Susanne Hirzel, Traute Lafrenz oder Gretha Rothe. Frauen, die sich auch aufgrund ihres Glaubens widersetzten wie Elisabeth von Thadden, Gertrud Luckner, Emma Hormon und Maria von Maltzan. Und Frauen, die – gefährlich genug – Gesprächszirkel unterhielten, in denen man sich frei austauschen konnte, wie Hanna Solf oder Mildred Harnack.

Anlässlich des 70. Jahrestages des Attentats sei auch an Margarethe von Oven erinnert, an jene junge Frau, die für Tresckow und Stauffenberg die immer wieder revidierte Vorlage der sogenannten Walküre-Befehle tippte („Der Führer Adolf Hitler ist tot …“) – heimlich, mit Handschuhen, um auf dem Papier und der Schreibmaschine keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Und auch an die Frauen des 20. Juli wie Annedore Leber, Rosemarie Reichwein, Nina von Stauffenberg, Clarita von Trott zu Solz, Emmi Bonhoeffer, Charlotte von der Schulenburg, Freya von Moltke, die ihre Männer in vollkommener Akzeptanz der Gefahren und mit großer Souveränität in ihrem Handeln unterstützten, ja, ihnen dadurch das Handeln überhaupt erst ermöglichten, wie viele der Verschwörer in ihren Abschiedsbriefen aus der Haft geschrieben haben.

Oben in der Kleinen Festung wird die Ausstellung präsentiert, in einem langgestreckten Wirtschaftstrakt. In demselben Gebäude haben sich 1942 die Aufseher und Wachmannschaften ein Kino bauen lassen, mit Platz für etwa 80 Personen, den Vorraum nutzte man wohl auch gelegentlich für kleine Feste. Heute, am 10. Juli 2014, sind gleich daneben zur Eröffnung die Bürgermeisterin der Stadt Terezín gekommen sowie der Regionspräsident der Region Ústi und auch eine Enkelin Stauffenbergs. Das Klár-Quartett aus Prag spielt Musik von Antonín Dvorák. Später, als man noch beisammensteht, kommt die Violinistin zur Enkelin und überreicht die lange rote Rose, die man ihr nach der Darbietung überreicht hatte. Es ist eine einfache, herzliche Geste.

Ein letztes Erinnerungsbild. Mit dem jungen tschechischen Germanistikstudenten sind wir zuvor in der Großen Festung auf den Dachboden seines Hauses geklettert. Dort hat er an den Wänden Zeichnungen und kleine gekritzelte Botschaften entdeckt, aus jenen Jahren, als Terezín Ghetto und Konzentrationslager war. Auch ein Herz ist dabei, von einem Pfeil durchbohrt, wie überall an den Bushaltestellen oder unter einer Autobahnbrücke. Ich werde es nie vergessen, dieses kleine, fast verschwundene Herz.

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3 Lesermeinungen

  1. Die rote Kapelle hat eine mörderische Diktatur an eine genauso mörderische verraten,
    sie unter „Widerstand“ einzuordnen ist mir unmöglich.

    Ein Grossteil des aktiven Widerstandes kam aus dem preussischen Militäradel, Haffner folgend wohl die einzige geschlossene Elite mt dem entsprechenden Selbstverständnis, die Deutschland je hervorbrachte. Es wird im Blog in den Eingangszeilen angedeutet – für einen guten Teil der heutig politisch Intreressierten eine Unterart von Faschisten.

    Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie häufig ich abschätzige Bemerkungen über den militärischen Teil des Widerstandes (also den einzigen mit Erfolgsaussicht) gehört habe. Von deutschen Pantoffelhelden, deren grösstes Risiko allerhöchstens darin bestand, bei einer aus dem Ruder laufenden Demo eine Portion Reizgas abzubekommen. Wenn sie überhaupt jemals eines eingingen.

    Ich verbeuge mich innerlich immer vor allen Widerständlern, von denen ein Grossteil für ihren Widerstand den ultimativen Preis bezahlt hat. Von der weissen Rose über den Stauffenberg-Kreis bis hin zu den Einzelnen, die Juden und andere Verfolgte versteckten. Sie erinnern daran, dass es etwas deutlich Grösseres gibt als politische oder religiöse Moral – persönlichen Anstand, mit innerer Haltung verbunden.

    Das würde man heute genauso selten finden, wie damals …

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. Ich halte ein "Dauer-innehalten" angesichts der Gegenwartgeschichte für angebrachter...
    und „Not-wendiger“…im Moment.

  3. Attentat vom 20. Juli 1944...Fr. Merkel: "Sie sind uns Vorbild, Mutmacher und Mahner.“
    Auszug aus Desiderata:
    Viele Menschen ringen um hohe Ideale;
    und überall ist das Leben voller Heldentum.
    Sei Du selbst; vor allen Dingen heuchle keine Zuneigung.

    …wo ist denn der weltweite Widerstand gegen Waffen, Krieg und Gehorsam heute?
    Waffen und Kriegwirtschaft…gehorsame Anbetung von Wirtschaft-Leistung-Götzenbildern?
    …buchstabengetreues, blindes, empathieloses befolgen von Arbeit-Leben-Vorschriften?
    …Widerstand gegen „wie Automaten sprechende und handelnde Menschen“ im Staat?
    …Computer die den Weltmarkt, Geldverteilung, Geldwert, Lebensbasis bestimmen?
    …Widerstand gegen Algorithmus-Glaube?
    …nichts haben wir gelernt, aber auch gar nichts…wir leben schon wieder in
    Liebe entsorgter Gesellschaft, das ist die empathielose Menschen-Realität.
    …Trennung von Staat und Kirche(Jesus…Liebe-Moral?)…Staat ohne Empathie-Moral?!
    …Widerstand heißt NOT wenden, NOTWENDIGKEIT VERNUNFT BILDEN
    und das Elend sehen das wir weiterhin aus Gehorsam, Hörigkeit anrichten,
    DEM GELD ZU LIEBE!

    …Widerstand = (Welt-)Gesellschaft selbsterkennend und einsichtig begreifen und handeln?!
    NOT-WENDEND!

    Zitat:
    Zu wissen, was man weiß, und zu wissen, was man tut, das ist Wissen.
    Konfuzius

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