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Revolution im Realitätsfernsehen

| 2 Lesermeinungen

Meinen die das ernst? Im absurden Genre des Reality-TV beginnen sich die Protagonisten über das Format zu erheben. Revolution in Serie oder doch nur eine neue Spielart des Unterhaltungssystems?

© howies collectiveRealität im Aufwärtstrend

Im Fernsehen läuft nur Schund, das ist eine konsensfähige Meinung. Und doch ist der Schund auf merkwürdige Art und Weise wieder salonfähig geworden. Unter dem Deckmäntelchen der Ironie wird in Deutschland vor allem das Dschungelcamp breit und ernsthaft rezipiert und das sonntägliche Tatort-Schauen wird mit einer Ehrfurcht betrieben, die kultische Züge angenommen hat. Wie groß der Quotenanteil derjenigen ist, die fernsehen, um sich lustig zu machen oder sich in Schadenfreude zu suhlen, ist nicht zu sagen. Fest steht: Die öffentliche Dekonstruktion, die auf Twitter und Facebook simultan zur Ausstrahlung läuft, ist zu einem integralen Bestandteil der Unterhaltung geworden.

Dekonstruiert wird auch im Medium selbst. Das zeigt beispielsweise die britische Serie Gogglebox, die sich in der dritten Staffel zum Überraschungserfolg gemausert hat. Das Konzept ist an Absurdität schwer zu überbieten. „Ganz normale Menschen“ werden in ihren Wohnzimmern dabei gefilmt, wie sie fernsehen. Meta-Fernsehen also. Das Erstaunliche: Es ist überhaupt nicht langweilig. Nicht nur geben sich die Macher große Mühe, die Vielfalt der britischen Gesellschaft wiederzugeben. Wichtiger noch ist, dass diese Leute so gar nicht in das Bild des passiven, manipulierten Zuschauers passen wollen. Das Fernsehen bildet lediglich den Rahmen für ihre Unterhaltungen, Erläuterungen und Kommentare – und die sind so zynisch, dass man glatt zum Kulturoptimisten werden könnte. Über eine besonders dämliche Sendung sagt einer der Protagonisten völlig entgeistert: „Wenn das die Idee ist, die sie genommen haben, welche haben sie dann abgelehnt?“

Eigentlich schlechte Voraussetzungen für Produzenten von Reality TV, ein Genre, das auf die Blauäugigkeit des Publikums baut. Da hilft nur, auf die Abgeklärtheit der Konsumenten zu reagieren, ja, sie als Chance zu sehen. Sarah Dillistone, Produzentin der englischen Serie Made in Chelsea, sagt: „Es hilft, dass unsere Zuschauer mit Big Brother aufgewachsen sind“. Die Serie lässt einen das Leben der Protagonisten mitverfolgen, aber die Situationen, in denen sie sich befinden, sind ausdrücklich gestellt. Was sich in den letzten Jahren daraus entwickelt hat, grenzt an brillante Gesellschaftssatire.

Zugegeben, die Prämisse der Sendung ist wenig originell: Man kann reichen Jugendlichen im Londoner Stadtviertel Chelsea dabei zusehen, wie sie das Geld ihrer Eltern verprassen. Die Serie gehört zu dem Bereich des Fernsehens, der auf Englisch „aspirational“ genannt wird, den Zuschauer also dazu anregen soll, seinerseits nachden Werten der Protagonisten zu streben. Die Produzenten müssen allerdings erkannt haben, dass es sehr viel mehr Spaß macht, über die Reichen zu lachen, als sie zu bewundern. Die Darstellung der Charaktere jedenfalls grenzt an Karikatur. Francis Boulle, eine der Hauptfiguren der Serie, ist ein selbsternannter Geschäftsmann, betreibt angeblich Diamantenhandel und sagt Sätze wie: „Kapitalismus macht schön“.

Karikaturesk erscheint auch die Darstellung der unendlich ausdifferenzierten Klassengesellschaft Englands. Reich ist schließlich nicht gleich reich. Der makellos gekleidete Mark-Francis ist der Sohn eines It-Girls aus den siebziger Jahren und eigentlich die meiste Zeit damit beschäftigt, den anderen (Selbst-)Darstellern klarzumachen, dass sie sich mit ihren Geschmacklosigkeiten mindestens einen sozialen Rang unter ihm befinden. Außerdem ist er für einen Großteil der Partys oder Aktivitäten verantwortlich, die unweigerlich in jeder Episode stattfinden. Zumindest scheint es so. Kein Klischee wird ausgelassen: Man geht Polo spielen, schmeißt Maskenbälle und Poolpartys, schießt Tontauben, geht auf die Jagd oder auf Safari, fährt nach St. Tropez und in den Skiurlaub.

Die Frage, die man sich unweigerlich stellt, ist nicht: „Ist das echt?“ (natürlich nicht), sondern vor allem: „Meinen die das ernst?“ Satire lebt von der Distanz zwischen Realität und Hyperbel, sie in einem Genre stattfinden zu lassen, dessen Bezeichnung selbst – „Realitätsfernsehen“ – schon ein Oxymoron ist, ist also ein genialer Schachzug. Und so sehr diese Witze auf Kosten der Protagonisten gehen, so sehr hat man doch von Anfang an den Verdacht, dass sie durchaus eingeweiht sind.

Zu Anfang waren es nur die „End of Season Parties“, bei denen die Protagonisten die Witze des Moderators mit selbstironischem Lächeln über sich ergehen ließen. Nachdem sich die ungewöhnlich großen Nasenlöcher von Andy Jordan, einem relativen Neuzugang der Serie, in der Blogosphere zum Running Gag entwickelt hatten, startete er selbst einen Twitter-Account unter dem Namen „Andy’s Nostrils“. Aber spätestens, als der Trailer für die fünfte Staffel erschien, konnte es keinen Zweifel mehr daran geben, dass sich die Darsteller ebenso über das Format und den Inhalt lustig machen. Der Titel des Trailers lautet „#imready“ und die Protagonisten sagen in die Kamera, wofür sie sich alles bereit fühlen: „Ich bin bereit, schrecklich lange und unangenehme Pausen zu ertragen.“ „Ich bin bereit, über Beziehungen zu reden. Ununterbrochen.“ „Ich bin bereit, mich in der Öffentlichkeit zu streiten.“ „Ich bin bereit dazu, viel länger in Bars und Cafés herumzusitzen als nötig.“ Die Kritik, dass im Reality TV naive Menschen von mächtigen Produzenten bloßgestellt werden, greift nicht mehr, wenn die Darsteller sich ihrer Rolle so offensichtlich und öffentlich bewusst sind.

Der ironische Umgang mit dem eigenen Format, die Selbstreferenzialität, das nie ganz explizite Augenzwinkern, all das würde nicht funktionieren, wären die Zuschauer nicht so versiert in den Klischees des Genres. Wenn nun also ein stillschweigendes Einverständnis zwischen allen Beteiligten – den Darstellern, den Produzenten, den Zuschauern – besteht, das Produkt nicht im Geringsten ernst zu nehmen, könnte man zu dem Schluss kommen, dass das Fernsehen einen Teil seiner Macht verloren hat. Oder zeigt diese neue Art des Fernsehens nur die Absurdität eines Systems, in dem der Inhalt der Kulturproduktion, egal, wie sehr er sich verändert, immer weiter von bestehenden Strukturen dominiert wird?

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2 Lesermeinungen

  1. Revolution im Realität(s)-fern-sehen...
    Realität-nah-sehen…mittel Realty-Klar-„T“(ransparent)“V“(ernunftse(h)in):=)

    • Sobald eine Kamera läuft ist man Schauspieler
      Sobald eine Kamera läuft, ist man Schauspieler.

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