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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Frauen und Macht

| 25 Lesermeinungen

Warum das Klischee des Mannweibs in die Rumpelkammer des Geschlechterkampfes gehört

Als Gast der Pekinger Universität wurde Angela Merkel von den Studenten gefragt, wie es sich anfühle, als Frau eine Regierung zu leiten. Das sei in China bislang noch unvorstellbar. Angela Merkel erwiderte, dass die Frage nicht einfach zu beantworten sei, weil sie noch nie ein Mann gewesen sei und daher nicht wisse, wie es sich für einen Mann anfühle. Das ist die typische Art wie die Bundeskanzlerin auf Versuche reagiert, ihr Frau-Sein in einem männlich dominierten Beruf zu problematisieren. Unkenntnis bemäntelt so ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Differenz zwischen Frauen und Männern in der Politik.

© Foto: Alexander KurzAngela Merkel: Früher der Inbegriff der Harmlosigkeit – heute die mächtigste Frau der Welt

Die Deutschen sind durchaus stolz auf ihre Bundeskanzlerin. Der Stolz gilt aber weniger der Tatsache, dass es eine Frau endlich geschafft hat, diese Spitzenposition zu erklimmen, als vielmehr der Tatsache, dass sie deren Wunsch erfüllt, Gelassenheit und Sicherheit auszustrahlen. Dass sie nicht prompt auf politische Probleme reagiert, sondern abzuwarten pflegt, vermag ihr Bild nicht zu trüben. Verkörpert sie doch nach dem Urteil der Zeitgenossen wie kaum ein anderes Geschöpf die Politiker-Tugenden der Deutschen, nämlich unprätentiös, freundlich, humorvoll, durchsetzungsstark und verlässlich, aber gleichwohl die mächtigste Frau der Welt zu sein.

Bemerkenswert war schon ihr Einstieg in die große Politik. Sie hatte sich als Ostdeutsche keine Gedanken über die Vorzüge und Nachteile von Frauen in der bundesrepublikanischen Politik gemacht. Sie war nicht durch feministische Einsichten vorbelastet, sondern erschien als Inbegriff der Harmlosigkeit auf der politischen Bühne. Sie verfügte über etwas, was damals dringend gebraucht wurde: über moralische Integrität. Damit stellte „Kohls Mädchen“ einen der mächtigsten Männer der Republik kalt. Die Furchtlosigkeit ihres Auftretens und ihr lakonisches Verdikt überzeugten die Christdemokraten von ihrer Politikfähigkeit.

Die geborene Frauenpolitikerin ist Angela Merkel nicht. Fast ist man geneigt, mit Klaus Wowereit zu sagen: Das ist auch gut so. Denn anderenfalls wäre ihr der Aufstieg ins Bundeskanzleramt wohl kaum geglückt. Dieses Risiko hat man selbst in der Zeitschrift Emma bedacht. Das Scheitern US-amerikanischer Politikerinnen, die sich für Frauenpolitik stark gemacht hatten, wurde als Warnung begriffen.

Dennoch verdient der Politikwissenschaftler Roger Gérard Schwarzenberg keine Gefolgschaft, der sich eine Spitzenpolitikerin nur als „Unfrau“ vorstellen kann, die sich bemüht, „ihre weibliche Identität vergessen zu machen“. Denn auf diese Weise, so Schwarzenberg, wolle sich die Frau für ihr Eindringen in eine Domäne männlicher Machtausübung entschuldigen.

Es bedurfte nicht erst des Dekolletees auf der Opernpremiere in Stockholm und der huldvoll entgegen genommenen Küsschen der Kollegen, um deutlich zu machen, dass das Klischee des Mannweibs in die Rumpelkammer des Geschlechterkampfes gehört. Angela Merkel hat weder  – wie häufig die Männer –  ein erotisches noch  – wie häufig die Frauen –  ein neurotisches Verhältnis zur Macht. Für sie sind Wehklagen über unverständige  Männer schlicht Zeitverschwendung. Sie zieht es vor, politisch verantwortlich zu handeln und dabei überzeugend zu wirken.

In dieser Hinsicht sind ihr die Bundesministerinnen, vorne an Ursula von der Leyen und Andrea Nahles, ähnlich. Immerhin widmet eine den Christdemokraten nicht nahe stehende, überregionale Zeitung der Verteidigungsministerin eine ganze  – allerdings ihre Öffentlichkeitsarbeit kritisierende –  Seite. Andrea Nahles, so weiß die FAZ zu berichten, sei eine „Nervensäge“ und habe ihr „Berufsziel Kanzlerin“ schon in der Abi-Zeitung angegeben. Aus dieser Aufmerksamkeit der Medien folgt, dass beide als politisch starke Frauen, als besonders kritikwürdig wahrgenommen werden.

Beide Politikerinnen sollen sich dagegen verwahrt haben, mit einem „weichen“, wenig bedeutsamen Ressort bedacht zu werden. Beide begreifen politische Macht als Herausforderung, als Möglichkeit, die gesellschaftliche Wirklichkeit zu gestalten. Das ist keinesfalls selbstverständlich. Denn nach wie vor hat die eine oder andere Politikerin ein zwiespältiges Verhältnis zur Macht. Die von Selbstzweifeln geplagten Politikerinnen preisen ihre Arbeit gern als nicht macht- sondern sachbezogen. Mit moralisierendem Unterton geben sie kund, dass sie nicht nach Macht gestrebt, sondern nur eine gesellschaftlich wichtige Tätigkeit gesucht hätten.

Macht wird gern mit Gewalt und Unterdrückung assoziiert. Macht erscheint als etwas charakterlich Anstößiges. Doch Macht ist ein Element jeder politischen Verantwortung. Laut Max Weber bedeutet Macht die Chance, „innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen“. Und auch die Demokratie beruht darauf, dass Entscheidungen nach und auf Grund einer politischen Auseinandersetzung autoritativ nach bestimmten Verfahrensregeln getroffen werden.

Frauen haben in der Politik nach wie vor Startnachteile. Von ihnen wird erwartet, dass sie sich in Bescheidenheit üben und warten, bis sie gerufen werden. Zu großer Eifer und wildes Handaufheben gelten für das weibliche Geschlecht als unschicklich, während bei Männern selbstverständlich das Gegenteil erwartet wird. Von Gerhard Schröders Rütteln am Kanzleramtstor wird gern erzählt. Aber dass Gesine Schwan es gewagt haben soll, sich selbst im Jahr 2009 erneut als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt ins Gespräch zu bringen, ist mit Unwillen zur Kenntnis genommen und als „karrieregeil“ bewertet worden. Wenn zwei das Gleiche tun, ist es immer noch nicht dasselbe. Das ist eine Grunderfahrung, die fast alle tatkräftigen Frauen in der Politik machen.

Dennoch, soviel ist gewiss, die Zeiten, in denen Regieren eine Sache der Männer war, sind auch in Deutschland vorbei. Allerdings, soviel sei schon hier gesagt, die Wirklichkeit der Politik ist nach wie vor männlich geprägt.

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25 Lesermeinungen

  1. Sie sehen nicht mehr aus wie Männer, aber ...
    … sie treffen Entscheidungen, wie sie sonst nur männlichen Gehirnen entspringen können. Ob in der Politik oder Wirtschaft. Sie haben den Mut sich feniminer zu kleiden, wenn man mal von dem Hosenanzug bei Merkel, Nahles und vd. Leyen absieht, doch ihre Argumentation entspricht immer noch aus der männlichen Perspektive. Schließlich müssen sie sich ja mit denen täglich auseinander setzen. Und ihre Ziele erreichen sie nur, wenn sie sich denen anpassen.

    • @ Ferdi Willers...solche Frauen sind Wölfinnen im Schafspelz
      ….die Fratzen der Freundlicheit socher Frauen, genannt ewiges Grinsen,ist eine Art der Verstellung,die nicht gerade von Emanzipation zeugt.

      Das Lächeln von Frau Merkel ist ebenso ein unbewußter Versuch zur Verstellung.Solche Frauen können in Sekundenbruchteilen den Ausdruck ihres Gesichtes wechseln.

  2. Frauen müssen heute nicht mehr wie Männer sein.
    Warum auch? Die Männer von heute sind dermaßen feminisiert, dass es nur noch marginale Unterschiede im Sozialverhalten und beim Führungsverhalten gibt.
    Eine Frau mit minimal maskulinem Charakter setzt sich heute jederzeit über die Mehrheit der Männer hinweg. Bestes Beispiel: Frau Merkel und die CDU, die von ihr ohne jeden Widerstand ihres Markenkerns beraubt und zu einer links der SPD positionierten Merkelpartei umgebaut wurde.

    Mir gefiel die polare Gesellschaft, in der beide Geschlechter ihre Stärken ausleben konnten und ihre Schwächen haben durften, besser.
    Aber im Zeitalter der befohlenen absoluten Gleichheit aller Menschen ist kein Raum mehr für derlei Individualismen.
    Heute, mit Gendermainstreaming und den dazugehörigen ideologischen Verirrungen sind wir zu einer lächerlichen Gesellschaftskarikatur geworden, die weit hinter ihrem Potential zurückbleibt.

    • Individualismen...
      Ihre persönlichen Vorlieben in Ehren, aber dass Ihre Vorstellung, die „polare Gesellschaft“ sei ein Raum der „Individualismen“ gewesen, schon begrifflich einen Widerspruch enthält, ist Ihnen bestimmt auch selber aufgefallen…

  3. Merkel
    ist ein Mannweib.

  4. P & C, nicht Primark, nicht Dolce & Gabbana
    Ein Beitrag, der mich zum Nachdenken bewegt. Und dies garantiert nicht, weil ich etwa ein Fan Frau Merkels wäre; das ganz bestimmt nicht. Sie übt ihr Regierungsgeschäft nicht weniger im Interesse des Kapitals aus, als der Mann, den sie beerbte – Kohl. Nur ist ihr Handeln wesentlich komplexer. Es ist nicht immer gleich zu erkennen, wohin es führt. Und es mag durchaus möglich sein, dass sie das selber nicht immer vollständig zu kontrollieren vermag. Obwohl sie die kontrollierteste Machthaberin ist, die Deutschland je hatte; nach Bismarck vielleicht (doch letzterer scheiterte dann doch an seiner „männlichen“ Eitelkeit). Und das wird auch der Grund sein, warum sie vor allem aus ihrem „eigenen“ Lager die schärfste Kritik erfährt. Für die Konservativen ist ihr Handeln zu komplex, wie ihre Kontrolliertheit auch verdächtig. Des Sozialismus gar wird sie beschuldigt. Als Honeckers Rache quasi. Doch ihre Komplexität (wie auch Kontrolliertheit) macht sich bezahlt – für das Kapital.
    .
    Eigentlich herrscht nachwievor dessen Neoliberalismus, doch mithilfe Frau Merkels, beherrscht es auch die sozialdemokratische Semantik. Die Verlierer sind die ganz unten, die, die weder von der einen noch von der anderen politischen Richtung was zu erwarten haben. Die Große Koalition ist daher der konsequente Ausdruck hiervon.
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    Doch für den „Sozialdemokratismus“ gibt es nicht nur einen semantischen Grund. Die Globalisierung bringt die letzten Krieger für bürgerliche Werte gegen sich in Stellung. Und diesen wird der Sozialdemokratismus zum Fraß vorgeworfen. Ein gefährliches Spiel, nicht nur zu Lasten der Sozialdemokraten, sondern weil dadurch die bonapartistischen Gelüste des Pöbels wieder belebt werden – in allen Lagern. Das Auftreten eines Lafontaine mag daran erinnern. Doch was dieser Pöbel nicht begreift, ist, dass der Bonapartismus ebenso obsolet ist, wie politische Massenbewegungen das überhaupt sind. Schon immer wurden Massen manipuliert, jedenfalls innerhalb der Geschichte der Klassenkämpfe. Doch heute bewegen sich die Massen analog der Bewegung des Konsumbürgers, nicht des Klassenbürgers. Das politische Subjekt wird obsolet. Und da greift die nichtprätentiöse Art einer Frau Merkel. Immer korrekt gekleidet, erscheint sie dennoch nicht anders, als jede andere durchschnittliche bürgerliche Frau mit einer Einkaufstasche von P & C am Handgelenk. Wohlgemerkt: P & C, nicht Primark, nicht Dolce & Gabbana. Und die Konservativen mögen es glauben oder nicht: das ist ja auch ihr Label.

  5. Schnee von Gestern.....
    heute genügt es Quotenfrau zu sein, es sei denn, Frau gehört nicht zu den Aspiranten der Führungsetage.

  6. Exakt hier hörte ich dann auf zu lesen:
    „Dass sie nicht prompt auf politische Probleme reagiert, sondern abzuwarten pflegt,…“

    Ich konnte an diesem Punkt nämlich nicht umhin, an Ihre opportunistischen Reaktionen und Schnellschüsse vor dem Hintergrund von Fukushima zu denken. Kalblütigkeit und naturwissenchaftliche Härte (als Physiker sollte sie das verinnerlicht haben) sieht anders aus.

    Das hätte sie den Kopf kosten können, werfen Sie ein?

    Der Dienst an der Gemeinschaft kann nun mal den Kopf kosten (Soldaten empfinden das als eine Selbstverständlichkeit). Und so lautet der Amtseid nicht, dem (politischen) Tod aus dem Wege zu gehen, sondern Schaden vom deutschen Volke abzuwenden.

    So enfach sehe ich das.

    Naiv? Dann bieten Sie mir was normativ besseres!

  7. Mehr Eleganz, bitte
    Sorry, wenn ich das sage, aber wenn mich jemand an ein Mannweib erinnert, dann ist es die verehrte Frau Bundeskanzlerin mit ihre ewigen Hosenanzügen. Wie es auch anders geht, das hat damals die britische Premierministerin Margaret Thatcher gezeigt, die zu ihrer Zeit die mächtigste Frau der Welt war und die dennoch immer hochelegant und betont weiblich gekleidet war.

    • ja, genau!
      …auch mir scheinen Bekleidungsfragen für die mächtigsten Frauen der Welt die absolut zentralen zu sein…

  8. Und wie war das doch gleich noch mit der
    Fingernägelkauerei?

  9. Frauen geben leben, nehmen es aber auch wieder
    Diese Dame ist verantwortlich für die Energiewende und den Kadavergehorsam gegenüber den USA. Beides sind verhängnisvolle Entscheidungen, deren Auswirkungen auch das Ende dieses Landes bedeuten können. Leider reagieren Damen häufig emotional und weniger rational, ansonsten könnte sie die Folgen ihres ihr Tuns absehen. Dazu ist sie aber geistig nicht in der Lage.

  10. Weinerliches Gejammere: "... ist mit Unwillen zur Kenntnis genommen und als „karrieregeil“ ...
    Als träfe das exklusiv oder nur in besonderem Masse Frauen. Medien sind selten fair und Medienvertreter pflegen ihre ganz eigene Weltsicht. Und zu der gehört nun mal, dem einen/der einen zuzugestehen, was beim anderen kritisiert wird. Das ist keineswegs auf Frauen beschränkt – über vdL unbestrittenen Machtwillen gab es auch in der FAZ mehr Anerkennung als Kritik, über Merz Ansprüche dagegen Hohn und Spott.

    Aber hey – der Opferdiskurs ist bequem, erfordert keine Anstrengung (auch im Aushalten) und schafft Mitgefühl. Was er nicht schafft, ist Anerkennung – allen entgegenstehenden Feuileton-Berichten zum Trotz schätzt eine grosse Mehrheit von Menschen erkennbaren Machtwillen.

    Die „Startnachteile der Frauen“ in der Politik sind mittlerweile nur noch eine gerne gepflegte Legende. In der Kommunalpolitik wird praktisch jede Frau genommen, die sich engagieren will. Sofort. In der Landes- und Bundespolitik jede auch nur halbwegs fähige, für Abgeordneten- und Ministerposten. Mit der Weiterpflege des Opferdiskurses machen sich Frauen hier zunehmend lächerlich.

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