Home
Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

First Female Kings

| 2 Lesermeinungen

Hip-Hop wurde für Vieles in Verruf gebracht, aber sicherlich nicht dafür, feministisch zu sein. Und trotzdem habe ich von den großen Rapperinnen der 90er Jahre einiges über Selbstbestimmung gelernt. Eine nachdenkliche Hommage.

© Taylor DahlinLil‘ Kims Tourbus in Minneapolis, Mai 2012

 

Ich habe meine Jugend in einer kleinen westdeutschen Stadt verbracht. Dort hörten wir, auch um der empfundenen Enge etwas entgegenzusetzen, us-amerikanischen Hip-Hop – vor allem von Männern. Die ersten weiblichen Rapstars, die ich wahrnahm, waren die großen Namen der neunziger Jahre: MC Lyte, Missy Elliot, Lil‘ Kim, Foxy Brown. Schwarze Frauen aus New York, deren gesellschaftliche und soziale Erfahrungen mit meinen in der weißen Mittelschicht nur wenig gemein hatten. Und die mir trotzdem viel übers Leben beibrachten: Sie traten selbstbewusst auf, bestimmten den Rahmen, inszenierten sich in einer Toughness und Coolness, die ich bis dahin nicht kannte. Sie rappten harte, explizite Texte, Sex-Raps, Macht-Raps.

Ich erinnere mich, dass mich Lil‘ Kim irritierte und faszinierte: Die Art, wie sie sich in ihren Videos erotisch inszenierte und sich gleichzeitig in ihren Texten selbst überhöhte. Wie sie den Sex einforderte, den sie sich wünschte. Als ich zum ersten Mal bewusst wahrnahm, dass Lil‘ Kim rappte „I don’t want dick tonight, lick my pussy right“ war das ein bis dato ungehörter, unerhörter Satz.

Meine Faszination galt Lil‘ Kims gleichermaßen affirmativer und subversiver Strategie: Sie spielte mit ihrer Abhängigkeit von männlichen Förderern, vom männlichen Blick ihres Publikums. Ihre Texte und ihre Selbstinszenierung folgten dem Umstand, dass sie die Chancen auf Anerkennung vergrößerte, wenn sie ihre erotische Macht effektiv einsetzte.

Gleichzeitig durchkreuzte sie die Regeln der Gefälligkeit: Sie eignete sich männliche Statussymbolik und Unabhängigkeit durch die Inszenierung eigenen Reichtums und sexueller Potenz an. Sie trug den Kampf um Aufmerksamkeit mit ihrem Körper aus und hatte gleichzeitig etwas zu sagen. Mit ihren Texten, ihrer tiefen Stimme und ihrem unverkennbaren Flow verschob sie ganz nebenbei die Grenzen des Sagbaren. Ich musste weder Feministin noch Linguistin sein, um das zu spüren: Sie hatte nichts Entschuldigendes, nichts Rechtfertigendes. „I got to save the world. The first female king and they mad cause I’m a girl.“ Sie machte Ansagen.

Kings growing older
Am 11. Juli diesen Jahres feierte Lil‘ Kim ihren 40. Geburtstag. Und nähert sich dem Alter, in dem Frauen plötzlich nicht mehr ohne weiteres als jung und aufregend gelten. Sie steht unter Beobachtung: Wie machen sich die Jahre auf ihrem Körper bemerkbar? Wie stehts um ihre Stimme? Hat sie uns noch etwas Neues zu erzählen? Wir wissen, dass einige Popgrößen es schaffen, anerkannt zu altern. Sie positionieren sich als Künstlerinnen, sie haben Stil, sie bauen sich Schutzschilder aus Wohlstand, neuen Aufgaben oder dem Rückzug ins Private. Aber wie werden Rapperinnen altern? Zumal solche, die für Sex-Raps und aufregende, knappe Outfits bekannt sind? Wir wissen es noch nicht.

Gut, Lil‘ Kim ist Geschäftsfrau. Sie betätigt sich als Musikproduzentin, macht Werbung für große Modelabels und verdient in einem Jahr immer noch mehr Geld als ich bis zur Rente. Sie hat Ärger mit den Steuerbehörden, tritt in Reality TV-Shows auf, unterzieht sich Schönheitsoperationen, kommt hin und und wieder in die Schlagzeilen – und nimmt Songs auf mit jüngeren Rapperinnen wie Tiffany Foxx. Sie sagt Dinge wie: „I’m still climbing. I’m still taking myself to the next levels in my career, and that’s fine with me.“

Aber dennoch: Ich vermisse das Machtvolle und das Lustvolle. Wo ist es hin? Unter den strengen Blicken der Öffentlichkeit dahingeschmolzen? Lil‘ Kim und Foxy Brown waren Grammy-Gewinnerinnen und internationale Stars, aber sie blieben auch Underdogs der Popkultur: schwarz, weiblich, in der Unterschicht verortet, dazu aggressiv, körperbetont und explizit. Sind sie der Popöffentlichkeit zu unheimlich, um als Künstlerinnen auch über die Jahre anerkannt zu werden? Die große mediale Aufmerksamkeit scheint immer nur für ein, zwei, drei namhafte Rapperinnen zu reichen.

So ist es folgerichtig, dass Lil‘ Kim in den letzten Jahren vor allem für die Verbalattacken auf Nicki Minaj mediale Beachtung bekommt: Sie weiß wie alle anderen um die strengen Regeln der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Sie weiß, dass man sie in direkte Konkurrenz mit Frauen stellt, die gute Performerinnen sind und jüngere Pos und Brüste haben. Immer noch müssen sich Frauen im Hip-Hop die Frage gefallen lassen: Moment mal, wir haben da doch schon eine Rapperin, wieso bräuchten wir eine zweite?

Also statt Subversion und Selbstbestimmung doch wieder nur Wettbewerb und Unique Selling Proposition? Das sagt viel über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen in der Unterhaltungsindustrie – und in einer von Konkurrenz geprägten Gesellschaft allgemein. So entdeckt auch das Wirtschaftsblatt Forbes Magazine die  Rapperinnen für sich – als Vorbilder für unternehmerisches Denken und Handeln. Dort schreibt Natalie Robehmed: „Weibliche Rapper sprechen in ihren Reimen seit langem über Geld, Macht und Respekt, und auch wenn es erstaunlich erscheinen mag, halten manche dieser Texte wertvolle Ratschläge für Existenzgründerinnen bereit.“

Ich möchte protestieren, rufen: Ihr da, vom Forbes Magazine, ihr habt doch keine Ahnung! Ich habe ganz andere, viel wildere, viel subversivere Dinge von ihnen gelernt! Funktioniert die Aneignung tatsächlich so nahtlos? Nachdem Rapperinnen für Teenager wie mich die verkörperte Subversion waren, sollen sie zwanzig Jahre später – mit den denselben Texten und Inszenierungen – Rolemodels für Gründerinnen und Geschäftsfrauen sein? Und die Teenager von damals? Sind inzwischen zu Existenzgründerinnen und Soloselbstständigen geworden…

Die nächste Generation an weiblichen Rapstars ist jedenfalls längst aus den Startlöchern: Nicki Minaj, Tiffany Foxx, Azealia Banks… Sie können rappen und tanzen und inszenieren sich sexy – darin unterscheiden sie sich von ihren Vorgängerinnen kaum. Vielleicht können sie es gelassener angehen, vielleicht müssen sie die Machtfrage nicht frontal stellen, sich ihren Platz als weibliche Superstars im Hiphop weniger erkämpfen. Ich kann nicht sagen, wie sie auf Teenager wirken, die heute vor der Aufgabe stehen, sich mit Hip-Hop durch die Pubertät zu retten. Es würde mich freuen, wenn 16-jährige weiter auf Rapperinnen stoßen, die den Raum des Sag- und Vorstellbaren vergrößern und ihnen ein, zwei Ideen zur Subversion und Selbstbestimmung mitgeben. Und nicht nur ein, zwei Ideen zum selbstoptimierten Unternehmerinnentum. In diesem Sinne: Rock on, Lil‘ Kim, auf die nächsten vierzig Jahre!

0

2 Lesermeinungen

  1. Das läuft in der Praxis aber ein wenig anders. Deswegen bedarf der letzte Satz einer
    geringfügigen Korrektur: Rock on, Milf Kim…

  2. "Rapperinnen für Teenager wie mich die verkörperte Subversion"
    Popsternchen als „verkörperte Subversion“? Rapper sind auch nur Popsänger (& bestenfalls eben auch unternehmerisch tätig). & nur weil es sich um weibliche Rapper handelt, sollen sie dann als Vorbild (Ja, es gibt tatsächlich ein deutsches Wort dafür. & nicht nur eins.) dienen können. Oder denkt die Autorin desgleichen über männliche Rapper?

    Mal abgesehen davon gab es auch vor Lil Kim schon erfolgreiche & selbstbewußte weibliche Rapper: zB Salt ’n Pepa, Queen Latifah oder Roxanne. Sollen auch schon von Anfang an andere aktiv gewesen sein (die mir aber nichts sagen).

    Nichts gegen Hip Hop (gerade Salt ’n Pepa gehören zu meinen Lieblingsgruppen), aber wenn Rapper als Vorbilder für Teenager herhalten sollen/müssen, dann ist schon einiges falsch gelaufen.

Kommentare sind deaktiviert.