Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Der Axtmörder im Kofferraum

Wie macht man das, den richtigen Urlaub? Man geht auf die Suche. Wo ist der Platz, der mir entspricht? Und trifft: Die tiefen, dunklen Täler Bayerns, den Verlust vom Glanz des Geldes in Ascona, einen Pool, zwei Collies und eine Katze mit einer Augenentzündung.

© Helene HegemannMailänder Friedhof

Am Ende rechnete ich ganz fest mit einem Axtmörder. Mit einem im Regenmantel verhüllten Vergewaltiger, der aus dem alten Bauernschrank springen würde, auf dem die heilige Schutzpatronin Katharina ein Zepter hielt. Im Holzschuppen neben dem Haus lag seit zwei Nächten diese Axt. Der Mörder hätte auch aus dem dunklen, kellerartigen Vorratsräumchen schleichen können, von dem ich vorerst nichts erwähnen wollte. Auch nicht von den anderen, verschlossenen Türen, die eine Verbindung zwischen Schuppen (mit Axt) und Haus herstellen könnten.

Wäre ich ein Vergewaltiger, ich würde, wenn ich von zwei Frauen in einem abgelegenen, nur von Wald und einem flachen, schwarzen Fluss umgebenen Haus hören würde, ich würde doch meine Chance nutzen. Immerhin hatten die Menschen in der Nähe von unserer Ankunft gehört. Mit einem enormen Knall waren wir in ein Schlagloch gefahren.

Sie: Das war aber ein lauter Knall.

Ich: Ja, das war ja auch ein Schlagloch.

Sie: Der Reifen ist geplatzt.

Ich: Glaub ich nicht.

Sie stieg aus und schaute sich das Hinterrad an. Alles in Ordnung. Das Auto fuhr sich anders als vorher.

Der rechte Vorderreifen war geplatzt. Wir rollten in die Einfahrt eines Bauernhofs. Die Bäuerin trug eine signalfarbene Jack Wolfskin-Jacke und ihr Sauerstoffgerät auf dem Rücken. Trotz der Schläuche in ihrem Gesicht sah sie aus, als bestiege sie gleich den Kilimanjaro. Sie brüllte ihren Mann an. Zwei Collies schliefen im Hof, eine Katze mit einer Augenentzündung beschnupperte den Platten. Eine Gruppe Hühner lief vorbei. So erfuhr die Nachbarschaft von unserer Ankunft.

Der Urlaubsort erfordert eine ganz genaue Vorstellung von dem, was einem gut tun könnte und auch gut tun sollte. Musste.

Ich schaute aus dem Fenster in den schwarzen Wald hinein und in den steilen Hang in ein tiefes Tal voller Schwarz. Auf welcher Baumkrone wohl jemand mit Fernglas saß und zu uns hinüber starrte, wie wir auf dem Sofa neben dem Ofen kauerten. Wir lauschten noch eine Weile dem Hörbuch: Cry Baby – Scharfe Schnitte von Gillian Flynn und waren gerade an der Stelle, an der eine Mädchenleiche mit herausgeschlagenen Zähnen gefunden worden war.

Sie: Hast du das gehört? (Panik)

Ich: Das war der Wind. (Welcher Wind?)

Sie: Hast du Angst? (Welcher Wind?)

Ich: Nein (Ja).

Sie: Ich auch nicht (Ich auch).

Draußen war alles schwarz, ich verriegelte vom Küchenfenster aus zum dritten Mal das Auto und war mir für einen Augenblick nicht sicher, ob sich auf der Rückbank etwas bewegt hatte. Tagsüber lacht man sich dafür aus. Aber in der Nacht lag der Axtmörder im Kofferraum.

Man fährt in den Urlaub um einen Standard zu schaffen, der den üblichen Rahmen sprengt. Man geht auf die Suche. Wo ist der Platz, der mir entspricht.

Erster Versuch: Unangemessen lange fuhren wir in einem Metall-Nougat-farbenen Opel Corsa über und durch die Schweizer Berge nach Ascona und checkten im Giardino am Nordufer des Lago Maggiore ein.

 

Nirgendwo wird man so gleich behandelt wie an Orten, an denen das Personal davon ausgeht, sehr reichen Kunden zu begegnen. Anders ist kaum zu erklären, wie reiche Frauen mit reichen Männern in glitzernden Oberteilen und zu engen Jeans, völlig unmöglichen Outfits, die nach Neuköllner Nagelstudio aussehen, so gut behandelt werden. Hier und da, an den äußersten Rändern der Gesellschaft, sehen die Menschen nahezu identisch aus. Man versteht sofort die Parameter und doch, als wir, begleitet von der Rezeptionistin („Und das hier ist die Rezeption, hier erreichen Sie uns 24 Stunden“, „Aha, soso, schön.“) über die sauberen Terrakotta-Fließen zu unserer Suite geleitet wurden, fiel mir unter dem etwas versauten Lidstrich ihr irritierter Blick auf, als sie uns ansah und sagte: „Und da drüben ist unser Kinderclub, der heißt Dino.“

Es waren überhaupt einige verwirrende Dinge zu beobachten. Eine ältere Dame logierte offenbar mit ihrer Tochter, die ihr Zimmer ungefähr am anderen Ende des Hotels bezogen hatte. Die ältere, hoch toupierte Dame hatte ein Faible für leuchtende Farben. Zum Frühstück kam sie in einem pinken Outfit. Pinke Tasche, ein pinker Pullover, den sie sich über die pinken Seidenschultern legte. Sie verstehen sicher: Alles war pink. Eine blonde Frau, die rein optisch besser an eine texanische LKW-Raststätte gepasst hätte, stoppte am Tisch der Dame und sagte: „Ich wollte Ihnen mal sagen: Sie sind so stilvoll angezogen.“

So ging das die ganze Zeit. Das ist, ich nenne es mal: Der Verlust vom Glanz des Geldes. Je mehr Geld, desto weniger Geschmack.

Im Urlaub muss man die neuen und fremden Räume irgendwie bespielen. Den Raum füllen, der einen gegeben wurde. In unserer Suite hingen nun nicht nur zwei Fernseher (man könnte ja gleichzeitig in zwei verschiedenen Räumen dasPerfekte Dinner ansehen wollen), da war auch eine riesige Terrasse mit Blick in die Berge. Wir betraten den erschütternd großen Vorbau und kauerten uns auf ein Möbelstück in einer Ecke zusammen.

Im Schlafzimmer betrachteten wir eine Weile ein Bild an der Wand.

Sie: Siehst du den Teufel?

Ich: Nein. Das ist doch ein Berg, der sich im See spiegelt.

Sie: Das ist ein böse grinsender Teufel.

Sie neigte ihren Kopf.

Sie: Schau mal so.

Ich neigte meinen Kopf.

Ich: Das Bild gehört eigentlich anders herum.

Sie: Ja.

Das Bild zeigte, neigte man den Kopf, nicht mehr die romantische Bergkette von Ascona, die sich im See spiegelte, sondern tatsächlich die hässlich grinsende Grimasse eines faltigen Teufels in einem sehr langen, schwarzen Mantel.

 

Obwohl in einem Fünf Sterne Hotel in Ascona unter 20 reichen Menschen, deren Hauptaufgabe wahrscheinlich war, in ihrem mittelständischen Unternehmen Schrauben herzustellen, obwohl dort soziologisch gesehen am meisten geschah, erinnere ich mich am schärfsten an den Axtmörder, den es gar nicht gab und der auch nie mit seiner Axt unsere zugige Haustür einschlug.

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