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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Verdammter Haushalt

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Klar sollen Frauen auf Chefsesseln sitzen, Macht haben, Preise bekommen und zuhause selbst den Bohrer schwingen. Aber warum wird deshalb immer der „Haushalt“ geschmäht? Weg mit der falschen Hierarchie unserer Tätigkeiten, wir brauchen ein neues Verständnis der „Vita activa“!

 

© Adolf Humborg: „Großmutter ist die Beste“, 1921; public domainNähen kann Spaß machen, aber muss gelernt sein.

Eine beruflich erfolgreiche Freundin von mir hat eine beruflich erfolgreiche Chefin, und wenn es bei ihnen richtig stressig wird und ihre weniger belastbaren Kollegen das Weite suchen, dann zwinkern sie sich zu und murmeln: „Das erledigen wir jetzt nach Hausfrauenart.“ Nach Hausfrauenart heißt: ohne professionelles Brimborium, ohne Rücksichten auf Ruhm-, Macht- und Statusfragen. Was wichtig ist, entscheidet sich nur noch aus der Situation.

Kochen, waschen, bügeln, putzen, sich um die Kinder kümmern, Schulkram erledigen, einkaufen, aufs Geld schauen, den Meerschweinchen die Nägel schneiden, dem alten Nachbarn Suppe bringen und ja, auch Lampen montieren, schöne Silikonfugen ziehen, mit oder ohne Hilfe: am Ende des Tages schmieren wir uns die untergebutterte Hausfrau heute wie eh und je ranzig aufs Feierabendbrot.

Die abendländische Philosophie, die politische Theorie und Geschichtsschreibung stehen den hausfraulichen Tätigkeiten mit unverhohlener Verachtung gegenüber. Natürlich liegt das daran, dass ihre fast ausschließlich männlichen Produzenten, von mehr oder weniger versklavten Dienstboten und Ehefrauen entlastet, mit Haushalt wenig Erfahrung hatten. Sie empfanden ihn nach uralter Tradition als weibisch und konnten sich, wenn überhaupt, nur als „Haushaltsvorstand“, als Herrscher über die Familie, politisch auf ihn beziehen.

Zuletzt noch einmal bestätigt wurde der niedrige Status der Haus-Arbeit von Hannah Arendt mit ihrer Dreiteilung menschlichen Tätigseins in der „Vita activa“: 1) auf oberster Stufe das politische HANDELN und Sprechen der freien Bürger, das angeblich alleine „die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen, für Erinnerung und damit für Geschichte“ schafft; 2) das HERSTELLEN der Dinge durch den „homo faber“, das uns immerhin vor der Unbill der Natur schützt und eine halbwegs dauerhafte äußere Welt errichtet, und 3) die ARBEIT des „animal laborans“, die dem Erhalt der Körperfunktionen und dem Konsumieren unterworfen ist, also sowohl die Arbeit, die nichts anderes zum Zweck hat als den Geldverdienst, als auch eben die Hausfrauenarbeit mit ihren ewigen Wiederholungen und ihrer Abhängigkeit vom „unmittelbaren Lebensprozess“.

Manchen Passagen der „Vita activa“ zufolge führen die Hausfrauen wirklich das Leben von Tieren: sich in den Niederungen des Alltags wälzend, nur gebärend, stillend, fütternd und Nest bauend, damit die Gattung erhalten bleibt; immerhin räumen sie – anders als etwa die Schweine – auch Dreck weg.

Wusste Hannah Arendt, wovon sie sprach? Seit Anfang der Sechziger Jahre hatte sie eine Haushälterin und bis zu ihrem Tod 1948 führte ihre Mutter den Haushalt für sie und ihren Mann. Kinder hatte sie keine.

Aber sie nennt in der „Vita activa“ das „Phänomen der Güte“, der „tätigen Güte“, angeblich erst mit dem Christentum entstanden, die zwar in der Welt (also im politischen Raum) ist, sich aber vor den Menschen verbergen muss, „wenn sie sich nicht selbst unmöglich machen will“. Außerdem würdigte sie immer wieder einen Typus des Dichters und Denkers, der zwar in der „Vita contemplativa“ und nicht in der „Vita activa“ zuhause ist, aber der „tätigen Güte“ doch irgendwie verwandt scheint, durch die „unwiderstehliche Neigung zum Gut-Sein und Gutes-Tun“ – alles Männer, alles mit ihr befreundete Zeitgenossen, manche in sie verliebt. Der Dichter Wystan H. Auden bezahlte seine Neigung zum Gut-Sein durch völlige Verwahrlosung seines Haushalts, so dass einmal „seine Hosen plötzlich von oben bis unten aufzureißen drohten“. Er hatte nur eine Hose, und Hannah Arendt debattierte jahrelang mit ihm darüber, ob die Anschaffung einer zweiten nötig sei. Was sie nicht schreibt, ist, dass sie selbst ihm die zerrissenen Hosen flickte (denn durch eine Veröffentlichung wäre der Akt tätiger Güte ja entwertet worden); das wissen wir nur von einer Freundin der beiden.

Hosen flicken ist gar nicht so einfach. Auden konnte es nicht, und die meisten Hausfrauen unter uns können es auch nicht mehr, weil wir alte Hosen einfach wegschmeißen. Hannah Arendt wusste, dass Fähigkeiten wie „das Reinemachen und Kochen“ „einer gewissen Übung“ bedürfen. Die Mühsal und den Wert dieser Tätigkeiten als Fähigkeiten erfasste Pierre Bourdieu: Bei ihm gehören sie ebenso wie etwa die Sprachkompetenz oder der Umgang mit Büchern zum „kulturellen Kapital“, das als Investition über Generationen aufgebaut wird.

Die Wäsche zu bügeln, ja selbst das Klo zu putzen, ist an und für sich ganz nett. Beim Bügeln kann man herrlich nachdenken. Italo Calvino hat eine Geschichte über das Müllrausbringen geschrieben: eine Chance, den Himmel zu sehen. Was die Hausfrauen in den Wahnsinn treibt, ist das Ausufernde, das Überwältigende dieser Tätigkeiten, das dadurch entsteht, dass sie von anderen ausgenutzt wird: von Ehemann und Kindern, die vielleicht verwöhnt sind, aber auch unter dem Druck der Leistungsgesellschaft und des Geldverdienens keine Zeit haben. Von den Schulen, die uns jeden Tag in nervenaufreibende Auseinandersetzungen mit unseren Kindern zwingen, weil sie ihnen nicht beibringen, wie sie ihre Hausaufgaben zu machen haben. Von den Bürokratien, die uns missbrauchen, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen, indem sie die Beantragung von Elterngeld zu einer wochenlangen Aufgabe machen. Von den Ökonomien, die uns nicht nur Geld, sondern auch Zeit stehlen, indem sie für jedes Staubsaugermodell eigene, nur schwierig aufzufindende Staubsaugerbeutelmodelle entwickeln. All das ist es doch, was den Haushalt, ob man nun arbeitet oder nicht, zu einer so frustrierenden, langweiligen und beschissenen Angelegenheit macht, beschissener als jedes Klo.

Politisches Handeln heißt bei Hannah Arendt: mittun, die Welt zu verändern; eigene Interessen gemeinsam so weiter entwickeln, dass aus ihnen erstrebenswerte Ziele für die Allgemeinheit werden. Wir brauchen Zeit dafür, und wir brauchen Zeit für die Reproduktionsarbeit, für die tätige Güte, für die Pflege kulturellen Kapitals oder wie immer sonst wir diese „Care“-Aufgaben nennen wollen. Die meisten Menschen werden nicht durch den Haushalt, sondern durch ihre Jobs verschlissen (bei Hannah Arendt „animal laborans“ auf einem noch viel tiefer stehenden Niveau als jede Putzfrau) und durch das Laufen im Hamsterrad unserer Konsumkultur.

Die eingangs erwähnte, nach Hausfrauenart im Beruf so effiziente Freundin weiß, wie man Hosen flickt, und bringt es ihren Kindern bei. Nur wenige, aber gute Hosen zu besitzen und diese zu erhalten, ist für sie ein Akt des Widerstands. Um handeln und die Welt verändern zu können, müssten wir erst einmal die Welt verändern. Der verdammte Haushalt ist einer der Orte, um damit anzufangen.

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1 Lesermeinung

  1. Zur Ehrenrettung Arendts:
    Aus einem Brief an Dolf Sternberger vom 27. Januar 1961:

    „Ich danke Dir von Herzen. Und wärest du jetzt hier, bzw. wären wir beide in New York, so würde ich Dir ein gutes Essen kochen. Und Dir dabei auch gleich beweisen, demonstrieren, dass mein Arbeitsbegriff aus der Küche und nicht vom Ackerbau kommt. Im Gegenteil, so verrückt besessen war ich von meinen Küchenerfahrungen, und so überzeugt, dass der einzige Grund, warum die klugen Männer nie einen vernünftigen Arbeitsbegriff aufgestellt haben, der ist, dass sie keinerlei Erfahrung darin haben (nämlich Omlett kaum fertig, auch schon wieder verschwunden), dass ich den Ackerbau vergessen hatte und nachher noch mühsam habe hereinkleistern müssen.“

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