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Für eine bessere Architektur: Locker lassen und effizient sein

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„Um Erfolg zu haben, reicht es nicht, zu planen. Man muss auch improvisieren.“ (Isaac Asimov) – Ein Plädoyer für eine Gebäude- und Stadtplanung, die Raum lässt.

 

© Michelle Howard/constructconceptNicht flexibel, sondern anpassungsfähig: ein Haus, das Änderungen einfach absorbiert.

Noch nie zuvor haben so viele Menschen so viel Zeit damit verbracht, unsere erbaute Umwelt zu planen. All diese Stadtplaner, Architektinnen, Urbanistinnen, Ingenieure und so weiter sind wie besessen von der Genauigkeit ihrer Planungen. Das geht so weit, dass sie gegen jede Evidenz immer weiter behaupten, sie hätten alle nur möglichen Eventualitäten antizipiert und im Griff, bevor der Prozess des Bauens überhaupt angefangen hat.

Natürlich ist diese Haltung zu einem großen Teil eine Konsequenz des Drucks, der von Baufirmen, Rechtsanwälten und Kunden in einer Gesellschaft ausgeübt wird, die dem Expertentum, dem Spezialistentum, dem Hyperprofessionalismus huldigt. Die Erfahrung zeigt untrüglich, dass in der Profession – oder Kunst – des Bauens dieser hohe Grad an Genauigkeit unmöglich zu erreichen ist. Die Liste der ständig neu- und umgeplanten großen Bauprojekte wie dem Berliner Flughafen ist zu lang, um hier aufgeführt zu werden.

Das Insistieren darauf, dass eine erschöpfende Planung möglich sei, überrascht umso mehr, als unsere Industrien, unsere Berufe, unsere Unternehmen und mit ihnen unsere räumlichen Bedürfnisse einem Wandel ausgesetzt sind wie nie zuvor. Während wir noch nie gründlicher geplant haben, haben sich die Anforderungen, auf denen die Planungen basieren, noch nie gründlicher und schneller geändert. Und nie wird das Geplante wie geplant verwirklicht. Dauernd müssen wir improvisieren, dauernd geschieht Unvorhergesehenes, dauernd entsteht Anpassungsbedarf. Eine Projektidee oder Vision, die kompromisslos durchexerziert und starr umgesetzt würde, wäre auch gar keine Heldentat. Zweifeln und Schwanken gehören zur Praxis der Architektur und sollten nicht in die hintersten Ecken des kreativen Prozesses verdrängt werden, sie tragen zum Reichtum unserer gebauten Umwelt bei und verdienen es, wahrgenommen zu werden. Wäre es nicht sogar hoch an der Zeit, die Planung ganz von ihrem Podest zu stoßen und stattdessen die wichtigen Prozesse der Improvisation in der Architektur auf den Sockel zu heben?

Natürlich würden die Planer darauf entgegnen, dass es doch schon lange die alte modernistische Weisheit der “Flexibilität” gibt. Aber das ist ein völlig anderes Konzept: Den Lehrsätzen moderner Architektur zufolge erfordert Flexibilität eine Rasterstruktur aus Modulen, die von Säulen und nicht von Wänden getragen wird. Flächen von einer gewissen Quadratmeterzahl werden von nicht-tragenden Trennwänden umschlossen, deren jede einige Meter der Fensterreihung enthält, die die Fassade umgibt. Würden wir dem folgen, müssten wir damit leben, dass wir mit unserer Architektur nur Quadratmeterflächen schaffen, statt Räume – Räume, von denen jeder einzigartige Qualitäten haben und in sinnvollen Beziehungen zu den anderen Räumen stehen kann. Warum sollten wir einzigartige räumliche Qualitäten aufgeben, für eine Methode, die uns zwar erlaubt, “flexibel” seelenlose Boxen zu errichten, aber weder effizient noch robust noch etwa schön ist? Die Menschen strukturieren doch lieber einen vorhandenen Raum um, als nicht-tragende Wände einzureißen oder zu schieben.

Was wir in der Architektur brauchen, um Raum für Improvisationen zu lassen, ist ein “Sicherheitsfaktor”: ein Faktor, der bei den Ingenieuren eine wichtige Rolle spielt: Erst einmal wird das Minimum des Benötigten genau kalkuliert, und dann fügt man noch eine Sicherheitsmarge hinzu. Bestimmen wir also den minimal benötigten Raum und fügen dann noch mehr Raum hinzu!

© Michelle HowardDie gleichen Räume – als Büro, als Küche und als Wohnzimmer

Die scheinbar verschwenderisch großen Berliner Altbauwohnungen Anfang des 20. Jahrhunderts sind ein gutes Beispiel: Sie sind effizient, weil sie ohne große bauliche Veränderungen ganz unterschiedliche Funktionen annehmen können, sich leicht in Büros, Zahnlabore, Kinos, Galerien, Läden und Werkstätten umwandeln lassen und von vornherein für gutes Licht und eine gute Durchlüftung sorgen. Von Anfang an werden Umplanungen vermieden, und bei Umwidmungen bleiben die essentiellen Qualitäten erhalten. Die Räume absorbieren den Wandel, anstatt sich nur an ihn anzupassen. Das ist eine alternative Vorstellung von Effizienz, eine Vorstellung, die die Grenzen des Planens zugibt, die die Lebensdauer von Gebäuden verlängert und Großzügigkeit, Robustheit und Schönheit schafft – die Effizienz, locker zu lassen.

Übertragung aus dem Englischen von Marion Detjen

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1 Lesermeinung

  1. Ein wesentlicher Anteil des Erfolges von professionellen Bauherren ist dem Umstand zu danken,
    sich den meisten Vorschlägen der Architekten erfolgreich widersetzt zu haben. Die Bewohner dankten es regelmäßig und erwiesen sich oft als die besseren (Innen-)Architekten.
    Ganz unbestritten gibt es löbliche Ausnahmen von dieser (leider) Regel.

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