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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Essen im Anthropozän

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Biotechnologie zu verteufeln ist einfach. Ihr verantwortungsbewusster Einsatz kann allerdings die Artenvielfalt auf diesem Planeten retten – und somit auch Leben.

© Wally GobetzVielfalt – wie wir sie lieben!

Um den Planeten in den bevorstehenden Jahrzehnten mit Nahrung zu versorgen, werden wir über unser Verhältnis zur Technologie nachdenken müssen. Unsere Einstellung zur Biotechnologie muss differenzierter werden – schließlich ist sie nichts Neues, im Gegenteil, sie ist uralt. Biotechnologie entstand etwa zur selben Zeit wie die Landwirtschaft. Wann hat die Menschheit begonnen, Pflanzen zu domestizieren, um Saatgut zu gewinnen und Getreide anzubauen?

Die drei Weisen aus dem Morgenland – die Weltbank – sagen uns, dass sich die Nahrungsmittelpreise einem historischen Höchststand nähern und dass ihre Schwankungsanfälligkeit als neue Normalität betrachtet werden muss. Der 2007 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigte Intergovernmental Panel on Climate Change (der UN-Klimarat) hat bereits vor über einem Jahrzehnt gewarnt, dass die gleichzeitige Forderung nach Ernährung und ökologischer Umsicht den angemessenen Einsatz von Biotechnologie, Informationstechnologie und Ökotechnologie voraussetzt. Und dennoch bewegen wir uns fortwährend von einer Nahrungsmittelkrise zur nächsten, während zugleich die über achtzigjährige Filmemacherin Agnès Varda, die Großmutter der Nouvelle Vague, unsere gängige Praxis der Essensverschwendung dokumentiert. Was muss sich also verändern? Werden Open Source und urbaner Gartenbau zu mehr Ernährungssicherheit führen? Wie vermag man den Planeten im Zeitalter des sich beschleunigenden Klimawandels überhaupt noch ernähren?

Nicht nur im akademischen Elfenbeinturm, nein, auch in den Straßen Kreuzbergs kommt zunehmend der Gedanke auf, dass wir – und hier meine ich das omnipotente gesellschaftliche, politische, technische, spirituelle „Wir“ – uns um Biodiversität kümmern sollten. Egal ob Veganer, Vegetarier oder Fleischfresser: Wir sollten nicht nur besorgt, sondern geradezu alarmiert sein angesichts des Mangels an Artenvielfalt innerhalb unserer Nahrungskette. Aber was wissen wir über Biodiversität? Und wie verhält sich Biodiversität zu Biotechnologie?

Unsere Agrarpflanzen befinden sich in einem erbärmlichen Zustand. Es gibt über 300 000 Pflanzenarten, von denen etwa 10 Prozent für den Menschen genutzt werden können. Doch nur geschätzte 150 Sorten spielen in der Nahrungsmittelproduktion eine wesentliche Rolle. Infolgedessen sind die meisten Nutzpflanzen einem radikalen Schwund an Biodiversität unterworfen, zunächst aufgrund des Domestizierungsprozesses, und jüngst auch durch die Aneignung und den Missbrauch genetischen Pflanzenmaterials durch multinationale agrarindustrielle Konzerne. Die drängende Aufgabe, die sich uns heute stellt, besteht darin, den Genpool unserer wichtigsten Kulturpflanzenarten in seiner Biodiversität zu erhöhen. Ohne Biodiversität verfügen Pflanzen nicht über die nötige Belastbarkeit und Optionsvielfalt, um sich unter den Bedingungen des Klimawandels entwickeln und anpassen zu können. Wo aber liegt das Problem?

Als Lebensraum haben wir unsere Höhlen längst aufgegeben, ebenso wie Rauchsignale als Kommunikationsmittel und Pferderücken zur Fortbewegung – bei der Landwirtschaft jedoch gebärden sich viele Romantiker, als befänden wir uns in der Jungsteinzeit und nicht mitten im Anthropozän. Lasst es uns ganz natürlich angehen und uns ausschließlich von heimischen Pflanzenarten ernähren – und die Anleitung dazu gibt’s als App auf unserem Smartphone! Stimmt hier irgendwas nicht? Es ist nicht zu bestreiten: Von den Feldern der durch das Finanzkapital gestützten Agrarindustrie weht tatsächlich ein übler Wind. Und natürlich sollte man diese Missstände nicht einfach hinnehmen. Allerdings dürfen wir die Möglichkeiten der Technologie nicht mit ihrem Missbrauch oder ihrer geradezu betrügerischen Anwendung durch die Agrarmultis verwechseln.

Tomaten und Kartoffeln stammen beide ursprünglich aus den Anden. Die heutigen Kulturpflanzen sind jedoch genetisch geringwertig, und so gibt es große Bemühungen, die Sorten mit dem Keimplasma wild wachsender Arten anzureichern. Biotechnologische Verfahren werden verbreitet eingesetzt, um das Anwendungsspektrum der guten alten Kartoffelpflanze in der Nahrungsmittelproduktion zu erweitern. Eine Monsanto-Tochtergesellschaft hat eine gegen den Kartoffelkäfer sowie den Blattrollvirus und den Potato-Virus-Y resistente Sorte entwickelt und sie anschließend, nach den vorgeschriebenen Genehmigungsverfahren, auf den Markt gebracht. Allerdings wurde das Ganze gestoppt, aufgrund lautstarker Proteste, und die Kartoffelerzeuger mussten wieder auf konventionelle Züchtungen zurückgreifen – die wiederum die massive Anwendung einer ganzen Reihe scheußlicher Insektizide und Unkrautvernichtungsmittel verlangen, gegen die die zu bekämpfenden Schädlinge eine hohe Resistenz entwickelt haben. Dieser intensive Einsatz hochgiftiger Pestizide ist aber generell ein Merkmal der industrialisierten Agrarwirtschaft, ganz egal, ob sie zugleich Gentechnologie betreibt oder nicht. Unter der Ägide multinationaler agrochemischer und agrarindustrieller Biotech-Unternehmen ist die Land- von der Finanzwirtschaft kolonialisiert worden. Und diese Unterwanderung geht auf Kosten der Umwelt sowie von Biodiversität und Nachhaltigkeit.

Und dennoch: Die Dämonisierung der Biotechnologie greift viel zu kurz, sowohl was die technischen als auch die ökologischen Aspekte anbelangt. Alle jene, die eine Rückkehr zur „Natur“ propagieren, seien daran erinnert, dass Mais eine rein agrikulturelle Erfindung ist, anders gesagt: ein technologisches Produkt. Wir alle würden davon profitieren, wenn wir Biotechnologie einsetzten, um eine vielfältige Bandbreite von dürreangepasstem Saatgut zu züchten, oder Kulturpflanzen, die unter veränderlichen klimatischen Bedingungen gedeihen. Ich plädiere nicht für transgene Agrarprodukte à la Monsanto, die einzig dazu entwickelt werden, um maximalen Profit für die Aktionäre zu generieren. Ich plädiere für eine Biotechnologie, die den gierigen Klauen der Finanzwelt entrissen und zurück in die Hände der Erzeuger gelegt wird – in die Hände der Bauern. Gentechnik kann eingesetzt werden, um gegen die agrarindustrielle Maschinerie aufzubegehren, die Innovation wieder den Landwirten zu überlassen und so die Biodiversität zu erhöhen. Ich plädiere für einen Rückkehr zu verantwortlichem Erfindergeist und zur Förderung einer Agrarkultur, die diesen Namen tatsächlich verdient.

Während wir mit den hartnäckigen Problemen kämpfen, die uns die technologische Omnipräsenz im Anthropozän beschert, sind die Glücklicheren unter uns vielleicht zufrieden, im Garten ein paar Tomaten oder Kartoffeln heranwachsen zu sehen. Ich begrüße jede Form von Urban Gardening, wo auch immer es gedeiht. Natürlich ist es gut, Produkte aus der Region zu konsumieren – aber wir dürfen zwei wichtige Fakten über die gesellschaftliche Dimension unserer Technologie nicht vergessen. Erstens: Die Gene unserer regional angebauten Produkte haben meist eine sehr weite Reise hinter sich. Und zweitens: Ohne die Reisbauern an fernentlegenen Orten wären viele von uns längst verhungert. Ja, es verhungern tagtäglich Menschen auf diesem Planeten, es gibt allerdings keinen rationalen Grund dafür, dass dies so sein muss.

(aus dem Englischen von Elisabeth Ruge)

 

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6 Lesermeinungen

  1. Unter- ernährung als Normalität ?//
    Vor vielen Jahren war meine Arbeit im Gesuntheitsbereich in Asien(Entwicklungshilfe damals Technical Assistance genannt).Die Institutionen sind noch stets da:FAO,WHO,ILO <IMF,Weltbank und und …mit ihren Berichterstattungen,ganz normal,aber je ein virus dass "communicable"sein könnte,dann nicht mehr ganz normal.
    En ändert sich wenig.Traurig.Kann und will das nicht hinnehemen.Aber die Institutionen sind wichtiger dan ein Mensch oder bedürftige Menschen!!!

  2. Glückwunsch zur progressiven Konsistenz
    Endlich mal ein konsistenter Ansatz: Nachdem dem Drang zur Dekonstruktion von bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und Normen so leidenschaftlich nachgegangen wurde, wird jetzt endlich mal die Konsistenz dieser Weltsicht durch konsequente Ausdehnung dieses konstruktivistischen Ansatzes wieder hergestellt.

    Was meine ich?

    An die Stelle eines ganzheitlichen Entwurfs des menschlichen Lebens soll die Wahlfreiheit es Individuums treten, das sich seinen eigenen Entwurf aus immer kleineren Bausteinen zusammensetzt. Selbst das Geschlecht, dass ich lange Zeit als ableitbar von den Geschlechtsorganen betrachtet habe, ist heute eine Konstruktion. Es scheint so, als wären die Erkenntnisse und Ergebnisse vergangener Geschlechter noch nicht einmal mehr wert dahingehend bedacht zu werden, warum Strukturen so geschaffen wurden, wie sie existierten. Stattdessen sei – so ist nach meinem Dafürhalten die heute gesellschaftsfähige Meinung – der heutige Mensch in der Lage ad hoc einen besseren, passenderen Entwurf aus den ihm zur Verfügung stehenden Bausteinchen zu schaffen.

    Wenn der Mensch ein solch grandioser Baumeister ist, dann müsste Biotechnologie uneingeschränkt zu begrüßen sein. Denn hier macht der Mensch auch nichts anderes, er ändert nach seinem Willen Bausteine und schafft neue Strukturen, die seinen Bedürfnissen besser genügen.

    Natürlich sind die Regeln, nach denen eine Gesellschaft zusammenlebt menschengemacht und die Pflanzen nicht. Das macht diese Regeln aber mitnichten automatisch auch leichter durchschaubar. Änderungen, die auf den ersten Blick günstig erscheinen, können auch hier ungeahnte Nebenwirkungen entwickeln. Wir haben beispielsweise im vergangenen Jahrhundert zwei Regelwerke menschlichen Zusammenlebens erlebt, die am Reißbrett entworfen wurden und wir durften deren krachendes Scheitern erleben.

    • Herr Werlau, der Mensch macht seit Jahrtausenden Biotechnologie. Nur nicht im Labor, sondern im
      Feld, mit try&error, Zucht, Pflanzenauswahl, Zufallsentdeckungen. Wirklich „natürliche“ Nutzpflanzen gibt´s überhaupt nicht.

      In diesem Sinne betrachte ich Frau Josts (in Deutschland sinnlosen bis für Sie gefährlichen) Aufruf als Appell dazu, auch diese Technik als Werkzeug zu begreifen, das man wie alle anderen zu guten wie zu schlechten Dingen nutzen kann.

      Was Ihre durchscheinende Ablehnung der Biotechnik angeht, hey, Sie leben im vergreisenden Deutschland, schon vergessen? Bevor die Deutschen ihre Abneigung gegen alle die Techniken aufgeben, deren Nutzen sich nicht sofort in gesteigerter Bequemlichkeit niederschlägt, fallen Ostern und Weihnachten auf einen Tag.

      Wenn man mal davon absieht, dass Sie zwar Frau Josts Artikel in einen grösseren Zusammenhang stellen, der Feminismus und die „Gender Studies“ traditionell und habituell eher Verbündete von Technikgegnern aller Art sind. Eine Folge der fast ausschliesslichen Verankerung in Geisteswissenschaften und Geistesbürokratie.

      Ihr Gedanke zur gedankenlosen „Dekonstruktion“ gesellschaftlicher Zusammenhänge würde wirklich Verfolgung verdienen, theoretisch. Man kann sich allerdings auch damit beruhigen, dass mittelfristig alle Gesellschaften zum Aussterben verurteilt scheinen, die das Individuum zu sehr in den Vordergrund gestellt haben. Ausweislich der Geburtenraten. Historisch läuft es darauf hinaus, dass sich diese Gesellschaften selbst abschaffen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Hallo Herr Werlau,
      Ihr Beitrag ist für mich auch konsistent, stimmig. Egal welche „Möglichkeit, Thema“ der
      menschliche Geist zu finden im Stande ist, ob Thema Technik, Bio(-genetisch), Medizin…
      Jede Möglichkeit ist ja „Chance“, aber jede Chance ist von vornherein mindestens
      einfach dual reversibel, reziprok…gegenteilig real. Sobald diese neue Möglichkeit,
      der „neue Denkraum“, sich durch geistige Erhellung vergrößert, entstehen auf Basis der
      Themengrundfindung neue Möglichkeiten, wieder mindestens einfach dual…
      zu Ende gedacht „zersplittert“ der neue Raum, die Möglichkeit, in (fast) unendliche Möglichkeiten.
      Nicht mehr von nur einem Mensch durchdacht, sondern im Zweifel auch von unendlich vielen.
      Aus der Grundfindung von „einem“ Mensch, der noch bestimmt über seine Findung, werden
      viele „Mitfinder“, die auch mitbestimmen möchten über den Fortgang.
      Ein „Meer“ von Ideen und „Geistern“ die das „Thema“ konsistent, stimmig, auf Basis ihrer
      „Nutzungsidee“ progressiv verfolgen, sowohl befürwortend als auch gegenteilig, einfache Dualität:=)
      Die humane Nutzung zum Wohle der Menschen, sagt aber auch noch nichts über die
      „humane Verträglichkeit“ der Naturkreisläufe, über die symbiotische Verträglichkeit.
      Dann kommt die rein kommerzielle Nutzungsmöglichkeit von Menschen, die mehr oder weniger human
      denken und oder handeln, als weiterer Gesichtspunkt dazu.
      Jetzt bekomm ich schon einen „Knoten“ im Gehirn…:=)
      Also Quintessenz:
      Wehret den Anfängen, stimmig(konsistent), falls inhuman und/oder Natur unverträglich.
      Versuch macht klug, stimmig, wenn auf Basis Humanität und Natur verträglich.
      Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, stimmig, je reifer durchdacht…
      Progressives Denken und Realisation, auf Erfahrung, Erkenntnis, Einsicht aufbauend,
      ist immer stimmig, leider auch für die aussschließlich Kommerz Interressierten.
      Letztendlich entscheidet das (Geistreife-)Maßhalten über die Wirkung der „neuen Möglichkeit(en)“ für alle. Das Maß von, im Zweifel, unendlich vielen, die auf ihrer persönlichen Nutzungsbasis
      oder eben auch Nichtnutzungsbasis (Zeit noch nicht reif) mitbestimmen, mitrealisieren.
      Realisierungsbasis Humanität steht oft im Widerspruch zur monetären Realisierungsbasis.
      Einstein…Atombombe, als Beispiel.
      Wann aber ist die Zeit und „der Geist“ (unendlichen Mitbestimmer) reif?
      Am Ende bleibt wohl die Mitte von:
      Wehret den Anfängen, Versuch macht klug, Human und Natur-verträglich und Ihr Beitrag.
      Bescheidenes, progressiv konsistentes Einschwingverhalten von „Neuem“ ist
      empfehlenswert:=)

      MfG
      W.H.

    • @Thorsten Haupts: Biotechnologie
      Hallo Herr Haupts,

      ich halte Biotechnologie (als Pflanzenzucht/Tierzucht auf Speed) in etwa so gefährlich wie einen Leopard II – man kann mit dem Weinberge bewirtschaften oder Ortschaften in Schutt und Asche legen. Es kommt halt drauf an, was man draus macht. Insofern sehe ich Biotechnologie auch eher als ein Werkzeug an (das ich nicht pauschal ablehne, aber skeptisch betrachte).

      Mir ist nur irgendwann diese gerade im „progressiven“ Umfeld ausgeprägt vorhandene Diskrepanz zwischen der starken Befürwortung des Dekonstruierens und Konstruierens im gesellschaftlichen Bereich und der mehr oder minder strikten Ablehnung des gleichen Prinzips im biotechnischen Bereich aufgefallen. Das konnte ich mir nicht erklären. Heute habe ich einfach auf eine für mich schlüssige Erklärung dieser Diskrepanz durch die progressive Fraktion hier im Blog gehofft.

      Viele Grüße
      Günther Werlau

  3. Wie ein Märchen/ein Discours der umkehrbare Macht der (agrarwirtschaft) Verhältnisse!?
    Eine Abhandlung auf die Wiederbelebung des Widerstandsgeists und oder aus Opportunismus?Ich vermisse Koordinaten und Bedingungen der politische und soziale Strukturen die ein gerechte (könnte dass definiert werden?) Verteilung der Mangelwahre wie Agrarprodukte ermöglichen in einer Welt der Wissenskulturen und ökonomische Verhältnisse ohne das Bewusßtsein einer Plflicht die erfüllt werden muss oder… .Zuerst die Frage nach Denkrahmen politischen Händelns sollte sich stellen.
    Welche Kriterien an denen „richtig“ oder “ falsch“ gemessen soll mit deren Hilfe jede neue Nahrung und Ernährungsprobleme analysiert werden können und umsetzen in Handlungsmaiximen.Oder “ Business as
    usuell“ wie Elizabeth Kolbert in Field Notes from a Catastrophe notiert.Welche infant mortality rate (Hunger) ist akzeptabel?

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