Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Endlich halbe halbe!

| 38 Lesermeinungen

Goethe fand’s gut, Fred Astaire hatte damit keine Schwierigkeiten, die Schweden teilen längst fair, nur Deutschland diskutiert immer noch. Ein Plädoyer der ehemaligen obersten Verfassungsrichterin für die Quote.

© dpaBundesverfassungsgericht, November 2000: Winfried Hassemer, Berthold Sommer, Jutta Limbach, Hans Joachim Jentsch

Es gibt Themen, die  – wie die Quote –  immer wieder aufleben. Mit jeder Renaissance wächst der Beifall. Dass die Quote kein Allheilmittel der Geschlechtergerechtigkeit ist, weiß jede und jeder. Sie ist ein Instrument neben anderen. Der besondere Vorzug einer durch Gesetz eingeführten Quote wäre die Erkenntnis, dass der Gesetzgeber den Gleichstellungsauftrag des Art. 3 Abs. 2 Satz 2 des Grundgesetzes ernst nimmt. Auch würde mit dem Gesetz eindeutig zum Ausdruck gebracht, dass Frauen nicht erst die Nützlichkeit ihres politischen Engagements dartun müssen. Wer hätte je Männer mit einer solchen Frage konfrontiert?

Die Bundesregierung arbeitet derzeit an einer Rechtsgrundlage. Aber es greift zu kurz, wenn nur für Vorstände und Aufsichtsräte in Unternehmen eine Quote gesetzlich eingeführt würde. Will das Parlament und die Bundesregierung glaubwürdig sein, muss sie eine Quote hinsichtlich aller mit Macht und Prestige verbundenen Positionen vorsehen.

Die Frauen haben in der Demokratie ein selbstverständliches Anrecht auf Teilhabe an politischer und wirtschaftlicher Macht. Sie müssen nicht erst Goethes Sentenz unter Beweis stellen, dass der Umgang mit Frauen das Element guter Sitten sei. Sollte die steigende Zahl von weiblichen Führungskräften tatsächlich verfeinernd auf die Machtspiele der Männer wirken, so wäre das eine erfreuliche Nebenfolge der Präsenz von Frauen. Diese Wirkung ist aber keine notwendige Rechtfertigung für deren Aufstieg. Das Gleiche gilt für die Annahme, dass geschlechtlich durchmischte Kollegenschaften erfolgreicher arbeiteten. Wenn das den für die Personalauswahl Verantwortlichen die Wahl von Frauen erleichtert, ist das ein Anlass zur Freude, nur taugt auch diese Annahme nicht als Rechtfertigungsmuster. Einen Vorteil gilt es dagegen als unmittelbar beabsichtigt hervorzuheben, dass nämlich die Quote die politische Phantasie mobilisiert, wie Frauen auf ihrem Weg an die Spitze gefördert werden können.

Die Ängste des männlichen Geschlechts voraus bedenkend, sollte die Quote sowohl zu Gunsten der Frauen als auch der Männer formuliert werden. Denn wenn sich die allenthalben zu beobachtende Intelligenz und zunehmende Sachkunde der Frauen herumspricht, könnte eines Tages das starke Geschlecht das Nachsehen haben. Die Behauptung jedenfalls, dass es an kompetenten Frauen fehle, widerspricht den Erfahrungstatsachen, die eine hohe Qualifikation und Leistungsbereitschaft der Frauen belegen.

Dass das weibliche Geschlecht in den höheren Rängen der Politik und Wirtschaft äußerst gering vertreten ist, liegt nicht an seinem fehlenden Sachverstand oder Arbeitsvermögen. Wir begegnen auch hier der in anderen Berufen zu beobachtenden Neigung, bei der Auswahl von Kollegen Angehörige der eigenen sozialen Gruppe zu bevorzugen, in denen sich die Entscheider selbst widerspiegeln. Auch Personalchefs und diejenigen, die das politische Personal rekrutieren, pflegen bei der Frage, wen sie einstellen und fördern sollen, gern jemanden zu wählen, der ihnen  – d.h. ihrem projizierten Selbstbild –  am meisten ähnelt. Sie benachteiligen die Frauen, weil sie diesen weder Leistungs- noch Durchhaltevermögen zutrauen.

Die Frage, ob Frauen so viel wie Männer können, kann jedenfalls heute nicht mehr ernsthaft gestellt werden. Bei dieser törichten Frage verweisen Amerikanische Feministinnen gern auf das Tanzpaar Ginger Rogers und Fred Astaire. Bekanntlich wurde Fred Astaire als der große Tänzer gefeiert. Doch Ginger Roger konnte alles ebenso gut wie er. Nur konnte sie es sogar rückwärts und auf Stöckelschuhen!

Wenn sich die Bundesrepublik Deutschland nicht ein weiteres Mal von der Europäischen Union frauenpolitisch überholen lassen will, muss sie  – dem Beispiel anderer europäischer Staaten folgend –  eine gesetzlich verbindliche Frauenquote einführen. Sowohl der Vertrag von Lissabon wie Art. 23 der Charta der Grundrechte fordern, die Gleichheit von Frauen und Männern in der Beschäftigung, der Arbeit und des Arbeitsentgelts sicherzustellen. Die Charta sagt überdies ausdrücklich, dass der Gleichheitssatz nicht Vorschriften entgegensteht, die das unterrepräsentierte Geschlecht begünstigen.

Laut dem von der Weltbank ermittelten „Global Gender Gap Index“ liegt Deutschland auf dem 12. Platz im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern, die stets auf einem der vordersten Plätze zu finden sind. Die Bundesrepublik Deutschland, die in der Wirtschaft so überaus erfolgreich ist, sollte sich gegenüber ihren Frauen nicht lumpen lassen. Sie sollte sich das Schlüsselprinzip der Schweden zu Kopfe nehmen, dass die Geschlechtergleichheit Grundlage für eine gerechte und demokratische Gesellschaft  ist.

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38 Lesermeinungen

  1. Vorstände und das Geschlecht
    Sehr geehrte Frau Limbach,

    Soweit ich die Untersuchungen kenne, haben die Vorstände von großen Unternehmen zu 90% eins gemeinsam: Ihre Väter waren Vorstand.

    Nun ist es ja so, dass wir in Deutschland zwar in den mittleren Einkommensschichten ein Fortpflanzungsproblem haben, in den obersten 5% sieht das für mich aber nicht so aus. Wenn wir eine Gleichverteilung der Geschlechtsmerkmale bei den Neugeborenen unterstellen, wird es etwa soviele Vorstandskinder mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geben, wie es welche mit männlichen gibt. (Die Frage, welches Geschlecht daraus im weitern Leben konstruiert werden wird, lassen wir heute mal aussen vor und nennen die mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen im weiteren je nach Alter „Mädchen“ oder „Frauen“ und die mit den männlichen „Jungen“ oder „Männer“.)

    Auch in diesen Kreisen genießen die Mädchen heutzutage eine hochwertige Ausbildung und werden nicht nur im Organisieren von Dinnerparties unterrichtet. Verhindern deren Väter nach der Ausbildung dann tatsächlich deren Fortkommen? Werden nur den Söhnen die väterlichen Kontakte mitgeteilt? Haben wir ein ernstes Chauvinismusproblem in der upper class?

    Gibt es Untersuchungen, ob die schwedische, finnische oder norwegische Gesellschaft durch Quoten demokratischer und gerechter geworden ist und wie misst man das?

    Die von Ihnen beschriebenen Mechanismen des Stallgeruchs greifen allgemein. Ein Mann ohne den nötigen Stallgeruch hat es vermutlich genauso schwer, wie eine Frau ohne den nötigen Stallgeruch. Warum wird der nicht unterstützt? Wie gießt man soetwas in eine Quote? Was ist mit den Tätigkeiten, die ohne Macht und Prestige ausgeführt werden, soll hier keine Gleichheit hergestellt werden? Warum nicht? Diente das nicht auch der Demokratisierung?

    Ich kann mir nicht helfen: So wie Sie es beschreiben, klingt es etwas nach Rosinenpickerei.

    Nebenbei: Die Frauen sind in Deutschland deutlich in der Überzahl. Sie haben also jede Möglichkeit, ihre Interessen aus dem Stand politisch durchzusetzen.

    Mit freundlichem Gruß
    Günther Werlau

    • Und Männer gründen 99% der Unternehmen, die Vorstandsposten und Aufsichtsräte zu vergeben haben.
      Muss echt bequem sein – erst lasse ich andere die Arbeit machen und ins Risiko gehen, danach verlange ich 50% von dem, was dabei geschaffen wurde. Warum gründen eigentlich Frauen kein facebook oder SAP, kein Alibaba oder Zalando, kein Apple oder Nokia? Oder machen entsprechende Neugründungen nicht gross (genug)?

      Weil sie es entweder nicht können oder nicht wollen. Beides völlig in Ordnung. Nicht in Ordnung – die Forderung, danach aber trotzdem das Sagen in solchen Unternehmen zu bekommen. Auf dem Präsentierteller der Unternehmensbesitzer kraft staatlichen Zwanges.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  2. Einverstanden! Machen wir Ernst mit der Quote. Um das selbstverständliche Recht der Frauen
    an demokratischer Teilhabe ebenso umzusetzen, wie ihre selbstverständliche Pflicht zur Teilhabe an schmutzigen, gefahrengeneigten und lebensgefährlichen Jobs.

    Ja zu den 50% für Vorstände und Aufsichtsräte. Und ja zu den 50% für Müllabfuhr, Sprengmeister, Feuerwehr, Militär, Einsatzpolizei.

    50% überall. Alles andere ist ungerecht. Frau Limbach hat den zweiten Teil einfach nur vergessen.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Ja genau, Herr Haupts! Dann aber natürlich auch
      50 Prozent Männer in Berufen wie Erzieher (Kita etc.), Alten- und Krankenpflege und auch im Grundschullehramt, um nur einige zu nennen. Dort kommen Männer aufgrund der Übermacht der Frauen doch kaum zum Zuge. Schließlich scheut sich ja kein Mann vor schlechtbezahlten Stellen, die viel Idealismus verlangen.

    • Und bei der Lebenszeit machen wir auch halbe-halbe, stimmts?
      Wenn also die Frauen einer bestimmten Altersgruppe beim Sterben mit den Männern nicht mithalten kann, dann werden wir nachhelfen. Gesundheitsvorsorge wird dann den älteren Männern vorbehalten, um da schnellstmöglich eine Angleichung herzustellen.
      [Gefundene stilistische Mittel dürfen als Trophäen behalten werden.]

  3. Mangelndes Durchhaltevermögen...
    …würde ich einem Menschen, der neun Monate ein Kind im Leib trägt, nicht gerade unterstellen.
    Ein Team aus Frauen und Männern könnte sich durch die geschlechtsbedingt unterschiedlichen speziellen Fähigkeiten (die allem Gleichheitsgezeter zum Trotz existieren) als wesentlich besser erweisen als ein Team, das nur aus Männern oder nur aus Frauen besteht.

    • Oder eben genau das Gegenteil,
      wenn die zwischengeschlechtliche Ablenkung auf Grund des menschlichen Paarungsbedürfnisses zuviel Raum gewinnt.

  4. Leider ist das bürgerliche Gesetzbuch seit 1900 recht positivistisch und damit am
    vordergründigen bürgerlich- gemeinen Interesse ausgerichtet, im Ergebnis dessen gibt es merkwürdige Verfassungsrichter und ein entsprechend ordnungspolitisches Rechtsdenken: Empirische Rechtserfahrung- und schreibung ist wohl leider out.

  5. Wo bleibt die Leistungsorientierung?
    Für mich ist eine Führungsposition eine Position für die man sich qualifizieren und auch kämpfen muss. Es sind auch keine politischen Ämter. Eine Quote passt da nicht dazu. Dazu ist es so, dass der Aufsichtsrat repräsentiert die Mitarbeiter und die Aktionäre und vertritt deren Interessen. Was hat das mit der Verteilung der Geschlechter in der Bevölkerung zu tun? In unserer Belegschaft z.B. gibt es nur 30% Frauen und 70% Männer. Wieso sollte dann im Management und im Aufsichtsrat eine Verteilung von 50 zu 50 angestrebt werden? Das Thema muss doch von unten nach oben angegangen werden. Erst mal muss doch auf den unteren Management Ebenen eine faire Verteilung existieren. Die vielen Frauen, die in einem Unternehmen bei der Besetzung von Projektleiter und Abteilungsleiter Stellen nicht chancengleich berücksichtigt werden, haben doch nichts davon, wenn es ein paar wenige Frauen in Aufsichtsräten gibt. Umgekehrt gäbe es ja genügend qualifizierte und erfahrene Frauen für diese Positionen, wenn auch in den Führungspositionen darunter es viele Frauen gäbe. Darüberhinaus setzt 50:50 voraus, dass Frauen im gleichen Masse in diese Positionen wollen wie Männer. Was wenn nicht? Ist das etwas wozu ein Staat sein Volk dann „erziehen“ muss? Meine Auffassung ist umgekehrt. Der Staat dient dem Volk und nicht umgekehrt.

  6. Totalitäre Demokratie?
    Ich hatte die Verfasserin schon immer im Verdacht, die Rechts- und Verfassungsordnung eines freiheitlich-demokratischen Staatswesens nur unzureichend im Blick zu haben. Typisch ist ihr Verständnis, wonach eine „demokratische“ Gesellschaft bestehe bzw. anzustreben sei. Natürlich haben wir glücklicherweise keine demokratische Gesellschaft, bei der also stets das Volk über unser Mittagessen und unsere Reisepläne entscheidet. Schlagwortartig (und, das ist mir klar, schon deshalb nicht völlig zutreffend) steht einem demokratisch organisierten Staat eine freiheitliche Gesellschaft gegenüber. Die Übertragung staatlicher Prinzipien (die dort ihre Berechtigung haben) auf die Gesellschaft schafft mehr oder minder totalitäre Verhältnisse. Bereits im staatlichen Bereich ist die Quote höchst bedenklich, weil sie sachfremde Kriterien in ein Auswahlverfahren, das Können und Leistung zum Inhalt haben sollte, hineinträgt. Im gesellschaftlichen Bereich, in welchem Verfassungskriterien nur ausnahmsweise gelten, hat die Quote überhaupt keine Daseinsberechtigung, weil die Entscheider – anders als im staatlichen Bereich – nicht objektiv sein müssen. Der Verweis der Verfasserin auf die Ergänzung von Art. 3 GG und die europäischen Bestimmungen bezeugt lediglich die von einigen Menschen offenbar für attraktiv gehaltene Entwicklung der verfassungsmäßigen Ordnung hin zur totalitären Demokratie.

  7. Es gibt also immer die gleiche Menge Qualifizierter pro Geschlecht?
    Positiv möchte ich hervorheben, dass hier endlich mal gegen die angeblichen weiblichen Mermale, die Frauen die besseren Leader machen sollen, argumentiert wird. Sobald man diese Merkmale, die übrigens Männer auch besitzen, auf Pflegeberufe anwendet werden sie sofort bestritten. Wenn es allerdings um Führungspositionen geht können Frauen auf Grund ihrer Weiblichkeit Empathie und Kommunikation besser als Männer. Schon erstaunlich. Ich glaube auch nicht, dass gemischte Teams zwangsläufig besser sind. Das kommt doch ganz auf die einzelnen Menschen an.

    Nichtsdestotrotz ist so eine Quote trotzdem Schwachsinn. Ich finde die momentanen Verhältnisse auch falsch, aber wie kommt man denn auf die Idee, dass immer 50:50 die beste Variante ist? Was ist denn, wenn 60% weiblich und 40% männlich die besten Köpfe des Jahrgangs repräsentieren? Oder umgekehrt? Man kann doch nicht ernsthaft annehmen, dass Talente und Wissen zufällig immer gleich verteilt sind. Es gibt da keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern, aber alleine durch Zufall wird es in verschiedenen Jahrgänge deutliche Unterschiede geben und ein Geschlecht wohl mehr qualifizierte Köpfe haben als das andere.
    Momentan haben durch massive Förderungen und evtl auch Bevorzugung Frauen einen größeren Anteil an Uni-Abschlüssen, da mag es in Zukunft also mehr qualifizierte Frauen geben.
    Was machen wir denn wenn es im Jahre 2016 von 100 möglichen Personen 80 gute Frauen, aber nur 20 gute Männer gibt? Ist dann 50:50 sinnvoll?

    Und ich verstehe immernoch nicht wieso in so prägenden Zeiten wie Kindergarten und Grundschule Männer immernoch außen vor sind als Lehrer? Wo sind da die großen Kampagnen für eine Quote? Das ist der Glaubwürdigkeit massiv abträgilch. Natürlich gibt es dort wesentlich weniger männliche Bewerber, das stört bei der Frauenquote doch aber auch niemand in Bereichen wie Informatik. Oder auch in der Politik gibt es nunmal deutlich mehr männliche Parteimitglieder.

    Und wie macht man es wenn Quoten für Transsexuelle kommen? Wird der Anteil von beiden Geschlechtern abgezogen? Oder für das Geschlecht mit dem sich die/der Transexuelle/r identifiziert?

    Gerechtigkeit lässt sich nicht an Zahlen festmachen. Der Begriff ist niemals objektiv. Ist es gerecht, dass ein Fußballer mehr verdient als eine Krankenschwester hört man immer wieder, nur ist es gerecht, dass eine Sekretärin mehr als eine Altenpflegerin verdient? Ist es gerecht, dass Frauen Kinder austragen und Männer nicht? Ist es gerecht, dass Frauen länger leben? Ist es gerecht, dass Brad Pitt besser aussieht als ich?
    Und vor allem: Selbst wenn er es wäre: Der Weg dorthin war noch nie gerecht.

  8. Mehr Müllfrauen, Soldatinnen und männliche Erzieher bitte
    Eine Quote jeglicher Form ist kontraproduktiv. Leistung, Leistung und nochmals Leistung allein müssen entscheiden wer welche Anstellung bekommt Wenn Frauen aus Neigung (kulturell oder genetisch bedingt ist da völlig egal) lieber Erzieherinnen oder Lehrerin werden, dann ist das ok; aber wenn es nicht genügend (laut Meinung einiger) weibliche Professorinnen oder CEOs gibt, dann ist das nicht ok? Die Politik reglementiert diese Republik in den Untergang das ist schon in der DDR schief gegangen. Lasst uns endlich in Ruhe mit der Reglementierungswut.

  9. Die Lüge der unendlichen Möglichkeiten.
    Die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere ist die Lebenslüge der Gleichstellungspolitik. Jeder, der sich im realen Leben ein wenig auskennt, weiß, dass Spitzenpositionen in Wirtschaft und Politik das totale Engagement erfordern – 80-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit. Deshalb haben extrem erfolgreiche Frauen keine Kinder.

    Wer das nicht anerkennen will, muss zu einer Ideologie Zuflucht nehmen, die heute zwar sehr lautstark propagiert wird, aber wohl keinen fühlenden Menschen jemals wirklich überzeugen wird – nämlich zu der Ideologie, dass Kinder ihre leibliche Mutter gar nicht so dringend brauchen, sondern auch durch andere Bezugspersonen gut betreut werden können.

    Die stärkste Unterstützung finden die Feministinnen heute bei den Ökonomen, die Frauen als brachliegende wirtschaftliche Ressource betrachten. Alle starren auf die Zahlen bei der Besetzung von Führungspositionen. Wie hoch ist der Anteil weiblicher Professoren an deutschen Universitäten? Wie viele Dax-Unternehmen werden von Frauen geführt? Die Gutmeinenden wollen Gleichheit statt Freiheit – und zwar Ergebnisgleichheit statt Chancengleichheit – und zwar Ergebnisgleichheit nicht für die einzelnen Frauen, sondern für die Gruppe der Frauen als ganze. Als ob Gleichberechtigung statistisch messbar an der Zahl von Frauen in bestimmten hoch bezahlten Berufen und Spitzenpositionen sei.

    Was in Amerika seit Jahrzehnten „affirmative action“ heißt, nennen wir hier in Deutschland Gleichstellungspolitik. Sie kämpft gegen Diskriminierung mit der Wunderwaffe der Repräsentation, also mit Hilfe der Quote. Nicht die individuelle Leistung zählt, sondern die Gruppenzugehörigkeit. Damit aber wird die berechtigte Kritik von Diskriminierung ad absurdum geführt. Früher gab es Menschen, deren individuelle Leistung aufgrund einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit nicht anerkannt wurde.

    Heute werden Menschen aufgrund einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit gefördert, und zwar unabhängig von ihrer individuellen Leistung. Also hat sich nur das Vorzeichen der Diskriminierung gewandelt. Früher hat man Schwarze und Frauen diskriminiert – so gut ihre Leistungen auch waren. Heute werden Schwarze und Frauen gefördert – so schlecht ihre Leistungen auch sein mögen. Und hier wird die Sache dialektisch: Jede Gleichstellungspolitik diskriminiert diejenigen, die es aus eigener Kraft geschafft haben, zum Beispiel Frauen auf C4-Professuren.

    Was sind eigentlich Quoten? Es gibt nicht unbegrenzt viele Geschäftsführer in DAX-notierten Unternehmen; es gibt nur eine klar begrenzte Anzahl von Parlamentssitzen im Deutschen Bundestag; und auch die Zahl von Professorenstellen an Universitäten lässt sich nicht beliebig vermehren. Hier haben wir es mit absoluten Knappheiten zu tun. Die Forderung nach Quoten zielt auf eine Vorabzuschreibung wertvoller Stellen an Gruppenmitglieder.

    Auch wenn sie politisch nicht erfüllt wird, kann man die Quotenforderung als Warnung verstehen, dass die politisch Korrekten nicht bereit sind, das Ergebnis eines individuellen Wettstreits um begrenzte Chancen hinzunehmen. Denn jeder Wettbewerb um knappe Positionen ist ein Kampf um Vorrang. Das heißt aber: Es entsteht immer eine Nachfrage nach Ungleichheit. Man muss Männer benachteiligen, wenn man Frauen nach vorne bringen will.

    Aber man kann die Diskriminierungen der Vergangenheit nicht wieder gut machen. Schon gar nicht durch Diskriminierung und öffentliche Bußrituale der Männer. Mit jedem Schritt der Gleichstellungspolitik entfernen wir uns weiter vom gesunden Menschenverstand, der einem sagt, was gut genug ist.

    Die eigentlichen Opfer der Frauenquote sind die Frauen.

  10. Debatte von gestern
    Fr. Limbach sagt selbst, dass es nicht an kompetenten Frauen mit Qualifikationen und Einsatzbereitschaft fehlt. Wer aber glaubt, dass es jemandem, der an die Spitze will, hilft, wenn man ihm/ihr ohne Ansehen der Qualifikation aufgrund sekundärer Geschlechtsmerkmale dorthin befördert, der irrt. Ich kenne so gut wie keine gut ausgebildete und leistungsbereite Frau, die diesen Zusammenhang verkennt. Auch kenne ich keine Diskriminierung mehr für junge Frauen in meinem beruflichen Umfeld; ganz im Gegensatz ist nahezu jede Führungskraft froh, wenn er/sie auch junge Frauen (be)fördern kann. Insofern empfinde ich die Debatte als gestrig, Alice Schwarzers Kämpfe werden von den jungen Frauen heute als überholt angesehen.

    Es ist aber leider viel schlimmer. Das Beharren auf einer Quote in Machtpositionen wird nichts in der techniklastigen deutschen Wirtschaft verbessern. Der von Fr. Limbach zitierte Umstand, dass die dt. Wirtschaft hervorragend auch mit weniger Frauen in Führungspositionen dasteht, sollte dazu als ausreichenden Beleg gelten. Und alle methodisch sauberen Studien, die sich mit dem Erfolg von durch Frauen geführte Unternehmen beschäftigen, stellen einen Nachteil, bestenfalls keine Verschlechterung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit dieser Unternehmen fest. Das sollte endlich auch die Politik zur Kenntnis nehmen.

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