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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Briefe aus Odessa. Natascha

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Ich möchte die Zeit zurückdrehen, als die noch lebten, die auf dem Majdan (wofür?) starben, als die noch lebten, die in Odessa verbrannt wurden (in wessen Namen?), als die Kämpfer der ukrainischen Armee noch lebten, die friedlichen Bewohner des Donbass' und die Passagiere an Bord der malayischen Boeing.

Odessa, den 26. September 2014

Elke, sei gegrüßt,

ich habe dir ein Versprechen gegeben, doch es zu erfüllen, fällt mir schwer. Nicht deshalb, weil ich viel arbeite und nach der Arbeit noch Englisch unterrichte und außerdem gerade meine Schwester zu Besuch habe. Es fällt mir vor allem schwer, weil das Thema für mich sehr schmerzhaft ist. Bei diesem Thema tut das Denken weh.

Heute kam meine Schwester Dascha  ganz niedergeschlagen vom Einkaufen zurück. An einer der zehn Kassen im Supermarkt fiel ihr eine große junge Frau auf, die ganz offensichtlich keine Kassiererin war. Sie erkannte in ihr die Schwester ihrer Kindheitsfreundin. Die ganze Familie lebte in Donezk und im Sommer kamen sie zur Oma nach Odessa. Ganz kurz – an der Kasse darf man keine persönlichen Gespräche führen – erzählte sie, die vor dem Krieg Nachrichtensprecherin beim Fernsehen war, dass sie nie im Leben geahnt hätte, mal irgendwann als Kassiererin arbeiten zu müssen. Und – dass ihre Eltern in Donezk geblieben seien.

Wir wussten schon einiges durch ihre Schwester: Sie (die Sprecherin) und ihr Mann hatten seit Sommer im Keller des fünfstöckigen Hauses gewohnt. Ihre Wohnung war völlig zerstört. Ihr Mann hatte sich versteckt, um nicht kämpfen zu müssen, weder auf der einen, noch anderen Seite, sie blieb bei ihm. Ihr Vater erkrankte plötzlich, konnte nicht mehr gehen. Die Ursache war nicht herauszubekommen, im Moment werden nur Verletzte behandelt. Die 90-jährige Großmutter lebt mit in der Wohnung der Eltern.

Die Frau schafft es kräftemäßig nicht, ihre Familie da rauszuholen. Im Hochhaus, wo ihre Eltern leben, sind nur einige Familien übriggeblieben, die einfach nicht wegkönnen.

Solche Geschichten gibt es massenhaft. Bei uns auf dem Bau arbeiten Männer aus dem Osten der Ukraine. Gebildete Menschen, die am Ende eines schweren Arbeitstages 100 Grivna (heute ca. 6,50 €) verdienen. Dann erfahren sie auch, ob es am nächsten Tag Arbeit für sie geben wird. Viele haben ihre Familien nach Russland geschickt. Sie tragen 50 kg schwere Säcke voll Zement auf dem Rücken in die fünfte Etage hinauf. Auf die Frage, ob sie sich als Flüchtlinge registriert haben, winken sie nur ab.

© PrivatAuf den Einkaufswagen steht: „Verehrte Bürger, bitte helfen Sie der Ukrainischen Armee.“

Es tut mir sehr weh, an das Schicksal meines Landes zu denken. Schau dir das Foto an – ich habe es heute vor dem Supermarkt aufgenommen. Auf den Wagen steht: „Verehrte Bürger, bitte helfen Sie der Ukrainischen Armee.“ Es wird aufgezählt, was man spenden soll: Zigaretten, Graupen, Makkaroni, Zucker, Salz, Öl, Tee, Wasser, Getränke, Gemüse – Knoblauch, Zwiebeln, Kartoffeln, Seife, Waschpulver, Zahnpasta, Toilettenpapier, Medikamente, Kleidung, Schuhe, Socken. Ähnliche Aufrufe höre ich täglich im Radio, im Abstand von 25 Minuten, dazwischen läuft Musik, drei Minuten Werbung (darunter auch für BMW – JETZT ZU SEHR ATTRAKTIVEN PREISEN), und zweiminütige Nachrichten über die ATO (Anti-Terror-Operationen – so nennt man den Krieg im Osten). Ein ähnlicher Aufruf hängt am Eingang des Musiktheaters. Den befestigte man dort, nachdem der Rote Teppich des Odessaer Filmfestivals zusammengerollt worden war, wo sich die hiesigen Promis in ihren Neuanschaffungen gespreizt hatten. Übrigens erzählte mir ein Kollege, der für eine Firma mit Motorenöl handelt, dass militärische und staatliche Organisationen Geld für Motorenöl überweisen, das Öl aber nicht abgeholt wird. Man holt meist nur Bargeld ab und stopft sich die Taschen voll – ich erzähle dir das, damit du verstehst. Die Technik fährt derweil weiter mit altem Motorenöl.

„Die Ukraine – ein großes Land“, diese Losung hängt in der ganzen Stadt.

Ich wünsche mir sehr, dass dieser widerliche Krieg endlich aufhört. Dass die Flüchtlinge in ihre Häuser zurückkehren, sie neu aufbauen, dass das Land wieder das alte Leben lebt. Ich fürchte nur, dass es unmöglich sein wird. Ich möchte die Zeit zurückdrehen, zurück bis damals, als es diese furchtbare Hölle des 2. Mai noch nicht gab, als wir noch nicht solche Angst spürten, die uns in unseren Wohnungen festhielt am 9. Mai, am Feiertag des Sieges, den wir traditionell im Grünen feiern, als die noch lebten, die auf dem Majdan (wofür?) starben, als die noch lebten, die in Odessa verbrannt wurden (in wessen Namen?), als die Kämpfer der ukrainischen Armee noch lebten, die friedlichen Bewohner des Donbass‘ und die Passagiere an Bord der malayischen Boing.

Ruhm den Helden! Den Helden Ruhm! Höre ich um mich herum, und erinnere mich an den vor langer Zeit gelesenen, seit Jahrzehnten vergessenen Roman „Tod eines Helden“ von Richard Aldington.

In dieser tragischen Gegenwart der Ukraine gebe ich weder Putin noch Obama  noch dem Westen die Schuld. Es gehört zum Wesen von Imperien, sich auszudehnen. Das muss man genauso berücksichtigen, wie man in kosmische Berechnungen die Ausdehnung des Weltalls mit einbezieht. Dieser widerliche Kampf ist das Ergebnis einer kranken ukrainischen Gesellschaft, die jegliche (moralische) Werte verloren hat.

Ich möchte Frieden. Mehr nicht. Und wahrscheinlich, möchte ich auch später nichts anderes mehr. Nur Frieden. Schnell. Nur Verhandlungen. Ob das möglich ist…?

Natascha

Übersetzung: Elke Bredereck

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2 Lesermeinungen

  1. Die Antwort auf die berechtigte Frage der Briefeschreiberin ist ein klares "Nein".
    Und ich füge hinzu, dass ich das bedaure, aber niemand das mehr ändern kann. Völlig abgesehen davon, dass niemand von den sehr wenigen wirklich Verantwortlichen das ändern will, der Krieg entspricht dem, was Putin, die importierten russichen „Rebellen“ und möglicherweise die ukrainische Regierung wirklich wollen.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. Heisse Kartoffeln werfen.
    „Dieser widerliche Kampf ist das Ergebnis einer kranken ukrainischen Gesellschaft, die jegliche (moralische) Werte verloren hat.“

    Nocheinmal: Warum?
    Oder anders: Was oder wer hat dazu beigetragen?

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