Ich. Heute. 10 vor 8.

Ich. Heute. 10 vor 8.

Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Weg mit der Ehe, der Quote, der Karrierefrau

| 9 Lesermeinungen

Wie sähe eine Welt aus, die sich nicht mehr aus falschen steinzeitlichen Männer- und Frauenbildern speist, sondern vollkommenen gleichberechtigt wäre?

© privatJagen und Braten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Liebe Mädchen, … ich möchte euch ersuchen, alles zu werden, was ihr wollt (solange es nicht das Tanzen an einer Stange beinhaltet). Alles könnt ihr werden, nur nicht süß“, schreibt Sibylle Berg als Reaktion auf Emma Watsons Auftritt bei den Vereinten Nationen, gegen den Berg prinzipiell nichts einzuwenden hat, wäre die Schauspielerin nicht gar so niedlich.

Das Ziel des Feminismus – spätestens seit Emma Watsons Rede wissen es alle – ist nicht die Bekämpfung von Männern, sondern die Gleichberechtigung der Geschlechter. Eine Selbstverständlichkeit eigentlich, die man nicht eigens betonen müsste. Sie sollte vielmehr das Anliegen aller sein. Und dennoch scheint sie unerreichbar.

Es ist unklar, ob das an den Frauen liegt, die sich noch im fortgeschrittenen Alter als Mädchen bezeichnen lassen. Oder daran, dass Frauen sich zu sehr auf das Polieren von Oberflächen konzentrierten, worauf Berg abzielt, wenn sie weiter schreibt: „Liebes Mädchen, vergiss das Fachwissen über die optimale Hautpflege, künstliche Nägel, Blondierungen, Abnehmtricks mit Pillen, die dich dein Fett unverdaut ausscheiden lassen.“ Es ist unklar, ob es daran liegt, dass Männer ihre überlegene Position nicht abzugeben bereit sind. Oder ob wegen der biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern eine Gleichberechtigung schlicht unmöglich ist. Fest steht lediglich, dass das Ziel in weiter Ferne liegt.

Wie sähe aber eine Welt aus, in der Frauen und Männer tatsächlich gleichberechtigt wären?

© privatSammeln und Beeren

 

 

 

 

 

 

 

 

In einer solchen Welt hätte man sich längst von unserem tradierten Bild der Steinzeit verabschiedet, in der wir auf Teufel komm raus die Geburtsstunde der Geschlechterrollen sehen wollen. Letztes Jahr schrieb Julia Voss in ihrem FAZ-Artikel „Steinzeit für immer“: „Im Männerdorf der Anthropologie fand man nichts dabei, sich die Urzeit wie das Ohio oder Augsburg der fünfziger Jahre vorzustellen – mehr noch, man hielt es für besonders einleuchtend. Je größer die Rolle von Männern in der Menschheitsgeschichte wurde, desto näher schien die Vorstellung von der Urzeit an der Wirklichkeit zu liegen. Je mehr es die Geschlechterrollen der Gegenwart verstärkte, desto plausibler schien es die Vergangenheit zu beschreiben.“

In Wahrheit gibt es jedoch keine Belege dafür, dass nur Männer jagten, während die Frauen Beeren sammelten und das Nest wärmten. Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, wer die Speere und Lanzen benutzt hat, die gefunden worden sind, möglich ist alles. Abgesehen davon könnte das Sammeln ebenso gut Vorläufer des Karrierismus sein und das Erlegen von Wild eine Vorstufe des Bratenzubereitens.

In einer Welt, in der das Geschlecht kein Klassifizierungsmerkmal mehr darstellte, ginge es drunter und drüber. Es gäbe keine getrennten Toiletten mehr, Männer trügen öfter Röcke und dekolletierte Hemdchen, sie ließen sich von Frauen galant die Tür aufhalten und in den Mantel helfen, ganz entgegen Freiherr Adolf Friedrich Knigges Anweisung: „Der Mann hilft zuerst seiner Begleiterin in den Mantel, weil er stets zunächst um deren Wohl bemüht sein sollte“. Der Herr wäre nicht mehr stets um das Wohl der Dame bemüht, sondern sie womöglich um seins. Oder jeder um sein eigenes. Es gäbe keine Frauen, die ihren Namen bei der Eheschließung ablegten. Es gäbe gar keine Hochzeiten mehr. Denn mehr als jede andere Institution birgt die Ehe schließlich in sich die Gefahr der Rollenfestlegung.

Es gäbe keine Quoten. Es herrschte kein Zwang, die Gleichberechtigung mit Zahlen zu untermauern. Auf Nominiertenlisten für Literaturpreise stünden nicht die Werke von jeweils sechs Autoren und sechs Autorinnen als Beweis dafür, dass weibliche Autorinnen nicht vorsätzlich übergangen werden. In ein Parlament müssten nicht zwanghaft Frauen befördert werden, nur damit eine prozentuale Auflage erfüllt wird. Das Ziel der Frauenbewegung, wie Susan Sontag es in ihrem Tagebuch formuliert, wäre endlich erreicht: „Die Aufhebung geschlechtsspezifischer Normen für jegliche Tätigkeit – außer dem Kindergebären und einigen wenigen Arbeiten, die große körperliche Kraft erfordern.“

In einer gleichberechtigten Welt gäbe es eine neue Sprache. Durch das Suffix -in mag zwar inzwischen die weitgehend maskuline Personenbezeichnung aufgehoben sein. Doch aus einem Gast kann keine Gästin werden und aus einem Flüchtling keine Flüchtlingin. Das Wort „Fräulein“ ist längst veraltet, aber die erfolgreiche Frau ist immer noch eine Karrierefrau und der erfolgreiche Mann eben ein Mann. Und nicht zu vergessen das kleine Wörtchen „man“. Dem Deutschen scheint also immer noch ein Chauvinismus innezuwohnen, dessen Spuren sich niemals ganz beseitigen lassen. Ja, es müsste eine ganz neue Sprache her, frei von jeder linguistischen Parteilichkeit.

In einer gleichberechtigten Welt gäbe es keinen Krieg zwischen Männern und Frauen. Wir würden vergessen, dass wir Männer und Frauen sind. Und: Frauen wären niemals süß. Vielleicht ist das der wahre Grund, warum vollkommene Gleichberechtigung ein unerreichtes Ziel ist.

1

9 Lesermeinungen

  1. Unerreicht UND niemals erreichbar UND gruselig.
    Das wird jeder Leser halten, wie er will – aber das von Frau Muzur skizzierte Ziel ist ohne Genveränderung nicht nur nicht erreichbar (es gibt messbare genetische Unterschiede zwischen Männern und Frauen, im Durchschnitt und aggregiert). Es ist auch nicht einmal wünschenswert – ich kenne genügend Menschen (darunter auch viele Frauen), die das beschriebene Ziel für gruselig halten.

    Ganz nebenbei liesse sich in der von Frau Muzur beschriebenen Welt die Menschheit auch nur noch durch Klonung oder Gebärfabriken aufrechterhalten – ohne Unterschiede keine Spannung, ohne Spannung kein Sex, ohne Sex keine Kinder … Aber in die Richtung entwickeln wir uns aufgrund von Liberalisierung, Individualisierung und Frauenemanzipation ohnehin. In einer fast eineindeutigen Korrelation (je mehr der drei genannten desto weniger Kinder), weshalb die Vermutung von konsequenz naheliegt.

    Kein Beinbruch. Sieht nur danach aus, dass wirklich liberale Gesellschaften nicht nachhaltig sind.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. Die Gleich"Be"rechtigung des "Sein" existiert schon.
    Was fehlt, ist das „G(g)leich“Be“achtende“ „Sein“…Gleich“Be“handlung…Vernunft“handeln“mangel ist der Status-Quo, mehr nicht. Unsere Gene beinhalten Vernunfthandelfähigkeit…aber es braucht „Reifezeit“, der Grund für die Existenz der Evolution(en). Humanisierung des Menschen.
    „Einzelreife“…“Mengen/Masse-Reifung“…“Status-Quo-Reife“ ist am „Verhaltenzustand“ von Person(en),
    Familie(n), Gruppe(n), Gesellschaft(en), Nation(en),…Weltgesellschaft in Form von
    Gegenwartgeschehen „ablesbar“. Es steht jedem frei, mit und gegen diese(s) Geschehnisse
    zu „kämpfen“, seine Lebenzeit für sein persönliches Weltwunschgeschehen einzusetzen.
    Wenn es mit den Zeit-Zielen der Evolution stimmig ist, wird auch persönlicher Erfolg erlebbar sein.
    Eine (Gleich)Humanbehandlung des „Frauen-Sein“ ist wohl nur eine Frage der Zeit(-Geist-Vernunft-Reife).

    Unsere „Gleich“-„Gerechtigkeit“-Forderungen sind letztendlich Human(an)forderungen an die Reife.
    Einzelreife…Gesellschaftsreife…Weltgeistreife. Welt-Geist-(Gleich)Human(-Gewicht).

  3. Die Welt, die Sie beschreiben, wäre für Männer die bessere!
    Denn Männer haben mehr Nachteile durch das Patriarchat als Vorteile. Nur ihr Einwurf mit der körperlichen Kraft irritiert mich. Solche Berufe gibt es kaum noch. Einen Zementsack kann auch eine Frau, die gut trainiert ist, tragen. Und ja sie müsste mehr trainieren als ein Mann. Aber das ist wirklich keine Ausrede. Also Frauen sorgt für Gleichberechtigung, werdet Kanalarbeiterinnen, Bauarbeiterinnen oder Arbeiterinnen bei der Müllabfuhr, werdet Dachdeckerinnen, Lackiererinnen oder geht in andere „Männerberufe“ oder fangt mal fürs erste an im Fitnessstudio (Kraft nicht Ausdauer) wie die Männer zu trainieren, also bis es weh tut und anstrengend wird. Nebenbei wird dadurch auch der Gender Pay Gap geringer (wegen der Berufswahl, nicht wegen dem Fitnesstraining). Liebe Frauen bleibt nach der Geburt nicht zwanghaft monatelang bei den kleinen Süßen. Das können Männer auch. Ihr müsst sie nur lassen und sie nicht danach aussuchen, dass sie ordentlich Geld nach Hause bringen. Und die Männer sollten diese Männer eben auch nicht gering achten. Mit der Sprache hätten wir allerdings viel zu tun, weil die meisten Nominative weiblich sind. Der Sonne (Sonne ist übrigens in den meisten anderen Sprachen männlich, hilft aber auch nicht, weil da dann der Mond weiblich ist), der Strasse, der Uhr usw. ist schon gewöhnungsbedürftig. Also ich fände als Mann diese Welt toll. Ich würde auch durchschnittlich ca. 4 Jahre länger leben. Frauen allerdings kürzer. Was so mancher meinen mag, dass die Spannung zwischen den Geschlechtern verloren gehe etc., halte ich für Blödsinn. Die Spannung, seien wir ähnlich, hängt zunächst mal an der Optik. Und auf Heimchen am Herd, also Dinge die im Nachgang verbal gecheckt werden, stehen auch nicht alle Männer. Vielleicht gäbe es sogar wieder mehr Kinder, weil Männer eher zu Hause bleiben könnten, ohne die Familie finanziell schlechter zu stellen. Falls das Thema Gleichberechtigung überhaupt eine Rolle spielt für die Geburtenrate. Ich halte es eher für eine Frage der Ausrichtung des Lebens auf Konsum. Also nach dem jetzt alle wissen, wofür der Feminismus wirklich steht, müssten Feministinnen und Feministen jetzt nur noch danach handeln und nicht einseitiges Frauenlobbying machen. Frau Muzur herzlichen Glückwunsch zu diesem Artikel. Ich fände es toll, wenn es so käme. Allein schon weil ich im Sommer bei achtundzwanzig Grad im Rock im Außendienst unterwegs sein könnte. Keine Panik, handbreit unter dem Knie wäre okay. Allerdings fänden es Frauen im Mini vielleicht besser, aber das ist selten (bei Männern über vierzig, aber vielleicht wären Männer in einer gleichberechtigten Welt auch körperbewusster) und ein im Grunde, ich gebe es zu, unerträgliches Eigenlob.

  4. Haben Sie Watsons Rede überhaupt verstanden?
    Es scheint mir nicht so, Frau Muzur. Watson sagte sinngemäß: Männer sollen Frauen helfen, dann wird es auch besser für sie.Männer sollten doch IHRE alten Rollenbilder über Bord werfen und DANN können sie dem Feminismus die Hand reichen.
    Watson beschreibt somit ein ziemlich sexistisches Männerbild: Der edle, weiße Ritter, der die Frau beschützt, ohne selbst geschützt zu werden (He-for-she). Sie beschreibt somit die im Feminismus verankerte „toxic masculinity“, die Männlichkeit als Grundübel ser Gesellschaft. Die Rede hätte auch die Schwarzer halten können. Inhaltlich weichen die Positionen kaum ab (Männer sind schuld), aber die jüngere und besseraussehende Watson hat im Gegensatz zur Schwarzer einen „Kulleraugenbonus“. Und genau das hat Frau Berg in ihrem Artikel angesprochen.

    Wenn Sie etwas für mehr Verständnis zwischen den Geschlechtern tun wollen, Frau Muzur, dann verwechseln Sie nicht GleichBERECHTIGUNG und GleichSTELLUNG. Dann setzen Sie nicht das Märchen von 22% weniger Frauengehalt in die Welt. Und gehen Sie auf männliche Meinungen und Aussagen ein, auch wenn diese nicht dem genderfeministischem Diktat entsprechen.

    Solange aber eine Partei in der Regierung ist, die sich den Satz „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden. “ in ein Grundsatzprogramm schrribt, sehe ich schwarz für Ihre Wünsche.

    • Sie haben recht, aber
      kritisch muss man schon anmerken, dass viele Männer in traditionellen Rollenbildern leben und diese auch verteidigen und alles andere als falsch darstellen. Klar, das ist in der Regel durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Erziehung etc. bedingt. Aber solange Männer eine Welt der Gleichberechtigung als gruselig beschreiben und meinen eine Welt in der Männer Röcke tragen etc. wäre absolut nivelliert, tragen diese Männer eben auch selbst schuld an der Misere der Männer, wie Feministen auch.

    • Wieso muss man das kritisch sehen?
      Kritisch sehen muss man Menschen, die einem ein Rollenmodell schlecht reden wollen. Freiheit und Gleichberechtigung ist mMn erst dann errreicht, wenn jeder Mensch das Rollenmodell leben kann, welches er/sie leben WILL. Gleichberechtigung ist erst dann vollständig, wenn Feministinnen davon abkommen, Rollenmodelle als „alt“ oder „traditionell“ (im Sinne von „schlecht“) zu bezeichnen, die nicht ihrer persönlichen Vorstellung oder der feministischen Theorie entsprechen. Wenn sich zwei Menschen finden und auf traditionelle Art eine Familie gründen und dieses Modell leben, dann ist das verdammt noch mal genauso zu akzeptieren, wie ein „nicht-traditionelles“ Modell.
      Das wäre GleichBERECHTIGUNG. Im feministischen Kontext geht es aber nicht mehr darum, sondern um GleichSTELLUNG, also der Ausrichtung an EINEM, durch den Genderfeminismus definierten, Modell. Wie hoch schätzen Sie die Akzeptanz durch Feministinnen ein, wenn sich zwei Menschen dazu entschließen, ein tradiertes Modell zu leben? Sicherlich gibt es Männer (zumeist älterer Generationen) die andere Männer „schief anschauen“ wenn sie neue Modelle ausprobieren (ich hatte den Fall selbst einmal, als mich ältere Kollegen (und eine Kollegin!) fragend angeschaut habe, als ich verkündete, fünf Monate Elternzeit für meine beiden Kinder zu nehmen) . Aber ich habe auch Kollegen in meinem Alter (so Mitte 30), die es anders machen und keine Kinder-Auszeit nehmen, weil sie der Vollzeit-Familienernährer sind, und damit sehr gut klar kommen (deren Frauen ebenfalls). Das ist für den heutigen Genderfeminismus, der mich manchmal in erschreckender Weise an amerikanische Radikalfeministinnen erinnert, nicht denkbar. Erzählen Sie das mal auf einer Tagung der SPD oder der Grünen – Sie würden ausgebuht werden (die Piraten spielen ja derzeit keine Rolle mehr).
      Menschen, die die männliche Gesellschaft überwinden wollen, können mir nicht erzählen, daß sie für Freiheit und Gleichberechtigung einstehen.

    • Ja, ich bin ja Ihrer Meinung
      „Freiheit und Gleichberechtigung ist mMn erst dann errreicht, wenn jeder Mensch das Rollenmodell leben kann, welches er/sie leben WILL.“
      Nichts anderes wollte ich ausdrücken. Ich gebe zu mein Eingangssatz ist missverständlich. Kritisch anmerken wollte ich, dass es Männer gibt, die alles andere als das traditionelle Rollenbild, als falsch ansehen und nicht gelten lassen.

  5. Wie die Welt wohl wäre
    Ich war zunächst etwas verwirrt, weil ich nicht wüsste, wo Frauen in unserem Land weniger Rechte hätten, was die Gesetzgebung angeht. Dann ging mir auf, das die Autorin wohl eher Gleichstellung gemeint hat. Und da versuchte ich mir ebenfalls vorzustellen, wie die Welt wohl aussähe, wenn die Menschen ihre Mitmenschen tatsächlich als gleichwertig betrachten würden und nicht nur in Lippenbekenntnissen.

    Dann würde der Personalchef mit der Geschäftsführerin darüber spekulieren, ob der junge Mann vor ihnen, weil er 25 ist, wohl bald in Vaterzeit verschwindet, wenn sie ihn jetzt einstellen. Es wären die wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben am höchsten angesehen: Müllfrauen und -männern würde mit Hochachtung begegnet werden, ständig wären sie auf Parties eingeladen. Bäuerinnen und Bauern würden nicht mehr von Intellektuellen belächelt.

    Kein Mann würde mehr angekeift werden, weil er erfolgreich mit seinen männlichen Freunden eine riesige IT-Firma hochgezogen hätte, weil es auch Frauen gäbe, die so etwas eigenständig geschafft haben.

    Das Gender Paradox wäre endlich aufgeklärt.

    In der Schule würden Nerds ganz selbstverständlich zur Klassengemeinschaft gehören und das beliebteste Mädchen der Klasse würde ihnen mit dem selben Wohlwollen begegnen, wie dem Klassen-Adonis.

    Paare könnten sich endlich unbehelligt von wertenden Augen ihr Leben selbst einteilen. Die gegenseitige Wertschätzung, das Vertrauen und der im Vordergrund stehende Wunsch nach einer langfirstigen Gemeinschaft, die Perspektiven hat, die über das Paar selbst hinausreichen, würde dazu führen, dass Paare ihrer Gemeinschaft wieder freudig eine nach außen hin sichtbare Form geben wollten. Keiner müsste mehr Angst haben, die emotionalen Kosten beim Scheitern einer Ehe allein tragen zu müssen. Rosenkriege gäbe es nicht mehr und Kinder wären nicht länger Waffen. Auch das gegenseitige Aufrechnen und Abschätzen wäre Geschichte.

    Frauen würden Männer beachten, die keinen beruflichen Erfolg haben. Männer würden Frauen beachten, die ganz ohne Aufputz und ohne aggressive Zuschaustellung ihre geschlechtlichen Attribute mit ihnen beim Bäcker in der Schlange stehen.

    Die Subkultur hätte keinen Reiz des Verbotenen mehr und deren Vertreter ihr elitäres Selbstbild verloren. In den frei gewordenen Kneipen der übel beleumundeten Gegenden der Stadt träfen sich alte Feministinnen, Dort lägen sie sich mit alten Maskulinisten in den Armen und würden schluchzend den alten Zeiten hinterhertrauern, in denen eine Kampagne noch eine richtige Kampagne und Gut und Böse noch leicht zu unterscheiden war. Wo alle noch wussten, für was sie standen und wer der Feind war.

    • Genau genommen kommen wir doch erst dann zu einer absolut wertungsfreien Gesellschaft,
      wenn alle Menschen möglichst gleich sind? Das ist (bald) kein Problem mehr: Fortpflanzung wird verboten, statt dessen wird ein polyamor multi- und metrosexueller, mehrethnischer Mensch mit Behinderung, definierter Intelligenz und definierten muskelbasierten Fähigkeiten, dessen Merkmale in einer Volksabstimmung festgelegt wurden, in der gewünschten Stückzahl geklont.

      Eine mit entsprechenden Fachleuten besetzte Behörde wacht darüber, dass sich die auf dem Wege von Ehrgeiz, Trainigsfleiss, Ernährungsgewohnheiten, schlichtem Glück etc. entwickelnden Unterschiede minimiert werden. Einkommen wie Vermögen werden gesetzlich festgelegt und bürokratisch mit Erreichung der Volljährigkeit verteilt. Die geographische Lebensumgebung wird ausgelost und alle 5 Jahre in einem Rotationsverfahren neu verteilt.

      Sollte sich trotzdem herausstellen, dass welch übersehenen Umständen auch immer zu Folge der eine oder andere beispielsweise bei der Partnerwahl mehr Glück hatte, wird das Unglück der anderen per Partnerzwangs, Verzeihung, per Partnerüberzeugungsarbeit durch Zuweisung ausgeglichen.

      Und schon hat man eine vollkommen vorurteils-, präferenz- und ungleichheitsfreie Welt. Wie schön.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

Kommentare sind deaktiviert.