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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Wer „Ja“ sagt, muss ins Standesamt

| 8 Lesermeinungen

Von wegen: schönster Tag des Lebens! Wie die rosa Wolke der Hochzeitsindustrie auf dem Standesamt zur kalten Dusche wird.

© dpaImmer und überall: das gleiche Bild

Wenn es zu Hochzeiten kommt, klafft eine große Lücke zwischen Realität und Romantik. Denn alles ist anders, als es uns die Hochzeitsindustrie verkaufen will. Allen voran: das gute, alte Standesamt.

In der Werbung sieht alles schön, gesund und rosig aus. Die Paare feiern meist ihre Heterosexualität und immer ihr zukünftiges Glück. Und um richtig und unmissverständlich glücklich zu sein, braucht es eben weiße Kleider, die nach Disney-Mädchen-Träumen und nicht nach erwachsenen Frauen aussehen, Ringe, die als Keuschheitsgürtel fungieren sollen, Hochzeitstische, Torten, vorgefertigte Trausprüche, Eheverträge, die das Paar schon mal auf die Scheidung einstimmen, durchgesägte Baumstämme, Hotelhallen und vieles mehr. Die Eheschließung ist auch ein Geschäft, es geht um Arbeitsplätze, und Liebe ist schließlich nicht nur in Hollywood zu Hause, sondern auch in Ober-Mockstadt, Crailsheim, Kiel oder Prenzlauer Berg.

In der Türkei, Israel, Aserbaidschan, USA und in vielen anderen Ländern sind die Hochzeiten zu einer riesigen Einnahmequelle geworden. So „lohnen“ sich in Israel zum Beispiel Hochzeiten erst ab 500 Gästen, das Essen kann dann industriell gefertigt werden, der Gastronom ist gerne bereit, noch ein paar Extra-Stühle dazwischen zu quetschen, und jeder Gast ist verpflichtet, eine gesellschaftlich akzeptierte Geldsumme als „Geschenk“ am Eingang abzuliefern. Auch in Aserbaidschan sind manche Hochzeiten eine gute Einnahmequelle für das Brautpaar. Doch oft wird in eine Hochzeit ein ganzes Vermögen investiert.

Trotz allem enden die meisten Liebesfilme mit einer Hochzeit, genauso wie die meisten Liebesromane und Fernsehserien. Die Erwartungshaltung an die eigene Hochzeit und Partnerschaft ist hoch und damit auch die Fallhöhe: Ich habe noch nie so viele unglückliche Paare gesehen wie auf dem Standesamt. Pärchen sitzen dort am frühen Morgen mit misanthropischen Gesichtsausdrücken und krallen ihre Finger in den Zettel mit der Wartenummer. Sie warten darauf, dass man ihnen die für eine Eheschließung benötigten Unterlagen gleich einer Offenbarung überreicht.

Doch wie vertrackt das mit den Unterlagen ist, wird in keinem einzigen Hochglanzmagazin erwähnt. Wie soll auch Romantik aufkommen, wenn man frei nach Begehren zwischen einer Ehe und einer unterprivilegierten Ehepartnerschaft mit fehlendem Adoptionsrecht unterscheiden muss, zwischen einer Ehe „mit oder ohne Auslandsbezug“?

Der Auslandsbezug ist zudem sehr frei ausgelegt, zumindest beim Standesamt Berlin:

„In allen anderen Fällen, wenn Sie oder Ihr Partner/ Ihre Partnerin

  • eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzen,
  • nicht im Bundesgebiet geboren oder adoptiert sind,
  • Ihre letzte Ehe/Lebenspartnerschaft im Ausland geschlossen haben,
 sollte zumindest einer der beiden Partner zur Auskunft persönlich bei uns vorsprechen. Sie erhalten dann eine umfassende Beratung, welche Unterlagen für Sie erforderlich sind und wie Sie diese beschaffen können.
Wenn Sie verhindert sind, kann die Auskunft auch durch eine mit Ihren persönlichen Verhältnissen gut vertraute Person (beispielsweise Eltern oder Geschwister) eingeholt werden.“

Natürlich kann die Liebe als eine Ersatzreligion kritisiert werden, manchmal heiratet man aber dennoch. Aus welchen Gründen auch immer – oft tatsächlich aus Liebe, oder eben doch wegen der Aufenthaltsgenehmigung, was ja ein noch größerer Liebesbeweis sein kann.

Bei einer Eheschließung mit Auslandsbezug ist man mindestens ein halbes Jahr lang damit beschäftigt, alle möglichen Unterlangen aus allen möglichen Ländern dieser Welt zu beschaffen, wenn es überhaupt klappt. Denn den Ansprüchen der deutschen Bürokratie gerecht zu werden, ist in vielen Fällen gar nicht möglich. Kaum ein Land dieser Welt ist in der Lage, die nötigen Unterlagen auszustellen. Immer fehlt etwas. Manchmal verweist das Standesamt dann großzügig auf deutsche Botschaften, die in einigen Ländern schon längst aus Sicherheitsgründen geschlossen wurden; manchmal auf die Möglichkeit, einen Rechtsanwalt zu engagieren, wo doch Rechtsstaatlichkeit nicht unbedingt zu den Stärken vieler Regierungen gehört.

Die Organisation der Ehe wird so zu einem Lebenswerk, die Freude verfliegt. Nur das Standesamt gibt nicht nach. Es mag einfach keinen Auslandsbezug. Selbst wenn die Hochzeitsbroschüren mittlerweile mit Eheschließungen am Strand werben.

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8 Lesermeinungen

  1. Diese deutsche Dokumenten- und Unterlagenhörigkeit ist ein Skandal!
    Wir sollten es machen, wie in Arabien, Griechenland oder der Türkei – die Menge der fehlenden Unterlagen bestimmt nur die Höhe des fälligen Bakschisch. Das eliminiert diesen sich als Rechtsstaat tarnenden Rassismus zuverlässig, schliesslich gibt es auch reiche Schwarze, Araber oder Russen.

    Und mal ganz ehrlich – wer braucht schon funktionierende Behörden?

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. Himmel und Erde
    Dem Volksmund nach werden Ehen im Himmel geschlossen und auf Erden gelebt. Aber vielleicht ist es auch umgekehrt. Das wäre doch schön.

  3. Ist das nicht ein schlichter Verwaltungsakt?
    So wie neuen Personalausweis beantragen oder – von der Relevanz vergleichbar – Notartermin bei Hauskauf? Letzteres sogar mit rosigeren Aussichten, nicht jedes zweites Immobiliengeschäft läuft schief wie jede zweite Ehe.

    Wenn irgendwo Reis geworfen werden sollte, dann vor dem Notariat.

    Hochzeit ist irgendwas für Kirchenanhänger.

  4. Es geht auch anders - im benachbarten Ausland beispielsweise
    Kann aus eigener Erfahrung von einem monatelangen Hin und Her mit einem Berliner Standesamt berichten, das einfach nicht glauben wollte, daß die unverheiratete Ausländerin, die ich ehelichen wollte, ledig war – und immer neue Nachweisforderungen aufstellte.
    Es kam der Moment, in dem ich entnervt die vorhandenen Unterlagen zur Prüfung an ein dänisches Standesamt faxte und binnen Minuten die Antwort bekam, ich könne dort am nächsten Donnerstag heiraten, wenn ich die Originale mitbrächte.
    So haben meine jetzige Frau und ich es dann gemacht.
    Abgesehen von dem Umstand, daß man dann aus logistischen Gründen möglicherweise die standesamtliche Eheschließung und die Feier im Familien- und Freundeskreis zeitlich und räumlich trennen muß, ist das sehr zu empfehlen: Schnell, unkompliziert, freundlich – und im dänischen Grenzgebiet zu Deutschland auch in deutscher Sprache möglich. Vor allem werde in Dänemark geschlossene Ehen dank eines Abkommens aus dem Jahr 1935 ohne weiteres in Deutschland anerkannt.
    Wer will, kann die Eheurkunde (ich ließ mit gleich eine „internationale“ in vielen Sprachen erteilen) anschließend schnell und einfach in Kopenhagen apostillieren lassen (einfach selbst erst ins Innen- und dann ins Außenministerium gehen und anschließend ggfs. zur Botschaft des Landes des nichtdeutschen Ehepartners).

  5. bürokratische meterhohe Hürden
    Ich hab‘ als berliner vor 12 Jahren eine Russin geheiratet. Auf halbem Wege wollten wir schon aufgeben: die deutsche Bürokratie war genau so schlimm wie die russische. Der Wust an Punkten, die wir allein für die deutsche Seite zu erledigen hatten und den man uns zu Anfang vorlegte, war deprimierend. Nicht mal eine Anwälting wusste da weiter außer: muss man alles nach und nach machen.
    Von jedem Fitzelchen Papier über Herkunft, Eltern, Wohnorte, Arbeit, Einkommen, etc. , das wir bei irgendwelchen Ämtern besorgen mussten, mussten Übersetzungen angefertigt werden und die mussten beglaubigt werden.
    Die ganze Chose dauerte ein halbes Jahr. Nur für die Hochzeit.
    …und dann kam auch noch das Einwohnermeldeamt.

  6. Eternal Love forever !?
    Da fast die Haelfte aller Hochzeiten in Trennung und Scheidung enden waer es wohl angebracht den Leuten temporaere Hochzeits Dokumente auszustellen — die nicht massife Papierarbeit brauchen. Das wuerde Arbeit, Unmuss und auch Geld ersparen. Nach sagen wir, drei oder vier Jahren gluecklicher Ehe koennte man dann das „Quasi-Permanente Dokument“ ausstellen, mit voller Dokumentation von hier und dort, oder was so auch immer die Behoerden erwuenschen. Sollte aber eine Ehe danach zerbrechen, nun ja dann geht’s zurueck zum Amt, und den Dokumentations Rummel. Ausserdem hoert man dass „Scheidung Parties“ ganz toll seien, und oft mehr Besucher zusammen bringen als die originelle Hochzeit. Manchmal lernen sich dort Leute kennen und bald blueht eine neue Liebe. Und bald danach geht ein neuer Hochzeit Zyklus wieder von vorne los.
    Die Liebe lebt ewig, hoert man — nur manchmal mit anderen Leuten. Alles sehr verwunderlich.
    Pax vobiscum

  7. Eheschliessung in Deutschland
    In Deutschland standesamtlich zu heiraten ist eine sehr komplizierte Angelegenheit. In allen Fällen ist man genervt, schikaniert, wütend, dann geduldig, und im Nachhinein vergisst man, was man erdulden
    musste. Das deutsche Eherecht ist nicht mehr zeitgemäß und wird jedes Jahr durch Richtlinien noch komplizierter gemacht. Die Standesbeamten leiden unter Mangelinformationen, besonders wenn ein Ehepartner ausländischer Herkunft ist. Ich betreue seit fast zwei Jahren eine Bekannte, dessen Ehepartner im Ausland ist. Sie hat nach ausländischem Recht geheiratet, welches hier als ungültig eingestuft, welche auch dann im Ausland geschieden wurde. Obwohl die deutschen Behörden diese Ehe in Deutschland nicht als rechtmäßig anerkannt haben, musste dessen Scheidung paradoxerweise dennoch gerichtlich in Deutschland geschieden werden. (Der Ehepartner war nie in Deutschland) Nach dem gerichtlichen Verfahren war man wieder zur weiteren Eheschließung beim Standesamt. Dann fingen an die „Ahnenforschung“ -artige Dokumentenforderungen an und erstaunlicherweise kam bei jedem Besuch eine neuen Forderung. Das Ehefähigkeitszeugnis wurde nicht anerkannt, weil sich der ausländische Ehepartner als „ledig“ angegeben hat, da die religiöse Eheschließung als ungültig eingestuft wurde, was das Standesamt als Dokumentenfälschung betrachtet. Nun ist die beglaubigte Erklärung abgegeben worden dass die als ledig angegebene Information daher erfolgen musste das die Heirat seitens des Standesamtes als nicht geschlossen gesehen wurde, so dass der Ehepartner weiterhin als unverheiratet und somit ledig gelten musste.
    Es bleibt nun der Weg zum Oberverwaltungsgericht, da das Standesamt dafür keine Entscheidungsbefugnisse besitzt. Somit liegt es im Ermessen des Oberverwaltungsgerichts, ob dieses Paar heiraten darf oder nicht, dessen Weg kein direkter ist, sondern nur über das Standesamt möglich ist, an das OVG heran zu treten. Die deutschen Standesämter leiden unter Unkenntnis und haben meist die Standerdaussage „Weiß nicht“.

    Auf die Frage hin, warum dies so kompliziert ist, während beispielweise in Danmark alles zügig und reibungslos abläuft bekam ich die Antwort, dass die
    „in Deutschland ausgestellte Dokumente höheren Stellenwert haben“.
    „Die Ehe halten also länger als sonst“ fügte ich hinzu.
    Ich betreue zwei Fälle und werde diese bis zur Eheschließung begleiten und einen Bericht darüber an das Familienministerium einreichen. Solche Irrgänge auf dem Standesamt müssen öffentlich diskutiert werden und nicht weiterhin als eine heilige Kuh geschont werden.

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