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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

„Landsleute – haltet Abstand!“ Ein Bericht aus meiner Heimat Hongkong

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Die chinesische Regierung setzt in Hongkong auf nationalistische Ressentiments, um die Demokratiebewegung zu bekämpfen. Das erinnert mich an das Jahr, in dem ich dort geboren wurde und in China Zigtausende starben.

© Pasu Au Yeung, CC BY-NC-SA 2.0Botschaften auf Regenschirmen, nicht auf Bomben

Am 1. Juli 1997, dem Tag, an dem Hongkong chinesisch wurde, schwamm die Stadt in dem Wasser, das aus dem Gewitterhimmel brach. Kurz vor Mitternacht, als Tony Blair, Prinz Charles und die Führer der chinesischen Kommunisten Millionen von Menschen nach 156 Jahren britischer Kolonialherrschaft von einem Land ins andere schubsten, fing der apokalyptische Sturzregen an. An diesem Tag zog ich mir meine wetterfesten Sandalen an und wanderte durch die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen war.

Ich sah die vertrauten Plätze. Über die Granitstufen in dem westlichen Arbeiterbezirk, weit weg von dem bürgerlichen südlichen Ende der Insel, wo ich als Kind gelebt hatte, gluckerte das Wasser. In den hoch aufragenden Glastürmen des Finanzdistrikts spiegelten sich schwarzen Wolken. Die grünweiße Fähre fuhr durch den böigen Hafen, wie sie es jahrelang getan hatte, um mich zu meiner Schule nach Kowloon zu bringen. Alles so wie immer. Und doch wieder nicht.

Hongkong gehörte nun zu China. Fast niemand trauerte der Kolonialherrschaft hinterher, fast alle waren erleichtert, die Queen und den britischen Gelegenheitsrassismus los zu sein. Aber viele fürchteten den Neuankömmling, die Kommunistische Partei, die die Herrschaft des Rechtes nicht respektiert. Nur die Autonomie-Versprechen besänftigten die Befürchtungen der Hongkonger, dieser willensstarken Chinesen, von denen so viele schon einmal vor China geflohen waren.

Und dann, vor meinen Augen, an diesem Tag vor 17 Jahren, wie ein Beweis dafür, dass die Befürchtungen begründet waren: Auf der Harcourt Road, wo heute die Demonstranten des „Occupy Central with Love and Peace Movement“ für freie Wahlen kämpfen, lagen dutzende kleiner roter Papierschnipsel, mit einer Aufschrift aus vier schwarzen chinesischen Schriftzeichen: „Landsleute, haltet Abstand!“ Durchweicht vom Regen, klebten sie am Bürgersteig und an der Brüstung.

Mir wurde schwindlig. Dreißig Jahre zuvor, 1967, hatten diese Warnungen auf Bomben gestanden, die wie Geschenke eingewickelt waren und in der Stadt verteilt lagen, während in China die Kulturrevolution wütete und in Hongkong Kommunisten randalierten. Die Warnschrift auf den Paketen sollte Chinesen abhalten. Ausländer – so kalkulierten die antibritischen Provokateure – waren zu arrogant, um Chinesisch zu lernen, also würden sie die Pakete nehmen und in die Luft gejagt werden. Einige chinesische Kinder, angelockt von der hübschen Verpackung, fielen ihnen zum Opfer.

1967 ist das Jahr, in dem ich geboren wurde und Zigtausende in China starben. Gespenstische Zeiten. Meine Mutter hat mir erzählt von den leeren Straßen, während die Menschen sich zu Hause versteckten. Sie lag im Krankenhaus, um mich auf die Welt zu bringen, und hatte kaum Hilfe, es gab nicht einmal Toilettenpapier. Damals tauschte sie ihren deutschen Pass in einen irischen Pass ein, damit die Familie nicht auseinander gerissen würde, falls die Briten Evakuierungen anordneten. Damals verlor ich den Anspruch auf Zugehörigkeit zum Staat Deutschland, zu meinem Mutter-Land, ein Verlust, der mich bis heute schmerzt.

Bis heute weiß ich nicht, wer dreißig Jahre später diese Schnipsel auf die Straße brachte. Ein eingefleischter Altkommunist, in Erinnerung an seine revolutionäre Jugend? Die chinesische Geheimpolizei, die sich eine makabere Warnung erlaubte? Eine Reinigungskraft, die die Überbleibsel von Requisiten eines anspielungsreich-ironischen Theaterstücks entsorgt hatte?

Heute, 2014, sind wieder die Ausländer Zielscheibe der Angriffe, die die chinesische Regierung gegen die unchinesischen „feindlichen Kräfte“ führt, die angeblich hinter den friedlichen Demonstrationen stehen. Eine Infographik des staatlichen Fernsehens zeigt Ausländer mit gelben Haaren, großen Nasen, Klauen anstelle von Händen und Uncle Sam-Hüten. Die Parteizeitung behauptet, dass der Westen „China’s Hongkong“ mit der Blumenrevolution destabilisieren wolle. Und viele Festland-Chinesen, die seit ihrer Kindheit mit Propaganda gefüttert wurden, glauben das.

Aber die Botschaft des politischen und rassistischen Hasses ist nicht die Botschaft der Demonstranten in Hongkong. Während sie die Straßen besetzen, lesen sie, plaudern sie, scherzen sie, manche verlieben sich, manche heiraten sogar dort. Eltern bringen ihre Kinder, um das anzusehen: So sieht ein friedlicher, demokratischer Protest aus! Wenn zwischen den Demonstranten und der Polizei Gewalt droht, singen sie „Happy Birthday“, typisch kantonesischer Humor. Tischtennisplatten, Betten, Recycling-Abfallsysteme, Verkaufsstände für Essen und Trinken, christliche und buddhistische Gebetsstätten wurden aufgebaut. Die Hauptzugangsstraßen sind blockiert, aber es herrscht eine Fest-Atmosphäre, trotz der Wut über die Polizei, die in einer dunklen Ecke einen Mann zusammenschlug und Pfefferspray und Tränengas benutzt. Die Demonstranten zücken Regenschirme, um sich zu schützen.

In den 17 Jahren seit dem Ende des Kolonialismus, seit ich diese Papierschnipsel fand, ist Hongkong erwachsen geworden. Die Menschen sind zugleich kosmopolitisch und stolz auf ihre Stadt. Sie vertrauen auf die Zukunft. Aber die Vergangenheit ist noch nicht vorbei. Der Hass von 1967 wirkt in den Anschuldigungen aus Peking nach, und Peking hat die Macht. Eine Unterstützung der westlichen, demokratischen Regierungen bleibt bisher aus. Der Kampf, mit dem Hongkong sich gegen den Hass wehren muss, wird noch schwerer als der Kampf gegen den Kolonialismus. Und meine Heimat? Sie ist immer noch die, die sie 1997 war. Und doch ganz anders.

Übertragung aus dem Englischen: Marion Detjen

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1 Lesermeinung

  1. „Landsleute – haltet Abstand!“
    Eine sehr, sehr weise Erkenntnis. Allerdings in einem erweiterten „Gewand“ betrachtet.
    „Menschen – haltet humanen Abstand“, einen Abstand, der das eigene „humane Ich“,
    die eigene Seelengesundheit beachtet und damit auch das eigene Leben schützt.
    Einen humanen Abstand, den sowohl die Gesellschaft gegenüber dem Einzelnen, als auch der Einzelne
    gegenüber der Gesellschaft einhalten sollte. Einen humanen „Gleichgewicht-Abstand“.
    Einen „humanen Gleichgewichtabstand“ gegenüber der Natur, allem „Sein“ der Erde.
    Das wird gerne vergessen in der Zeit der “ inhumanen Kämpfe“, die der Mensch gegen Mensch,
    auf Grund mangelnden humanen Abstandes, führt. Nicht irgendeine politische Bewegung
    oder ein politisches Ideal „heilt“, ändert, befreit, befriedet, erlöst von „Bomben“ aller denkbaren Arten,
    sondern ausschließlich die Qualität des „humanen Sein“, das humane Ich des einzelnen Menschen.
    Das dieser “ Not wendende, notwendige Abstand“ mit derzeitiger demokratischer Politik eher zu
    erreichen ist als mit derzeit realisierten anderen Politikidealen, ist Fakt. Für Euphorie besteht
    dennoch kein Grund, denn auch die gegenwärtige Demokratie hat große „Zerstörungskraft“.
    Der „inhumane“ Anteil der Demokratie ist auch Folge von fehlendem humanem Abstand.
    Der „richtige?“(was ist richtig, was ist falsch?) Abstand ist der humane Gleichgewicht-Abstand.
    Der Friede unserer Seelen erhaltende, ist der würdige, humane, Not wende, notwendige Abstand.
    Abstand, es lohnt darüber zu philosophieren, zum Zweck einer „Realerkenntnisphilosophie“
    die das Warum des Staus Quo der Gegenwart genau so erkennen läßt, wie das Darum als
    „Bildungsweg“ für einen reiferen, humaneren Status-Quo von morgen.
    Wachsende Freiheit und Friede unseren Seelen wünsche ich…
    als Folge vom „richtigen“ (humanbildungsreifenden?) Abstand, vor allem geistig:=)

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