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Ich. Heute. 10 vor 8.

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Frauen schreiben. Politisch, poetisch, polemisch. Montag, Mittwoch, Freitag.

Sei ein deutsches Kind, kein rumänisches Kind!

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Am Sonntag wird in Rumänien gewählt. Mein Vater wünscht sich deutsche Verlässlichkeit und wird taktisch wählen.

© CC BY-SA 3.0Der Präsidentenpalast in Bucharest: Mein Vater will, dass hier ein ehrlicher Mensch einzieht

„Sei ein deutsches Kind, kein rumänisches Kind!“, lautet ein Mantra, das ich sehr oft von meinem Vater gehört habe. Anders gesagt: Nicht faul sein – wie die Rumänen, sondern immer fleißig – wie die Deutschen.

„Wir müssen drei Generationen aufholen“, erklärte er mir schon, als ich klein war. „Ich hole eine auf, du musst zwei Generationen aufholen.“ Ich wurde 1989 geboren, das Jahr, in dem die Revolution in Rumänien stattfand. Mein Vater war damals 25 Jahre alt, so alt wie ich jetzt. Eine Generation aufholen bedeutet für ihn vor allem eines: arbeiten. Er hat an das Versprechen des Kapitalismus geglaubt: Wenn du dir genug Mühe gibst und versuchst etwas aufzubauen, kannst du das durch Disziplin auch schaffen. Deutschland, Kapitalismus, Disziplin, Freiheit etwas aufzubauen: Keine Frage, ich war mir sicher, mein Vater werde bei den kommenden Präsidentschaftswahlen am 2. November für den liberalen, rumänien-deutschen Bürgermeister von Sibiu, Klaus Iohannis, stimmen.

„Ich bin nicht arm, aber auch nicht reich“, sagte Iohannis in einem Fernsehinterview auf die Frage, wie er als Physiklehrer und Vorsitzender beim Schulamt Sibiu sechs Immobilien haben könne. „Ich gehöre einer Mittelschicht an, die wir von der liberalen Partei vergrößern wollen“. Meine Familie ist Teil dieser Mittelschicht. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, einer davon als Kartoffelhändler auf dem Markt unserer Kleinstadt, haben meine Eltern 2002 ein Unternehmen gegründet, das bis heute kontinuierlich wächst. Wir wohnen in keiner Zwei-Raum-Plattenbauwohnung mehr, sondern in einem Haus. Ich selbst habe in Frankreich studiert und einen Verein für Sexualaufklärung mitgegründet. Unsere Firma hat die Wirtschaftskrise überstanden, die Rumänien 400.000 Arbeitsplätze kostete. 2012 gingen viele Rumänen wegen der Spar- und Privatisierungspolitik der damaligen liberal-demokratischen Regierung auf die Straße, 42 Prozent der Rumänen waren von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Der Kapitalismus hält sein Versprechen für viele nicht.

Nach den Protesten 2012 wurde Victor Ponta Premierminister, ein Sozialdemokrat. Er ist jetzt Klaus Iohannis’ größter Gegner im Präsidentschaftswahlkampf. Seine Partei entstand aus der „Front der Nationalrettung“, die kurz nach der Wende aus der kommunistischen Einheitspartei hervorging. Ponta erhöhte den gesetzlichen Mindestlohn um knapp dreißig Prozent auf circa 205 Euro brutto im Monat. (Die Rente für eine Einzimmerwohnung in Bukarest kostet ungefähr 250 Euro.) Doch nach einer Notverordnung für ein Goldabbau-Projekt in den Karpaten fanden im Herbst 2013 die größten Straßenproteste in Rumänien seit der Wende statt. Jetzt macht er im Wahlkampf Stimmung gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und trifft sich mit seinen Wählern auf Kirchenbesuchen. Seine Doktorarbeit ist nachweislich ein Plagiat. Das Versprechen seiner Regierung für 2015 ist eine weitere Erhöhung des Mindestlohns und eine Erhöhung der Entlohnung von Beamten und der Renten.

© privat„Nur Ponta kann die Renten schützen.“ 5,3 von 20,1 Mio. Einwohnern sind Rentner. Meine Großeltern, Bauarbeiter im Kommunismus, bekommen jeder nur 90 Euro im Monat Rente. Sie halten Tiere, bauen Obst und Gemüse in ihrem Garten an und werden von ihren Kinder finanziell unterstützt.

„Wann ging es uns besser als unter den Hohenzollern?”, fragte mich ein Bekannter vor kurzem. Iohannis weckt bei seinen Anhängern nostalgische Gefühle für die Jahre 1866 bis 1947, in denen Rumänien von Königen aus dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen regiert wurde und sich zur jungen, relativ stabilen Republik entwickelte.

Solche Gedanken stehen bei meinem Vater nicht im Vordergrund, und er wird, überraschenderweise, nicht für Iohannis stimmen. Ein deutschlandnaher Präsident erweckt bei ihm Urängste, dass Rumänien wieder unter den Einfluss Russlands fallen könne. Sein jüngstes Beispiel dafür, dass Deutschland auf russische Angriffe nicht angemessen reagiert, ist die Ukraine, unser Nachbarland.

Iohannis Kontrahenten bauen auf diese Ängste, und sie drehen die positiven Vorurteile über Deutsche seiner Präsidentschaftskampagne „Rumänien der gut gemachten Sache” einfach um: Sie stellen ihn als roboterhaft und wenig mitfühlend dar. Er sei kein „echter“ Rumäne. Er sei nicht orthodox.

© privat„Rumänien der gut gemachten Sache.“ Weil Iohannis gleichzeitig Bürgermeister und im Vorstand eines Wasserwerks in Sibiu war, ist er wegen Verletzung der Unvereinbarkeitsregeln angeklagt. Das rechtskräftige Urteil wird erst nach der Wahl erwartet.

Mein Vater wird für Elena Udrea wählen. Er denkt, dass sie bessere Chancen als Iohannis hat, Ponta in der Stichwahl zu besiegen. In den Umfragen für die erste Wahlrunde liegt sie aber bei nur acht Prozent. Ihre neue liberale Partei, die PMP, wird von dem Präsidenten Rumäniens Traian Băsescu unterstützt, für meinen Vater die Garantie einer Fortführung einer USA-nahen, Russland-fernen Außenpolitik. Ihre Kampagne für den Wahlkampf heißt Schönes Rumänien und spielt auf ihr Image als schicke, erfolgreiche, junge Frau an.

Frauen stellen in Rumänien 51 Prozent der Bevölkerung und nur 12 Prozent der Abgeordneten. Nur fünf von 25 Ministern sind Frauen. Rumänien hatte noch nie zuvor eine weibliche Premierministerin oder Präsidentin. Erstaunlicherweise ist Udrea nicht die einzige Frau, die diesmal für das Präsidentenamt kandidiert. Die ehemals liberal-demokratische, jetzt unabhängige Monica Macovei ist EU-Abgeordnete und war Justizministerin unter Băsescu. Mit sechs Prozent Chancen ist Macovei auf Facebook das Postergirl rumänischer urbaner Mittelschicht, die sie wegen ihres Engagements gegen Korruption als eine Alternative zu Leuten aus dem System sehen. In linken und feministischen Kreisen wird sie allerdings als neokonservativ kritisiert.

Ich weiß noch nicht, für wen ich stimmen werde: Trotz ihrer Versuche, sich voneinander zu unterscheiden, sind die KandidatInnen allesamt Ex- oder aktuelle Mitglieder der zwei rumänischen Volksparteien, der Liberalen und der Sozialisten, die seit der Wende mal streiten und mal koalieren. Gestern habe ich meinen Vater gefragt, ob er sich noch an unser Gespräch über die drei Generationen erinnere. „Ja, klar, ich habe mich immer danach gerichtet.“ Haben wir 25 Jahre nach der Wende unseren Rückstand aufgeholt? „Als Gesellschaft, nein, nicht. Wir haben freie Medien, wir können uns frei bewegen, aber es gibt immer noch viel Korruption, Armut und keine gute Infrastruktur.” Und als Familie? „Als Familie schon, finanziell und kulturell”. Aber immer noch würden wir uns in bestimmten Situationen bei dem Gedanken ertappen, dass die Deutschen und generell die Leute in Westen irgendwie besser seien als wir. Ich stimme ihm zu – als rumänisches Kind.

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1 Lesermeinung

  1. Sei ein humanes Kind, losgelöst von Nationalitäten...humaner Erdbwohner, globalisierter Human.
    Es gibt nur differenzierten Humanreifeweg…human, weniger human…kein besser, fleißiger,…
    Werdet Human(er)…und die „Lasten“ schwinden mit wachsender Reife, Humanität…Vernunft.

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