Ich. Heute. 10 vor 8.

Grimms Märchen als Frauenliteratur

Über die Brüder Grimm lässt sich so viel Gutes sagen wie kaum über andere deutsche Philologen, über ihren Charakter und ihre politische Standhaftigkeit wie auch über ihre wissenschaftliche Leistung. Ich bin daher besonders dankbar, dass ich als Germanistin einen Preis in Empfang nehmen darf, der im Namen dieser großen Vorbilder meines Berufs gestiftet wurde.

© Rainer WohlfahrtLithographie zum „Froschkönig“
von Otto Ubbelohde

Weltberühmt sind sie natürlich durch das geworden, was sich nüchtern als Ethnographie oder Volkskunde legitimierte und dann im Handumdrehen eins der großen Werke der Weltliteratur wurde, die „Kinder und Hausmärchen“, ein Klassiker in allen Sprachen. Amerikanische Kinder kennen dessen Feen und Hexen, Stiefmütter und die Prinzessinnen so gut wie deutsche Kinder sie kennen (na, nicht ganz so gut, und doch, dank der Disney-Filme, hie und da sogar etwas besser).

Die Vorbedingung dieses Erfolgs war eine der bewundernswerten Eigenschaften der Brüder, nämlich dass sie zuhören konnten. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingt; denn sie waren Professoren, die von Beruf aus Zuhörer hatten, nicht Zuhörer waren. Und nun schon gar, Frauen ernst genug zu nehmen, um das, was diese erzählten, fleißig aufzuschreiben! Die Erzählerinnen, die den Grimms diesen Reichtum an Phantasie und Witz und Tradition lieferten, waren ja vor allem Frauen – allen voran die unvergleichliche Dorothea Viehmann –, und sie waren den Zuhörern Jacob und Wilhelm an Bildung und Status selbstverständlich weit unterlegen, wenngleich auch eine hochbegabte Ausnahme, Jenny von Droste zu Hülshoff, Schwester der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, mitgemischt hat. Männer wie die Grimms wurden von Jugend an nicht erzogen, Frauen der Mittel- und unteren Schichten oder sogar der oberen, mit gespitztem Bleistift zuzuhören, und dann noch ziemlich genau, und vermutlich mit viel Klugheit und Freude, denn das strahlen die Märchen aus, und das geht gar nicht ohne Achtung und Respekt vor den Quellen. Da waren die gelehrten Grimms in der Rolle des Zöllners, eines einfachen, bescheidenen Beamten, der Laotse seine Weisheit „abverlangte“, in der Sage, die Brecht in seinem Gedicht „Über die Entstehung des Buchs Tao Te King“ festhielt, das mein verehrter Laudator Heinrich Detering seinerseits ausführlich und anregend neu gedeutet hat. Hier wie dort: Sprecher und Schreiber, der Augenblick des Übergangs von der mündlichen zur schriftlichen Tradition.

Geschichten für Buben, Geschichten für Mädchen

Damit steuere ich schon auf mein eigentliches Anliegen hin, nämlich, dass viele dieser von Frauen erzählten und von Männern gesammelten Märchen geschlechtsspezifisch sind, das heißt: dass die Zielgruppe manchmal Mädchen, manchmal Buben, manchmal beide sind. Das ist wichtig; denn bis vor kurzem gab es nur wenige Werke in der Weltliteratur, in denen Frauen und Mädchen so selbstständig handeln, so viele Abenteuer erleben, sich derartig im Wald und in der Welt herumtreiben wie in den Grimmschen Märchen. Dann kommen wieder welche, die nur von männlichem Mut und Draufgängertum handeln. Ich folgere, dass die Erzählerinnen den Buben andere Geschichten erzählten als den Mädeln, dass sie sich einfach auf den Geschmack ihres Publikums einstellten. Ich behaupte also nicht, dass die Grimmschen Märchen nur auf weibliche Aktivitäten und Befindlichkeiten eingestellt wären oder nur Mädchen zum Mittelpunkt hätten, ich werde von solchen sprechen, in denen das der Fall ist.

© F.A.Z. Rainer WohlfahrtDas Märchen als Musical: „Dornröschen“ bei den Brüder-Grimm-Festspielen in Hanau 2009

In den Mädchenmärchen, wie ich sie nennen möchte, wird zum Beispiel die Pubertät immer wieder durchgespielt. Auffallend, wie oft den Mädchen im Alter von dreizehn bis fünfzehn Lebensjahren etwas Außerordentliches und Bedrohliches zustößt, also im Alter der Menarche, der ersten Regelblutung, noch ein paar Jahre vor dem Alter der Heiratsfähigkeit in unserer Kultur. Das Musterbeispiel dafür ist „Dornröschen“, wo die Heldin an ihrem 15. Geburtstag tatsächlich zu bluten beginnt (dank einer verwunschenen Spindel) und in einen Scheintod fällt, der Jahre andauert. Nun ist Dornröschen aber von Geburt an verflucht, in diesem Alter Blut zu vergießen, denn bei ihrer Geburtsfeier waren zwölf weise Frauen eingeladen, aber eine dreizehnte nicht, weil es witzigerweise im Königsschloss nicht genug Teller für alle dreizehn gab. Diese zurückgesetzte und daher gereizte und verärgerte Zauberin hatte der armen Neugeborenen einen Fluch statt einer guten Gabe mitgegeben, nämlich: „Sie soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.“

Spinnen war die weibliche Beschäftigung par excellence. Im Märchen wird sofortiges Spindelverbot im Schloss ausgerufen, das aber nicht eingehalten werden kann. Nun sind ja alle Mädchen „verurteilt“, in ihrem 15. (oder 14.) Jahr zu bluten, ein allgemeiner Grund für Sorge und kindliche Unsicherheit im präpubertären Alter. Im Märchen gewinnt dieser unvermeidliche Zustand eine hinreißende Einmaligkeit. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass dieses Blutvergießen in der Näh- und Spinnkammer einem Jungen besonders aufregend vorkommt, während sie einem weiblichen Kinderpublikum explosiv unheimlich und bedeutungsschwer scheinen kann. – Wie zu erwarten, stirbt Dornröschen so wenig wie wir alle an dieser ersten Blutung, die für sie, wie für andere junge Frauen, zum Eingang in ein postpubertäres Leben wird, wenn es auch in ihrem Falle Jahre bis zur Erlösung und zur nächsten Lebensphase braucht.

Gegen den Aberglauben

Nun aber zu dieser dreizehnten Fee oder „weisen Frau“, wie sie genannt wird. Die anderen zwölf sind gütig, sie ist es nicht. Sie ist aber auch keine Hexe, sie ist ein Mittelding, eine gefährliche Zauberin. Damit sind wir bei den bösen Frauen angelangt, von denen die Märchen, in Gestalt von Hexen und Stiefmüttern, nur so strotzen, und hier wird’s kompliziert und interessant. Denn sowohl Gut wie Böse sind in den Mädchenmärchen weiblich, in einem eigentümlichen Matriarchat der Mächte, wo die Väter schwache, manipulierbare Menschen sind oder irrationale Egoisten. Auf diese eingeschränkte Männerrolle komme ich noch zurück.

Die Hexe ist manchmal eine Erweiterung der bösen Stiefmutter, aber sicher ist sie auch ein Konstrukt der Frauenfeindlichkeit und des Teufelswahns, der noch bis ins achtzehnte Jahrhundert reichte und in Amerika im letzten Jahrzehnt des siebzehnten zu wahnwitzigen Hinrichtungen führte. Darum ist es von Bedeutung, dass manche Märchen gegen diesen Aberglauben ansteuern. Besonders Frauen, die allein lebten wurden der Hexerei verdächtigt, doch in den Märchen sind gerade sie oft auch wohltätige weise Frauen, wie zum Beispiel die „Gänsehirtin am Brunnen“ ein „steinaltes Mütterchen, das mit dem Kopfe wackelt“ und vor der sich die Kinder fürchten, weil man ihnen gesagt hat, sie sei eine Hexe. (Dieses Symptom von Osteoporose [der wackelnde Kopf] ist leider in der Fiktion oft ein Signal für weibliche Bösartigkeit!) Das Märchen zeigt jedoch, dass der Schein trügt, weil die Gänsehirtin in Wirklichkeit eine gute und vor allem auch eine mächtige Zauberin ist, die eine arme Hütte in einen Palast verwandeln kann.

Eine präpubertäre Phantasie

Der wichtigste Typus der bösen Frau ist aber nicht die Hexe, sondern die immer wiederkehrende Stiefmutter, wobei die beiden wohl miteinander verwandt sind, die Hexen und die Stiefmütter. Man hört öfter, die große Anzahl von Stiefmüttern im Märchen habe soziologische Gründe, nämlich, dass so viele Frauen in jungem Alter starben und fremde Frauen den Haushalt übernehmen mussten. Doch diese Begründung scheint mir nicht nur langweilig, sondern auch nicht stichhaltig. „An verwaister Stätte schalten / Wird die Fremde, liebeleer“ heißt es in Schillers „Lied von der Glocke“ über den Tod einer jungen Mutter. Das hat Schiller wahrscheinlich als Kind von einer Märchenerzählerin übernommen. Warum sollen denn diese zweiten Ehefrauen so fürchterlich und so kinderfeindlich gewesen sein? Stiefmütter waren noch nie ein Problem von sozialem Ausmaß, nur im Märchen sind sie’s. Ich meine eher, die Märchenstiefmütter sind allesamt Mutterfiguren, verkörpern die Schattenseite der Mutter-Kind-Beziehung. Sie wären somit eher psychologischen Ursprungs, gründeten in der Angst, von den Eltern allein gelassen zu werden: Die Mutter geht aus, vielleicht kommt sie nicht wieder. Außerdem bin ich vielleicht gar nicht ihr Kind, sondern ein Findling, und meine wirkliche Mutter ist tot. Und dann bevorzugt sie noch meine Geschwister, und ich bin vielleicht nur das Stiefkind. Das Gefühl, dass ich nicht so viel geschenkt bekomme wie meine Schwester, obwohl ich hübscher und besser bin als sie, wird im Märchen verklärt und ausgemalt. Es ist die Situation von Aschenputtel und manchen anderen, deren Schwestern so viel besser gekleidet sind als die Heldin. Die Väter sind so gut wie nicht vorhanden. Es ist die Mutter, auf die es ankommt, vor der man sich hüten muss, denn wer weiß, was sie mit uns vorhat. Tatsächlich verjagt in „Hänsel und Gretel“ die Mutter, nicht die Stiefmutter, wie’s in geglätteten Versionen heißt, die beiden Kinder. Da sich diese tiefste Angst der frühen Kindheit mit gesellschaftlichen Normen nicht vereinbaren lässt, da man sie nicht aussprechen darf, wird aus der Mutter die Stiefmutter.

© Dieter Rüchel„Schneewittchen“ bei den Hanauer Märchenfestspielen 2010

Ein beliebtes Motiv in dieser Konstellation ist die Rivalität zwischen Mutter und heranwachsender Tochter, dem wir eines der berühmtesten Märchen verdanken, nämlich „Schneewittchen“. Dass die plötzlich erwachsene und bildhübsch gewordene Tochter als Teenager die alternde Mutter verunsichern kann, ist ja eine bekannte Tatsache, belegt von der Erfahrung vieler Töchter wie auch vieler Psychologen. Nirgends ist sie eindringlicher symbolisiert als in der Königin vor dem Spiegel. Der Spiegel erteilt ihr nicht die gewünschte Auskunft, sondern zeigt nur ihr vermutlich gealtertes Gesicht und sagt ihr dreimal, dass die Tochter, sprich Stieftochter, den Vorzug genießt, die Schönste im Land zu sein. Wie in anderen „Mädchenmärchen“ hat der Vater nichts zu sagen, obwohl er König ist. Es folgen verschiedene Mordversuche von mütterlicher, oder stiefmütterlicher, Seite. Alle misslingen, die Jugend ist nicht umzubringen, Schneewittchen entkommt, und es gelingt ihr, einen ordentlichen Job zu ergattern und so ihren eigenen Unterhalt zu verdienen, bei den sieben Zwergen, die im Bergwerk arbeiten – das ist nun mal das Handwerk von mythischen kleinen Männern – , die aber keine richtigen Männer sind, so dass Schneewittchen die Unabhängigkeit des Ehelebens (im Vergleich zur Abhängigkeit m Elternhaus) ohne dessen Verpflichtungen erleben kann. Die Männlichkeit ist auf die harmlosen sieben Männchen reduziert, deren Haushalt das junge Mädchen getrost führen kann, ohne den Anforderungen der Ehe ausgesetzt zu sein, also eine präpubertäre Phantasie.

Alle Stadien eines Heldendaseins

In den Mädchenmärchen wird die allgemein gültige gesellschaftliche Vorherrschaft des männlichen Geschlechts und die Bevorzugung von Söhnen vor Töchtern oft in Frage gestellt. In absurder Umkehr aller Traditionen und Vorurteile, besteht ein königlicher Vater in dem Märchen „Die zwölf Brüder“ darauf, seine zwölf Söhne allesamt ermorden zu lassen, damit die einzige Tochter das Königreich erbt. Den Söhnen gelingt es zwar zu fliehen, als ihre Särge schon gezimmert sind, aber sie schwören verständlicherweise, sie werden alle Mädchen, die ihnen unterkommen, aus Rache töten. Wie zu erwarten, klopft dann nach vielen Jahren das liebe Schwesterchen selbst an die Tür, und Versöhnung findet rechtzeitig statt. Trotz des Happy Ends sind die Voraussetzungen des Ganzen so unerwartet („alle Jungen müssen sterben, damit ein Mädchen reich wird?“), dass es wie absichtlich eingesetzte Ironie wirkt und zum Lachen reizt, auf jeden Fall zum Nachdenken über Geschlechterrollen. – Man kann leicht den feinen, oft unterschwelligen Humor in Grimms Märchen unterschätzen.

Brüder sind im Märchen oft abhängig von Schwestern, auch das eine Phantasie, die die untergeordnete Rolle der Mädchen im realen Haushalt zurechtrückt oder herausfordert. In „Die zertanzten Schuhe“ versucht ein Dutzend Prinzessinnen ihre verwunschenen Prinzen durch nächtelangen Tanz zu entzaubern, obwohl ja hergebrachter Weise die jungen Männer die Befreier sein sollten und die jungen Mädchen die hilflosen Opfer. In „Die sechs Schwäne“, befreit die Schwester ihre in Vögel verwandelten Brüder, die sonst gar keine Chance haben, je wieder Menschen zu werden. Die Schwester durchläuft alle Stadien eines Heldendaseins, sie muss einsam leben, darf nicht sprechen, wird Opfer eines Justizfehlers, der ihr fast das Leben kostet, während die Brüder nur herumflattern und auf ihre erhoffte Entzauberung warten.

Im totalen Matriarchat

In „Brüderchen und Schwesterchen“ ist es zunächst der Junge, der die Schwester veranlasst, mit ihm das bedrückende Elternhaus zu verlassen. Aber bald verliert er seine Dominanz, denn sie ist es, die ihn umsorgen muss, nachdem er sich trotz ihrer Warnungen nicht beherrschen konnte und das von der Stiefmutter vergiftete Wasser trank, das ihn in ein Reh verwandelt, und später unbedingt bei der Jagd dabei sein will. (Dies ist übrigens ein weiteres Beispiel der verblüffenden Ironie mancher Märchen, dass das gejagte Tier dem Hifthorn nicht widerstehen kann, vermutlich weil er im Grunde seiner männlichen Seele ein Jäger statt ein Reh sein will.) Schwesterchen ist der vernünftige, verantwortungsvolle Partner, oder vielmehr die Partnerin, die Heldin, die letztlich alles zum Guten wendet.

© Rainer WohlfahrtBrüderchen und Schwesterchen“ bei den Brüder-Grimm-Märchenfestspielen 2007

Ähnlich in „Hänsel und Gretel“, das ich nur halb zu den Mädchenmärchen rechne. Gretel, die am Anfang ganz brav und passiv dem vermutlich größeren Bruder folgt, wird im Laufe der Erzählung immer selbständiger. Sie ist es, die die Hexe in den Ofen stößt und damit Hänsel befreit und die dann das Entlein ruft, das die Geschwister nach Hause bringt. Hänsel kann nur Brotkrümel streuen, wie er es anfänglich tut, die die Vögel dann auffressen, eine betrüblich nutzlose Handlung.

Manche der Mädchenmärchen sind in einem totalen Matriarchat verankert, das die Männer gänzlich ausklammert. In „Frau Holle“ ebenso wie in „Schneeweißchen und Rosenrot“ ist das Familienoberhaupt wie wir heute sagen würden eine alleinerziehende Mutter, eine Witwe mit je zwei Töchtern. „Frau Holle“ (oder „Goldmarie und Pechmarie“) spielt nur unter Frauen, vier Frauen, zwei davon Töchter, zwei Mutterfiguren, die eine gerecht, die andere ungerecht. Hier ist die leibliche Mutter die ungerechte Frau. Sie ist keine böse, aber auch keine gute Mutter, denn sie irrt sich, wenn sie die hässliche, faule Tochter mehr liebt als die schöne fleiβige. „Frau Holle“ gehört zu den Geschichten, in denen die Mädchen allein ausziehen, um sich zu behaupten oder um reich zu werden, und dabei Abenteuer erleben, die denen ähneln, die sonst jungen Männern vorbehalten sind. In diesem Märchen laufen sie keiner Hexe in die Arme; denn die ausgeglichene Gegenspielerin der Mutter wohnt zwar wie eine Hexe allein, ist aber das Gegenteil von einer Hexe, sie ist eine weise Frau, die die Gute belohnt und die Böse bestraft. –– Und überdies und andeutungsweise ist sie eine Wintergöttin, die den Schneefall durchs Aufschütteln von Federbetten beherrscht.

Unbrauchbar bis gemeingefährlich

„Schneeweißchen und Rosenrot“ ist das Gegenstück von „Frau Holle“, denn diese Schwestern vertragen sich ausgezeichnet, sind aufeinander eingestellt, lieben einander innig und sind immer unterwegs in Wald und Wiese, mit Bären und Zwergen, gewiss keine kleinen Hausmütterchen, die spinnen und fegen müssen, obwohl sie auch putzen und kochen können, wenn’s drauf ankommt und der Mutter Arbeit erspart. Ein ideales Schwesternpaar, ohne Eifersüchteleien und ohne Stiefmutter. Manchmal übernachten sie im Wald und die Mutter macht sich ausdrücklich keine Sorgen, weil man sich ja auf Schutzengel verlassen kann. (Wer bräuchte da männlichen Schutz?) Es ist eine ideale Familie, ganz ohne Vater. Wie in „Schneewittchen“ ist die Männlichkeit auf Zwerge reduziert, aber diesmal sind die Zwerge nicht harmlos, sondern boshaft und tragen lange Bärte, deren phallische Bedeutung unübersehbar ist. Dieser „Mannesschmuck“, wie das Wort Bart in alten Kreuzworträtseln definiert wurde, erweist sich als gelegentlich unpraktisch. Einmal bleibt so ein Bart ungeschickterweise in einer Baumspalte stecken, ein zweites Mal verheddert er sich in einer Angelschnur, so dass der Fisch den kleinen Fischer ins Wasser zieht. Beide Male befreien die Mädchen den Zwerg, indem sie ihm mit einer Schere ein Stück Bart abschneiden. Aber statt ihnen dankbar zu sein, wird dieser nur immer böser, weil er glaubt, ein Stück seiner Identität verloren zu haben. Der Zwerg schimpft auf die Mädchen, nennt sie „alberne, glatte Milchgesichter, wahnsinnige Schafsköpfe“ und jammert seinem „stolzen Barte“ nach. „Ich darf mich vor den Meinigen gar nicht sehen lassen“, lamentiert er. Gerade in diesem letzten Satz wird die phallische Beschämung des Bartabschneidens deutlich, der Zwerg ist symbolisch von Mädchenhänden kastriert worden. Kein Wunder, dass er schimpft und schimpft. Haare sind ja erotisch geladen und als Symbole erfreulich verwendbar für Frauen wie für Männer. So ist bei „Rapunzel“ ihr verlockend langes Haar die Leiter für den Liebhaber und die Schwangerschaft.

© Rainer Wohlfahrt„Rapunzel“ bei den Brüder-Grimm-Märchenfestspielen im Schloss Philippsruhe in Hanau 2006

Während die meisten Väter nur unbrauchbar sind, weil sie sich nicht für ihre gefährdeten Kinder einsetzen, gibt es doch auch solche, die aus Egoismus gemeingefährlich werden. Der bekannteste Typ des egoistischen Vaters in der Literatur ist der König, der darauf besteht, dass seine drei Töchter ihm sagen, wie sehr sie ihn lieben und der dann die ehrlichste und treueste der drei verstößt, weil sie die richtigen Worte nicht findet. Es ist die Basis von Shakespeares „König Lear“. Eine Variante ist auch bei den Grimms zu finden. Doch während bei Shakespeare der Vater die Hauptrolle bestreitet, fällt bei den Grimms das Augenmerk vor allem auf die benachteiligte Tochter.

Entmachtung und Ermächtigung

Angst vor der Sexualität flackert auf in der Geschichte von Allerleirauh, deren leiblicher Vater in aller Unschuld glaubt, er dürfe seine Tochter heiraten, weil er keine hübschere Ehepartnerin finden kann. Die Tochter denkt sich phantasievolle Ausflüchte aus, mit vielen Kleidern, darunter eins aus den verschiedensten Tierfellen, dem sie später ihren Namen Allerleirauh verdankt. Doch der Vater besteht auf seinem sündigen Verlangen, und um seinen Inzestgelüsten zu entgehen, muss sie schließlich lange in der Wildnis herumirren und anderswo Küchendienste leisten, bevor ein König sie heiratet, irrationalerweise, wie die Männer so sind, weil sie bessere Suppe kocht als der Küchenchef.

© Dieter Rüchel„Der Froschkönig“ im Schloss Philippsruhe 2011

Und schließlich eines der heitersten Märchen über jungfräulichen Ekel und sexuelle Innuendos, das Märchen vom Froschkönig. Da hat eine noch sehr kindische Prinzessin leichtfertig versprochen, einen Frosch zu ihrem Gesellen und Gefährten zu machen, weil er ihr verlorenes Spielzeug vom Grunde des Brunnens heraufgeholt hat; nun bereut sie ihr Versprechen als sie Tisch und Bett mit ihm teilen soll. Der Widerwille gegen eine erzwungene Heirat wird transparent, wenn auch nicht angesprochen, sondern nur angedeutet. „Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie sich nicht anzurühren getraute und der nun in ihrem schönen, reinen Bettlein schafen sollte“. Oder man liest’s umgekehrt als den Wunschtraum eines kleinen Mädchen, der in Erfüllung geht, dass sie nämlich mit einem „garstigen“ Frosch schlafen geht und mit einem schicken Königssohn aufwacht.

Zusammenfassend: Die Volksmärchen gehen die Ängste und Wünsche der Kinder mit einer Direktheit an, die sich oft über die die landläufige Moral und Pädagogik hinwegsetzt, dann aber nach Umwegen sucht, lustige, traurige, oft gruselige Umwege, um die angedeuteten Konflikte verdaulich zu machen in einem für das kindliche Verstehen beschränkten Raum. Denn es gibt Grenzen dessen, was man Kindern zumuten kann, und gleichzeitig wollen und sollen sie wissen, was auf sie zukommt. In den Mädchenmärchen gehört dazu öfters die spielerische Entmachtung des männlichen und Ermächtigung des weiblichen Geschlechts. Den Märchen gelingt es, uralte mythische Konstellationen mit dem Alltag zu verbinden und beides, Alltag und Mythos, so zu veranschaulichen und zu verharmlosen, dass sie für Kinder zugänglich werden.

© dpaDas Denkmal der Brüder Grimm in Kassel

Wilhelm und Jacob Grimm haben, mit Hilfe von Dorothea Viehmann und Kohorten, das Blei der Philologie in das Gold der Dichtung verwandelt und sind somit die Alchemisten der Germanistik geworden. – Wissenschaftler und Zauberer waren sie.

Und da sie nie gestorben sind, so leben sie noch heute.
[Wer’s nicht glaubt, bezahlt einen Thaler.]

(Preisrede anlässlich der Verleihung des Brüder-Grimm-Preises 2014)